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Lebens(t)raum | Selbstfindung

Maria von Welser über das Leben nach dem Beruf

Gelassen alt werden

Wir werden alle sehr viel älter – aber immer noch gehen die meisten Menschen um die 60 in den Ruhestand. Aber: Was dann? Geschenkte Jahre auf der Couch und auf Reisen oder vita activa bis zum letzten Atemzug? Maria von Welser ging das Thema Altwerden nicht mehr aus dem Kopf. Deshalb hat sie ein Buch darüber geschrieben: „Heiter weiter!“ Maria von Welser schreibt aus Erfahrung: Vor zwei Jahren verabschiedete sich die bekannte Fernsehjournalistin selbst aus dem Berufsleben. Im folgenden Text beschreibt sie, welche Gedanken und Gefühle Sie dabei hatte, und verrät ihre Strategien, um dem Alter gelassen entgegenzusehen.

 
 

Lesen Sie hier: Maria von Welser über das Altwerden und ihr Buch „Heiter weiter!“

 

Haben Sie keine Angst!

Maria von Welser

© Herlinde Koelbl

Weniges überrascht die Menschen so sehr, wie das Gefühl, mit Beginn der Rente plötzlich nichts mehr zu tun zu haben. Vor allem beschäftigte mich die Frage: Was will ich? Was kann ich? Gehöre ich dann zum „alten Eisen“ oder tun sich neue Dinge auf, die mein Leben ebenfalls erfüllen? Deshalb habe ich mich mit diesem „dritten Leben“ intensiv beschäftigt. Diese Bezeichnung ist mir lieber, als Ruhestand oder Pension. Ich wollte nicht, wie manche meiner vor allem Kollegen und Kolleginnen, Freundinnen und Freunde in ein Loch fallen. Also: Wie anfangen, was tun?

Vor allem: Haben Sie keine Angst. Denn Angst ist nie ein guter Ratgeber. Dieser dritte Lebensabschnitt kommt unausweichlich. Also heißt es: anpacken, zupacken, nachdenken und handeln. Rechtzeitig, nicht zu spät. Sicher, in dem Augenblick, in dem wir an das Alter denken, ist die Jugend vorbei. Aber deshalb alles durch das halbleere Glas sehen? Ein halbvolles hilft da mehr. Für die ganze restliche Zeit.

 

Mit schlechter Laune und ewigem Nörgeln wird das nichts mit dem dritten Leben

In meinem Buch „Heiter weiter!“ sollen nicht die Segnungen des Alters gepriesen werden. Auch soll nicht behauptet werden, dass das wahre Leben erst jenseits der 65 beginnt. Das ist Quatsch. Dieses dritte Leben ist eine enorme Herausforderung. Schließlich haben wir Jahrzehnte ganz etwas anderes geübt: einen geregelten Alltag, sechs Wochen Jahresurlaub, freie Zeit am Wochenende zu Hause. Und am Montag wieder um sechs, sieben Uhr raus und in den Bus, die Bahn und in den Job.

Es wird nicht einfach, diese kommenden Jahre mit Anstand und Würde zu meistern. Selbstbestimmt, denn wir sind ja nicht mehr fremdbestimmt. Klug und zupackend, nicht larmoyant und rückwärts blickend. Mit schlechter Laune und ewigem Nörgeln wird das nichts mit dem dritten Leben. Wer ein wenig bibelfest ist, erinnert sich an die wunderbare Aufforderung: „mit den Pfunden zu wuchern“, womit umfassend unsere Begabungen gemeint sind. In meinem Buch geht es darum weniger um die klugen Ratschläge für den dritten Lebensabschnitt. Wie zum Beispiel sich gesund zu ernähren, sich regelmäßig zu bewegen, Freundschaft und Beziehungen zu pflegen. Das alles ist auch wichtig. Das sei erst mal vorausgesetzt. Aber vor allem will ich mit meinem Buch Mut machen, die geschenkten Jahre zu nutzen. Mit Blick auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Aber auch immer mit einem Auge auf die Gesellschaft, in die wir hineingeboren worden sind. Wir haben über 60 Jahre Frieden erleben dürfen. Ein Wirtschaftswachstum ohnegleichen. Jeder konnte als junger Menschen den Beruf ergreifen, den er sich vorstellte. Wir haben unglaublich viel geschenkt bekommen. Darum besteht für uns aus meiner Sicht auch die Verpflichtung zur vita activa, wo wir doch so gesund, fit und wirtschaftlich abgesichert diesen dritten Abschnitt erleben dürfen.
 

