Wir wissen erstaunlich viel darüber, wie die alten Römer wohnten, arbeiteten, lebten und liebten – nur verstecken sich diese Informationen meistens in Fachpublikationen, die nur ein kleines Publikum erreichen. Und wie vielen Besuchern des Forum Romanum gelingt es wirklich, sich anhand einiger Säulen ein Bild vom Leben in der Antike zu machen?![]()
Alberto Angela schafft in seinem Buch „Ein Tag im Alten Rom“ etwas ganz Erstaunliches: Es gelingt ihm, das alte Rom so plastisch zu schildern, dass die Stadt und ihre Bewohner vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden. Ihn erwartet keine nüchterne Faktensammlung (obwohl er unglaublich viel erfährt), sondern eine Reisereportage voller Gerüche und Geräusche, unerwarteter Einblicke und spannender Begegnungen. Wie war es, damals durch die Straßen zu gehen? Wie sah es in einer typischen Patriziervilla aus? Und was konnte man von den Balkonen aus sehen? Der Autor wirft mit uns einen Blick über die Balustrade …![]()
Geröstete Ameisen und Mietwucher
Der Tagesablauf eines typischen Römers im Jahr 115 n. Chr. zieht sich als roter Faden durch das Buch. Wir sehen ihm beim Ankleiden der sechs Meter langen Toga über die Schulter und werden auch gleich über die Schönheitstricks der Damen vor 2000 Jahren informiert: Paste aus gerösteten Ameisen für das ausdrucksvolle Augen-Make-up, absurde Perückentürme und weitere berühmte Haarkreationen wie die „Melone“, die „Schildkröte“ oder der „Schutzhelm“. Toll trieben es die alten Römer!![]()
Haarsträubend auch die Exkursion in einen der mehrstöckigen Wohnblöcke. Die Wohnbedingungen in diesen insulae werden mit jedem Stockwerk gefährlicher und unmenschlicher – Wohnungsnot, Mietwucher und das Ignorieren von Bauvorschriften blicken ganz offensichtlich auf eine jahrtausendelange Tradition zurück. Es folgen Ausflüge in die engen Gassen voller kleiner Läden, in einen Tempel und auf den Vieh- und Sklavenmarkt. Wir erkunden das Forum Romanum, den Senat und das Gerichtsgebäude, und besuchen natürlich einen Gladiatorenwettkampf im Kolosseum. Umweltverschmutzung und Müllentsorgung kommen ebenso zur Sprache wie Glaubensfragen und Sexualität, wir lauschen sowohl den Poeten auf dem Forum als auch den trivialen Alltagswitzen.![]()
Für die profanen menschlichen Bedürfnisse ist ebenfalls Platz: den Besuch in einer öffentlichen Latrine beispielsweise (ein privates WC ist unerhörter Luxus), oder das ausgedehnte Bade- und Schwitzprogramm in der Therme. Fürs leibliche Wohl wird natürlich auch gesorgt. Alberto Angela verrät nicht nur das Rezept für ein „Gefülltes Ferkel“ sondern schildert auch den Ablauf eines großen Banketts. Der Leser ist wie immer hautnah dabei, wenn der für das Menü verantwortliche Sklave eines der erlesensten Gerichte der Hauptstadt ankündigt, und den Gästen ein zufriedenes Raunen entlockt: „Mit Seeigel gefüllte Sauzitzen“ – angesichts dieser Delikatesse läuft den alten Römern das Wasser im Munde zusammen …![]()
Alte Römer und moderne Lebensart
Doch auch wenn uns so manches Verhalten der Römer fremd erscheint: „Ein Tag im Alten Rom“ macht auch deutlich, dass ein großer Teil unserer westlichen Lebensart nichts anderes ist als die moderne Weiterentwicklung der römischen: „Das Geheimnis Roms war sein täglicher Modus Vivendi: seine Art Häuser zu bauen, sich zu kleiden, zu essen, mit den anderen umzugehen, innerhalb und außerhalb der Familie, und das Ganze in einem festen Rahmen von Gesetzen und sozialen Regeln. Dieser Modus Vivendi ist im Wesentlichen über Jahrhunderte unverändert geblieben, hat sich höchstens graduell weiterentwickelt und es der römischen Zivilisation erlaubt, so lange zu überleben. Können wir demnach überhaupt sicher sein, dass jene Epoche wirklich erloschen ist?“![]()
Er wollte, so sagt der Autor im Vorwort, das Buch schreiben, das er in den Buchhandlungen immer vergeblich gesucht hatte, um seine Neugierde auf das antike Rom zu befriedigen. Ein Vorhaben, das ihm wunderbar gelungen ist!
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