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Donna Tartt

Donna Tartts neuer Roman »Der Distelfink« im Goldmann Verlag

„Perfektion verträgt sich nicht mit Schnelligkeit“

Donna Tartt betritt nach zehn Jahren des Schweigens die literarische Bühne mit einem Paukenschlag

Donna Tartt
© Beowulf Sheehan

„Ich kann überall schreiben, zusammengerollt irgendwo in einer Ecke in einem freien Sessel, im Bus, in der Badewanne, einfach überall“, erzählt die Schriftstellerin Donna Tartt. Soeben ist nach langem Warten ihr dritter Roman „The Goldfinch“ (dt.: „Der Distelfink“) in den USA, Großbritannien und den Niederlanden erschienen. Seither gilt die zierliche 49-Jährige mit den eisgrünen Augen als eine der bedeutendsten amerikanischen Romanautorinnen der letzten 50 Jahre. Sie bekennt, vom Schreiben besessen zu sein: „Ich schreibe täglich. Sogar wenn ich Besuch habe, stehle ich mich in mein kleines Arbeitszimmer.“ Nur eines kann sie nicht – und sie will es um keinen Preis: schneller schreiben.

Gerade dies aber hätten sich ihre Fans sehnlich gewünscht. Denn Donna Tartt braucht rund zehn Jahre, um einen Roman abzuschließen. Als 1992 ihr Debüt, der Psychothriller „Die geheime Geschichte“, herausgekommen war und die damals 28-Jährige auf Anhieb berühmt gemacht hatte, hatten Leser und Kritiker noch erwartet, dass sie nun rasch ihr zweites Buch nachlegen würde. Doch die Jahre vergingen und nichts, was die Öffentlichkeit hätte wahrnehmen können, geschah. Nach dem Hype um ihren Erstling war Donna Tartt vollständig von der Bildfläche verschwunden. Gerüchte von einer Schreibhemmung machten die Runde, man mutmaßte, es werde vielleicht nie wieder eine Zeile von ihr zu lesen sein.

2002 endlich erschien ihr zweites Buch „Der kleine Freund“. Wie „Die geheime Geschichte“ ein umfangreicher Roman von 800 Seiten. Ihr langes Schweigen kommentierte sie selbstbewusst: „Hochgejubelt zu werden verführt Schriftsteller zur Überproduktion.“
Dieser Versuchung habe sie widerstanden und ihre ganze Kraft in die Qualität des neuen Textes gelegt. Das Motto „Perfektion verträgt sich nicht mit Schnelligkeit“ gilt gleichermaßen für ihren dritten, über 1.000 Seiten starken Roman „The Goldfinch“, der auf Deutsch unter dem Titel DER DISTELFINK herauskommt. Und es sieht ganz so aus, als hätte es sich gelohnt, dieser Maxime treu zu bleiben: Unter den Kritikern herrscht Euphorie. DER DISTELFINK ist eine Seltenheit, wie sie pro Jahrzehnt vielleicht fünf-, sechsmal erscheint, ein intelligent geschriebener, literarischer Roman, der das Herz genauso anspricht wie den Verstand“, freut sich Stephen King im New York Times Book Review.

DER DISTELFINK ist Entwicklungsroman, Kunstkrimi und Milieustudie in einem, die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und sozialer Welten wird darin ausgelotet. Angesiedelt in New York, Las Vegas und Amsterdam, erzählt der Roman über eine Zeitspanne von zehn Jahren die Geschichte des 13-jährigen Theo Decker, der seine Mutter Audrey bei einem terroristischen Anschlag auf das Metropolitan Museum of Art verliert. Die wichtigste Erinnerung, die ihn fortan mit ihr verbindet, ist für Theo zugleich eine peinigende Last: das etwa DIN-A4-große Ölbild „Der Distelfink“ des niederländischen Malers Carel Fabritius, ein Gemälde von unschätzbarem Wert, das zu den Lieblingsbildern seiner kunstsinnigen Mutter gehörte. Der Junge stiehlt es in den Wirren unmittelbar nach der Bombenexplosion und trägt das Kleinod im Geheimen mit sich, wohin auch immer es ihn in den folgenden Jahren verschlägt.

