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David Lama »High. Genial unterwegs an Berg und Fels«

High
 

»Mein Name ist David Lama. Meine Freunde nennen mich Fuzzy. Ich bin 20 Jahre alt. Ich kann klettern. Ich bin hier, um den Cerro Torre zu besteigen, den schönsten Berg, den ich kenne. Es ist Mitternacht, Patagonien ist das Ende der Welt, es schneit und es stürmt, und es ist Zeit, den Gipfel in Angriff zu nehmen.«

Der erste Wecker piepst. Es ist Daniels Uhr. Sie hängt über meinem Kopf vom Dach des Zelts. In fünf Minuten geht mein Suunto X6 HR los. Er hängt daneben. Besser jetzt aufstehen, als den Sound des digitalen Nervtöters hören zu müssen.
Wir haben drei Stunden geschlafen, was heißt geschlafen? Nach dem 12-Stunden-Marsch von El Chaltén zum Camp haben wir uns einfach ins Zelt in der Schneehöhle geworfen und sind weggedämmert.
Ich krieche aus dem Schlafsack und strecke die Nase aus dem Zelt.
Saukalt. Es hat geschneit, und der Wind hat den vielen Schnee auch noch verweht. Würden wir ausschlafen, würden wir wahrscheinlich unter den Schneemassen verschwinden.
Schnell pinkeln gehen, dann mache ich Wasser heiß. Zum Frühstück gibt es Steinpilztopf »Schwarzwald«. Unser Proviant ist nicht unbedingt Feinschmeckerware, aber er hat einen Vorteil: er wiegt nicht viel. Die Travellunch-Jungs wissen, was wir brauchen, wenn wir auf den Berg gehen: möglichst wenig Gewicht im Rucksack. Eine Tasse Kaffee, Daniel trinkt Tee. Noch einmal checken wir die Ausrüstung durch. Stirnlampen auf den Helm montieren. Um eins gehts los.
Es sollte jetzt ganz leise sein hier draußen, aber es ist laut. Der Wind pfeift und heult. Der Sound, den der Wind macht, ist erstaunlich vielfältig, er kann Bass- und Tinnitus-Tonlage. Der Berg ist die Orgel des Winds, und uns verpasst der Wind seine Ohrfeigen. Scheißwetter.
Wir klettern, weil Charly gesagt hat, dass das Wetter gut wird. Wenn Charly sagt, dass das Wetter gut wird, dann wird das Wetter auch gut. Im Moment weiß das Wetter allerdings noch nichts davon.
Charly Gabl sitzt in Innsbruck. Er leitet die »Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik«. Seine Prognosen sind verlässlich – fast hätte ich gesagt, wasserdicht, aber das passt nun gar nicht für das beschissene Wetter in Patagonien. Gestern haben wir via Satellitentelefon mit Charly gesprochen. Er sagte: »Schönwetterfenster im Anzug. Burschen, schaut's was geht.«
Also schauen wir was geht.

Der Cerro Torre ist wunderschön. Vielleicht der schönste Berg der Welt, und das sage ich, obwohl ich Superlative hasse. Es ist mein Traum, den Cerro Torre, dieses Denkmal der Senkrechten, auf der Kompressorroute frei zu besteigen. Noch niemand hat das gemacht. Ich will es als Erster schaffen.
Aber die Sache ist nicht einfach. Die alpinistischen Herausforderungen sind groß. Der Berg ist im Westen von einer permanenten Eisschicht überzogen. In der Ostwand, die wir uns vorgenommen haben, klebt immerhin so viel Eis, dass es lawinenmäßig zu bröckeln beginnt, sobald es zu warm wird. Die Dimensionen der Wände sind anders als alles, was man in den Alpen kennt. Höher. Länger. Abgeschiedener. Komplizierter. Vor allem aber das Wetter ist unberechenbar. In Patagonien, im äußersten Süden Argentiniens, sind die Verhältnisse permanent schwierig. Wolken, Sturm, Regen, Schnee. Frühjahr, Sommer und Herbst schieben sich auf etwa drei Monate zusammen: Dezember, Jänner, Februar. Nur dann herrschen die Bedingungen, die du brauchst, um einen Plan, wie wir ihn
haben, zu verwirklichen. Der Plan lautet: Cerro Torre frei klettern. Das bedeutet, einmal auf den Gipfel, um zu schauen, ob frei klettern überhaupt möglich ist. Ein zweites Mal, um die richtige Linie zu finden und einzurichten. Ein drittes Mal, um es zu tun.
Vielleicht kriegen wir die Chance. Vielleicht kriegen wir sie auch nicht. Aber wir wollen sie nützen.

