Neben Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit haben Sie an zahlreichen Spielfilmen und über neunzig Fernsehproduktionen mitgewirkt. Einem breiten Publikum sind Sie durch die Krimiserien „Doppelter Einsatz“, „Rosa Roth“ und „München 7“ bekannt, seit September 2011 stehen Sie für die neue Vorabendserie „Fuchs und Gans“ und die Krimiserie „Kommissar Kluftinger“ vor der Kamera. Was reizt Sie trotz Ihrer Filmerfolge daran, immer wieder auf die Bühne zurückzukehren?
Weil es einen saumäßigen Spaß macht. Weil die Menschen dran Freude haben. Weil es, wie man heute sagt, meine Roots sind: raufgehen auf die Bühne und abrocken. Und ich gebe zu: Der Applaus, der im Gegensatz zum Film sofort nach Vorstellungsende ausbezahlt wird, tut gut. Außerdem fühle ich mich durch diese Arbeit, allein auf der Bühne Geschichten zu erzählen, sehr geerdet. Das ist übrigens das älteste Gewerbe der Welt: Zuerst war einer, der am Lagerfeuer Geschichten erzählt hat. Und DANN ERST hat ein anderer gefragt, ob er sich mal dessen Frau ausleihen könnte, für drei Feuersteine...
Außerdem ist es in der Zeit der totalen Vermedialisierung und Digitalisierung doch toll, wenn da ein analoger Kerl auf der Bühne steht und gemeine Schoten erzählt, dass der Saft dampft, oder? Der nächste Soloabend ist schon in der Mache.![]()
Ihre enorme Wandlungsfähigkeit stellen Sie in Ihrem aktuellen Bühnenprogramm „Pubertät mit 50“ unter Beweis. Bei dieser kabarettistischen One-Man-Show stehen Sie zwei Stunden lang mit einem Monolog vor dem Publikum und schlüpfen in unterschiedlichste Rollen. Kommt diese Wandlungsfähigkeit, dieser schnelle Wechsel von Perspektiven auch Ihrem Schreiben zugute?
Nein, eigentlich nicht. Beim Schreiben muss man nicht ständig Perspektiven wechseln, man muss einfach eine Geschichte erzählen. Je klarer, desto besser. Da halte ich gar nicht so viel von falsch verstandener Virtuosität. Die möge dann lieber im Irrsinn der Geschichte begründet liegen als im Wechseln von Perspektiven.
Wenn Sie blitzschnell von einer Rolle zur anderen springen, ändern Sie dabei auch den Zungenschlag. „Jockel Tschiersch, der Mann mit den tausend Stimmen“, hat man Sie deshalb schon genannt. Auch in Ihrem neuen Buch „Rita und die Zärtlichkeit der Planierraupe“, lassen Sie die Menschen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Was lässt sich für Sie im Dialekt besonders gut ausdrücken?
Im Roman ist es schwierig, im Dialekt zu schreiben. Aber man muss im Dialekt denken. Als Schauspieler denke ich sowieso in meinen Figuren, ich spreche auch laut beim Schreiben (zur Freude meiner Mitmenschen). Dabei ist es dann im gesprochenen Dialekt oft viel mehr auf den Punkt gebracht als im elaborierten aseptischen hannoverischen Neuhochdeutsch. Man muss dann allerdings das, was im Dialekt auf den Punkt kommt, natürlich so hinschreiben, dass auch der Mensch in Norddeutschland das versteht. Aber so weit sind der Allgäuer Bauer und der Mecklenburger Landwirt gar nicht auseinander...
Ihr Buch „Rita oder die Zärtlichkeit der Planierraupe“ steckt voller verrückter Einfälle, ist irrsinnig komisch, stimmt aber zugleich nachdenklich. Bitte erzählen Sie uns etwas mehr über die Geschichte – vor allem auch, wie Sie auf die Idee mit der rot lackierten Planierraupe vom Typ Fiat Allis gekommen sind.
