
Herr Heine, Sie sind eigentlich Architekt und in dieser Funktion viel in der Welt herumgekommen. Üben Sie diesen Beruf heute immer noch aus oder widmen Sie sich nur noch der Schriftstellerei?![]()
E.W. Heine: Früher habe ich immer gesagt: Mit der Architektur bin ich verheiratet. Die Literatur ist meine Geliebte. Ich habe mich von meiner Frau getrennt, um mit meiner Geliebten zu leben. Das soll ja öfter vorkommen. Aber ich habe immer noch ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu meiner Exgattin. Bei der Planung "des größten und modernsten Erlebnisbades" in Wolfsburg gelangte man schon bald zu der ernüchternden Erkenntnis, dass es zu viele gesetzliche Bestimmungen gab, um etwas Außergewöhnliches zu erschaffen. Der Internationale Sportverband schrieb die Länge und Tiefe der Becken vor, damit in ihnen Wettkämpfe stattfinden konnten. Aus hygienischen Gründen mussten Wände und Böden gekachelt werden. Es wimmelte von Vorschriften und Vorgaben. Am Ende wäre es ein Bad wie alle anderen geworden, nur größer und kostspieliger. Da wandte man sich an mich - einen ehemaligen Architekten, der jetzt sein Geld mit Phantasie verdient -, ob ich eine Idee hätte. Diese Aufgabe hat mir viel Spaß bereitet.![]()
Und wie haben Sie diese Aufgabe gelöst?![]()
E.W. Heine: Zum einen durch die Beleuchtung. Das Licht kommt aus dem Wasser, perlende Lichtreflexe in den Becken, Unterwasserkameras, die Bilder der Vorüberschwimmenden an die Wände projezieren, leuchtende Wasserfälle, eine Atmosphäre wie in der Blauen Grotte auf Capri. Licht ist ein Gestaltungselement, das in unseren Bauten viel zu wenig genutzt wird.![]()
In den klassischen Bädern der Antike standen vollendete Skulpturen. Heute werden in den meisten Hallenbädern Pflanzen aufgestellt, die nach einiger Zeit in der Chlorluft eingehen. Dann folgen Plastikpflanzen. Das empfinde ich als scheußlich. Ich habe völlig neue pflanzenartige Strukturen entworfen, baumgroß aus edelsten Materialien, eine Flora wie von einem anderen Planeten.![]()
Sie arbeiteten als Architekt mehrere Jahre in Südafrika und Saudi-Arabien? Was hat sie in diese entlegenen Länder gezogen? Welche Erfahrungen konnten Sie dort gewinnen?![]()
E.W. Heine: Nach Südafrika bin ich gegangen, weil mich Afrika schon immer angezogen hat. Und es gab phantastische Gelegenheiten für Architekten. Ich habe an dem damals höchsten Gebäude auf dem afrikanischen Kontinent mitgearbeitet: der Standard Bank von Johannesburg. Später habe ich mich selbstständig gemacht, hatte ein eigenes Architekturbüro und habe eine deutschsprachige Monatszeitschrift herausgegeben mit dem Namen "Sauerkraut", weil das für die Deutschen das gleiche Synonym war wie "Spaghetti" für die Italiener.![]()
Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, lassen sich nicht in ein paar kurze Sätze fassen, aber sie haben mein Leben vollständig verändert. Ohne Afrika wäre ich nicht der, der ich heute bin. Das gleiche gilt für die saudi-arabische Welt, obwohl sie der afrikanischen völlig entgegengesetzt ist. Erstere lebt aus dem Bauch, die andere ganz und gar aus dem Kopf.![]()
Haben Sie in Südafrika nicht auch zusammen mit Ihrem Bruder, dem Zeichner und Kinderbuchautor Helme Heine, eine Kleinkunstbühne gegründet?![]()
E.W. Heine: Ich habe das politisch-literarische Kabarett "Sauerkraut" gegründet, an dem mein Bruder Helme mitgespielt hat. Diese Art von satirischer Kritik war den Buren völlig unbekannt. Politisch-literarisches Kabarett auf dem Höhepunkt der Apartheid-Politik war ein aufregendes Unterfangen. Wir spielten vor ausverkauftem Haus und wussten nie, ob wir am nächsten Abend nicht schon verboten waren. Mein erstes Programm lautete: "Weißer Mann, Superstar, bist du noch Herr in Südafrika?" Peter Scholl-Latour hat uns gefilmt und in Deutschland im Auslandsjournal gebracht. Dabei sagte er: "Viele Leute glauben, Südafrika sei ein Polizeistaat. Schauen Sie sich das folgende Programm an und revidieren Sie Ihre Meinung." Von da an ließen uns die Südafrikaner unbehelligt. Wir wurden zu einem Aushängeschild von Redefreiheit, was wir natürlich auch nicht wollten.![]()
