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SPECIAL zu Jay Asher / Carolyn Mackler »Wir beide, irgendwann«

Wir beide, irgendwann
 

„Ich hätte dieses Buch in der High School geliebt!”

Interview mit Jay Asher zu »Wir beide, irgendwann«

 



Lieber Jay Asher, mit Ihrem Debütroman »Tote Mädchen lügen nicht« haben Sie auf Anhieb einen weltweiten Bestseller gelandet, der viel diskutiert und von den jungen Lesern heiß geliebt wird. Besonders in Deutschland gibt es eine große Fangemeinde, die sich jetzt auf Ihr zweites Buch »Wir beide, irgendwann« freut. Hätten Sie jemals mit einem so durchschlagenden Erfolg gerechnet?
Jay Asher: Als ich »Tote Mädchen lügen nicht « schrieb, hatte ich natürlich noch keine Ahnung, dass der Roman auch außerhalb der USA so erfolgreich sein würde. Dass man die Gefühle und Gedanken, die ich mit meiner Geschichte ausdrücken wollte, nur dann im Ausland verstehen kann, wenn sie mit Sorgfalt und Verständnis übersetzt sind – das war mir klar. Aber ich habe von genug Lesern, die sowohl die englische als auch die deutsche Version gelesen haben, gehört, dass die Übersetzung ins Deutsche unglaublich gut gelungen ist. Obwohl »Tote Mädchen lügen nicht« nun bereits in über 30 verschiedenen Ländern verkauft wurde, hat der Roman außerhalb der USA in Deutschland den größten Erfolg gehabt. Daher hat es mich natürlich wahnsinnig gefreut, dass mein zweites Buch, »Wir beide, irgendwann«, nun auch dort veröffentlicht wird. Ich hoffe, ihr werdet es genauso sehr lieben wie ich!

Ihrer Biographie nach zu urteilen, führen Sie ein sehr aufregendes und abwechslungsreiches Leben. So haben Sie zum Beispiel schon bei einer Fluggesellschaft, als Schuhverkäufer, Bibliothekar und Buchhändler gearbeitet. Hatten diese Erfahrungen Auswirkungen auf Ihre Schriftstellertätigkeit bzw. Ihre Bücher? Und würden Sie sich selbst als Lebenskünstler bezeichnen?
Es ist im Prinzip egal, welchen Beruf man ausübt: Überall erfährt man etwas über das Leben und die Menschen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Als Schuhverkäufer habe ich zum Beispiel viele Kunden miterlebt, die sich wegen der Größe ihrer Füße schämten (ich musste mich manchmal sehr beherrschen, darüber nicht zu lachen). Bei der Fluggesellschaft bekam ich mit, wie unterschiedlich Menschen auf nervenaufreibende oder stressige Situationen reagieren können. Und obwohl ich nicht unbedingt an diese Zeiten denke, wenn ich schreibe, bin ich mir sicher, dass sich meine Erfahrungen trotzdem in meinen Büchern widerspiegeln. In Buchhandlungen und Bibliotheken zu arbeiten hatte aber wirklich direkten Einfluss auf meine Schriftstellertätigkeit. Über Jahre hinweg war das Schreiben für mich eine brotlose Kunst, der ich hauptsächlich zu meinem eigenen Vergnügen nachgegangen bin. Meine Jobs als Buchhändler und Bibliothekar, bei denen ich mich mit ganz unterschiedlichen Menschen unterhalten konnte, machten mir bewusst, wie wichtig es ist, dafür zu sorgen, dass meine Ideen auch beim Leser ankommen. Mir war natürlich klar, was ich auszudrücken versuchte! Aber es ging darum, dass auch die anderen mich verstanden! Diese neue Einsicht bewirkte, dass ich ein bisschen anders an das Schreiben heranging: Eine kleine Veränderung, die aber eine unglaublich große Auswirkung auf die Qualität meiner Texte hatte! Und, um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein, ich würde mich keineswegs als Lebenskünstler bezeichnen. Ich schätze, ich bin eher jemand, der das Leben bzw. seine Umgebung beobachtet. Herauszufinden, warum Menschen so sind wie sie sind, fasziniert mich. Genauso wie die Tatsache, dass wir uns gegenseitig auf vielfältigere Art und Weise beeinflussen, als wir uns vorstellen können.

Warum haben Sie sich als Schriftsteller für das Jugendliteratur-Genre entschieden?
Eigentlich hatte ich es vorher nie in Betracht gezogen, für diese Altersgruppe zu schreiben. Bis ich plötzlich eine Idee für ein Jugendbuch hatte, die mich nicht mehr losließ. Alles, was ich bis dahin geschrieben hatte, war eher an jüngere Kinder gerichtet und lustig. Zu dieser Zeit arbeitete ich gerade in einer Bücherei und viele Teenager fragten mich nach Buchempfehlungen. Also begann ich eine Menge Jugendliteratur zu lesen und verliebte mich in das Genre. Jugendbücher wurden zu meinen Lieblingsbüchern, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch immer nur daran interessiert war, für Kinder zu schreiben. Dann fuhr ich eines Tages frühmorgens durch den Schnee, was für mich sehr nervenaufreibend war, weil ich nicht daran gewöhnt war. Und plötzlich hatte ich die komplette Idee für »Tote Mädchen lügen nicht« im Kopf. Ich war so von dieser Idee fasziniert, dass mir klar wurde: Dieses Buch muss ich schreiben.