Da müssten Sie meinen Neurologen fragen, wenn ich denn einen hätte: Ich hab ständig Geschichten im Kopf, abstellen könnte man das nur durch einen chirurgischen Eingriff im Kleinhirn. Und glauben Sie mir: Da sind noch ganz viele andere Geschichten. Meine Phantasie ist ständig am Arbeiten. Ich spüle aber auch oft ab, trag den Müll runter und baue Möbel.![]()
Ihre Geschichte ist ein Roadmovie in Prosa. Es geht um Aufbrüche, ums Unterwegssein, um Erfahrungen, die Menschen nur machen können, wenn sie sich losgelöst von ihrem Alltag ins Ungewisse wagen. Für Ewald Fricker, den Helden Ihres Buches, besteht dieses große Ungewisse aus einer Fahrt vom Allgäu an die Ostsee. Warum haben Sie sich für einen Helden entschieden, der in seiner ganzen Art völlig aus der Zeit fällt?
Um es mal ganz blöd zu sagen: Mein Held hat sich für mich entschieden. Am Anfang war die Figur dieses Mannes, der nur Raupe fahren kann und den alle für einen Deppen halten. Und die Idee, mit einer Raupe quer durch Deutschland zu fahren. Und dann nimmt einen das emotional so gefangen, dass man sich in dieser Besessenheit dann die Frage stellen muss: Was bedeutet das? Ich lasse mich von einer Geschichte verführen und überprüfe sie dann auf Tauglichkeit. Mein Geschichten-Sondermüll-Depot ist ziemlich groß. Ich gehe nicht analytisch ran. Dazu bin ich zu wenig Denker und viel zu sehr Schauspieler.![]()
Neben dem Aufbruch gibt es ein weiteres großes Thema in Ihrer Geschichte, das vor allem die zweite Hauptfigur, Rita Zieschke, betrifft: das der Rückkehr und der Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Gehört für Sie zum Aufbruch und Ausbruch auch die Rückkehr?
Na ja, nicht zwangsläufig, aber eben die Beschäftigung mit dieser Frage. Mit fünfzig denkt man schon mal dran, wenn man in so einem wunderbaren urbanen Moloch wie Berlin hockt, ein paar gescheiterte Ehen hinter sich hat, wo man eigentlich herkommt, wo man hingehört. Da merkt man plötzlich, dass man jahrelang die Frage „Wo bitte ist Heimat?!“ weggeschoben hat. Und das ist natürlich dann auch der Moment, wo vielleicht die Eltern sterben, und alles, was einst Familie war, irgendwo in der Welt verstreut ist. Ich würde - heute - nicht ins Allgäu zurückgehen, kann sein, dass ich in zehn Jahren anders denke. Bei mir hat sich immer so viel geändert in den Jahren, da kann ich mich nur im Moment festlegen. Deswegen habe ich auch kein Tattoo, weil da schon längst kein Platz mehr wäre! ![]()
Planierraupe, Porsche, Moped, Tieflader und Sportflugzeug – in Ihrer Geschichte werden viele Fortbewegungsmittel genutzt. Welches entspricht Ihnen selbst am meisten?
Sie haben das Schiff vergessen und das alte Beiwagen-Motorrad. Ich gebe zu, das ist ein Defekt: Ich mag alles, was sich bewegt und sich steuern lässt, und das macht mir einen Höllenspaß. Planierraupe übrigens auch. ![]()
Die Begegnung mit Ihnen lässt niemanden unberührt. Sie reißen Menschen mit, begeistern sie für Ihre Projekte, Ihre Bühnenauftritte werden als „Einschlagen einer Urgewalt“ beschrieben. Was gibt Ihnen diese Energie?
Das müssen andere entscheiden, mit der Urgewalt. Aber es ist natürlich ein wunderbares Gefühl, wenn da etwas entsteht zwischen Publikum und Akteur, und letztlich laufen dann alle gemeinsam zur Hochform auf, und das ist dann so schön wie … na, Sie wissen schon.
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