Stammt Ihre Liebe zur Satire, die Sie vor allem in Ihren "Kille Kille Geschichten", die vor nachtschwarzen Bosheiten und sarkastischen Pointen nur so strotzen, verewigt haben, aus dieser Zeit?![]()
E.W. Heine: Es gab zu meiner Zeit wenig Kultur in Afrika, nicht einmal Fernsehen. Ein Abend war immer so gut, wie man ihn selbst gestaltete. Wenn man eingeladen wurde und fragte "soll ich irgendetwas mitbringen?", hieß es immer: "Bring eine gute Geschichte mit!" Und so sind viele meiner makabren Erzählungen entstanden.![]()
Heute leben Sie als Berliner in einem kleinen Dorf in Niederbayern. Haben Sie diesen Ort als Rückzug zum Schreiben gewählt?![]()
E.W. Heine: Ja. Ich lebe gerne auf dem Land mit Tieren und Kindern. Mein Sohn ist 15, meine Tochter 9. Die Stadt würde mich zu sehr ablenken.![]()
Unter den vielen Büchern, die Sie inzwischen geschrieben haben, gibt es ein kleines Juwel, das Bändchen "Nur wer träumt, ist frei". Hier wird die Geschichte einer seltsamen Freundschaft zwischen einem "freien" Gefängniswärter und einem "unfreien" Zoowärter, der seit achtzehn Jahren als Lebenslänglicher einsitzt, erzählt und die ganze Widersinnigkeit unseres Freiheitsbegriffes durchgespielt. Hat Sie dieses Thema auch bei Ihren großen historischen Romanen beschäftigt?![]()
E.W. Heine: Wenn man einen Teil seines Lebens in Südafrika und in Saudi-Arabien verbracht hat, muss man sich wohl zwangsläufig mit dem viel missbrauchten Begriff Freiheit auseinandersetzen. In Afrika gibt es eine Freiheit für Weiße und eine andere für Schwarze; in Arabien verfügen Männer über eine andere Freiheit als Frauen. Aber auch bei uns gibt es unterschiedliche Freiheiten für Arme und Reiche, Alte und Junge, Gesunde und Körperbehinderte. Frei sein ist zu einem großen Teil eine geistige Einstellung. Frei willst du sein? Warum bist du es nicht?![]()
In "Nur wer träumt, ist frei" heißt es an einer Stelle: "Unsere liebsten Freunde sind lauter Tote. Tote aus allen Epochen der Geschichte, Dichter, Maler, Musiker, Heilige und Denker. Die meisten stehen mir viel näher als die Zeitgenossen. Sie sind mir nicht fremd und fern, sondern vertraut, wirklich und gegenwärtig. Unsere Gegenwart wäre anders, wenn sie nicht unter uns weilten. Sie formen uns mehr als die lebendige Umgebung." Versteckt sich hinter diesen Worten des Gefangenen Ihre eigene Haltung zu Tod und Vergangenheit, die Sie letztlich motiviert hat, historische Romane zu schreiben?![]()
E.W. Heine: Ich werde oft gefragt: Warum schreibt ein moderner Architekt historische Romane? Friedrich Dürrenmatt hat einmal gesagt: "Die Historie ist der einzige Raum, in dem der gegenwärtige Mensch noch bereit ist zu philosophieren." Wenn ich in einem zeitgenössischen Roman von Würde, Stolz und Ehre schreiben würde, von Vaterlandsliebe, Heldentod, Vasallentreue und Gottesliebe, so hielte man mich vermutlich für einen Sektierer. Vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Dome bekommt Gott einen anderen Stellenwert als beim Fernsehen im "Wort zum Sonntag".![]()
Mich reizt bei meinen Studien über das Mittelalter nicht die gute alte Zeit. Die hat es nie gegeben. Mich reizt der Bezug zur Gegenwart. In meinem Roman "Das Halsband der Taube" befasse ich mich mit der Geburt des Terrorismus, von dem viele glauben, es sei eine völlig neue Art von Kriegsführung. In Wahrheit ist der Terrorismus über 700 Jahre alt und wurde von einem Mann ins Leben gerufen, den man in Europa den "Alten vom Berge" nannte, und der wie Ayatholla Khomeini in Ghom, der heiligen Stadt der Schiiten, das Licht der Welt erblickt hat.
