Als die Presse im Mai 2005 über den Tod Batya Gurs berichtete, trauerte die literarische Welt nicht nur um eine großartige Autorin, die mit gerade einmal 57 Jahren einem Krebsleiden erlag, sondern auch um die fiktive Figur des Michael Ochajon, der zahlreichen Lesern ans Herz gewachsen war und nun nicht mehr in Jerusalem ermitteln würde.
Batya Gur lebte und arbeitete als Lehrerin und Journalistin in Israel und stieg mit ihren Kriminalromanen rund um den melancholisch-intellektuellen Michael Ochajon schnell in den Olymp der internationalen Bestsellerlisten auf. Ihre Bücher begeistern Fans und Kritiker zugleich, und sind viel mehr als nur spannungsgeladene "Whodunit"-Geschichten, die durch bizarre Persönlichkeiten, verschlungene Beziehungs- und Abhängigkeitspfade und schillernde Milieustudien faszinieren. Batya Gur legte auch immer wieder den Finger in die offenen Wunden des jungen Staates Israel. Sie hatte ein feines Gespür für die Zerrissenheit dieses Landes, das, geboren aus dem unendlichen Leid der europäischen Juden, seinen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen noch nie eine Oase des Friedens war. "Wir sind nicht in ein leeres Land gekommen", mahnte der ermordete Ministerpräsident Jitzchak Rabin - und genau diese Problematik droht das Land auch heute noch zu spalten. Zu allem entschlossene jugendliche Palästinenser, die die Beendigung der Intifada durch ihre politischen Repräsentanten für null und nichtig erklären, unzählige grausame Selbstmordattentate und - als Reaktion darauf - blutige Vergeltungsschläge der israelischen Armee setzten eine Gewaltspirale in Gang, die das Land, in dem doch eigentlich Milch und Honig fließen sollte, nicht selten in ein regelrechtes Blutbad tauchen.
Batya Gur hat sich nie gescheut, auf die Fehler und Versäumnisse auf beiden Seiten hinzuweisen; ihre Kritik an der israelischen Armee in dem hoch gelobten Roman "Stein um Stein" ist ehrlich und persönlich, ohne einseitig Partei zu ergreifen.![]()
Melancholie und Intellekt
Auch in den Ochajon-Krimis bestimmt die Einzigartigkeit Israels das Leben und die Handlungen der Protagonisten. Michael Ochajon selbst ist ein typischer Bewohner dieses schönen Landes, dessen wahre Schätze die reiche Geschichte, traumhafte Landschaften und die Herzlichkeit seiner Menschen sind. Ochajons Familie, marokkanische Juden, die mit vielen Hoffnungen und voller Enthusiasmus in den neu gegründeten Staat eingewandert waren, litt von Beginn an unter der rassistischen Überheblichkeit der europäischen Juden, der Aschkenasim, die verächtlich auf die orientalischen Juden, die Sephardim, herabblicken. Die Sephardim wiederum begegnen ihren europäischen Glaubensbrüdern mit dem Hochmut der Rechtschaffenheit. Und so findet sich Ochajons Familie in einer Gesellschaft wieder, die geeint durch die Religionszugehörigkeit und den brennenden Wunsch nach Heimat, doch tief gespalten ist durch die jahrtausendelange Geschichte der Diaspora und der Verfolgung.
Ochajons kurze und unglückliche Ehe, die das Fundament für seine Melancholie legt, spiegelt in gewisser Weise die Probleme des Staates Israel wider. Sehr geschickt zeichnet Batya Gur anhand der Schwierigkeiten der beiden Ehepartner nach, welche sozialen Spannungen dieser Gesellschaft innewohnen: Ochajons Ehefrau Nira ist die verwöhnte Tochter reicher Aschkenasim, die Auschwitz überlebten. Ochajon hingegen ist der hart arbeitende Sohn armer Einwanderer aus Marokko. Der einzige Lichtblick im von Streit und Hass geprägten Ehealltag ist der gemeinsame Sohn Yuval, den Ochajon geradezu abgöttisch liebt. Er ist der Grund, warum die Ochajons auch nach der Scheidung noch Kontakt zueinander halten, was Ochajons Privatleben nicht gerade einfach macht. Der studierte Historiker und hochbegabte Wissenschaftler tritt in den Polizeidienst ein, um seinem Leben einen Sinn zu geben. Dort arbeitet er wie ein Besessener; Zerstreuung findet er in flüchtigen Liebschaften und in den wenigen echten Freundschaften, die er allerdings nur zu Kollegen unterhält.
