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Interview mit Leila Meacham zu »Die Erben von Somerset«

Die Erben von Somerset
 

„Die Erben von Somerset“

Leila Meacham im Interview über ihren Bestseller

 

Ihr Roman „Die Erben von Somerset“ umfasst die Zeitspanne von 1916 bis 1985. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Tolivers und die Warwicks, Nachfahren der englischen Adelshäuser Lancaster und York. 1836 hatten sich die jüngsten Söhne der Tolivers und Warwicks von South Carolina aus in den Süden aufgemacht und sich schließlich in Texas, nahe des Sabine Rivers, an der Grenze zu Louisiana niedergelassen, wo Ihr Roman spielt. Was hat Sie daran gereizt, sich einem so umfangreichen Stoff zu widmen, einer Geschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt?

© Marie Langmore/
Langmore Photography

Als ich eine Sammlung von Zeitungsartikeln las, die die Familie eines Freundes betreffen, stieß ich auf die Geburtsanzeige eines Mädchens. In den Artikeln wurde die Familiengeschichte meines Freundes beschrieben, aber ich blieb an dem Namen des kleinen Mädchens hängen und verfolgte in den Berichten über Geburtstagsfeiern, gesellschaftliche Ereignisse, Schulabschlüsse, die Hochzeit, die Geburt ihrer Kinder und schließlich ihren Tod die Chronik ihres Lebens. Ich stellte mir vor, wie interessant es sein müsste, über jemanden zu schreiben, der irgendwo anders in einer kleinen Stadt zur Welt kommt, und dessen Lebensweg bis in die heutige Zeit zu verfolgen. Aber das waren müßige Gedanken, weil ich eigentlich gar nicht vorhatte, darüber einen Roman zu schreiben. Einige Jahre später fesselte mich eine Krankheit ans Bett, und ich konnte meinen Beruf als Lehrerin eine Zeitlang nicht ausüben. Da ich zu nichts anderem in der Lage war, als einen Stift zu halten, skizzierte ich den Entwurf einer Romanfigur, der von den Zeitungsberichten angeregt wurde. Ich ließ die Handlung damit einsetzen, dass die Romanfigur als alte Frau in dem Ort, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, auf der Veranda ihres Hauses sitzt und auf ihr Leben zurückblickt. Für diese Person schien mir der Osten von Texas mit seiner südstaatlichen Prägung und seinem englischen Erbe die perfekte Umgebung zu sein. Schließlich wurde aus der Frau Mary Toliver aus Howbutker, in Texas. Ich verbrachte das restliche Jahr damit, ein bisschen zu recherchieren, mir eine Handlung auszudenken und die Romanfiguren zu entwerfen, und dann verstaute ich das Ganze hoch oben im Wandschrank in einer Schachtel, nahm meinen Beruf als Lehrerin wieder auf und kam nie mehr auf den Gedanken, die Arbeit an dem Roman fortzusetzen.


Ihr Roman hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte: Wie Sie gerade sagten, lag das Manuskript über zehn Jahre lang fast vergessen in einem Schrank, und Sie hatten nie im Sinn, „Die Erben von Somerset“ fertigzustellen. Wie kam es dennoch zur Veröffentlichung des Buches?