Wir bekommen zusätzliche Jahre geschenkt

Über acht Millionen Deutsche in Ost und West gehen in den kommenden Jahren in Rente oder haben diesen Schritt schon gemacht. Jahr für Jahr werden es mehr Menschen. Ein Drittel geht wegen psychischer Probleme. Zwei Drittel immerhin aus freien Stücken. Sie alle müssen weniger Rente in Kauf nehmen. Bis zu 113 Euro im Monat, für den Rest ihres Lebens. Das kann bitter sein, wenn man sowieso schon knapsen muss und nicht ganz freiwillig aus dem Arbeitsprozess ausscheidet. Denjenigen, die sich aus freien Stücken zu diesem Schritt entscheiden, scheint das neu gewonnene Leben ein guter Ausgleich für den finanziellen Verlust zu sein. Vielleicht weil sie diese geschenkten Jahre früher und intensiver nutzen wollen? Ohne den Blick auf das fehlende Geld?

Nie mehr wird wohl eine Rentnergeneration so aus dem Vollen schöpfen können, wie die jetzigen zwischen 1940 und 1955 geborenen Deutschen. Denn noch nie hatten die Menschen so viel Zeit zum Altwerden. Wir bekommen zusätzliche Jahre geschenkt. Die Demografen rechnen uns vor, dass wir in gut einem Jahrhundert rund 30 Jahre dazugewinnen. Frauen werden durchschnittlich 82 Jahre alt, Männer 77 Jahre. So alt sind die Menschen in Deutschland bisher noch nie geworden.
 

Ein Land mit vielen über Hundertjährigen und Vorbildcharakter: Japan

Dabei sind wir Deutschen da nicht mal führend: In keinem Land der Welt werden die Menschen älter als in Japan. Mehr als 48.000 Menschen, die über 100 Jahre alt sind, sollen laut Statistik dort leben. Die Alten werden dort geachtet, geehrt und rundum gut behandelt. Ihr Wissen und ihre Erfahrung werden auch in den Unternehmen noch eingefordert. Dazu kommt, dass sich die Japaner gesund ernähren: viel Fisch, wenig Fleisch. Viel Obst, Gemüse, Salat und kaum Alkohol. Der ist dort sowieso extrem teuer. In Europa sind die Franzosen Alters-Weltmeister mit 15.000 über Hundertjährigen. Ist es dort der Rotwein oder der Käse oder beides zusammen?

In meinem Buch wird auch das Thema Ernährung eine Rolle spielen. Genauso wie die Erkenntnis, dass wir uns bewegen müssen. Je älter wir sind, desto mehr. Denn nur dann funktioniert unser Gehirn weiter, nur dann können wir denken, fühlen, mitfühlen und handeln. Was wir ja alle so lange als möglich wollen. Vergessen Sie alle Panikmeldungen zu steigenden Alzheimer- und Demenz-Erkrankungen. Längst bestätigen uns die Wissenschaftler, dass wir auch fitter und gesünder alt werden. „Die Vorstellung des Alters als einer defizitären Lebensphase ist komplett verfehlt“, bestätigt Martin Kohli, der als Soziologe am European University Institut in Florenz zum Thema „Altern und Lebensläufe“ forscht. Er beruhigt uns auch, dass wir keine Angst vor Einsamkeit im Alter haben sollten. Denn gerade im „dritten Leben“ funktionieren die Beziehungen zu den nachwachsenden Generationen. Wir müssen also den Zerfall der Großfamilie nach dem Muster vergangener Jahrhunderte nicht großartig bedauern. Großeltern unterstützen ihre Kinder und Enkel so lange sie können. Sowohl finanziell als auch mit der Zeit, die sie ja jetzt haben. Eine Altersstudie der Hallenser „Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina“ bestätigt zudem, dass die Älteren bis zum 80. Lebensjahr die Gebenden sind. Erst danach ändere sich die Situation.
 

