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SPECIAL zu Daoud Hari »Der Übersetzer«

Der Übersetzer
 

Vergessenes Land

Rezension von Sabine Schmitt

 

Daoud Haris autobiografischer Bericht „Der Übersetzer – Leben und Sterben in Darfur“

„Der beste Weg, das eigene Elend zu überwinden, ist, andern zu helfen und darin ganz aufzugehen.“ (Daoud Hari)

Darfur – dieser Name steht heute für die größte humanitäre Katastrophe der letzten Jahrzehnte. Noch immer sind 2,5 Millionen Menschen im Westsudan auf der Flucht, weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? Möglicherweise ist die Anzahl derer, die schon längst einmal wissen wollten, was in Darfur vor sich geht, gar nicht so gering. Vielleicht sind es sogar viele, die sich fragen, wie es geschehen kann, dass ein ganzes Volk systematisch vertrieben und ermordet wird, auf wessen Geheiß dies passiert und aufgrund welcher Entwicklungen und Interessen. Wie bringen Menschen es fertig, sich an anderen so grausam zu vergehen, unschuldige Männer, Frauen und Kinder einfach abzuschlachten? Wie kommen ihre Führer und Auftraggeber dazu, etwas derart Scheußliches zuzulassen oder gar anzuordnen?

Allen, die Antworten auf diese Fragen suchen, öffnet der bewegende Lebensbericht von Daoud Hari die Augen. Der Autor ist in Darfur aufgewachsen und hat das Schicksal seines Volkes am eigenen Leib erfahren, das Leiden vieler Menschen – das seiner Familie, seiner Verwandten und Freunde, von Jungen und Alten – unmittelbar miterlebt.

Todeszone Somalia
Existierte eine Rangliste für gescheiterte und gefährliche Staaten, so würden nach dem „Länder-Risiko-Ranking“ von Jane's Information Group Somalia und die Palästinensergebiete sich den ersten Platz teilen. Danach erst folgten Afghanistan und der Irak. Wer das ostafrikanische Land bereist, spielt mit seinem Leben.

„Hunderttausende meiner Landsleute wurden in der letzten Zeit getötet, wie Sie vielleicht gehört haben. Weitere zweieinhalb Millionen fristen ihr Dasein in Flüchtlingslagern oder in abgelegenen Verstecken in Wüstentälern. Die Hintergründe für diesen Zustand will ich im Folgenden darlegen.“

Daoud Ibarahaem Hari, vom Stamm der Zaghawa und geboren in Darfur, setzt immer wieder sein Leben aufs Spiel. Er begleitet Journalisten und Fernsehteams durch die Krisenregion, beschafft Autos, dolmetscht bei Interviews mit Rebellenführern und sorgt dafür, dass seine Schützlinge wieder sicher in ihre englische oder amerikanische Heimat zurückkehren. Von dort aus berichten sie von der gewalttätigen Vertreibung der Menschen aus ihren Dörfern, von ihrem Leiden und von den Gräueltaten der islamistischen Reiterschwadronen, Dschandschawid genannt: „böse Geister auf Pferden“.

Waffen statt Argumente
Der Horror nimmt seinen Anfang, als Daoud noch zur Schule geht: Die arabische Regierung unter General Umar Hassan Ahmad al-Baschir will die sesshafte nichtarabische Bevölkerung von ihrem Land vertreiben. Dafür unterstützt sie die arabischen Nomaden. Bis dahin hatten beide Gruppen weitgehend friedlich nebeneinander her gelebt. Wenn man sich einmal ins Gehege kam, dann meistens wegen Weideland und Wasser für das Vieh. Diese Streitigkeiten wurden ohne viel Aufheben in einem traditionellen Ehrengefecht ausgetragen. Danach war der Frieden in der Regel wieder hergestellt und man lud sich erneut gegenseitig zum Essen ein. Dies änderte sich radikal, als die arabische Regierung begann, die arabischen Nomaden mit Waffen, Hubschraubern, Bombern und Panzern auszustatten, um deren Argumenten mehr Nachdruck zu verleihen.