Das Manuskript war sogar zwanzig Jahre lang weggeräumt. Einmal hätte ich die Schachtel mit den Blättern beinahe weggeworfen. Das war, als mein Mann und ich ein neues Haus bauten und auf die andere Seite der Stadt zogen. Aber mein Mann erlaubte es nicht. „Behalte es“, sagte er. „Vielleicht kannst Du eines Tages noch etwas damit anfangen.” Dieser Tag kam einige Monate vor meinem 65. Geburtstag, als ich alles erledigt hatte, was ich mir für den Ruhestand aufgehoben hatte. Ich war seit zehn Jahren pensioniert, mein Mann war beruflich noch eingespannt, wir haben keine Kinder, meine Eltern, um die ich mich in ihren letzten Lebensjahren gekümmert hatte, waren gestorben, und mein Hund war tot. „Was soll ich mit dem Rest meines Lebens anfangen?“, wandte ich mich eines Morgens beim Kaffeetrinken an den Allmächtigen. Zwar erwartete ich nicht, dass Er mir antworten würde, aber ich glaubte sehr deutlich zu hören, dass ich die Schachtel, die ich erneut in ein Schrankfach verbannt hatte, hervorholen und die Geschichte abschließen sollte, die ich vor langem begonnen hatte. Ich sträubte mich dagegen, das zu tun. Ich wusste, dass ich Jahre brauchen würde, um den Roman zu beenden, und wie stünde danach die Chance, ihn zu veröffentlichen? Aber ich fühlte mich dem Aufruf, den ich am Morgen zu hören geglaubt hatte, verpflichtet, und aus diesem einzigen Grund überarbeitete ich das Manuskript und brachte den Roman zu Ende. Die Leute haben mich gefragt, was ich am Erfolg des Buches am aufregendsten fand, und ich kann guten Gewissens sagen, dass dies der Augenblick war, in dem ich „ENDE“ auf die letzte Seite des Manuskripts schrieb.


Bereits in den 1980er Jahren hatten Sie drei Romane publiziert, um eine Wette zu erfüllen, doch zur Autorin fühlten Sie sich offenbar nicht berufen. Als „Die Erben von Somerset“ erschien und in den USA innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller wurde, waren Sie bereits 71 Jahre alt. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen, welchen Beruf Sie vorher ausgeübt haben und warum Sie erst so spät zum Schreiben gelangt sind?

Mein früherer Beruf als Lehrerin war die Liebe meines Lebens – abgesehen von meinem Mann, natürlich. Ich glaube, unterrichten ist das, was ich am allerbesten kann. Es macht mir Spaß, Schülern die Bildungskompetenzen zu vermitteln, die sie im Leben weiterbringen. Ich mochte die Fünfzehn- bis Sechzehnjährigen, deren Klasse ich unterrichtete. Mitte der Achtzigerjahre machte ich die Erfahrung, dass sich die Erfüllung, die ich beim Unterrichten fand, mit dem Schreiben von Romanen überhaupt nicht vergleichen ließ. Nachdem ich so etwas wie drei kurze Liebesromane verfasst hatte, schlug ich den nächsten Buchvertrag aus und konzentrierte mich aufs Unterrichten. Was mir beim Romanschreiben nicht gefiel, waren die Einsamkeit, die Disziplin und die Rückschläge. Deshalb war ich fast ein Vierteljahrhundert später umso erstaunter festzustellen, wie sehr ich das Schreiben nun genieße.


Welche Reaktionen gab es, als die Menschen erfuhren, dass Sie Ihren ersten Bestseller so spät veröffentlicht haben?

Ich bin erstaunt über die Bewunderung, Ehrfurcht und reine Freude, die Menschen ausdrücken, wenn sie erfahren, dass ich siebzig war, als mein Roman veröffentlicht wurde. Ich hatte gedacht, mein Alter wäre hinderlich, aber offenbar hat gerade die Entstehungsgeschichte von „Die Erben von Somerset“ viele Menschen inspiriert und ermutigt, besonders diejenigen, die wegen ihres Alters bisher zu zaghaft waren, sich ihre Träume am Lebensabend zu erfüllen.


Ihr Roman wird häufig mit Margaret Mitchells Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ verglichen. Haben Sie „Die Erben von Somerset“ bewusst in dieser Tradition angesiedelt?

Ich hatte überhaupt nicht beabsichtigt, meine Geschichte an „Vom Winde verweht“ anzulehnen. Ich habe Margaret Mitchells bedeutenden Roman nie gelesen, aber ich habe Filmausschnitte im Fernsehen gesehen. Wenn ich danach gestrebt hätte, mich in diese literarische Tradition zu stellen, hätte ich wohl nie versucht, „Die Erben von Somerset“ zu schreiben, da bin ich ganz realistisch. Vermutlich wundere ich mich selbst am meisten darüber, dass die beiden Romane miteinander verglichen wurden. Ich wollte einfach einen Roman über eine starke Frau schreiben, die in einer kleinen Stadt im Osten von Texas lebt und von ihrem Land besessen ist. Von einer derartigen Besessenheit kann nicht nur Scarlet O´Hara befallen werden.

