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Assisi Anfang des 13. Jahrhunderts. Er speist mit den Armen und gibt den Tieren eine eigene Stimme: Franz von Assisi. In der Äbtissin Klara findet er seine treueste Anhängerin und Weggefährtin. Sie bleiben einander zeitlebens zugewandt und predigen bedingungslose Liebe. Doch die Legende verschweigt, was Klara und Franziskus wirklich verband.![]()
1) Sie haben in Ihren Romanen schon immer spannend historische Ereignisse aufbereitet. Was hat Sie bewogen, jetzt Ihren ersten historischen Krimi zu schreiben?
Krimis gehören zu meinen Leidenschaften. Ich lese sie gern, sehe sie gern im Fernsehen und auf der Kinoleinwand – und ich schreibe sie gern. Die Idee, den Stoff um das Erbe des heiligen Franziskus in ein Krimi-Gewand zu kleiden, entstand im Lauf meiner umfangreichen Recherchen. Neben einem enormen Maß an Literatur, die ich dazu gesichtet habe, waren es zwei Reisen auf der via francescana – vor allem die letzte in einem verregneten, Nebel verhangenen Frühjahr –, die mich dazu inspiriert haben. Umbrien sah da an manchen Tagen aus wie Schottland, geheimnisvoll, menschenleer, voller Schatten. Da wurde die Krimi-Idee geboren …![]()
2) Sie decken Geheimnisse auf und lassen ihre Figuren Tabus brechen und Frevel begehen. Spielen Sie dabei mit unserer Lust am Bösen?
Das „Böse“ kann in seinen Abgründen manchmal faszinierender sein als das „Gute, und in jedem von uns stecken ja diese beiden Pole. Jemand, der um einer Idee willen bereit ist, Grenzen zu überschreiten und sogar Menschen zu töten – das hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Interessant ist es, zu beschreiben, wie er das tut und warum. Religion als Auslöser für Hass und Gewalt oder um etwas zu „bereinigen“: Heute wundert sich die christlich-abendländische Welt bisweilen, wie weit Anhänger anderer Religionen zu gehen bereit sind. Dabei hat sie es über viele Jahrhunderte in allen Schattierungen vorgemacht … Das „Böse“ ist für mich wie ein Schatten, der das „Gute“ heller macht. Gehört also unbedingt dazu – und schreibt sich herrlich!![]()
3) Franz von Assisi ist der wohl bekannteste Heilige. Was fasziniert Sie an seiner Person?
Franziskus ist vielleicht nicht unbedingt der bekannteste Heilige – da gäbe es mit dem Nikolaus, dem heiligen Georg oder dem heiligen Florian noch andere Anwärter auf diesen „Ehrentitel“ –, aber er ist für mich der menschlichste. In seiner Jugend ein Playboy und Taugenichts, der das Geld seines reichen Vaters mit vollen Händen ausgab, erfolgte nach schweren äußeren und inneren Krisen die Umkehr – und die bedingungslose Hingabe zu Gott und einem Leben in absoluter Armut.![]()
Kompromisslos und, wenn Sie wollen, extrem ist er aber auch dabei geblieben – dazu gehörte die Ablehnung von Hierarchie, von „Papierwissen“ (er hat Bücher und gelehrte Abhandlungen gehasst), von jeder Art von Besitz, geschweige denn Reichtum. Dennoch ist er bis zum Schluss ein Suchender geblieben, jemand, der zeitlebens einen harten Kampf gegen die Lüste und Bedürfnisse seines Körpers geführt hat, den es in seinen Augen niederzuzwingen galt. Jemand, für den Freundschaft und Liebe zu allen Geschöpfen ALLES war.![]()
Für mich hat er sich quasi als erster mittelalterlicher Mensch von den Knien erhoben und ist – bei aller Demut und Bescheidenheit – sozusagen stehend mit Gott in Kontakt getreten, eine Position, die auch erlaubt hat, die Schönheit der Schöpfung in einem der ersten großen Gedichte des späten Mittelalters zu besingen. Sein „cantico delle creature“ (wörtl. „Gesang der Geschöpfe“) umfasst sehr viel mehr als unsere einschränkende deutsche Übersetzung „Sonnengesang“. ![]()
Was ich noch an ihm liebe, ist sein feiner Humor, der immer wieder auch in schwierigen Lebensphasen durchkommt. Zu Recht hat er sich selbst „Spielmann Gottes“ genannt. ![]()
4) Franz von Assisi war nicht immer ein streng gläubiger Mensch und hatte ein durchaus unrühmliches Vorleben. Wie geht die Kirche damit um?
So, wie sie es immer gern getan hat: vertuschen, kleinreden, verniedlichen – fälschen. Ganz kurz wird sein Vorleben gestreift, um dann den Fokus auf das heilige Leben zu richten. Aber Franziskus kann man ohne das „Davor“ nicht richtig begreifen. Er ist nicht schon als Heiliger zur Welt gekommen, sondern war ein fehlbarer, unperfekter, sündiger Mensch, der sich in einem harten inneren Kampf für das andere Leben entschieden hat. Trotzdem wurde seine Vita von der Kirche nachträglich „frisiert“ – wie alle anderen Heiligenviten ebenfalls. Was nicht sein darf, kann nicht sein …![]()
5) Gibt es Belege dafür, dass Franz von Assisi die heilige Klara geliebt hat und aus der Beziehung eine Tochter entstand?
