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»Das Licht zwischen den Meeren« von M. L. Stedman

10 Fragen an M. L. Stedman

zu »Das Licht zwischen den Meeren«

M. L. Stedman
© Annette Porter

1) Das Hauptthema Ihres Romans ist so konfliktträchtig, ein Thema, mit dem sich jede Frau und jeder Mann identifizieren könnte. Wer ist Lucys wirkliche Mutter: die Frau, die sie zur Welt brachte, oder die, die sie rettete und aufzog? Was ist richtig, was falsch? Glauben Sie, dass beides manchmal kaum voneinander zu unterscheiden ist?
Für mich ist eine der interessanten Fragen, wie die Leser verschiedener Länder verschiedene Motive des Romans wahrnehmen, denn für mich gibt es kein Hauptthema. In Italien scheint die Frage nach der „eigentlichen Mutter“ eine Schlüsselfrage zu sein. Eine weiter gefasste Frage ist die, wie wir als Individuen und Mitglieder von Gemeinschaften herausfinden, was „richtig“ und „falsch“ ist, und ob das Leben vielleicht zuweilen gar nicht in Schwarz und Weiß einzuteilen ist. Dies ist vielleicht dann am meisten der Fall, wenn zwischen dem, was die „Regeln“ vorschreiben, und dem, was uns das Herz sagt, eine Kluft besteht.

2) Tom ist eine prächtige Figur: ein rechtschaffener Mann mit gebrochener Seele, der durch Isabels Liebe wieder zum Leben zurückfindet. Und alles, was er tut, tut er nur für sie. Glauben Sie an eine Liebe jenseits der Schuld?
Das ist ja eine so interessante Frage! Und ich möchte, dass die Leser selbst darüber nach-
denken … Kann es richtig sein, einer anderen Person Schaden zuzufügen, um jemanden zu schützen, den man liebt? Kann „Liebe“ auch manchmal eine verschleierte Form von Egoismus sein? Auch im Englischen haben wir das Sprichwort: „Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“. Ich glaube, es ist deshalb so weit verbreitet, weil es in jeder beliebigen Situation mehr als eine mögliche Sicht gibt.

3) Janus ist ein einmaliger Schauplatz: Er hat seine eigene Zeit, ist eine Art Welt für sich. Und weit weg von der Gesellschaft und ihren Regeln. Und hier, umgeben von der Weite des Meeres, nehmen Gefühle, Liebe und Familie eine andere Gestalt an. Wie denken Sie darüber?
Janus ist, wie der Name schon verrät, ein Ort der Zweiheit: Licht und Dunkel, Sicherheit und Gefahr, das immens Große und das Kleine. Weil es so weit entfernt ist, sehen wir es schärfer. Der Umstand, dass es so wenig „Hintergrundgeräusche“ in Form von Action gibt, erlaubt es dem Leser, sich stärker auf die Charaktere zu konzentrieren. Ich glaube, dass Isolation in diesem Buch eine entscheidende Rolle spielt. Isabel und Tom werden nicht sofort mit dem menschlichen Leid konfrontiert, das ihre Entscheidungen nach sich ziehen, und das macht es ihnen vielleicht leichter, sich so zu verhalten, wie sie es tun.

4) Sie haben ein Buch geschrieben, mit dessen Gestalten sich jeder von uns identifizieren kann. Woraus speiste sich ihre Inspiration?
Ich schrieb einfach eine Geschichte, die sich im Weitererzählen immer weiter entwickelte. Ich plane mein Schreiben nicht im Voraus, und ich halte nicht viel von strengen Regeln über das Wie, Wann und Was meines Schreibens. Im Allgemeinen beginnen meine Geschichten damit, dass mir plötzlich ein Bild, eine Zeile oder die Stimme eines Erzählers in den Kopf kommt. In diesem Fall sah ich einen Leuchtturm, dann eine Frau und einen Mann. Und dann tauchte aus dem Nichts ein toter Mann auf, der in seinem Boot antrieb, und ich sah, dass da auch ein Baby war. Ich musste weiterschreiben, um zu sehen, was geschah.