Die Erben von Somerset ist ein Südstaaten-Epos im Stil eines großen Kinofilms: eine üppige Geschichte über Liebe, Eheschließungen, Kriege, Todesfälle in drei Familiengenerationen.“ The New Yorker


Die Hauptfigur Ihres Romans ist Mary Toliver, die Eigentümerin einer großen Baumwollplantage. Wie würden Sie Mary Toliver charakterisieren?

Ich würde Mary als jemanden beschreiben – und diesen Menschentyp findet man unter Frauen und Männern gleichermaßen – dessen Dasein ausschließlich darauf gerichtet ist, die Vergangenheit zu bewahren und in die Zukunft hinüberzuretten. Was Mary angeht, betrifft das Somerset, den Landsitz ihrer Familie. Sie könnte es nicht verwinden, die Plantage zu verlieren, weil das in ihren Augen einen Verrat an ihren Vorfahren und einen Vertrauensbruch mit ihren Nachkommen bedeutete. Diese Art Besessenheit kann jeden befallen, der glaubt, zum Bewahrer eines bestimmten Geistes berufen zu sein – egal, ob es dabei um ein Ideal, ein Anliegen, einen Familiennamen, eine Organisation, ein Unternehmen oder sogar ein Land geht. Kürzlich verfolgte ich den Niedergang einer einstmals florierenden Zeitung in Familienbesitz. Der Eigentümer und Verleger war der Letzte einer langen Ahnenreihe, die sich in den Dienst des Unternehmen gestellt hatte. Er kämpfte wie der Teufel, aber die Zeitung konnte den Anforderungen unseres elektronischen Zeitalters nicht standhalten. Das Unternehmen war sein Leben. Ohne, sagte er, wäre er verloren.


Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs steht Mary Toliver vor einem Konflikt, der für Frauen anscheinend immer noch aktuell ist. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?

Mary steckt in dem Konflikt, in dem sich heutzutage viele moderne Frauen befinden. Es handelt sich um das Tauziehen zwischen Haushalt, Familie und Karriere und um die Frage, welchem dieser Lebensbereiche man den jeweils größeren Anteil an Zeit, Hingabe und Sorgfalt geben sollte.


Der Roman nimmt seinen Ausgang mit einem Testament: Mary Toliver, die ihre Ländereien und den Familiensitz Sommerset ursprünglich ihrer Großnichte Rachel übergeben wollte, ändert überraschend ihr Testament und enterbt Rachel. Sie möchte damit ihre Großnichte Rachel vor einem Fluch bewahren, der Somerset angeblich anhaftet. Beim Fortschreiten der Geschichte erhält man immer stärker den Eindruck, diese Begründung sei nur vorgeschoben. Ist Marys Leben nicht in Wahrheit an etwas ganz anderem als einem Fluch gescheitert?

Mary entzieht Rachel Somerset, um sie zu schützen – nicht vor dem Fluch, da es sich bei Marys Schicksalsschlägen ebenso gut um eine Reihe tragischer Unglücksfälle gehandelt haben könnte – sondern davor, dieselben Fehler zu begehen wie sie. Denn am Ende ihres Lebens erkennt Mary, was sie geopfert und verloren hat, indem sie die Liebe zu den Ländereien ihrer Familie über die Liebe zu ihrem Mann und ihrem Kind gestellt hat. Sie erfasst die Vergangenheit mit klarem Blick und sieht, was ihre Hingabe nicht nur sie selbst gekostet hat, sondern auch Percy und Lucy, Wyatt und Matthew, William und Rachel. Mary handelt aus Liebe zu ihrer Großnichte, weil sie sie vor der Tragödie bewahren will, die sie selbst erlitten hat.


