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SPECIAL zu Fareed Zakaria »Der Aufstieg der Anderen«

 

Der Aufstieg der Anderen

Rezension von Karl Hafner

 

Fareed Zakaria beschreibt in seinem Buch eine neue globale Ordnung im postamerikanischen Zeitalter

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die Vereinigten Staaten die letzte Supermacht. Der Newsweek-Herausgeber Fareed Zakaria sieht in seinem lesenswerten Buch „Der Aufstieg der Anderen - Das postamerikanische Zeitalter“ jedoch das Ende der unipolaren Zeit gekommen. Man könne das schon sehen an Kleinigkeiten, die freilich nur Symbolcharakter hätten: Die höchsten Gebäude stehen nicht mehr in den USA, sondern in Dubai und Taipeh. Das größte Flugzeug der Welt wird in Europa gebaut. Der reichste Mann der Welt war bis vor kurzem ein Mexikaner, die größten Fabriken der Welt stehen in China, und neun der zehn größten Einkaufszentren befinden sich nicht mehr in den USA. Sogar Hollywood und seine Filmindustrie wurden mittlerweile überholt. Die größte Filmindustrie befindet sich in Indien und erfreut die Welt mit Gesang und Tanz in ihren farbenfrohen Bollywood-Filmen. Vor etwa zehn Jahren sei das alles noch anders gewesen, schreibt Zakaria.

Anti-Amerikanismus war gestern
Solche Superlative sind nur Hinweise auf eine größere, weltweite Veränderung: der Geburt einer neuen, globalen Ordnung. Immer stärker nehmen Länder aus allen Regionen der Welt teil am internationalen Handel. Neue, gigantische Märkte entstehen und immer mehr Menschen handeln als Produzenten, Konsumenten, Händler, Unternehmer oder versuchen ihr Glück in der Finanzwelt. Diese Menschen sind keine Unerdrückten mehr. Sie sind Akteure.

Während in den USA diskutiert würde, warum sich die Welt in weiten Teilen gegen die USA stelle, würde man sich anderswo gar nicht mehr für diese Frage interessieren, bemerkt Zakaria. Die Welt habe sich weiterentwickelt. Viele der vermeintlichen „Gegner“ schauen auf andere Teile der Welt, auf die dynamischen Märkte in China und Indien etwa, auf den Wirtschaftsraum Europa oder auf Südamerika und sind in gewisser Weise über ihre Anlehnung an Amerika längst hinausgewachsen. Aus der anti-amerikanischen Welt entstünde bereits eine post-amerikanische, so Zakaria.

Die Veränderungen könnten bedeutender nicht sein. Zakaria sieht darin die dritte große Umwälzung in der modernen Geschichte. Die erste war der Aufstieg des Westens, etwa ab dem 15. Jahrhundert, angetrieben durch Entwicklungen in Technik und Wissenschaft, im Ackerbau, im Handel und in der Geldwirtschaft. Damals entstand auch die politische Dominanz des Westens. Die zweite große Umwälzung sei am Ende des 19. Jahrhunderts der Aufstieg Amerikas gewesen, das nach der Industrialisierung die mächtigste und reichste Nation der Welt wurde und diesen Status bis heute mehr oder weniger halten konnte. In diesen Jahren fand ein enormes weltweites Wirtschaftswachstum statt, das jetzt der Auslöser sei für die dritte große Veränderung der Moderne: Der Aufstieg der Anderen.

Die Angst zuhause
Einen ironischen Kniff der Geschichte erkennt Zakaria hier. Schließlich hätten die USA seit 60 Jahren ihre Diplomaten und Politiker in die ganze Welt geschickt, um eine Öffnung der Märkte zu erreichen, Freihandel durchzusetzen, Währungsreformen anzustreben und neue Industrien aufzubauen - kurz, sich dem Wettbewerb eines weltweiten, globalen Marktes zu stellen. Und jetzt, wo der größte Teil der Welt gelernt habe, wie der moderne Kapitalismus funktioniert und diesen mit zunehmendem Erfolg betreibt, bekäme man in den USA selbst auf einmal Angst, denke darüber nach, die Einwanderung zu erschweren, schimpfe über das Freihandelsabkommen und sei besorgt darüber, dass etwa Studenten anderer Länder die eigenen in Sachen Mathematik und Naturwissenschaften mittlerweile überträfen. Doch Zakaria betont immer wieder, dass der wirtschaftliche und politische Aufstieg anderer Länder keinen Abstieg der USA bedeuten muss, sondern vielmehr eine Chance - natürlich vorausgesetzt, man erkenne diese und stelle sich den neuen Bedingungen.

