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Esther Verhoef »Hingabe«

 

Ein Gespräch mit Esther Verhoef zu ihrem Psychothriller »Hingabe«

 

Wie kamen Sie auf die Idee zu »Hingabe«?
Vor einigen Jahren bin ich über London nach Frankreich geflogen und musste dort fünf Stunden auf meinen Anschlussflug warten. Im Flugzeug kam ich mit einem Mannins Gespräch, der mich prompt in seine Londoner Wohnung einlud. Natürlich bin ich nicht darauf eingangen. Aber was kann geschehen, wenn man ein solches Angebot annimmt? Unter anderem diese Frage hat mich zu »Hingabe« inspiriert.

Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?
Ich kann spontane Liebe für ein kleines Tier oder ein Kind empfinden, in dem Sinne, dass ich es instinktiv auf den Arm nehmen und beschützen möchte. Einmal habe ich mich sogar Hals über Kopf in ein Kunstwerk verliebt. Aber in Bezug auf Männer glaube ich nicht an Liebe auf den ersten Blick. Liebe muss wachsen, sie braucht Nahrung und ist – wenn alles gut geht – das, was übrig bleibt, wenn die überwältigende Lust und die Verliebtheit der ersten Phase abgeflaut sind.

© Rachel Dubbe

Ihre Romane sind extrem spannend, alles ist genau durchdacht, das Ende ist überraschend. Haben Sie alles perfekt geplant, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen? Oder gibt es auch für Sie selbst Überraschungen?
Vielen Dank! Wenn ich mit einem Buch beginne, schreibe ich intuitiv, in einer Art Rausch, verschiedene Szenen und Dialoge, aus einem Gefühl heraus oder über ein Thema, das mich (oft unbewusst) beschäftigt. Erst, wenn alles heraus ist, was offenbar raus musste, lege ich die P«uzzleteile zusammen. Diese bilden dann die Basis, auf der ich über eine Geschichte nachdenke. Sie entfaltet sich nach und nach, man dreht es von einem zum anderen. Es kommt oft vor, dass ich anfangs nicht weiß, wie ein Buch enden wird. Bei »Hingabe« hatte ich sogar nach zwei Dritteln des Schreibprozesses noch keine Ahnung, was genau der mordlustige Psychopath vorhatte. Das macht das Schreiben auch für mich spannend. Zwar auch unsicher, aber ich würde es nicht anders wollen.

Warum schreiben Sie Thriller?

Das französische Weingut. © Esther Verhoef

Irgendwie schleicht sich immer eine gewisse Spannung in meine Bücher ein. Bei »Der Geliebte« hatte ich ursprünglich geplant, einen Roman zu schreiben. Ich war mit meiner Familie ebenfalls nach Frankreich ausgewandert; wir waren intensiv damit beschäftigt, ein altes Weingut zu renovieren, und ich wollte diesen neuen Eindrücken einen Raum geben. Ein großer Teil von »Der Geliebte« ist daher auch autobiografisch. Als ich erfuhr, dass die meisten der jungen Männer, die in unserem Haus arbeiteten, im Gefängnis gesessen hatten, hat sich das Thrillerelement dann von selbst eingeschlichen.

»Der Geliebte« spielt in der Dordogne. Haben Sie eine besondere Beziehung zu dieser Gegend?
2004 sind wir mit unseren drei kleinen Kindern von den Niederlanden in die Dordogne gezogen. Wir waren noch nie zuvor dort gewesen, nicht mal in Urlaub. Wir sprachen kaum Französisch. Wir suchten vor allem die Weite, neue Reize und das Abenteuer. Inzwischen sind wir in die Niederlande zurückgekehrt, fahren aber regelmäßig in unser Haus nach Frankreich. Ein erheblicher Teil unseres sozialen Lebens spielt sich dort ab.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Autorin aus? Wann schreiben Sie? Wie viele Stunden pro Tag?
Ich schreibe stets nachts und fast immer zu Musik. Die Stücke wähle ich sorgfältig aus, damit sie von der Atmosphäre her zu bestimmten Szenen oder einer bestimmten Figur passen. Gute Schreibmusik reicht von Trash Metal bis zu Dance, hat aber oft einen melancholischen Unterton. Wobei mir diese Melancholie gut gefällt. Auf der Basis dieses Gefühls geht mir das Schreiben meist leichter von der Hand.

Was machen Sie gerne, wenn Sie gerade einmal nicht schreiben?
Es kommt selten vor, dass ich nicht schreibe, denn das ist nun mal meine Lieblingsbeschäftigung! Ich reise aber auch gerne, um neue Ideen zu sammeln, und ich mag schnelle Autos. Ich sehe gute Filme, lese viel und gehe auf Rockkonzerte. Ich koche gerne für die Familie und Freunde. Das Kochen habe ich in Frankreich gelernt; bevor wir nach Frankreich aufs Land zogen, konnte ich kaum ein Ei braten. Inzwischen habe ich meinen eigenen Gemüsegarten.

Hat sich Ihr Leben als Autorin verändert seit dem großen Erfolg Ihrer Bücher?
Ja, unglaublich! Mit dem Erfolg kommt auch die Bekanntheit. Man ist nicht mehr anonym, und tatsächlich werde ich auch im Privatleben oft angesprochen: auf Partys, beim Friseur und beim Einkaufen. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Ich freue mich, wenn die Leute meine Bücher lesen, aber ich selbst stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Auch die Bücher selbst rücken in ein anderes Licht. Mein letztes, »Alles te verliezen«, hat sechs Wochen auf Platz 1 der niederländischen Bestsellerliste gestanden, und es ist schon ein Phänomen, wer dann alles seinen Senf dazugeben will. Inzwischen weiß ich aber, dass das dazugehört, und weiß auch die Vorteile zu nutzen: Bei lesenden Restaurantbesitzern bekommt man automatisch einen Platz am Kamin oder am Fenster.

Welche Bücher lesen Sie selbst gerne?
Alles Mögliche: Romane, Thriller, (Auto-)Biographien, Bücher über Psychologie. Ich beschränke mich dabei auf Werke, die mich in irgendeiner Art und Weise inspirieren oder fesseln. Manchmal treffe ich dabei eine für andere nicht nachvollziehbare Auswahl. Aber solange sie mir gut tun, ist mir alles andere egal.

Zum Schluss noch eine Frage: Wo wohnt Leon Wagner?
In meinem Kopf :-)

© Esther Verhoef und btb Verlag
Übersetzt von Stefanie Schäfer

 
 

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