Sie sind in Texas aufgewachsen und haben, abgesehen von wenigen kurzen Unterbrechungen, Ihr ganzes Leben dort verbracht. Gibt es Bezüge zwischen „Die Erben von Somerset“ und der Geschichte Ihrer eigenen Familie oder Ihnen bekannter Familien?

Es besteht keinerlei Verbindung zwischen meiner eigenen Familie und der Familie in „Die Erben von Somerset”. Die Romanfiguren gehen auf niemanden zurück, den ich persönlich kenne. Sie beruhen ausschließlich auf meiner Vorstellungskraft und auf Recherchen. Meine Familie besaß weder Land noch Leidenschaften, die Vorrang vor ihren Angehörigen gehabt hätten. Ich bin im Westen von Texas aufgewachsen, der sich stark von Texas' Osten unterscheidet, wo der Familienname und das Erbe wichtige Kriterien sind, um als „guter Mensch“ betrachtet zu werden – noch wichtiger als Geldbesitz. In Westtexas hingegen, werden Leute, die aus dem, was sie haben, das Beste machen, für „gute Menschen“ gehalten – egal ob sie arm oder reich sind oder einen bedeutenden Stammbaum haben.


Es scheint, als sei in Ihrem Leben jetzt das Zeitalter des Schreibens angebrochen, denn Sie arbeiten bereits an einem neuen Roman. Können Sie uns schon verraten, worum es darin gehen und wo er spielen wird?

Wie nett, dass Sie sich nach meinem neuen Buch „Tumbleweeds” erkundigen, das in den USA am 19. Juni 2012 herauskommen wird. Es handelt von drei Freunden, die als Kinder zueinanderfinden, geeint von dem traurigen Umstand, dass sie Verlassene oder Waisen sind. Sie wurden ihren Eltern entrissen wie bei uns die „Tumbleweeds“, also diese Büsche, die vom Wind über den Wüstenboden getrieben werden. Als ihre Verbindung im jungen Erwachsenenalter abbricht, werden sie wieder aus ihrem Beziehungsgefüge gerissen, und erneut am Ende des Romans, als jeder seinen eigenen Weg einschlägt. Das mag sich düster anhören, aber so ist es nicht. Eine Zeitlang sind die Freunde glücklich und erfolgreich und werden geliebt, aber sie müssen wie wir alle durch die Härten des Lebens wachsen. Der Roman spielt in einer Gegend von Texas, die „Panhandle“ genannt wird, was so viel heißt wie „Pfannenstiel“, eine wilde, aber wunderbare Gegend, die für ihre „Tumbleweeds“ bekannt ist.

Darüber hinaus arbeite ich momentan an der Vorgeschichte von „Die Erben von Somerset“, in der erzählt wird, wie die Tolivers und Warwicks 1836 nach Texas kamen. Die Geschichte erstreckt sich über die Zeit von 1835 bis 1900, als Percy, Miles und Ollie fünf Jahre alt waren und Mary Toliver geboren wurde.

Dass Sie meine jetzige Lebensphase als „Zeitalter des Schreibens” bezeichnen, gefällt mir. Wie treffend! Es ist der perfekte Lebensabschnitt, um in alle Ruhe Romane zu verfassen. In meinem Alter „war ich schon hier und da, habe alles gemacht und meine Andenken gesammelt“, wie man bei uns in Amerika sagt. Es kommt mir nicht so vor, als opferte ich beim Schreiben Zeit, die ich lieber mit anderen Dingen verbringen würde. Im Moment möchte ich nichts tun, außer mir Figuren und Ereignisse auszudenken und daraus eine Geschichte zu entwickeln, die vielleicht jemand lesen will. Ich schätze mich sehr glücklich, eine Gabe zu besitzen, die meinen Geist fordert, statt träge zu werden und zu versauern wie manch andere.

Interview: Elke Kreil



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