Glauben Sie, das hätte die Kirche zugelassen? Aber jetzt gibt es ja endlich meinen Roman …![]()
6) In Ihrem Roman gehen Sie mit den Machenschaften der Kirche im Mittelalter hart ins Gericht.
Muss man das nicht? Die Kirche hat über Jahrhunderte ihr Machtmonopol bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Die Menschen sollten glauben, nicht wissen, waren eher „Material“ als Individuen. In der Person von Franziskus tritt der reichen, korrupten, satt gewordenen Herrschaftskirche nun ein ernst zu nehmender Rebell entgegen – jemand, der sich nicht nur auf Jesus und seine Jünger beruft, sondern sein ganzes Leben nach ihrem Vorbild ausrichtet. Das war gefährlich! Gefährlich für Franziskus, denn er hätte ebenso gut als Ketzer gebrandmarkt werden können. Gefährlich aber auch für die Kirche, denn wenn es ihr nicht gelungen wäre, ihn (und damit einen Großteil der Kritik an ihrem Vorgehen) zu integrieren, hätte sie das 13. Jahrhundert in dieser Form vielleicht gar nicht überlebt …![]()
7) Das Mittelalter übt auf uns eine besondere Anziehungskraft aus. Warum tauchen wir so gern in diese grausame, mystische und entbehrungsreiche Zeit ein?
Ach, das Mittelalter war nicht grausamer oder dunkler oder entbehrungsreicher als andere Zeiten auch – auch wenn wir das so gerne hineingeheimnissen! Es hat viele Jahrhunderte gedauert, die sehr unterschiedlich waren – mein verehrter Lehrer Prof. Dr. Karl Bosl sagte einmal auf die Frage, wann es geendet habe: „1789“, und ich finde, in vielem hat er damit recht! ![]()
Wir haben es zu einer Art Fantasy gemacht – mit Rittern, Jungfrauen, Königen – ich wette, manche denken sogar, Drachen könnte es gegeben haben. Damit aber entfernen wir uns eher vom Mittelalter, als es endlich besser zu verstehen. Für mich sind es spannende, aufregende Jahrhunderte, in denen altes Wissen verloren gegangen war, aber neues entstand – gewissermaßen eine Art Neubeginn der Menschheit nach dem Ende der Antike, ebenso tapsig, unbeholfen, maßlos, neugierig, umwerfend, wie Heranwachsende eben sind. ![]()
Es gab immer Schatten UND Licht – das sollten wir niemals vergessen! ![]()
8) Im Mittelpunkt Ihrer Romane stehen eher Frauen. Dieses Mal aber spielt der Bruder Leo die Hauptrolle. Ist es schwieriger, sich in Männer hineinzudenken?
Leo UND Stella, wobei Leo als Visitator natürlich mehr und anders agiert. Ich schreibe gerne Personen mit vielen Ebenen, dabei spielt es für mich keine so große Rolle, ob Mann oder Frau. Leo habe ich vom ersten Moment an gemocht, das ist eigentlich am wichtigsten für mich, dass ich sofort Kontakt mit meinen Protagonisten bekomme. Mir hat an dieser Paarung gefallen, dass sie sich brauchen, was allerdings Stella schneller einsieht als Leo, der Mönch …![]()
Aber ist er nicht endlich mal ein toller Mann, mit dem man auch gerne ein Stück pilgern würde?![]()
9) Die Geschichte ist in Umbrien und Assisi angesiedelt, und man merkt, dass Sie sich dort gut auskennen. Haben Sie vor Ort recherchiert?
Hab ich! Umbrien ist mir schon seit dreißig Jahren gut bekannt, ich war mehrfach in den schönen Städten und Landstrichen dieser Region, aber eher zum Vergnügen und natürlich noch lange nicht so gut eingelesen. Und Sie wissen ja: Man sieht nur, was man weiß …![]()
Speziell für den Roman habe ich zwei Forschungsreisen unternommen, eine 2007 und eine 2010, um alles noch einmal aufzufrischen – hat sich wirklich gelohnt! Vor Ort habe ich mich zusätzlich von kenntnisreichen Führern beraten lassen, wie ich es immer bei allen meinen Projekten mache. Da kommen dann auch schöne Kleinigkeiten ins Visier …![]()
10) In Ihren Romanen bringen Sie Lesern geschichtliche Ereignisse näher. Betrachten Sie Ihre Bücher als unterhaltsame Lehrstunde?
Ich möchte gerne Geschichte durch Geschichten erzählen – deshalb bemühe ich mich stets um ein Höchstmaß an Authentizität. Aber es ist ja kein Geschichtsbuch, das ich verfasse (mit wissenschaftlichem Apparat und Anhang), sondern ein Roman – also kann und muss ich auch von der Historie abweichen, um eine spannende Story zu erzählen. ![]()
Ob es unterhaltsam ist, muss ich meinen Lesern überlassen. Was mir aber große Freude macht, ist bei den Lesungen zu beobachten, wie stark das Interesse an Geschichte wächst. Wenn ich meine Textstücke beendet habe und frei zu erzählen beginne, dann lauschen sie alle fasziniert und wollen oft gar nicht mehr nach Hause gehen. Da schlägt das Herz einer begeisterten Historikerin natürlich höher!
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