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SPECIAL zu Douglas Kennedy »Aus der Welt«

 

Fragen an Douglas Kennedy

zu seinem neuen Buch "Aus der Welt"

 

© Philippe Matsas

»Aus der Welt« ist ein Roman über eine außergewöhnliche Frau, die in ihrem Leben immer wieder Schicksalsschläge hinnehmen muss und doch nie aufgibt. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Buch gekommen?
Die Idee geht auf einen traurigen Anlass zurück. 2006 wurde eine Mitschülerin meiner Tochter von einem Auto erfasst und starb noch am Unfallort, nur ein paar Straßen entfernt von unserem Haus. Ein tragisches Ereignis, doch wie erklärt man das einem Kind, das um Antworten bittet? Ich versuchte meiner Tochter klarzumachen, dass das Leben vom Zufall abhängt und wir häufig dem Schicksal ausgeliefert sind.
Doch mit diesem Buch verfolgte ich auch noch ein weiteres Anliegen. Ich wollte einen Roman schreiben, der, vergleichbar dem klassischen Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, aufzeigt, wie die Schrecken der Kindheit – speziell einer Kindheit ohne elterliche Liebe – einen dunklen Schatten über Jane Howards ganzes weiteres Leben werfen.

In einer scheinbar ausweglosen Situation entschließt sich Jane Howard, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen: Sie flieht »aus der Welt«. Das heißt, sie lässt alles zurück und verschwindet spurlos, um in einer anonymen kanadischen Kleinstadt unterzutauchen. Waren Sie auch schon mal in einer ähnlichen Situation oder ist es etwas typisch Weibliches, fliehen zu wollen?
Ich glaube, jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau, hat hin und wieder den Wunsch, einfach spurlos zu verschwinden. Dieses Motiv des »Fliehenwollens« durchzieht meine Bücher leitmotivisch. Fakt ist, dass es in unserem Leben öfter mal Phasen gibt, in denen wir unglücklich sind, obwohl die Verantwortung dafür bei uns liegt.
Und das ist ein anderes Grundthema meines Schreibens: Wie geraten wir in Sackgassen, und warum beschweren wir uns dann über die immer auch selbstverschuldete Situation? Um auf Ihre Frage zurückzukommen, ob ich selbst mal fliehen wollte: Nun, ich sah nach fünfundzwanzig Jahren keine andere Möglichkeit mehr, als meine Ehe zu beenden, weil mir klar wurde, dass diese Beziehung vergiftet war. Heute geht es mir besser.
Oft im Leben haben wir Angst vor der Veränderung. Fast wie beim Stockholm-Syndrom: Man kann sich nicht vorstellen, dass es eine Existenz außerhalb dessen gibt, was uns gefangen hält.

Wie schaffen Sie es als Mann, sich so überzeugend in das Gefühlsleben einer Frau hineinzudenken?
Es ist nicht so, dass ich ein Säckchen gefüllt mit Östrogen unterm Arm trage, wenn ich aus der Perspektive einer Frau schreibe. Tatsächlich wird mir diese Frage oft gestellt, und meine Antwort ist immer gleich: Ich denke nicht wie eine Frau, ich denke wie die Erzählerin und sehe die Welt mit ihren Augen. Abgesehen davon ist es mir immer noch ein Rätsel, warum es mir – jetzt schon vier Mal – gelungen ist. Aber es scheint zu funktionieren.

In Ihren Romanen ist Liebe etwas, das nie ewig währt. Oft ist das der Anfang einer unglaublich spannenden Geschichte. Gehört die Erfahrung von Verlust und Schmerz zum Schreiben?
Ein Schriftsteller, der Verlust nicht selbst erfahren hat, wird darüber nicht schreiben können. Schreiben bedeutet auf die eine oder andere Art immer, dem Wesen des Schmerzes und damit der Unvollkommenheit der menschlichen Natur nachzuspüren.
In unserer heutigen, modernen Welt wird uns vorgemacht, es gäbe für alles ein Patentrezept und es sei möglich, seelisches Gleichgewicht zu erringen. Vielleicht habe ich eine andere, dunklere Sicht auf die Dinge, aber ich glaube, das ist völliger Blödsinn. Das Leben ist ein ständiger Kampf. Und der härteste Kampf ist der, den wir gegen uns selbst führen.

Sie leben in Maine, London, Paris und seit Kurzem auch in Berlin. Wo leben Sie am liebsten?
Tatsächlich favorisiere ich keine der Städte. Gleichwohl ist Maine für mich als Amerikaner sehr wichtig, weil ich damit Heimat verbinde. Doch zwischen vier Orten hin und her zu pendeln heißt wohl auch: Ich bin ein Zigeuner. Ich lebe, um herumzureisen, mag es, auf Wanderschaft zu sein. Reisen haben mich immer schon fasziniert, weil sie bei mir wie ein Mittel gegen Langeweile wirken. Und Langeweile ist für mich eine Todsünde. Langeweile hinzunehmen bedeutet, faul zu werden und das Leben aufzugeben. Meine Weltanschauung kann man am besten so beschreiben: Das Leben sieht mit einem Rundreise-Flugticket immer besser aus.

Das Interview führte Britta Hansen
Januar 2010

 
 

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