Kurt Tucholsky
Kurt Tucholsky (1890–1935), als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren, war einer der scharfsichtigsten Gesellschaftskritiker seiner Zeit. In der «Weltbühne» und der «Vossischen Zeitung», mit Liedern und Kabarettstücken trat er unermüdlich für einen pazifistischen Humanismus ein. Als Korrespondent der linksliberalen «Weltbühne» lebte er 1924-1926 in Paris. 1929 emigrierte er nach Schweden. Nach Hitlers Machtübernahme wurde er ausgebürgert, seine Bücher in Deutschland verbrannt. 1935 nahm sich Tucholsky aus Verzweiflung über die Erfolge der Nationalsozialisten das Leben.
«Tucholsky ist im Innersten ein trauriger Mensch. Sein Witz ist nicht selten der Depression abgerungen, unterm Heiteren gähnt ein Abgrund, selbst noch in seinem Liebesroman 'Schloss Gripsholm'. - 'Ich bin wohl zu klein, meine Zeit steht mir bis zum Halse...' Mit diesen Worten wandte sich Tucholsky 1926 an einen Leser in ferner Zukunft und fantasierte dessen Reaktion: "Da, ich wusste es: Du lächelst mich aus.' Da hat er sich aber geirrt: Wir haben genug 'Innenseiter der Gesellschaft' (Tucholsky). Sie sitzen in Redaktionen, Vorständen und Parteien und machen mit. Wir haben zu wenige, die wie er die Welt mit Kaspar-Hauser-Augen bestaunen und ihre Krallen ausfahren, die sich auch einmal trauen, was Walter Benjamin Tucholsky einst bitter vorgeworfen hat: 'links vom Möglichen' zu stehen.»
Christian Stass, Die Zeit