Diese Sichtweise unterscheidet Zakarias Buch von vielen anderen, die einen Niedergang der amerikanischen Supermacht in düstersten Farben prognostizieren, vor China warnen und das Rad am liebsten 20 Jahre zurückdrehen würden. Zakaria sieht die Zukunft der Welt optimistisch. Wirtschaft und Forschung der USA seien gut gerüstet für einen echten globalen Wettbewerb. Militärisch würde das Land auch weiterhin die einzige Supermacht bleiben und dennoch wird sich die Weltordnung verändern: Seit Jahren gibt es ein gesamtglobales Wachstum. Zwar leben immer noch Millionen von Menschen in bitterster Armut, doch die Zahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, sei von 40 Prozent im Jahr 1981 auf 18 Prozent im Jahr 2004 gesunken.

Das Entstehen neuer Global Player beschreibt der Autor am Beispiel Indiens und Chinas. Sie stehen stellvertretend für andere aufstrebende Volkswirtschaften. Sie sind dabei allerdings die mächtigsten, schon aufgrund ihrer riesigen Bevölkerungszahlen. So hatte China über die letzten drei Jahrzehnte ein Wirtschaftswachstum von sagenhaften neun Prozent vorzuweisen - ein Erfolg, den wohl kaum jemand so erwartet hat in Anbetracht der Vermengung eines autokratischen Systems mit den Prinzipien einer modernen Marktwirtschaft.

Die wirkliche Gefahr
Als große Gefahr sieht Zakaria das Aufkeimen eines neuen Nationalismus in vielen aufstrebenden Nationen - aus Stolz über den Aufstieg und aus Angst, dennoch nicht für voll genommen zu werden. Zwar gab es natürlich schon immer unterschiedliche Anschauungen. Doch während über Jahrzehnte amerikanische und britische Medien eine globale Leitmeinung verbreiten konnten, gibt es inzwischen neue, relevante Nachrichtenstationen, etwa Al-Jazeera oder das lateinamerikanische Telesur, die die Welt nach ihrer Sicht interpretieren - selbstverständlich mit vollstem Recht. Der Westen müsse sich abgewöhnen, die neuen Mitspieler der globalen Wirtschaft bevormundend und arrogant zu behandeln.

Zakaria stellt auch die bisherigen internationalen Institutionen und Ausschüsse in Frage. Ständige Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat ist immer noch den Siegern des Zweiten Weltkriegs vorbehalten, und die G8-Treffen ignorieren immer noch die am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, nämlich Indien, China und Brasilien. Der Autor ist der Meinung, man müsse sich, egal ob es um Handels- oder Menschenrechtsfragen geht, damit abfinden, dass in Zukunft mit vielen Nationen und auch mit Nicht-Regierungs-Organisationen diskutiert werden müsse.

Eine mögliche Lösung
An dieser Stelle sieht Zakaria eine große geopolitische Chance für die Vereinigten Staaten. In der Geopolitik gehe es immer um Einfluss. Zwar verlangen immer mehr Nationen ihren Spielraum auf dem internationalen Parkett, die USA werden sich damit arrangieren müssen, nicht mehr uneingeschränkt agieren zu können. Doch darf man nicht übersehen, dass auch die neuen Machtzentren Ordnung, Stabilität und Fortschritt brauchen und darauf bauen. Zakaria sieht die Rolle und Chance der USA darin, all die aufstrebenden Kräfte in die globale Wirtschaft zu integrieren und somit tiefere wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen zu schaffen. Die USA sollen laut Autor also globaler Moderator und Vermittler sein. Wenn China, Russland, Indien usw. Interesse an einer globalen und stabilen Ordnung haben, dann würden etwa die Gefahren von Kriegen und Unruhen immer unwahrscheinlicher. Davon profitieren sowohl die USA als auch der Rest der Welt.

Karl Hafner
München, Februar 2009

 
 

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