Wir werden so gesund alt wie noch nie!

Und noch etwas sollte Sie ermutigen, dieses dritte Leben durch das halbvolle Glas zu sehen: Wir werden so gesund alt wie noch nie! Die 65-Jährigen sind so fit wie früher die 55-Jährigen. Ein 70-Jähriger kann heute geistig und körperlich so leistungsfähig sein wie ein 50-Jähriger. Noch wagt es keine Krankenkasse, einem 75-Jährigen den Ersatz des ramponierten Knies zu versagen. Ganz zu schweigen von künstlichen Hüftgelenken und Zahnimplantaten. „Ersatzteil“-Medizin hält die Alten auf Trab – und zusätzlich eine ganze Industrie am Laufen.

Das alles sollten wir uns klarmachen und uns dessen bewusst sein. Legen Sie am besten alle Artikel in der Zeitung (oder auf dem iPad) mit den Horrormeldungen über die auf uns zukommenden Pflegenotstände, die kollektive Vereinsamung und steigende Demenz der Alten beiseite. Die Mehrheit wird gesund und fit alt. Es liegt an Ihnen, wie gesund und wie fit. Wir sind nicht „Hilflos im Alter“, wie der Spiegel warnt.

Damit diese Jahre aber wirklich gelingen, ist es nötig, mit einem spitzen Bleistift die wirtschaftliche Situation durchzurechnen: Was habe ich, was bekomme ich woher und was brauche ist? Mehr? Wird es weniger, weil sich meine Bedürfnisse verändern? Wie bin ich krankenversichert? Kann ich da etwas ändern? Umschichten und vielleicht an einer anderen Stelle sparen und dafür dort was drauflegen?

Jede Frau wird feststellen, dass sie nicht mehr so viel für Kleidung ausgeben muss, vielleicht sogar die Designer-Klamotten bei ebay oder auf dem Flohmarkt verticken kann. Was aber nicht heißen soll, dass wir uns auch im „dritten Leben“ nicht noch schick anziehen. Nur eben anders, mit anderen Schwerpunkten.
 

Freuen Sie sich auf diese Jahre!

Sie werden als Leser in diesem Buch viele Anregungen finden für dieses „dritte Leben“. „Zwischen Müßiggang und Engagement“, wie es mein Kollege Sven Kuntze in seinem Buch „Altern wie ein Gentleman“ formuliert. Mein Anliegen ist aber noch ein anders: Ich will Ihnen vor allem Mut machen. Freuen Sie sich auf diese Jahre. Überall gibt es Wermutstropfen, sicherlich auch in dieser Zeit. Vergessen Sie dabei nicht, dass in der Erinnerung an die vermeintlich so wunderbaren Berufsjahre auch viel Ärger dabei war. Wie oft waren Sie wütend, empört oder haben sich ohnmächtig gefühlt? Wir Menschen sind erfreulicherweise so gebacken, dass wir beim Blick zurück meist nur das Schöne, das Positive erinnern. Das ist auch gut so … Auch jetzt gucken wir nach vorne. Keine Angst vor dem dritten Leben. Heiter weiter, mit neuen Schwerpunkten, Aufgaben und Anregungen.

Leben wir im Hier und Heute. Das versuchen uns die Buddhisten ja schon immer klarzumachen. Zeit bekommt einen anderen Wert. Wir haben auf der einen Seite plötzlich viel davon, auf der anderen wissen wir sehr genau: Sie ist begrenzt. Dabei ist Altwerden in diesem Zeitrahmen so facettenreich und spannend wie nie zuvor. Machen Sie was draus – es liegt an Ihnen! Mein Buch soll Ihr Begleiter werden.
 

Sie wollen mehr über dieses Thema erfahren? Dann besuchen Sie Maria von Welsers Blog!
 
 

Maria von Welser

Heiter weiter!

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Erscheinungstermin: Mai 2012

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