Gefährliche Reise
Daoud wird bereits in jungen Jahren von seinem Vater in die Hauptstadt von Nord-Darfur, al-Faschir, geschickt, um eine gute Schulausbildung zu erhalten. In den folgenden Jahren lernt der Junge die englische Sprache und entdeckt seine Begeisterung für die klassische englische und amerikanische Literatur. Bevor er nach dem Abschluss wieder in sein Heimatdorf zurückkehrt, um Kameltreiber zu werden und eine Familie zu gründen, erfüllt er sich einen Herzenswunsch: Er will etwas von der Welt sehen. Eine folgenschwere Entscheidung: Er geht zunächst nach Libyen, um sich eine Arbeit zu suchen. Angelockt von den höheren Löhnen, reist er nach Ägypten und verdingt sich als Kellner in einem Restaurant am Schwarzen Meer. Als er erfährt, dass man in Israel noch mehr verdienen könne – statt hundert bis zu tausend Dollar im Monat –, beschließt er, die Reise trotz strenger Grenzkontrollen zu wagen. Bei dem Versuch, die Grenze zu passieren, wird er im Gazastreifen sofort festgenommen.

In einem der härtesten Knäste der Welt
Von Israel aus schickt man ihn zurück nach Ägypten, wo er als vermeintlicher Spion unter strengen Arrest gesetzt wird. Im Gefängnis passieren furchtbare Dinge:

„Ich hatte es selbst miterlebt, hatte den ganzen Tag in der Sonne gekniet, um Wasser gebettelt und die bloßen Fäuste eines riesigen Wärters zu spüren bekommen. Ich hatte Monate in einer derart überfüllten Zelle verbracht, dass wir uns zum Sitzen abwechseln mussten. Manche der neunzig Menschen in diesem kleinen Raun waren dort seit dreizehn Jahren. Es war sehr heiß und stank fürchterlich. Ein zehnjähriger Junge wurde so brutal geschlagen, dass er im Sterben lag, und ich versuchte ihm Beistand zu leisten.“

Um einer Auslieferung an den Sudan und damit dem sicheren Todesurteil zu entgehen, überredet Daoud einen alten mitfühlenden Gefängniswärter, Freunde in Kairo anzurufen, damit diese Kontakt zu einer Menschenrechtsorganisation herstellen. Hamdallah! – Gott sei gedankt, der Coup gelingt. Dass er frei gekommen ist, erscheint Daoud wie ein Wunder.

Lichter des Krieges
Als er im Flugzeug sitzend seine Heimat überfliegt, sieht er seltsame Lichter in der Dunkelheit aufscheinen: das letzte Auflodern von Hütten und Dörfern, von jahrhundertealten Dorfbäumen. Es sind die Lichter des Krieges, Darfur steht in Flammen. Vom Tschad aus versucht Daoud sich nun auf einer strapaziösen Autoreise bis zu seiner Familie durchzuschlagen, um die er sich große Sorgen macht. Sind sie überhaupt noch am Leben?

„Wenn ich inmitten der Erschöpfung und des Gerüttels der langen Fahrt einmal über das Ganze nachdachte, kam es mir vor wie ein Albtraum. Dieser Teil der Welt, unsere Welt, veränderte sich täglich in rasendem Tempo, stürzte immer tiefer in das Feuer der Grausamkeit. Ich wollte aufwachen.“

Exodus
Endlich in seinem Heimatdorf angekommen, findet Daoud die meisten seiner Angehörigen tatsächlich unverletzt vor, muss aber nur wenige Stunden später den brutalen Angriff der muslimischen Reitermilizen miterleben. Während er den Dorfbewohnern hilft zu fliehen, stirbt beim Versuch, die Todesschwadronen aufzuhalten, sein geliebter Bruder Ahmed. Ein traumatisches Erlebnis:

