Eine märchenhafte Erfolgsgeschichte
»Die Mondschwimmerin« erschien im September 2007 im Eigenverlag Flap Jacket Press, den Brunonia Barry gemeinsam mit ihrem Mann für ihren Debütroman gegründet hatte.
Dank der Mundpropaganda begeisterter Buchhändler und Leser fand Barry nicht nur eine Literaturagentin, sondern wurde bald darauf bei der HarperCollins-Tochter William Morrow unter Vertrag genommen.
»The Lace Reader«, wie der Titel im Original heißt, erschien im Sommer 2008 – und schaffte auf Anhieb den Sprung auf alle Bestsellerlisten.

Liebe Leserinnen und Leser,
seit mein Roman in den USA erschienen ist, wird mir eine Frage immer wieder gestellt: Wie viel von der Geschichte ist wahr? Das ist eine interessante Frage, vor allem, weil das Buch davon handelt, was wahr und was nur eingebildet ist und wie unsere Erwartungen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflussen. Aber natürlich ist und bleibt »Die Mondschwimmerin« Fiktion. Und obwohl ich beim Schreiben von einer bestimmten Zeit (den späten 1990er Jahren) und einem realen Ort (Salem, Massachusetts) inspiriert wurde, ist mit Ausnahme von einzelnen historischen Komponenten nichts von der Geschichte und keine von den Figuren wirklich »real«.

Das zweite, was die Leser interessiert, sind die Hexen von Salem – und ob es sie wirklich gibt. Blickt man zurück in das Jahr 1692, dann wird man feststellen, dass es zu jener Zeit in Salem keine Hexen gab, sondern nur Einwohner, die Angst hatten, es könnte Hexen geben. Grausamerweise führte diese Angst zum Tod von neunzehn unschuldigen Menschen. Heute gibt es Hunderte von Hexen in Salem, die meisten gehören der Wicca-Bewegung an. Sie führen ein ruhiges Leben als Shopbesitzer und Geschäftsleute. Sie üben ihre Religion offen aus, ohne provozieren oder anecken zu wollen. Und sie leben einträchtig mit den anderen Bewohnern Salems zusammen.

Die Geschichte der Spitzenklöppelei in Ipswich, wie ich sie in meinem Buch beschrieben habe, ist wiederum wahr. Es war ein Gewerbe, das allein von Frauen ausgeführt wurde und das in Massachusetts etwa einhundert Jahre lang florierte. Sechshundert Frauen fanden dadurch Arbeit – doch dann verschwand dieser Gewerbezweig, als die maschinelle Herstellung von Spitze erfunden wurde.

Soweit ich weiß, wird das Erstellen von Spitzenorakeln nicht wirklich praktiziert. Mir kam der Gedanke eines Nachts in einem Traum, der so anschaulich und eindrucksvoll war, dass ich ihn in meinem Tagebuch festhielt. Schließlich inspirierte mich dieser Tagebucheintrag zum Schreiben. Die Vorstellung, in Spitze lesen zu können, spricht viele Leser an; und viele von ihnen meinen, jemanden zu kennen, der diese intuitive Kunst beherrscht: eine alte jungfernhafte Tante etwa oder die Freundin einer Freundin. Doch es stellt sich immer wieder heraus, dass die Tante oder die Freundin der Freundin in etwas anderem liest: in Teeblättern, Tarotkarten oder sogar in Kopfformen. Bis zum letzten Sommer, nachdem das Buch in den USA erschienen war, hatte ich nie irgendeine Person kennengelernt, die wirklich in Spitze lesen konnte. Inzwischen haben allerdings einige der Hexen von Salem damit begonnen, und sie nutzen dafür die Anleitung aus meinem Buch. Viele von ihnen meinen, das Erstellen von Spitzenorakeln helfe ihnen dabei, ihre Intuition und ihre übersinnlichen Fähigkeiten zu schärfen.

Ich freue mich sehr, dass »Die Mondschwimmerin« in Deutschland erscheint. Mein Ehemann hat mütterlicherseits deutsche Wurzeln, weshalb mir das Land der Dichter und Denker vertraut ist und ich großes Interesse dafür hege.

Ich glaube, es gibt eine bestimmte kulturelle Lesart von »Die Mondschwimmerin«, die sich gut ins Deutsche übertragen lässt. Nicht nur wegen der Kunst des Spitzeklöppelns, sondern vor allem wegen der reichen Tradition der Psychotherapie, über die Deutschland verfügt. Es waren auch zwei deutsche Freunde von der Universität von Harvard, beide Psychologen, die mir bei frühen Bearbeitungen des Romans und auch mit Towners Fallgeschichte und ihrer Charaktermotivation geholfen haben.

Mein Wunsch ist es, Deutschland bald einen Besuch abzustatten, um meinen Roman persönlich mit den Leserinnen und Lesern diskutieren zu können. Bis dahin hoffe ich, dass Sie die Geschichte der Whitney-Frauen und vor allem die Geschichte Towners – einer jungen aufgewühlten Frau, die buchstäblich zurückgehen muss, um vorwärtsgehen zu können – genießen werden. Ich hoffe auch, dass mein Roman viele Leser zu lebhaften Diskussionen anregt: über die Beschaffenheit der Realität, unsere Wahrnehmung und die heilende Kraft der Phantasie.
Ihre Brunonia Barry