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SPECIAL zu George Meredith »Die tragischen Komödianten«

Die tragischen Komödianten
 

NACHWORT

von Hanjo Kesting (gekürzt)

 

In seinem Buch Die wunderbaren Falschmünzer, der Chronik europäisch-amerikanischer Romankunst von 1800 bis 1930, hat Rolf Vollmann die Handlung von Merediths kleinem Roman Die tragischen Komödianten zusammengefaßt:

„Zwei, schon nach dem Hörensagen, verlieben sich so groß ineinander, als hätte Gott darauf gewartet; die Frau hat einen Anbeter, den sie bemitleidet, schon vor dem Finden des großen Geliebten. Der große Geliebte ist ein Sozialist und vor allem ein Jude, mit großem Auftreten; die junge Frau ist wunderbar romantisch und ebenso pragmatisch, eine traumhafte Mischung, sie will fliehn, mit ihm; er dagegen, in einer Selbstherrlichkeit von solcher Subtilität und Größe, daß der Egoismus darin unter der Furchtlosigkeit seiner Gesten fast unsichtbar wird, will aufrecht angesichts der Welt wenn nicht leben, so doch sterben, er glaubt aber nicht, daß er sterben kann; und dann, durch eine Torheit aller Seiten, macht ihn in einem blöden Duell jener erste Anbeter nieder; und doch war er, könnte die junge Frau fast mit Shakespeares Kleopatra sagen, doch war er der Antonius der Welt.“

Vollmann nennt das Buch eine hinreißende kleine Studie über die große Liebe, aber wie alle Geschichten von der großen Liebe wirkt auch diese in der knappen Nacherzählung romantisch, unwirklich, „romanhaft“, wie eine gut erfundene literarische Fiktion. Deswegen überrascht es, daß Vollmann jeden Hinweis darauf vermeidet, daß wir es hier nicht mit einer reinen Erfindung […] zu tun haben, sondern mit der erzählerischen Ausgestaltung einer wirklichen Begebenheit.

Fiktionalisierte Realität
Das war im Roman des 19. Jahrhunderts an sich zwar nicht ungewöhnlich. […] Doch ist Merediths Roman ein ganz besonderer Fall: weniger eine „realistische“ oder realitätsnahe Fiktion, weit eher fiktionalisierte Realität. Es handelt von Vorgängen, die sich, nicht lange vor der Niederschrift des Buches, auf der historischen Bühne abgespielt hatten, in aller Öffentlichkeit, vor den Augen einer staunenden Zeitgenossenschaft. Die Hauptfigur Alvan, mag sie im Buch auch einen anderen Namen tragen, ist wie Shakespeares Antonius einer historischen Gestalt nachgebildet, und das gilt für alle Figuren des Buches, das in den äußeren Zügen mit großer Treue den geschichtlichen Fakten folgt. Erzählt werden die letzten zwölf Monate im Leben des deutschen Arbeiterführers Ferdinand Lassalle. Zusammen mit seiner Geliebten Helene von Dönniges, die hier Clotilde von Rüdiger heißt, bildet er das tragische Komödiantenpaar, das dem Roman seinen Titel gibt. Die historischen Bezüge hat Meredith bereits im Untertitel angedeutet. Und in einer kurzen Vorrede hat er hinzugefügt: „Sie atmeten dichtere Luft als rein erfundene, ihr letztes Kapitel steht in Blut geschrieben, und der Mann, der es am Ende vergoß, war von imponierender, nicht unheroischer Statur.“

Ferdinand Lassalle
Ferdinand Lassalle, Sohn eines jüdischen Seidenhändlers aus Breslau, geboren 1825, drei Jahre vor dem Schriftsteller, der ihn zum Romanhelden machte, war in der Zeit nach der Revolution von 1848 eine der maßgeblichen Gestalten der deutschen Politik und von allen wahrscheinlich die spannendste und faszinierendste, wenn man seinen großen Gegenspieler Bismarck einmal außer Betracht läßt. Schon Heinrich Heine rühmte den jungen, gerade zwanzig Jahre alten Lassalle als Mann von besonderen Gaben: „mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinn, der mir je vorgekommen, mit der reichsten Begabnis der Darstellung, verbindet er eine Energie des Willens und eine Habilité im Handeln, die mich in Erstaunen setzen …“

