Wie sind Sie auf diesen ungewöhnlichen Buchtitel gekommen? Hatten Sie dabei den britischen Film „Ganz oder gar nicht“ vor Augen?
Klar kenne ich diese Komödie über strippende Arbeitslose. Ein Film über die britische Arbeiterklasse, der mir sehr gefällt, und zu dem ich als „Klassiker“ einen Bezug herstellen wollte. Darüber hinaus plant einer meiner Hauptfiguren eine Karriere im Pornogewerbe. ![]()
Wie lange arbeiten Sie schon als Jobvermittlerin?
Seit dreieinhalb Jahren, als Dozentin und Coach bin ich bereits seit 15 Jahren tätig. Mein eigentlicher Beruf ist Journalistin, studiert habe ich Theaterwissenschaften. ![]()
Welche Erwartungen hatten Sie, als Sie Ihr erstes Seminar gegeben haben?
Kaum Erwartungen und kaum Vorstellungen, auch wenig Ahnung, wenn ich ehrlich bin. Leute unterstützen wollte ich. Hatte aber keinen Schimmer, was konkret auf mich zu kommt. ![]()
Haben Sie all das, was Sie in Ihrem Buch schildern, tatsächlich so erlebt? Gibt es die von Ihnen beschriebenen „Typen“ wirklich?
Tatsächlich sind die beschriebenen Figuren von realen Personen inspiriert, sonst hätte ich sie nicht so plastisch beschreiben können. Wegen der Persönlichkeitsrechte wird sich aufgrund von Verfremdungselementen jedoch kein ehemaliger Teilnehmer oder Kollege wiedererkennen.
Viele Situationen habe ich erlebt, einige auch meine Kollegen. Manche Szenen sind eins zu eins dargestellt, manche aus realen Vorbildern konstruiert. ![]()
Gibt es Fälle, die nicht vermittelbar sind?
Jede Menge, und das ist ganz schön traurig. Wir Jobvermittler und Coaches sprechen in diesem Zusammenhang eher lapidar von typischen „Vermittlungshemmnissen“. Da wäre das Alter – bei Frauen 35 plus, bei Männern 45 plus. Eine verkorkste Gesundheit aufgrund falscher Arbeitsabläufe. Und natürlich Mutterschaft – eine topqualifizierte Akademikerin mit einem oder zwei kleinen Kindern kann sich halb dämlich bewerben und wird nur mit einem Riesendusel einen Job ergattern. Ein weiteres Kriterium sind sprachliche Probleme – wer kein Deutsch versteht, ist denkbar schwer vermittelbar. Gesicht-Piercings, ausladende Tätowierungen oder Zahnlosigkeit sind ebenfalls nur suboptimal. Letzte Kategorie: Langzeitarbeitslose, die aus verschiedenen Gründen keinen Job annehmen möchten – wer sich drücken will, wird das immer schaffen. ![]()
Wie gehen Sie damit um?
Generell konzentrieren wir uns auf die Hoffnungsträger. Wer sich engagiert, den unterstützen wir mit all unserer Kraft, wer knapp am Verzweifeln ist, dem zeigen wir Alternativen. Wer aber von vorne herein demonstriert: „Job? Nein danke!“, an dem arbeiten wir uns nicht unnötig ab. ![]()
In Ihrem Buch beschreiben Sie einige Alltags-Strategien wie z.B. „das Fräulein-Rottenmeier-Gesicht“ und „die Dackel-Frage“. Was verbirgt sich dahinter?
Fräulein Rottenmeier ist die strenge Lehrerin von Johanna Spyris Alpenkind „Heidi“ – an die erinnerte ich mich selbst manchmal, wenn ich besonders gereizt Anweisungen gab.
Die „Dackel-Frage“ ist dagegen mein ganz persönlicher Test-Quickie, wie ich neue Teilnehmer bezüglich ihrer Eloquenz und Verlässlichkeit einzuschätzen habe. Würde ich jemandem meinen Hund zwei Wochen überlassen oder nicht? Mein Urteil über die Vertrauenswürdigkeit der Bewerber deckt sich oft mit der Einschätzung möglicher Arbeitgeber.![]()
Was hat Sie dazu bewogen, über Ihre Arbeit zu schreiben?
Die vielen schrägen Geschichten und die interessanten Typen, die dahinter stecken. Die Absurdität mancher durch Arbeitslosigkeit und weitere Schicksalsschläge entstandenen Lebenslage. Und mein Ärger über die menschenverachtende Radikalität deutscher Unternehmen, fieseste Kündigungen und Ausbeutungen von Arbeitgebern und Zeitarbeitsfirmen. ![]()
Waren Sie selbst schon einmal arbeitslos?
Ja, aber als Akademikerin über 40 wurde ich komplett in Ruhe gelassen und habe mich dann auch wieder schnell für die Selbstständigkeit entschieden. ![]()
Mit wie viel Witz kann oder muss man die Situation von Langzeitarbeitslosen betrachten?
So viel wie möglich, würde ich sagen. Das Leben hat bei all seiner Dramatik generell komische Seiten. Als Autorin fühle ich mich diesen reinsten Herzens verpflichtet.
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