Batya Gur schildert ihren Helden als hoch gewachsenen, großen Mann mit hohen Backenknochen und traurigen, dunklen Augen, die die Frauenherzen reihenweise dahin schmelzen lassen. Doch dauerhaftes Glück in der Liebe gönnt sie ihm nicht; durch die rastlose Existenz als Lone Wolf verleiht sie der Persönlichkeit des Ermittlers eine nahezu tragische Tiefe. Michael Ochajon, der mittlerweile Chef der Kriminalpolizei Jerusalems ist, bleibt in seiner ungewollten Einsamkeit einzigartig. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die verheiratet sind und mühsam versuchen, die Balance zwischen Privatleben und Beruf zu halten, gibt es einen besonderen Grund, warum er sich unentwegt mit so übergroßem Engagement in die Mörderjagd stürzt: Er hat kein Zuhause, in dem jemand auf ihn wartet, keinen Ort, an den er nach getaner Arbeit gerne zurückkehren würde, um sich im Kreise seiner Lieben zu entspannen und die Grausamkeiten des Polizeialltags zu vergessen. Ochajon ist ein Workaholic und von einem tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit beseelt. Ohne Rücksicht auf hohe religiöse Feiertage, die das ganze Land in Lethargie versinken lassen, kniet er sich in die Ermittlungen, folgt hartnäckig den Spuren von Verdächtigen und entwickelt anhand der spärlichen Fakten Theorien über den Tathergang, die sich am Ende häufig bewahrheiten.![]()
Mord beim Fernsehsender
Batya Gur, die schmerzlich vermisst werden wird, vollbringt in jedem der Ochajon-Krimis das Kunststück, aus den vielfältigen Aspekten des israelischen Alltags einen eigenen Mikrokosmos zu schaffen. In ihrem letzten Werk "Und Feuer fiel vom Himmel" ist es der staatliche Fernsehsender "Kanal 1", der das Land in all seiner Vielfalt, Schönheit und Problematik repräsentiert.
Tirza Rubin, die beliebte und begabte Leiterin der Kostüm- und Kulissenabteilung des Senders wird eines Nachts in den Hallen des Fernsehgeländes von einer Marmorsäule erschlagen. Was anfangs wie ein furchtbarer Unfall aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Mordfall. Tirza wurde kurz vor ihrem Tod bei einem Streit mit einem Unbekannten beobachtet und hatte Würgemale am Hals.
Während der Alltag in der Fernsehanstalt seinen erschreckend normalen Weg weitergeht, tritt die Kriminalpolizei auf den Plan und versucht, in diesem Gewirr aus Abteilungen, Hierarchien und Zuständigkeiten zu ermitteln. Ochajon fehlt anfangs in der Riege der Kollegen, versucht er doch gerade tapfer, seiner Sucht nach Nikotin abzuschwören und hat sich dafür mehrere Wochen Urlaub genommen. Doch als weder die Raucherentwöhnung noch die Mordermittlung echte Erfolge zeitigt, meldet sich Ochajon zurück und bringt schließlich Licht ins Dunkel.
"Kanal 1" konzentriert sich derweil auf die Berichterstattung über eine politische Geiselnahme, ausgeführt von verzweifelten Arbeitern, die bessere Lebensbedingungen erzwingen wollen. Ein kleines Schlaglicht am Rande, von der Autorin geschickt eingeflochten, um Probleme im israelischen Alltag aufzuzeigen.![]()
Eine dunkle Vergangenheit
Jahrzehnte währende Freundschaften, kollegiale Zusammengehörigkeitsgefühle und gelegentliche Liebesaffären bestimmen das dichte Beziehungsnetz, das die Kollegen des Senders miteinander verbindet. Die Ermittler stoßen bei ihrer Arbeit vor Ort auf eine Mauer des Schweigens. Doch in einer solchen Atmosphäre gedeihen auch Ehrgeiz und Neid mehr als prächtig, und so gelingt es Ochajon schließlich, Informationen über die Beteiligten zu sammeln, die ihn unter die schillernde Oberfläche der medialen Hochglanzwelt blicken lassen.