Lassalle, philosophisch gebildet, vom deutschen Idealismus, von Fichte und Hegel herkommend, auch literarisch begabt, Verfasser eines Dramas über den Ritterführer Franz von Sickingen aus der Zeit der Bauernkriege, zeitweise Mitarbeiter der von Karl Marx herausgegebenen Neuen Rheinischen Zeitung, wirkte ein gutes Jahrzehnt als Privatgelehrter und Schriftsteller, bevor er sich, finanziell unterstützt von Sophie Gräfin von Hatzfeldt, für die er mit Erfolg eine Reihe von Prozesse geführt hatte, auf die Politik warf und als Anwalt der Arbeiterschaft auftrat. Er war, nach fünfzehn Jahren der durch die fehlgeschlagene Revolution von 1848 bewirkten Entmutigung, der eigentliche Wiedererwecker und Neuorganisator der Arbeiterbewegung, auch wenn sich die deutsche Sozialdemokratie später schwer damit tat, den schwierigen Ahnherren als Gründungsfigur anzuerkennen.

Eine schillernde Persönlichkeit
[…] Stets auf wirkungsvolle Selbstdarstellung bedacht, mehr säkularer Heilsbringer als demokratisch legitimierter Arbeiterführer, glänzte er in einer Vielzahl von Rollen: als Salonlöwe, Frauenschwarm, brillanter Redner, jüdischer Außenseiter und potentieller Märtyrer. Der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“, den er 1863 ins Leben rief, war ganz auf seine Person zugeschnitten. Für diesen Verein dichtete Herwegh auf Drängen Lassalles das berühmte Bundeslied, das in den Zeilen gipfelt: „Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still, / wenn dein starker Arm es will.“ So wuchs Lassalle in kurzer Zeit in die Rolle eines charismatischen Volkstribuns, den auch Bismarck als Gegenspieler ernst nahm und zu Geheimgesprächen einlud. […] Unermüdlich tätig, führte er mehrere Prozesse gleichzeitig, eilte von Termin zu Termin, konferierend, agitierend, wegen Hochverrats angeklagt. Im Mai 1864 unternahm er eine Vortragsreise durch das Rheinland, die einem Triumphzug glich. Danach zog er sich ausgelaugt und erschöpft zu einer Kur in die Schweiz zurück.

Eine verhängnisvolle Begegnung
[…] Eine junge Frau, Helene von Dönniges, Tochter des bayerischen Gesandten in der Schweiz, eine frühreife, eigenwillige, bereits verlobte junge Frau, die man in Genf „enfant du diable“ nannte, wurde ihm zum Verhängnis. Die beiden, die zwei Jahre zuvor in Berlin ein Liebesverhältnis angesponnen hatten, sahen sich während Lassalles Kuraufenthalt wieder, verlobten sich und setzten damit die dramatischen Ereignisse in Gang, die im vorliegenden Buch erzählt werden.

Lassalle war entschlossen, bei Helenes Eltern um ihre Hand anzuhalten, wurde nicht vorgelassen, sie sagte sich unter dem Druck ihrer Familie von ihm los. Über die Kränkung außer sich, schrieb Lassalle Briefe an Helenes Vater und ihren Verlobten, die beleidigend genug waren, um nach dem herrschenden Ehrenkodex ein Duell unvermeidlich zu machen. Dieser Kodex, früher ein Gegenstand seines Spottes, war für Lassalle nun das Sprungbrett, von dem aus er sich in den Abgrund stürzte, vielleicht in dem Glauben, für die Kugel seines Gegners unerreichbar zu sein. Sie traf ihn in den Morgenstunden des 28. August 1864, drei Tage später starb er, noch keine vierzig Jahre alt. […]

George Meredith
George Meredith ist in Deutschland kein fest eingeführter Name. Zwar sind seine wichtigsten Romane noch zu Lebzeiten, wenngleich mit Verspätung, ins Deutsche übersetzt worden. Aber vom populären Ruhm eines Dickens war er stets weit entfernt. […] Auch in England stand sein Ruhm niemals auf ganz festem Fundament, galt er doch als „schwieriger“ Schriftsteller, von besonderer intellektueller Ambition, obskur und überladen, nicht selten hermetisch.