Ursprünglich hatte Donna Tartt gar nicht beabsichtigt, ihren Roman in der Kunstwelt anzusiedeln – erst die Zerstörung der Buddhastatuen in Bamiyan 2001 gaben ihr den Anstoß dazu –, doch es könnte kein besseres Umfeld geben, um den Spannungsbogen aufzuzeigen, in dem Theo sich bewegt: Spielball eines Schicksals, das ihn jeder Entscheidungsfreiheit beraubt, verzweifelt auf der Suche nach etwas, das ihm Halt gibt und ihn auf tröstliche, zeitenthobene Weise mit seiner Mutter verbindet. Im Alltag kämpft er ums Überleben und um seinen Platz in der Gesellschaft: Schulbesuch, Sorgerecht, Pubertät, Drogensucht, Männerfreundschaft, Geschäftemacherei und Liebe – Donna Tartt, die angeblich keine Tagespresse zur Kenntnis nimmt und kaum Zeitgenössisches liest, ist genauestens mit dem vertraut, was Heranwachsende umtreibt. Die Menschen, denen Theo über die Jahre begegnet, sind so exakt porträtiert, dass man meint, bei einer ihrer Gesten die Veränderung im Raum zu spüren – man denke nur an den kauzigen alten James Hobart, der in seiner düsteren New Yorker Souterrainwerkstatt Möbel restauriert, an die elfenhafte Nachwuchsgeigerin Pippa, deren Faszination Theo verfällt, an die schrille Xandra, die sich mit Theos Vater in Las Vegas zusammengetan hat, oder an seinen mageren ukrainischen Jugendfreud Boris, der sich als Weltenbummler in einem Kauderwelsch aus vier Sprachen durchschlägt und Theo zu ersten Drogenexperimenten verleitet.

Donna Tartt
© Beowulf Sheehan

DER DISTELFINK lässt erkennen, wo Donna Tartts literarische Vorbilder liegen: bei den alten Klassikern, die sie im griechischen und lateinischen Original gelesen hat, und den Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, allen voran Charles Dickens. Seine Geschichten haben sie als Kind derart gefesselt und beglückt, dass sie bis heute ihre Energie darauf richtet, diesen Sog nachvollziehbar zu machen – für die Leser ihrer Romane und für sich selbst durch das Versinken in der Arbeit am Text. Befördert hat diese Leidenschaft sicher Donnas Mutter, eine Büchernärrin. In Greenwood, Mississippi, wo die Schriftstellerin 1963 zur Welt kam, teilte sonst kaum jemand die Begeisterung fürs Lesen.

Donna Tartt galt schon jung als Genie. Mit fünf Jahren schrieb sie ihr erstes Gedicht, als sie 13 war, wurde eines ihrer Sonette im Mississippi Literary Review veröffentlicht. In ihrem ersten Studienjahr an der University of Mississippi in Oxford entdeckte man ihr Schreibtalent. Sie wechselte 1982 an das elitäre Bennington College in Vermont, wo sie Altphilologie und Creative Writing studierte. In solch einem Umfeld ist auch ihr erster Roman angesiedelt, „Die geheime Geschichte“, der sich um eine Gruppe von Studenten dreht, die im Rausch einen Mord begehen. Brett Easton Ellis, Kultautor und Studienfreund von Donna, vermittelte ihr den Kontakt zu seiner Agentin. Wenig später wurden die Rechte an dem Psychothriller mit einem spektakulären Vorschuss von $ 450.000 an den Alfred A. Knopf Verlag verkauft, bei der Veröffentlichung avancierte „Die geheime Geschichte“ auf Anhieb zum Bestseller.