Jener Alte vom Berge hatte bei seinem Tod prophezeit, dass er in tausend Jahren (arabischer Zeitrechnung) wiederkommen werde, um sein Werk zu vollenden. Khomeini hielt sich für eine Wiedergeburt des Alten. Mit ihm begann der moderne Terrorismus gegen Amerika. Seine Losung lautete: "Es wird Zeit, den Großmächten in Ost und West zu zeigen, dass wir es mit der ganzen Welt aufnehmen können. Je mehr sich für unsere Idee opfern, um so mehr wird man uns fürchten und respektieren."![]()
Mein Roman erschien zwei Jahre vor dem Angriff auf die World-Trade-Towers. Der Anschlag war bei Kenntnis der Vergangenheit vorhersehbar. Um einen Fluss zu verstehen, muss man seine Quellen kennen.![]()
Haben Sie mit Ihren drei großen historischen Romanen "Das Halsband der Taube", "Der Flug des Feuervogels" und "Die Raben von Carcassonne" Ihre Mittelalter-Trilogie abgeschlossen?![]()
E.W. Heine: Ja, meine Taubentrilogie, wie ich sie nenne, habe ich damit abgeschlossen.![]()
Warum Taubentrilogie?![]()
E.W. Heine: In allen drei Romanen hat die Taube einen hohen Symbolwert. Im "Halsband der Taube" geht es um das Verhältnis von Christen zu Muselmanen im Mittelalter. Die Taube symbolisiert im Islam die Liebe und den Frieden. Die Rede von den "Falken und den Tauben" stammt aus dem Koran. Im "Flug des Feuervogels" beschreibe ich das Zusammenleben von Juden und Christen in einer mittelalterlichen Stadt. Die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel verkündet nach der Sintflut den ewigen Pakt zwischen Jehova und den Menschen. "Die Raben von Carcassonne" berichten von dem blutigen Massaker, begangen von Christen an Christen, die den heiligen Geist in Taubengestalt verehren. Die Taube ist zum Raben, zum Galgenvogel des Henkers verkommen.![]()
Sie beschreiben das Leben und den Alltag im Mittelalter äußerst präzise, mit großer Detailkenntnis, sehr spannend und auch sehr sinnlich. Woher besitzen Sie all Ihre Kenntnisse über diese Epoche?![]()
E.W. Heine: Ich befasse mich seit langem sehr intensiv mit unserer Geschichte. Als Assistent am Lehrstuhl für Bau- und Kulturgeschichte bin ich einmal der Frage nachgegangen, ob das Blutbad von Verden wirklich stattgefunden hat. Dabei soll während eines Gastmahls der sächsische Adel auf Befehl Karls des Großen erschlagen worden sein, weil sich die Stammesfürsten nicht taufen lassen wollten. Sucht man nach historisch belegten Urkunden, so muss man feststellen, dass es sie nicht gibt. Das Ganze ist wie vieles in unseren Geschichtsbüchern ein Gerücht. Ich habe damals behauptet: Das Blutbad von Verden hat im Tintenfass eines mönchischen Schreibers stattgefunden, der die lateinischen Partizipien delocati und decolati verwechselt hat. Ersteres heißt "enthauptet" und Letzteres "umgesiedelt", was eine gängige Praxis war.![]()
Ich habe in Rothenburg ob der Tauber einen Bürgermeister ausgegraben, von dem es hieß, er habe die Stadt zu höchster Blüte geführt und sei am Ende enthauptet worden. Anhand der Urkunden aus dem Stadtarchiv konnte ich nachweisen, dass alles ganz anders war: Ein Mord im Mittelalter, realistisch recherchiert. In meinem Longseller "New York liegt im Neandertal" habe ich den Versuch unternommen, die Geschichte der Menschheit aus ihren Bauten zu deuten. Ich habe Musiker Biographien geschrieben: "Wer ermordete Mozart? Wer enthauptete Haydn?" oder "Wie starb Wagner? Was geschah mit Glenn Miller?" Oder auch: "Luthers Floh. Geschichten aus der Weltgeschichte".![]()
Die Historie hat in meinem literarischen Werk immer eine beherrschende Rolle gespielt. Unsere Vergangenheit ist mehr als vergangene Zeit. Der Weg zurück ist ein magischer Weg in ein Wunderland ohne Beispiel. Nicht ohne Grund beginnen alle Märchen mit "Es war einmal…". Und das gilt auch für die Religionen. Wenn Sie einem Freund erzählen: Ich war vor ein paar Tagen auf einer Hochzeit. Da hatte einer der Gäste Wasser in Wein verwandelt und ist anschließend auf dem Wasser umhergelaufen, so würden Sie vermutlich den Eindruck erwecken, Sie hätten zu viel getrunken. Läge das Geschehen aber 2000 Jahre zurück, so wären Millionen von Christen bereit, solch ein Wunder zu akzeptieren. Je weiter etwas zurückliegt, um so mehr entzieht es sich der Realität. Das gilt nicht nur für unsere Geschichte, sondern auch für unser eigenes Leben. ![]()
Dinge, die vor zwei Jahren passiert sind, vermag ich verstandesgemäß zu erfassen. Erlebnisse aus der Kleinkindzeit, kurz nach oder gar kurz vor meiner Geburt entziehen sich meinem Kopfdenken, versinken im Mythischen.