Tirza Rubin war lange mit Arie Rubin verheiratet, der den Ruf eines Frauenhelden und Herzensbrechers hat. Seit längerem lebte sie nun schon mit dem Regisseur Benni Mejuchas zusammen, Arie Rubins bestem und engstem Jugendfreund. Merkwürdige Konstellationen wie diese sind im Sender nichts Außergewöhnliches und werden als normal betrachtet. Die drei arbeiteten gemeinsam, sahen sich auch privat und blieben eng befreundet. Fotos aus der Vergangenheit der Männer zeigen glückliche Jugendliche, die zusammen aufwuchsen, gemeinsam den Militärdienst ableisteten, zusammen in den Krieg zogen und schließlich im gleichen Metier Arbeit und Anerkennung fanden. Doch die Fotos zeigen noch einen weiteren Mann, der sich auf Nachfrage als orthodoxer Rabbiner namens Schrul entpuppt, der in den USA lebt.
Ochajon gräbt immer tiefer in der Vergangenheit Tirzas, Rubins, Mejuchas und des Rabbis, aber seine Ermittlungen drohen zu versanden. Erst als sich die Polizisten näher mit Tirzas letzter Arbeit, einem Film vom Benni Mejuchas, beschäftigen und dazu den Produzenten Matti Cohen befragen, eröffnen sich neue Horizonte. Die Dreharbeiten zum Film "Ido und Einam", der dem Regisseur Mejuchas sehr am Herzen lag, sollten aus finanziellen Gründen gestoppt werden. Noch während des Verhörs erleidet Matti Cohen einen tödlichen Herzinfarkt, der sich ebenfalls als Mord entpuppt. Als dann auch noch Schimschon Zadik, der Intendant des Senders auf grausame Weise regelrecht hingemetzelt und der amerikanische Rabbi tot in Jerusalem aufgefunden wird, dämmert es Ochajon und seinen Kollegen, dass diese Morde ein vor langer Zeit begangenes Verbrechen vertuschen sollen, das auch die hart gesottenen Polizisten erschüttern wird. Mühsam, Stück für Stück, trägt Ochajon winzige Puzzleteilchen zusammen, stellt die richtigen Fragen und erkennt am Ende, dass die Morde aus unterschiedlichen Beweggründen und Motiven begangen worden sind.![]()
Das Ende einer Freundschaft
Schuld, so zeigt sich, hat in der Vergangenheit vor allem der junge Staat Israel auf sich geladen. Er ist schuldig geworden an jenen enthusiastischen jungen Männern, die voller Patriotismus für ihr Land in den Krieg zogen und dabei zu Handlungen gezwungen wurden, an deren Folgen sie ein Leben lang zu tragen haben. Die einen lernten, das Geschehene zu verdrängen, begannen ein neues Leben, gründeten eine Familie oder widmeten sich ihrer Karriere. Andere quälte die Erinnerung, sie suchten den Freitod, verließen das Land oder nahmen Zuflucht zur Religion. Und dann gibt es noch die beiden, die Freunde blieben - auf immer aneinander gekettet durch Gräueltaten, verübt im Auftrag der Regierung. Zwei Männer, die, wie siamesische Zwillinge, einen gemeinsamen Lebensweg beschritten, in der gleichen Branche arbeiteten, die gleiche Frau liebten und denen diese Nähe schließlich zum Verhängnis wurde.
Denn die Frau in ihrer beider Leben ist das personifizierte Gute, ist voller Güte und Verständnis und völlig ahnungslos, was die dunkle Vergangenheit der beiden Männer anlangt. Als sie von den Gräueltaten erfährt, wandelt sich ihre Liebe und Zuneigung für den Geliebten und den Freund mit einem Schlag in blankes Entsetzen. Als sie schließlich die gemeinsame Basis der drei, das Medium Fernsehen, für die Offenlegung der Taten nutzen will, muss sie sterben. Und so siegt das Böse über die Liebe, der dringende Wunsch, die eigenen Fehler begraben zu wissen, über die Chance einer echten Vergangenheitsbewältigung.