Der Enthusiasmus von Publikum und Kritik, die sensationellen Verkaufszahlen – allein 800.000 im deutschsprachigen Raum – und der Mythos, die nur 1,52 Meter große, kühle, enorm belesene Autorin sei ohne weiteres in der Lage, einen Mann unter den Tisch zu trinken und dabei klaren Bewusstseins T.S. Eliot zu zitieren, katapultierten Donna Tartt über Nacht ins Rampenlicht. Dort steht sie, seit DER DISTELFINK herausgekommen ist, erneut: widerstrebend wie vor 20 Jahren, äußerlich nahezu unverändert, mit blassem glatten Teint, akkurat geschnittenem, schwarzbraunem Bob, dunklem Anzug, Krawatte und flachen maskulinen Schuhen. Ein Freund von Freizeitkleidung sei sie nicht, erklärt Donna Tartt, nur wenn sie im Bett schreibe, trage sie Schlafanzug und Morgenmantel. Ihr Outfit gibt ihr den Anstrich eines Dandys – Donna Tartt wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Sie genügt sich selbst, während Zeitgenossen an ihren Facebook-Profilen feilen. Sie mutet ihren Lesern Wälzer von vielen hundert Seiten zu, während Schriftstellerinnen wie Jennifer Egan aus Twitter-normierten 140-Zeichen-Mitteilungen einen Kurzroman entwickeln. Sie verweigert sich als Bestsellerautorin dem Tempo des Marktes und findet ihren Produktionsrhythmus in Abständen von Dekaden. Das alles an sich ist schon ungewöhnlich. Dass Donna Tartt Anfang des 21. Jahrhunderts mit ihrem unerschütterlichen Beharren auf Zurückgezogenheit und Langsamkeit obendrein Erfolg und Anerkennung findet, beweist einmal mehr: Nichts im Literaturbetrieb ist vorhersehbar, und Kreativität folgt eigenen Gesetzen.

Eine dieser schöpferischen Gesetzmäßigkeiten lautet für Donna Tartt: „Man braucht Eintönigkeit, um gute Ideen zu haben.“ Statt also in Clubs, Bars oder exklusiven Zirkeln handverlesener Gäste ihren Auftritt zu zelebrieren, wie es ihre dandyhafte Erscheinung nahelegen würde, pflegt sie an ihren Wohnsitzen in New York und Virginia eine unspektakuläre Existenz, bei der ihre Hunde oft die beständigsten Gesellschafter sind. „Ich führe ein mönchisches Leben am Schreib-tisch“, stellt Donna Tartt fest, „zur Inspiration brauche ich nicht unbedingt Kontakt zu anderen Menschen. Wirklich wichtig für mich als Schriftstellerin ist, allein zu sein.“ Schon ein Termin außer Haus könne sie aus dem Takt bringen, gibt sie zu. Danach koste es Kraft, die Gedanken wieder auf die Arbeit zu fokussieren.

Dass ihre Art zu schreiben höchste Konzentration erfordert, lassen die Texte sofort erkennen, denn Donna Tartt richtet ihr Augenmerk auf jedes Detail. Seien es die Herkunft und Beschaffenheit eines Materials, ein Pflanzenname, die Maserung einer Holzsorte und der Geruch von Beize, die Druckwelle einer Explosion, die Wirkung eines Medikaments, eine Farbschattierung in Öl auf Leinwand, der Hauch einer Gefühlsregung… – jede Kleinigkeit wird akribisch recherchiert und dann in Worte gefasst so lange hin und her bewegt, bis sich für Donna Tartt beim Lesen die Gewissheit einstellt: Es stimmt. Auf diese Weise arbeitet sie sich vor, Satz für Satz, Abschnitt für Abschnitt. Als sie DER DISTELFINK schrieb, habe sie sich einmal verrannt, erzählt sie. „Ich habe gemerkt, dass ich die falsche Richtung eingeschlagen hatte, und das hat mich acht Monate gekostet. Manchmal muss man alle Möglichkeiten durchspielen, um zu sehen, wann eine Geschichte funktioniert. Es ging nicht anders. Dem Buch ist nichts davon anzumerken, aber ich habe diese acht Monate gebraucht, um die Geschichte so weiterzuentwickeln, wie sie heute dasteht.“

Auf die Frage, wie viele Bücher sie in diesem Tempo insgesamt schreiben könne, antwortet sie prompt: „Mit fünf wäre ich glücklich.“ Donna Tartt räumt ein, sie habe zwar schon ausprobiert, schneller zu produzieren, aber Spaß habe ihr das nicht gemacht. Für sie zählt einzig, die Arbeit zu genießen. Wenn es ihr gelingt, beim Schreiben in eine Geschichte einzutauchen wie früher als Kind beim Lesen, ist sie vollkommen mit sich und der Welt im Einklang. Tagträumen, rund um die Uhr – das ist es, was sie wirklich antreibt. Den Erfolg ihres Debütromans hat sie bisher immer mit einem Lottogewinn verglichen: Glück, das weder zu planen noch wiederholbar ist. Nun hat sie mit DER DISTELFINK offenbar tagträumend zum dritten Mal den Jackpot geknackt.

© Goldmann Verlag / Elke Kreil