

Gewisse Fragen werden von Lesern immer und immer wieder gestellt, z.B.: „Wie oft hat man Sie schon in die geschlossene Anstalt gesperrt?“ oder „Wie kann Ihre Ehefrau nachts ruhig neben Ihnen schlafen, wo sie doch weiß, welche Geschichten Ihrem Gehirn entspringen?“ oder „Wenn Sie eine Gemüsesorte wären, welche wären Sie dann?“.![]()
Weil ich Schularbeiten sehr mühsam fand, fühlte ich mich 15 Jahre lang wie in der geschlossenen Anstalt eingesperrt – meine gesamte Schulkarriere bis zum Abitur. In dieser unerfreulichen Einrichtung, die sich Highschool nennt, bestand meine Therapie als Kleinstadtteenager aus Romanlektüre und dem andächtigen Lauschen der Rock'n'Roll-Programme ferner Radiostationen. Im College war meine Therapie nächtelange Kartenturniere. Ich habe andauernd geschwänzt.![]()
Meine Ehefrau schläft ganz ruhig, vielen Dank. Sie weiß genau, dass ich im Grunde meines Herzens ein Schmusekätzchen bin. Wir sind seit der Highschool zusammen, und sie ist Zeugin, dass ich selbst der einzige bin, den ich in all den Jahren mit einem Messer verletzt habe. Wann immer ich das einfachste Werkzeug oder Küchengerät zur Hand nehme, um ein wenig im Haushalt zu helfen, fließt mein Blut. Ich bringe es sogar fertig, mich versehentlich mit etwas so scheinbar Sicherem wie einer Teigrolle zu schneiden.![]()
Zuckerschoten.![]()
Eine andere häufig gestellte Frage lautet: „Wie gelingt es Ihnen, so seltsame und doch glaubwürdige und erschreckende Bösewichter zu erschaffen?“. Die vorschnelle Antwort darauf lautet: Ich sehe immer die Abendnachrichten. Tatsächlich aber erschaffen sich die Bösen in meinen Romanen ganz von selbst, genauso wie die Helden. Ich gestalte die Figur um einen wahren Kern herum, eine grundlegende Tatsache tief in ihrem Inneren, dann schenke ich ihr den freien Willen – und entdecke immer mehr über sie, während die Geschichte fortschreitet. Manchmal überraschen mich die Figuren mit einer unerwarteten Enthüllung, und dann kommen sie mir wirklich sehr real vor, so als ob ich in einer Art Traumzustand eine Brücke in eine andere Welt gefunden hätte und nun deren Bewohner beschreiben könnte.
Alton Turner Blackwood, der Schurke aus Der Rabenmann und Die schwarze Feder erschien mir tatsächlich in einem dieser extrem lebendigen Träume, die viele von uns heimsuchen, wenn sie als Allergiker über zu viele Wochen hinweg Benedryl-Tabletten nehmen müssen. Benedryl-Träume sind meiner Erfahrung nach nie typisch geradlinige Alpträume. Üblicherweise haben sie keine rechte Handlung, aber die Figuren in ihnen sind so dreidimensional und genau gezeichnet, dass sie so real wie wirkliche Menschen erscheinen. Manchmal sind sie auch merkwürdig und bedrohlich – und da in den Träumen ja keine rechte Handlung ist, wirkt die Bedrohung eher implizit.![]()
Am Morgen nachdem mir Alton Turner Blackwood im Benedryl-Traum erschienen war (in dem er noch keinen Namen hatte), notierte ich mir seine genaue Beschreibung – die ich dann wörtlich im fertigen Roman verwendete:
Fast zwei Meter war er groß und hager wie eine Vogelscheuche, aber dennoch stark. Die spatelförmigen Finger seiner riesigen Hände hatten Kuppen, die aussahen wie die Saugnäpfe einer Kröte. Knochige Handgelenke, affenartig lange Arme. Die Schulterblätter waren dick und so missgestaltet, dass es den Anschein hatte, als befänden sich unter seinem Hemd zusammengeklappte Fledermausflügel.
Wie sein Gesicht aussieht und die Erklärung, wie und warum so eine Art Mensch geboren wurde, können Sie in Der Rabenmann und Die schwarze Feder nachlesen.![]()
Von all den bösen Figuren, die ich je geschrieben habe, hat mich keine so bewegt wie Alton Turner Blackwood. Obwohl er körperlich und geistig so absonderlich war, hätte es mich nicht gewundert, ihn eines Abends zu sehen, wie er einen einsamen Highway entlangmarschiert oder vielleicht still und wachsam unter einer Straßenlaterne steht. Von all den furchteinflößenden Gestalten, die ich schon in meinen Benedryl-Träumen gesehen habe – viele von ihnen könnte man auch gut in Tim-Burton-Filmen antreffen – ist er die einzige, die mir zweimal im Schlaf erschien. Und er kam noch ein drittes Mal. Ich weiß nicht ganz, was ich davon halten soll. Wenn sein wiederholtes Erscheinen eine tiefere Bedeutung haben sollte, werde ich's schon noch rausfinden, denke ich.![]()
Babykarotten sind auch cool.
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