Und auch Ochajon muss sich politischen Sachzwängen beugen, als ihm sein Freund und Vorgesetzter, der Nachrichtenoffizier Balilati, klar macht, dass die Gründe für die Morde niemals an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Der Staat Israel wäre in seinen Grundfesten erschüttert, das Militär entehrt und die vermeintlich ruhmreiche Geschichte des Jom-Kippur-Krieges für immer in den Schmutz getreten. Was übrig bleibt, sind vier Tote, denen diese Verschleierungstaktik zum Verhängnis geworden ist, ein Mörder, der von seiner Vergangenheit eingeholt wurde und Dutzende von namenlosen Ermordeten, die man ebenso eilig im Wüstensand verscharrt hat, wie man heute den Mantel des Schweigens über die Gräueltaten breitet, denen sie zum Opfer gefallen sind.![]()
Der Preis der Heimat
Wie weit darf ein Staat gehen, um sich vor Terror zu schützen? Welche Mittel sind legitim, um die lang ersehnte Heimat vieler Verfolgter, die rettende Zuflucht für Millionen zerstörter menschlicher Schicksale, zu schützen?
Als Ochajon am Ende des Buches mit seinem Sohn Yuval einen Kaffee trinken geht, befragt der kritische junge Mann seinen Vater nach dessen Meinung zum Zionismus, jener politisch-religiösen Bewegung, auf der die Gründung des Staates Israel basiert. Ochajon fällt es schwer, Stellung zu beziehen, doch Yuval bleibt hartnäckig. Durfte der Staat auf dem Boden der Palästinenser entstehen? Durften dem Wunsch nach einem eigenen Judenstaat die Rechte eines anderen Volkes geopfert werden? Während Ochajon sich noch windet und nach Erklärungen sucht, die beiden Seiten gerecht werden, hat Yuval seine Antwort bereits gefunden. Seine Zukunftspläne sehen nicht vor, dass Israel für immer seine Heimat bleiben wird.
Wieder einmal ist es Batya Gur gelungen, in einem überaus spannenden Kriminalroman, die politisch-sozialen Konfliktpotentiale des modernen Israels zu beleuchten und die heftig geführte Debatte über das Für und Wider der zionistischen Grundidee vor Augen zu führen. Wie hoch darf der Preis sein für eine eigene Heimat? Und wer muss ihn bezahlen?
Im intriganten Geflecht des staatlichen Fernsehsenders, wo Einschaltquoten und Finanzfragen das Programm bestimmen, wo Kultur und Wissenschaft den tumben Unterhaltungssendungen geopfert werden, siedelt die Autorin ihren hoch spannenden Plot an. Hier, wo entschieden wird, was die israelische Öffentlichkeit zu sehen bekommt, zeigt sich, dass die Schicksale Einzelner mit der Vergangenheit des Landes unentwirrbar verflochten sind. Menschen, deren eigentliche Aufgabe es ist, ihren Mitbürgern Informationen zu vermitteln, versagen, weil sie ihre eigene Vergangenheit nicht bewältigen können. Dabei sind die Figuren - wie immer in Batya Gurs Kriminalromanen - überaus glaubwürdig und überzeugend gestaltet. In den hitzigen Diskussionen der Fernsehleute über die Grenzen der Pressearbeit und die Ethik der Berichterstattung geht es eigentlich immer um die fragile politische und soziale Situation des Landes. So erfährt der Leser ganz nebenbei eine Menge über die aktuellen Probleme Israels.![]()
Ein unvollkommener Held für die Ewigkeit
Doch aus all den Verwirrungen, Intrigen und Lügen geht wieder einer hervor, der sich selbst treu bleibt. Ochajon ist tief erschüttert über die Verlogenheit der Gesellschaft, das feige Schweigen der Wissenden und die Möglichkeiten der politisch Mächtigen, der Öffentlichkeit Informationen vorzuenthalten. Dennoch liebt Ochajon sein Land und ist mit Leib und Seele ein Bürger des Staates Israel, auf den er in gewisser Weise auch stolz ist. Es sind seine Zweifel, seine Unsicherheit und seine Integrität, die Ochajon so sympathisch machen. Ein Held mit vielen Schwächen, der durch den frühen Tod seiner Schöpferin für immer in seiner Unvollkommenheit verharren wird.
Batya Gurs Vermächtnis ist ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf ein friedvolles Miteinander der Menschen in ihrem Heimatland Israel und dessen Nachbarn. Diese Hoffnung basierte auf dem unerschütterlichen Glauben, dass es möglich ist, dass die Liebe zu diesem wunderbaren Land die Menschen unterschiedlicher Herkunft, Traditionen und Glaubenszugehörigkeit eint. Batya Gur glaubte an eine Gesellschaft, die Menschen wie Michael Ochajon als ihre Heimat betrachten werden.![]()
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