5) Das Setting „atmet“ buchstäblich mit Isabel, Tom und Lucy. Janus Rock, der Leuchtturm, Point Partageuse, die Ozeane sind Figuren für sich. Beim Lesen hört man das Geräusch der Meereswellen, die sich an den Klippen brechen, und das Summen der Laterne im Leuchtturm. Und die Geschichte ist historisch perfekt eingebettet. Mussten Sie für diesen historischen Hintergrund sehr viel recherchieren?
Meer, Licht und Raum sind alles Dinge, mit denen die meisten Australier irgendwie in Ver-
bindung stehen, daher waren sie leicht zu beschreiben. Als ich den Roman breiter auslegte, informierte ich mich genauer über Leuchttürme (die mich faszinieren) und die Rolle der Westaustralier im Ersten Weltkrieg – diese entsetzlichen Erfahrungen, die ganz normale Männer machen mussten. Ich hoffe, dass etwas von dieser Atmosphäre in dem Buch durch-
scheint.

6) Alle Figuren in Ihrem Roman sind vollkommen. Gibt es eine, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Das ist eine interessante Verwendung des Wortes „vollkommen“. Ich könnte mir vorstellen, dass die Leute eine Verbindung zu den Figuren aufbauen, weil sie unvollkommen sind. Ich glaube, Jung sagte einmal etwas wie: um ein ganzer Mensch zu sein, müsse man die Hoffnung auf Vollkommenheit aufgeben, und um vollkommen zu sein, müsse man die Hoffnung auf Ganzheit aufgeben. Tom ist mir ganz klar der Liebste – ein unvollkommener Mensch, der in einer unvollkommenen Welt ein gutes Leben zu führen versucht. Alle meine Figuren liegen mir am Herzen, auch die, deren Handeln ich nicht billigen kann, denn ich kann ihren Standpunkt verstehen. Aus irgendeinem Grund gehört auch Sergeant Knuckey zu meinen Favoriten.

7) Wie lange brauchten Sie, um Das Licht zwischen den Meeren zu schreiben?
Das Buch begann als eine eher lange Kurzgeschichte, die ich in etwa drei Monaten schrieb. Dann baute ich sie zu einem Roman aus, und insgesamt dauerte das Schreiben etwa zwei Jahre.

8) Die Einsamkeit, die Isabel und Tom auf Janus Rock erleben, ist so gut dargestellt und hat etwas Universelles. Glauben Sie nicht auch, dass ihre Einsamkeit der Einsamkeit gleicht, die viele Menschen derzeit in der Welt empfinden?
Für mich hat „Einsamkeit“ auch sehr positive Konnotationen, während „Isolation“ vielleicht mehr eine Last bedeutet. Ich frage mich, ob Tom auf Janus eher Einsamkeit empfindet, während sich Isabel isoliert fühlt. Es mag richtig sein, dass die Menschen im modernen, urbanen Internet-Zeitalter genauso isolierte Leben führen können wie auf einer Insel am Ende der Welt.

9) Im Leben gibt es Augenblicke, in denen Liebe und Schuld zusammentreffen, aber wenn es dabei um Mutterschaft geht, ist man überrascht. Wie denken Sie darüber?
Ich glaube, das führt uns zurück zu dem Sprichwort, wonach im Krieg und in der Liebe alles erlaubt sei. An einer Stelle im Roman bemerkt Sergeant Knuckey: „Wenn es um ihre Kinder geht, sind alle Eltern nur noch Instinkt und Hoffnung. Und Angst. Regeln und Gesetze fliegen dann zum Fenster raus.“ Das Leben stellt uns immer wieder vor Situationen, in denen sich schwer moralisch entscheiden lässt, und Mutterschaft, als ein Aspekt menschlicher Erfahrung, macht da keine Ausnahme.

10) Schreiben Sie an einem neuen Roman?
Im Augenblick nehmen Tom und Isabel meine ganze Zeit in Anspruch, und das wird noch eine Weile so bleiben, aber ich halte Sie auf dem Laufenden …