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SPECIAL zu Helene Tursten

Die Tote im Keller
 

»Wenn mich eine Zeitungsmeldung aufregt, dann fange ich an zu recherchieren.«

(Porträt anlässlich des Erscheinens von »Die Tote im Keller«)

 

Michael Seufert besucht Helene Tursten in Sunne.

Wenn sie schreibt, herrscht absolute Stille im Haus. Ihr Mann arbeitet dann in seiner Zahnarztpraxis in der kleinen mittelschwedischen Stadt Sunne am Fryken-See im Värmland. Die Tochter ist seit dreieinhalb Jahren aus dem Haus. Sie hat in Göteborg Design studiert und ist jetzt Küchenplanerin bei IKEA. Die Bestsellerautorin Helene Tursten braucht die Einsamkeit, wenn sie am Computer sitzt. Ihr Irish-Terrier Sammie ist das einzige Lebewesen, das dann in ihrer Nähe sein darf.

Sammie spielt auch eine wichtige Rolle in ihren Büchern, nämlich als Begleiter ihrer Romanheldin, der Kriminalinspektorin Irene Huss, die in der Göteborger Mordkommission ermittelt. Sammie ist so eine Art Lebensretter für Helene Tursten gewesen, als 1993 eine schwere Rheumaerkrankung das Leben der damals 39-Jährigen mit einem Schlag veränderte.
Bis dahin hatte sie zielstrebig eine Karriere aufgebaut. Nach drei Jahren Arbeit als examinierte Krankenschwester schrieb sie sich an der Universität ein, studierte Zahnmedizin und praktizierte danach in Göteborg, in Udvalla und fünf Jahre in Sunne. Sie hatte geheiratet und ihre Tochter bekommen.

Doch dann wurde sie von den Rheuma-Anfällen heimgesucht, die sie lähmten. Die lebenslustige Frau, die immer viele Leute um sich herum hatte, war plötzlich isoliert. Gequält von Schmerzen, ohne Aussicht auf Besserung und mit der Gewissheit, nie mehr in ihrem Beruf arbeiten zu können. »Es war eine große Lebenskrise. Genauso schlimm wie die Krankheit war das Gefühl, meine Identität zu verlieren, meine sozialen Kontakte und die wirtschaftliche Basis. Es war ein Schock für mich.« Jeden Tag musste sie sich aus dem Bett quälen und sich zwingen, sich zu bewegen. »Ich habe immer gute Gründe gefunden, nicht nach draußen gehen zu können – mal war es zu kalt, mal regnete es, dann war es zu windig oder zu heiß.« Bis sie beschloss, sich einen Hund zuzulegen, denn mit einem Hund muss man raus. Ihr Mann hielt das für eine verrückte Idee, aber es erwies sich als die beste Therapie.
Sammie – ein Terrier mit großem Herzen, neugierig, wachsam, freundlich, kurzum ein richtig lieber Kerl – sorgte dafür, dass sie spazieren ging und langsam wieder unter die Leute kam. Nach zweieinhalb Jahren hatte sich die Krankheit so weit gebessert, dass Helene Tursten Zukunftspläne machen konnte. Zähne bohren konnte sie nicht mehr, aber schreiben. Zuerst verfasste sie für Magazine kleine Artikel für Rheumapatienten und übersetzte Berichte aus Fachzeitschriften aus dem Englischen ins Schwedische, wobei ihr die medizinische Vorbildung half. Verdienen ließ sich damit nichts, aber sie konnte ihre Isolation überwinden und entdeckte das Schreiben als Überlebensstrategie.

»Auf einmal hatte ich eine Geschichte in mir. Niemand hätte erwartet, dass ich ein Buch schreibe. Ich habe es auch niemandem erzählt.« Im Frühjahr 1996 hat sie angefangen. Ein Jahr später war das Manuskript fertig – »Der Novembermörder«, eine tödliche Geschichte, angesiedelt in der Göteborger Upperclass. Der erste Auftritt von Irene Huss, der völlig anderen Kommissarin. Eine 40-jährige Frau, glücklich verheiratet mit dem Sterne-Koch Krister, Mutter von pubertierenden Zwillingstöchtern, ehemalige Europameisterin im Judo, selbstbewusst.
»Ich wollte eine Polizistin, die ein normales Leben führt. Eine Frau, mit der man sich identifizieren kann, die mitten im Leben steht. Kein junges Ding, wie sie in Krimiserien auftreten. Eine gute Ermittlerin braucht doch eine Menge Erfahrung.« Ihre Irene Huss verfügt über Intuition und einen wachen Verstand. Jahre später hat Helene Tursten tatsächlich eine solche Frau kennen gelernt, die die Vorlage für Irene Huss hätte sein können. Eine Spezialistin für die Vernehmung von Kindern.