Um eins steigen wir in die Tour. Die erste Seillänge, ein schöner, gerader Riss im Felsen. Was normalerweise ein Spaziergang ist, schmeckt mir heute nicht besonders. In den Rissen klebt Schnee. Der Felsen ist vereist. Es ist schwierig zu klettern.
Wir wollen in der Nacht möglichst rasch hinauf. Wenn das Wetterfenster kommt, müssen wir möglichst weit sein. Das Klettern im Gipfelbereich ist nur bis etwa zehn Uhr am Vormittag sicher. Dann setzt der Eisschlag ein. Ungemütlich.
Ich steige voraus. Das ist mit Daniel so ausgemacht. Er ist ein guter Kletterer, er klettert neun minus. Wenn du neun minus kletterst, gehst du einen Sechser solide, einen Siebener zwar noch solide, aber du musst schon aufpassen, und im Achter kannst du jederzeit stürzen.
Ich klettere im elften Schwierigkeitsgrad. Sechser und Siebener-Wände sind ein Kinderspiel. Bei Achter-Schwierigkeiten fange ich an zu überlegen. Dann wird es auch für mich schwierig.
Aber das alles gilt nicht für diese Bedingungen. Der Wind. Der Wind ist so stark, dass an freies Klettern nicht zu denken ist. Eine Bö, und es haut dich aus der Wand, wenn du nicht gesichert bist.
Wir sagen nichts außer den nötigen Seilkommandos: »Stand« – »Seil aus« – »Kannst kommen«. Wenn ich beim Stand ankomme, um Daniel nachzusichern, sehe ich in der blauen Dunkelheit nur ein Licht, das schnell näherkommt. Es hat keinen Sinn, mehr zu sagen. Der Wind schluckt jedes Wort und trägt es fort.
Es ist mitten in der Nacht. Es ist stockdunkel, saukalt, und der Sturm weht, dass jeder Reihenhausbesitzer Angst um sein Dach kriegen würde. Aber wir sind guter Laune. Wenn alles klappt, steigen wir jetzt bis zur Bolt Traverse durch, und dann kommt das Wetterfenster, Charly steht dafür gerade.
Auf der dritten Länge folge ich einem Riss im Granit. Der Riss ist ein Hund. Ich kann lange keine Sicherung legen, aber ich denke nicht darüber nach. Ich fühle mich gut. Wir machen Tempo. Wir müssen früh bei der Bolt-Traverse sein. Dort beginnt das erleuchtende Klettern, aber auch die richtige Gefahr. Denn wenn Charlys gutes Wetter kommt, beginnt auch bald der Eisschlag. Die Sonne strahlt auf den Panzer aus Schnee und Eis, den der Wind in alle Spalten und Löcher gedrückt hat, und sobald es zu tauen beginnt, brechen unglaubliche Kaliber ab und donnern in die Tiefe. Da bist du besser nicht in der Falllinie.
Ein Uhr dreißig, der Wind wird stärker. Ich muss mich unwürdig den Banana Crack hinaufarbeiten – Friends in die Fugen, anhängen, hochziehen. Unwürdig, weil der Riss perfekt frei zu klettern wäre. Mit Klettern, wie ich Klettern verstehe, hat das nichts zu tun. Aber manchmal heißt Klettern auch nur Hinaufkommen, und ich will hinauf, um die Gelegenheit nicht zu verpassen. Wenn, sobald es hell wird, das schöne Wetter da ist, haben wir die Chance, den Berg zu packen.
Die neunte Länge, ein kräftiger Pfeiler. Die zehnte, eine Wand ohne viel Halt. Felsenschuppen, an denen ich mich anhalte, die Füße drücken dagegen, ohne einen richtigen Vorsprung zu finden, nur die Reibung der Sohlen hält mich am Felsen. Vielleicht, denke ich mir, setzt du doch einen Friend, aber wo?
Ich sehe nicht um die Schuppe herum, taste mit der rechten Hand nach einer geeigneten Spalte, kann ihre Größe nur schätzen und drücke auf gut Glück den Friend hinein.
Als ich nach der nächsten Schuppe greife, rutscht der Fuß weg. Keine Chance, mich zu halten. Ich falle.

Es ist zwei Uhr früh, Patagonien, Sturm, Kälte, Dunkelheit, und ich falle. Und während ich falle, denke ich nicht, ob es jetzt aus ist, ich denke nur daran, ob der Friend halten wird oder nicht und ob es mich jetzt in den Kamin hinunterwixt, und während ich mir den Riss vorstelle, den ich nur mit den Fingern »gesehen« habe, in dem der Friend, den ich jetzt brauche, sitzt, hänge ich schon im Seil, und ich weiß, dass er gehalten hat und dass es weitergeht, und der Schrei, den ich gehört habe, ist jetzt auch verstummt.
Das war ich, der Schrei.
»Was ist?«, ruft Daniel von unten.
»Volle ausgerutscht«, schreie ich zurück.
»Alles okay?«, ruft Daniel, und ich höre, wie gestresst er ist.
»Passt schon«, antworte ich. »Ich zieh mich gleich rauf.«
Jetzt merke ich, wie schnell mein Puls geht. Ich merke auch, dass mir der Fuß weh tut, weil ich ein bisschen reingelandet bin und mich angehaut habe. Egal. Ich beruhige mich schnell wieder, ziehe mich hoch und klettere weiter, wo ich ausgerutscht bin. Aber ich fühle mich auf der ganzen Länge unsicher. Der Sturz wirkt in meinem Kopf wie ein starker Schnaps. Im Hirn pocht die Frage: Was passiert, wenn's mich haut? Ich ziehe mich an der nächsten Schuppe hoch. Was passiert, wenn's mich haut? Ich weiß, dass es gut ist, wenn man sich am Felsen nicht zu sicher fühlt, aber das ist gerade nicht mein Problem. Meine Selbstverständlichkeit ist angeknackst. Okay, sage ich zu mir: Auch ich kann fliegen.



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