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SPECIAL zu Dagmar Trodler »Die Totenfrau des Herzogs«

Die Totenfrau des Herzogs
 

Das Lied der Nachtigall

Buchempfehlung von Manuela Haselberger

 

Unter den Liebhabern des historischen Romans ist die Autorin Dagmar Trodler seit ihrer Trilogie um „Die Waldgräfin“ eine feste Größe. Ihr neues Buch „Die Totenfrau des Herzogs“ spielt um das Jahr 1000 n. Chr. In dieser Zeit trifft das nordische Heidentum auf das expandierende Christentum, es geht um die Eroberung von Byzanz und um den Aufstieg Apuliens. Hauptfigur des Romans ist eine junge Frau, Ima von Lindisfarne, die den Lesern bereits in „Die Rose von Salerno“ begegnete. Imas unverwechselbares Kennzeichen ist ihr sechster Finger. Ihre profunden medizinischen Kenntnisse haben schon so manches Leben gerettet. An ihrer Seite agiert der normannische Herrscher und Herzog von Apulien, Robert Guiskart (1015 – 17. Juli 1085), eine historisch verbürgte Person.

Auf Krankenbesuch bei der Herzogin
In ihrer Kindheit hat Ima bereits eine Menge über die Wirkung von Kräutern und Heilmitteln bei ihrer Mutter gelernt, nun hat die erfahrene Ärztin Trota von Salerno, eine wichtige Lehrmeisterin, ihre weitere medizinische Ausbildung übernommen. Eines Abends wird Ima in die Residenz des Herzogs gerufen. Die Herzogin Sicaildis ist als äußerst schwierige Patientin bekannt, und wieder einmal plagen sie ihre Beine. Nicht umsonst nennt sie das Gesinde hinter vorgehaltener Hand „terror domus“ – der Schrecken der Residenz –, während sich der Ehemann als „terror mundi – der Schrecken der Welt“ – einen Namen macht. Ima gewinnt durch ihre ruhige und besonnene Art das Vertrauen der ungeduldigen und oft auch unbeherrschten Sicaildis. Ihr Ehemann, Robert Guiscard, Herzog von Apulien, befindet sich währenddessen auf Kriegszug im Mittelmeer. Sein Heer hat auf der Insel Kephalonia Station gemacht und nach mehreren verlustreichen Schlachten liegt der Herrscher im Sterben. Auf dem Totenbett möchte er seine Ehefrau noch einmal sehen, und so macht sich Sicaildis auf den beschwerlichen Weg.

Die letzte Reise zum Herzog von Apulien
Es steht für Sicaildis außer Frage, dass sie neben ihrem Koch und einem Mönch auch von ihrer Ärztin begleitet wird. Ima selbst wird gar nicht lange gefragt. Ihr bleiben nur wenige Stunden, um sich für die Reise vorzubereiten. Es gefällt ihr zwar überhaupt nicht, dass Sicaildis sie wie ihre Magd behandelt, doch auf der langen Reise wird es noch genug Gelegenheiten geben, um diesen störenden Sachverhalt zwischen ihnen zu klären. Zähneknirschend reitet Ima mit nach Otranto, von dort aus geht es mit dem Schiff weiter. Das halsbrecherische Tempo zahlt sich aus: Sicaildis kommt rechtzeitig, um noch ein letztes Mal mit Robert zu sprechen. Der streitbare normannische Herrscher und Kriegsherr stirbt, da kommt auch Imas medizinische Hilfe zu spät. Ihr fällt die nicht einfache Aufgabe zu, den Leichnam so vorzubereiten, dass er in der apulischen Heimat unbeschadet und mit großem Pomp beigesetzt werden kann. Sicaildis ist eine kluge Herzogin und hat durchaus Sinn für Theatralik und große Gesten.

Wer wird Nachfolger?
Sie weiß auch genau, dass nach Roberts Tod in erster Linie die Nachfolge ihres Ehemanns geregelt werden muss. Sehr deutlich und unüberhörbar hat er nach seinem ältesten Sohn Bohemund von Tarent aus erster Ehe verlangt, doch dieser wurde über den nahenden Tod des Vaters nicht informiert. Einzig sein zweiter Sohn Roger aus der Ehe mit Sicaildis ist anwesend. Roger interessiert jedoch ein Fass Bier viel mehr als die Geschicke Apuliens. Die verbliebenen Soldaten, die in äußerst dürftigen Unterkünften leben und seit Monaten hungern, leisten nicht ohne Murren Roger Gefolgschaft. Hierzu ist das schnelle Eingreifen Sicaildis nötig. Ohne lange nachzudenken beauftragt sie einen ihrer Getreuen mit dem Mord an Bohemund, der sein Lager zufällig in der Nähe aufgeschlagen hat. Ima erfährt von dem heimtückischen Plan und setzt alles daran, diesen zu durchkreuzen. Dass sie sich dabei unerlaubt von ihrer Aufgabe entfernt, ist ihr gleichgültig. Die Herzogin hat sich daran zu gewöhnen, dass Ima eine freie Frau ist, die ihre eigenen Entscheidungen trifft. Ohne die Hilfe ihres getreuen Ritters Gérard de Hauteville, der ihr beherzt auf all ihren Wegen zur Seite steht, würde Imas abenteuerlicher Plan allerdings tödlich enden.

Sinnenfroher Detailreichtum
Neben Gérard hat Ima noch einen zweiten stetigen Begleiter. Immer wenn sie in Ruhe ihre Gedanken sammelt, Trost spendet oder einer konzentrierten Tätigkeit nachgeht, ist der Gesang der Nachtigall im Hintergrund zu hören. Wenn ihr Lied ertönt, dann ist Ima gewiss, dass wichtige Entscheidungen anstehen. Das Lied der Nachtigall ist ein kleines, aber wichtiges Detail, aus dem großen Reichtum an farbenfrohen historischen Fakten, aus dem Dagmar Trodler mit vollen Händen schöpft. Folgt man ihr zu den Lagerplätzen der Soldaten, so sieht der Leser nicht nur die Hellebarden, Helme und Schwerter deutlich vor sich, er atmet auch den nicht immer angenehmen Geruch der Zelte, der Kranken und Verletzten. Das gehört bei Dagmar Trodlers Romanen einfach dazu.

Zwei starke Frauen im Duell
Sehr pointiert stellt die Autorin die unterschiedlichen Charaktere der beiden starken Frauen Ima und Sicaildis heraus, die sich einen durchaus ebenbürtigen Kampf liefern, ganz ohne Kriegswaffen – eine schneidende Zunge genügt.

Am Ende kehrt der Leichnam Robert Guiscards nach etlichen stürmischen Abenteuern in die apulische Heimat zurück. Doch die Frage der Nachfolge ist letztlich noch offen und auch die Geschicke Bohemunds bleiben ungeklärt. Dazu verrät uns Dagmar Trodler bestimmt im nächsten Roman mehr. Sicher ist einzig, dass Ima ihrem Ritter Gérard ins neue Heim folgt, doch ob damit all ihre unterhaltsamen Kabbeleien und Streitereien wirklich vorbei sein sollten? Wohl kaum. Das wäre doch zu schade.

Manuela Haselberger
(bookinist)
Geislingen, Juli 2009

 
 

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