„Die Menschen weinten beim Laufen, wenn sie dachten, was sie alles zurückgelassen hatten, und sie weinten um die Verteidiger und einige alte Leute, die geblieben waren. Ein paar Jungen konnten wir damit beruhigen, dass wir ihnen sagten, sie müssten eines Tages diese großartige Geschichte ihren Kindern erzählen. Doch den Mädchen und den Frauen konnten wir nichts sagen, denn sie sahen keine Zukunft mehr. Unser Dorf war weg. Einige unserer besten Männer waren tot. Es gab keinen Grund, nicht zu weinen, während sie in mehreren schwarzen Reihen durch die Hügel liefen.“
Unerwünscht im eigenen Land
So werden viele Tausende unschuldiger Menschen zu dem, was die Welt als IDP bezeichnet: internally displaced persons oder Binnenflüchtlinge, also Vertriebene innerhalb ihres Heimatstaates. Andere wiederum versuchen in das Nachbarland Tschad zu gelangen – auf von Gräbern gezeichneten Wegen. Viele leiden Hunger und Durst, Medikamente oder schmerzstillende Mittel gibt es keine.

„Wir kamen zu einem einsamen Baum nicht weit von der Grenze zum Tschad, unter dem wir eine tote Frau fanden, und zwei ihrer drei Kinder waren ebenfalls tot. Das dritte Kind starb in unseren Armen. Die Haut dieser Kinder war wie feines braunes Seidenpapier, so verknittert.“

Als die Gruppe endlich den Tschad erreicht, erhält Daoud von seinen Freunden einen Auftrag: „Geh du hin, Daoud, und unterstütze deine Freunde in den Hilfsorganisationen; du sprichst Englisch, also ist das deine Bestimmung.“

Der Übersetzer
Von nun an arbeitet er unter dem Namen Suleyman Abakar Moussa als Übersetzer. Vor allem westliche Journalisten nehmen seine Dienste gerne in Anspruch, sie schätzen seine Ortskenntnis und sein weites Netz von Kontakten. Zu seiner Klientel zählen journalistische Größen wie Paul Salopek von National Geographic, Nicholas Kristof von der New York Times und Ann Curry von den NBC News. Um ihnen einen Eindruck vom Leben und Sterben der Menschen in Darfur zu verschaffen, setzt Daoud nicht selten sein Leben aufs Spiel.

Eines Tages allerdings scheint das Glück ihn verlassen zu haben: Als er mit Salopek in Darfur unterwegs ist, werden die beiden samt Fahrer von Rebellen gefangen genommen und gefoltert.

„Zuerst war ich dran. Drei Soldaten begannen an dem Seil zu ziehen, so dass ich bald kopfüber am Baum hing. Ich dachte, so schlimm ist es ja gar nicht. Doch nach ein paar Minuten wird es sehr schlimm. Die Augen fühlen sich an, als würden sie herausspringen. Im Kopf hämmert es, und man bekommt keine Luft... Der Schmerz wird stärker und stärker, bis man schließlich laut herausschreit.“

Ein nicht endender Kampf
Der Albtraum findet glücklicherweise irgendwann ein Ende, nach mehreren Wochen Höllenqualen kommt das Trio dank hartnäckiger Bemühungen von Familienangehörigen und Freunden frei. Um einer Auslieferung an den Sudan und damit einem Todesurteil zu entgehen, siedelt Daoud von Afrika in die USA über. Von dort aus will er den Kampf für sein Volk auf andere Weise weiterführen.

Für die Menschen in Darfur ist der Albtraum längst noch nicht vorüber: Hilfsorganisationen schlagen derzeit Alarm. Es drohe eine humanitäre Katastrophe. Hunderttausende litten an den Folgen des Krieges, der Dürre und Lebensmittelknappheit, so die Hilfsorganisation Oxfam. Derzeit lebten in Somalia eine Million Vertriebene. Pro Monat kämen Tausende Menschen hinzu. “Zu lange schon sind die Nöte der gewöhnlichen Somalier vergessen worden“ heißt es in einem Appell, der jüngst in den Zeitungen stand.

Gegen das Vergessen
Damit die Welt sich endlich wieder erinnert, hat Daoud Hari sein intensives und dennoch erstaunlich unsentimentales Buch geschrieben. Eine Chronik des Konfliktes und wertvolle Hintergrundinformationen hat er im Anhang ergänzt.

Sehr lesenswert.

Sabine Schmitt
April 2008

 

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