Helene Tursten schickte ihr Manuskript an den winzigen Anamma-Verlag in Göteborg. Es wurde sofort angenommen und erschien im März 1998. Das Debüt war auf Anhieb ein Erfolg. »Erst war ich überrascht, schließlich überwältigt.« Auch die beiden Kleinverleger strahlten, weil Irene Huss so gut bei den Lesern ankam. Als Helene Tursten an ihrem dritten Buch saß, wurde Anamma mitsamt der erfolgreichen Autorin von einem größeren Verlag in Stockholm aufgekauft. In diesem Jahr hat sie sich nun einen neuen Verleger in Schweden gesucht.
Ihre Themen findet Helene Tursten bei der Zeitungslektüre, beim Radiohören, bei Gesprächen mit Freunden und Polizisten. Sie unterhält gute Beziehungen zur Göteborger Polizei. »Wenn mich eine Zeitungsmeldung aufregt, dann will ich mehr darüber wissen. Also fange ich an zu recherchieren. Oft entstehen Bilder in meinem Kopf. Wenn ich genügend Bilder gesammelt habe, kann ich sie zusammensetzen und eine Szene oder ein Kapitel daraus machen. Wenn es genügend Kapitel sind, ist das Buch fertig.«

Sie hat über das Homosexuellen-Milieu geschrieben, über die Rechtsradikalen-Szene und die Abgründe in einer noblen Privatklinik. Das große Thema ihres neuen Buches, »Die Tote im Keller«, ist der Menschenhandel, sind die jungen Sexsklavinnen. Mädchen, Kinder, die von brutalen Verbrechern auf der Straße entführt oder von ihren drogenabhängigen Eltern verkauft werden. Die wie Vieh gehandelt und so lange ausgenutzt werden, bis sie wie Abfall weggeworfen oder als lästiger Abschaum schlicht ermordet werden.

»Noch nie hat es auf der Erde so viele Sklaven gegeben wie heute. Ein UN-Report von 2005 spricht von weltweit 30 Millionen Opfern, aber die Dunkelziffer liegt viel höher. Das ist ein größeres Geschäft als der Drogenhandel. Ich finde, es ist an der Zeit, dass über diesen Skandal gesprochen wird.«

Mit Leidenschaft hat sie sich diesem Thema in ihrem Buch gewidmet. Man hält beim Lesen den Atem an, angesichts der Brutalität, mit der in der Branche vorgegangen wird, in der weltweit die Fäden gezogen werden. Helene Tursten nimmt ihre Leser mit auf eine Reise ins Grauen. Das ist Spannung pur, aber voller Mitgefühl für die Opfer.
Wenn sie ein Buch schreibe, sagt Helene Tursten, dann arbeite sie 24 Stunden daran, am Computer und in Gedanken. Schreiben sei keine Qual für sie, harte Arbeit schon. »Aber wenn es fließt, ist das ein wunderbares Gefühl.« Natürlich ärgere sie sich manchmal über ihre Figuren, etwa über Jonny Blom, der häufig so schrecklich unkorrekte und frauenfeindliche Sprüche macht. »Aber ich brauche ihn, weil er Dinge sagt, die viele denken, aber niemals aussprechen würden. Deshalb ist er wichtig für mich.«
Ihre Tochter und ihr Mann sind ihre ersten Leser und unbestechlichen Kritiker. »Mein Mann war ja früher selbst Polizist. Der weiß, wie es läuft. Der sagt mir dann, so geht das nicht, mach es lieber so, oder sprich noch mal mit deinen Quellen. Das funktioniert sehr gut.«

Entspannung findet Helene Tursten bei Spaziergängen durch die Wälder und an den zahlreichen Seen rund um Sunne. Lesen ist ihre Leidenschaft. In Göteborg geht sie gern ins Theater und ins Kino, hier hat sie auch viele Freunde. »Da bekomme ich wieder viel Input.« Sie interessiert sich für moderne Kunst und sie kocht gerne. Weil Krister Huss in ihren Romanen Meisterkoch ist, glauben viele, dass auch ihr Mann ein Genie in der Küche ist. »Der kann noch nicht einmal Eier kochen«, lacht Helene Tursten, »aber er ist ein Genießer.«
Gerade ist sie von einer dreiwöchigen Lesetour durch die USA und Kanada zurückgekehrt. Gemeinsam mit drei Kollegen hat sie für schwedische Literatur geworben und ihr gerade in den USA erschienenes Buch »Die Tätowierung« unter anderem in New York, Toronto, Los Angeles und San Francisco präsentiert. Sogar Publishers Weekly gefiel ihr Buch hervorragend. Und als sich herumgesprochen hat, dass ihre Bücher in Schweden verfilmt worden sind, haben sich zwei amerikanische Produzenten bei ihr gemeldet. »Mal sehen, was daraus wird.« Deutsche Fernsehzuschauer werden Kommissarin Irene Huss im kommenden Jahr in einer sechsteiligen Serie im Ersten erleben.

Nach den vergangenen aufregenden Monaten macht Helene Tursten jetzt erst einmal mit ihrem Mann Ferien in Italien. Danach wird sie ein neues Buch anfangen. Und wie jeden Morgen beginnt der Tag pünktlich um 9 Uhr mit einem Spaziergang mit Sammie, der nach dem Frühstück eine Runde drehen will. »Er ist mit mehr als 14 Jahren zwar ein alter Herr, schon ein bisschen blind, aber immer noch ein Terrier.« Und wenn sie nach Hause kommen, legt sich Sammie unter den Schreibtisch, schläft und lässt sie in Ruhe am Computer arbeiten.

© Michael Seufert, 21.8.2007



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