Wenn ich einen Tisch in der Mitte durchsäge, so erhalte ich zwei halbe Tische. Wenn ich damit fortfahre, so entstehen viertel, achtel, sechzehntel … und so weiter Tische. Aber ich stoße irgendwann an eine Grenze, da hört der Tisch auf, Holz zu sein. Er wird zu Atomen. Er wird zu etwas anderem, obwohl er immer noch Teil des ehemals Ganzen ist. Und genauso verhält es sich mit der Vergangenheit. Je weiter ich mich von einem Gegenstand entferne, um so kleiner wird er. Und am Ende verwandelt er sich in etwas völlig Neues, Unbegreifliches. Vielleicht liegt darin unsere Liebe zum Märchen, zur Sage, zum Wunder aus biblischen Zeiten, zum historischen Roman.![]()
Wie sieht die Werkstattarbeit des Schriftstellers E. W. Heine aus?![]()
E.W. Heine: In der Regel stehe ich früh auf und arbeite vormittags, wenn meine grauen Zellen noch frisch und meine Kinder in der Schule sind. Nachmittags bin ich für alle da, wenn die mich brauchen. Da ich an einem See wohne, schwimme ich im Sommer mehrmals täglich, im Winter fahre ich Rad oder Ski. Bewegung ist mir wichtig. Ich schreibe dann auch im Kopf. Aufschreiben tue ich meine Gedanken in karierte Schreibhefte mit einem Bleistift. Nach mehrmaliger Korrektur tippe ich sie in meine IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine, auf der ich seit dreißig Jahren alle meine Bücher geschrieben habe. Und es ist immer noch dieselbe. Ich habe sie aus Saudi-Arabien mitgebracht. Ein Prinz hat sie mir geschenkt. Seit ein paar Jahren bringe ich die Schreibmaschinen-Seiten zu einer Computer-Schreibfrau, die sie in eine Diskette verwandelt, die der Verlag dann bekommt.![]()
Ich schreibe nicht viele Seiten am Tag, aber es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen ich nicht schreibe. Regelmäßiges Training ist beim Schreiben so wichtig wie am Tennisnetz oder am Klavier. "Wenn ich eine Woche lang nicht Klavier spiele", hat Franz Liszt gesagt, "merken es meine Zuhörer. Wenn ich an einem Tag nicht spiele, so merke ich es."![]()
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Schreiben Sie bereits an einem neuen Werk?![]()
E.W. Heine: Wie kann es anders sein. Ich arbeite zur Zeit an mehreren Projekten. Im Herbst 2004 werde ich einen neuen Band Geschichten aus der Weltgeschichte bei C. Bertelsmann veröffentlichen, und im Jahr darauf - so Gott will - einen neuen Roman. Titel ist noch streng geheim. Sie wissen: Künstler sind ein abergläubisches Volk.![]()
Leben Sie nach einer bestimmten Devise?
Nach vielen. Eine davon lautet: Man solle jeden Abend mit einem guten Buch ins Bett gehen; oder wenigstens mit einem, der gerade ein gutes Buch gelesen hat.![]()
Herr Heine, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
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