„Wer will ihn beschreiben?“, heißt es in Oscar Wildes Dialog-Essay Der Verfall des Lügens. „Sein Stil ist Chaos, von zuckenden Blitzen erhellt. Als Schriftsteller hat er alles gemeistert, außer der Sprache: Als Romanschriftsteller kann er alles, nur keine Geschichte erzählen: Als Künstler ist er alles, nur nicht klar.“ […] Wildes Essay erschien 1889, Meredith war damals schon über sechzig Jahre alt. Nach gut dreißig literarisch produktiven Jahren hatte er gerade mit dem Roman Diana vom Kreuzweg nicht nur sein literarisches Ansehen vermehrt, sondern auch zum erste Mal kommerziellen Erfolg gehabt. Ansehen und Erfolg wuchsen noch im Laufe der Zeit, und Box Hill in Surrey, wo Meredith lebte, wurde zu einem literarischen Wallfahrtsort, wo der Schriftsteller, stocktaub inzwischen und mit schallender Stimme sprechend, die man bis auf die Landstraße hinaus hören konnte, seine Besucher empfing. Diese fühlten sich durch sein Aussehen, die blitzenden blauen Augen im scharfgeschnittenen Gesicht, an die Büste des Euripides erinnert, lauschten seinen mit Weisheit und Sarkasmus gewürzten Monologen, in denen er komplizierteste Gedanken „ins engmaschigste Netz der Worte“ einzufangen suchte. So hat es Franz Blei bezeugt, der österreichische Schriftsteller, der 1905 in Box Hill vorsprach, vier Jahre vor Merediths Tod. […]

Der „Zug zum Höheren“
Er war ein sehr unviktorianischer Autor in viktorianischer Zeit. Er stammte aus kleinen Verhältnissen, was er zeitlebens als Makel begriff. Früh, im Alter von fünf Jahren, verlor er die Mutter, und mit seinem Vater, der die niedrige gesellschaftliche Stellung als Handwerker durch einen Zug zum „Höheren“ auszugleichen suchte, lebte er in einem denkbar schwierigen Verhältnis, das traumatisch durch viele seiner Bücher geistert. Seine Biographen sprechen von seinem Drang zur Selbstüberhebung, der vielleicht ein väterliches Erbteil und mit jenem Stolz verwandt war, den er an seinen Figuren tadelt.

Die schmerzliche Erfahrung niederer Herkunft und die egoistisch-besitzergreifende Tyrannei des Vaters waren nicht geeignet, ihn zum sozialen Rebellen zu machen. Doch wuchs ihm ein rebellischer Geist, nachdem er zwei wichtige Jahre auf dem Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde in Neuwied verbracht hatte. Dort genoß er eine andere Lebensluft als im strengen Kastensystem der englischen Gesellschaft. In Neuwied wurde Meredith zum Europäer und Kosmopoliten. […]

Nach London zurückgekehrt, absolvierte er eine Lehrzeit in einer Londoner Anwaltskanzlei und geriet in einen kultivierten Kreis, dessen Zentralfigur Thomas Love Peacock war […]. Er wurde der wichtigste Lehrer des angehenden Schriftstellers. Virginia Woolf schrieb ins Tagebuch, Meredith habe seine „ganz bezaubernden Frauen“ von Peacock übernommen. Der Lehrer hatte auch eine bezaubernde Tochter, die geistreiche, dichtende, bereits verwitwete Mary Nicholls. Meredith, neun Jahre jünger, heiratete sie 1849. Es war eine eher unglückliche Verbindung, die endete, als Mary sich, unter Zurücklassung eines gemeinsamen Sohnes, mit einem Maler auf und davon machte. Diese Erfahrung hat tiefe Spuren bei Meredith hinterlassen, so tiefe, daß David Williams sie bereits im Untertitel seiner großen Meredith-Biographie „His Life and Lost Love“ zum Angelpunkt des ganzen Lebens machte. […]

Textauszug aus dem Nachwort von Hanjo Kesting in
Georg Meredith: Die tragischen Komödianten



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