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SPECIAL zu Jeanne Rubner »Das Energiedilemma«

Atomkraft - aber bitte!

Rezension von Hans Jürgensen

Was nun, und was tun?
Vieles von dem, was über Jahre ehernes Gesetz zu sein schien, steht auf dem Kopf. Die brave Mülltrennung hierzulande erweist sich nun beispielsweise als ökonomischer Unsinn. Und der Jubel über nachwachsende Rohstoffe weicht weltweit den Bedenken, jene Stoffe zu Energie zu verarbeiten, die Grundlage für Nahrungsmittel sind.

Die über Jahrzehnte zum Teil gewaltsam ausgetragene Auseinandersetzung über die Nutzung der Kernkraft ist unterdessen, zum Glück weniger militant, wieder belebt worden: Erfordern es Umweltschutz und Versorgungssicherheit heute, Kraftwerke weiter zu betreiben? Brauchen wir den Ausstieg aus dem Atomausstieg? Es ist ein politischer, oft ein ideologischer Streit, Befürworter und Gegner lassen sich an den Parteifarben erkennen: Rot und Grün halten fest am Ausstieg, Schwarz sieht in der Atomkraft eine "saubere" Energiequelle. Der Koalitionsvertrag der derzeit Regierenden verhindert bis zur Neuwahl einen Rückzug vom 2000 beschlossenen Ausstieg. Argumente Für und Wider liefern alle Seiten, unterstützt von Fachleuten mit ihren unterschiedlichen Statistiken, Hochrechnungen und Gutachten.

Für längere Laufzeiten
Die jüngsten Störfälle in deutschen Kernkraftwerken haben das allgemeine Unbehagen, die Angst vor Strahlung, atomarem Müll und Unfällen wieder angeheizt. Auf der wirtschaftlichen Seite wiederum sind die steigenden Kosten beim Abbau von Uran zu berücksichtigen. Die gegensätzlichen Auffassungen in der Gesellschaft, gefördert auch durch die zunehmende Abhängigkeit von russischem Gas, werden im jetzt vorliegenden Buch einer einstigen Atomkraftgegnerin sehr genau beschrieben. Jeanne Rubner, Physikerin und seit über 15 Jahren Redakteurin bei der "Süddeutschen Zeitung", schlussfolgert in "Das Energie-Dilemma": Wenn wir uns in Deutschland dem Ziel nähern wollen, den Kohlendioxidausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu senken, "führt kein Weg daran vorbei, die Kernkraftwerke länger laufen zu lassen". Denn sie verursachen zumindest bei laufendem Betrieb kaum Treibhausgase, und sind wettbewerbsfähig gegenüber Kohle und Gas. Die 17 deutschen Atomkraftwerke liefern rund 30 Prozent des Stroms und 50 Prozent der Grundlast. Das ist Energie, die im Leitungsnetz ständig gehalten werden muss, um keine Spannungsschwankungen zu riskieren. Die Autorin zitiert aus einer gemeinsamen Untersuchung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln und des Beratungsunternehmens Prognos, die besagt: Eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke um 20 Jahre ist ein wirksameres Mittel im Kampf gegen den Klimawandel als ein umfassender Ausbau der erneuerbaren Energien.

Vom Winde verweht
Wo bleiben die kohlenstofffreien Hoffnungsträger Sonne, Wind, Wasser und Biomasse? Sie können derzeit in nur sehr bescheidenem Maße Strom aus den bisherigen Quellen ersetzen. Alternative Energien sind lediglich Zulieferer. Aktuell tragen sie in der Europäischen Union mit sieben Prozent zur Energiebilanz bei. Windkraft ist nicht verlässlich und oft nicht dort verfügbar, wo sie gebraucht wird. Photovoltaik und Solarthermie sind noch zu teuer. Ideal wäre, schreibt Jeanne Rubner, ein europaweites alternatives Netz, gespeist mit Wind aus dem Norden, Biomasse aus mittleren Breiten und Sonnenenergie aus dem Süden. Doch wer baut und bezahlt die Leitungen? Das ist eines der vielen Fragezeichen, die über die Klimapolitik zu setzen sind. Sie greift insgesamt zu langsam, auch weil die Mehrzahl der Bürger nicht mitzieht. Rigoroses Sparen würde entscheidend mithelfen, die Klimaziele zu erreichen. Jeder könnte dazu beitragen: beim Heizen, Dämmen, Lüften, indem wir weniger Energie verbrauchen und weniger Auto fahren. Doch die Motivation des Einzelnen lässt nach. Mit der wachsenden Zahl der (allerdings geförderten) Solardächer stiegen die Preise und fielen nicht, wie versprochen. Als die Verbraucher angesichts ständig steigender Strom- und Gaspreise zum Teil auf Holz umstiegen, wurden Pellets ganz schnell so teuer wie andere Heizstoffe.

Ideologie und Politik
Jeanne Rubner hat ein hervorragend lesbares und provokantes Buch geschrieben, gefüllt mit Fakten und Argumenten, die für ein Überdenken alter Positionen werben. Sie schreibt nicht neutral. Als einstige Gegnerin bezieht sie heute eindeutig Position für den weiteren Einsatz von Kernkraft zur Stromerzeugung, und sie begründet diese Haltung fundiert. Der Leser ist aufgefordert, ihre Argumente wirken zu lassen, gleichzeitig gegenüber Gegenargumenten abzuwägen oder sich einfach aufzuregen. Das ist gewollt und trägt im besten Fall zur notwendigen Diskussion bei, die über die Zukunft unserer Energieversorgung und des Klimas geführt wird - und geführt werden muss.

Hans Jürgensen
(Literaturtest)
Berlin, September 2007