Sicher hat Sie der unglaublich große Erfolg von »Tote Mädchen lügen nicht« in Bezug auf Ihr nachfolgendes Schreibprojekt sehr unter Druck gesetzt. War dies der Grund dafür, warum Sie Probleme damit hatten, ein zweites Buch zu schreiben? Und wie haben Sie es geschafft, Ihre Schreibblockade zu überwinden?
Das war der Grund dafür, ja. Aufgrund des großen kommerziellen Erfolges und dem Umstand, dass meine Leser sich dem Buch in so hohem Maße persönlich verbunden fühlten, hatte ich Angst davor, einen zweiten Roman zu schreiben. Als »Tote Mädchen lügen nicht« herauskam, hatte ich gerade ein Drittel des Manuskripts für ein neues Buch geschrieben. Nach der Publikation fiel es mir immer schwerer, daran zu arbeiten – bis ich ganz aufhörte. Schließlich vergingen zwei Jahre, in denen ich kein einziges Wort schrieb. Aber dann bekam ich eine E-Mail von Carolyn Mackler, eine meiner Lieblingsautorinnen. Sie fragte mich, ob ich schon einmal in Betracht gezogen hätte, mit einem anderen Schriftsteller zusammenzuarbeiten. Ich wusste sofort, dass dies die Lösung für meine Schreibprobleme war. Mit einem anderen Autor zusammen zu schreiben, würde mir dabei helfen, mich von den hohen Erwartungen der Leser an mein nächstes Buch zu distanzieren. Ein Teil von mir denkt, es wäre besser gewesen, wenn ich diese Distanz nicht nötig gehabt hätte, um weiterzuschreiben. Aber dann hätte ich wahrscheinlich nie »Wir beide, irgendwann« geschrieben – einen Roman, auf den ich sehr stolz bin. Und ich hätte nie die Gelegenheit gehabt, mit einer meiner Lieblingsschriftstellerinnen zusammenzuarbeiten!

War es für Sie sehr schwierig, sich mit »Wir beide, irgendwann« einem völlig neuem Thema zu widmen? Und warum haben Sie sich für genau dieses Projekt entschieden?
»Wir beide, irgendwann« kommt der Art von Büchern, die ich gerne in meiner Freizeit lese, eigentlich viel näher als mein erster Roman. Die ganze Zeit über dachte ich: „Ich hätte dieses Buch in der High School geliebt!” Natürlich war Facebook zu meiner Schulzeit noch gar nicht erfunden, also hätte die Geschichte damals noch überhaupt keinen Sinn ergeben. Als Carolyn Mackler und ich Ideen für ein Buch sammelten, haben wir vermutlich über mehr als ein Dutzend möglicher Geschichten diskutiert. Dieses Konzept war das erste, von dem wir beide begeistert waren und in dem wir großes Entwicklungspotenzial erkannten. Sobald wir merkten, dass wir beide gleichermaßen angetan waren, stand für uns fest: Das ist die Geschichte, die wir schreiben möchten.

Woher kam die faszinierende Idee für »Wir beide, irgendwann«?
Carolyn erzählte mir von einer Frage, die ihr Vater ihr einmal gestellt hatte, als sie noch in der High School war. Er fragte sie, ob sie es jemals in Betracht gezogen hätte, dass ihr zukünftiger Ehemann bereits irgendwo da draußen wäre. Vielleicht kannte sie ihn sogar schon, vielleicht auch nicht. Wir begannen uns zu fragen, wie anders unser aller Leben verlaufen würde, wenn man bereits vorher wüsste, wen man später einmal heiraten wird. Was wäre, wenn du herausfindest, dass du in deiner zukünftigen Ehe nicht glücklich bist? Dann diskutierten wir über besonders kreative Möglichkeiten für unsere Charaktere, in die Zukunft zu sehen. Wir einigten uns auf Facebook und wir entschieden uns dafür, die Geschichte im Jahr 1996 anzusiedeln, weil das Internet damals noch etwas ganz Neues war und es noch keine Webseiten mit sozialen Netzwerken gab. Es hat viel Spaß gemacht zu zeigen, wie sich durch das Internet in sehr kurzer Zeit unser Verständnis von Freundschaften und Beziehungen verändert hat.

Ist es wahr, dass Carolyn und Sie zunächst nicht einmal Ihren Verlegern erzählt haben, dass Sie beide an einem neuen Buch schreiben?
Wir haben sogar unseren Literaturagenten erst davon erzählt, als wir schon 100 Seiten verfasst hatten. Keiner von uns beiden hatte jemals versucht mit einem anderen Schriftsteller zusammenzuarbeiten. Daher wussten wir einfach nicht, ob das überhaupt klappen würde. Wir wollten sicherstellen, dass wir das Buch auch fertigschreiben konnten, bevor wir jemand davon erzählten.

Carolyn und Sie leben relativ weit voneinander entfernt. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden da überhaupt funktioniert? Wie müssen wir uns den Schreibprozess vorstellen?
Carolyn lebt in New York und ich in Kalifornien. Das ist ein Zeitunterscheid von drei Stunden. Wir haben fast jeden Tag miteinander telefoniert, manchmal stundenlang, und wir schrieben einander Dutzende von E-Mails. Wir wollten beide an jedem Part unseres Romans beteiligt sein, also diskutierten wir über alles, bevor einer von uns mit dem Schreiben des nächsten Kapitels begann. Sobald ein neues Kapitel fertig war, schickten wir es einander per E-Mail und der andere durfte es dann nach Lust und Laune überarbeiten. Einige Kapitel mussten wir über zwanzig Mal hin und her schicken, bevor wir beide zufrieden waren. Vermutlich wurde tatsächlich jeder Satz in dem Roman von uns beiden überarbeitet, so dass es sich bei »Wir beide, irgendwann« um eine Gemeinschaftsarbeit im wahrsten Sinne des Wortes handelt.

Was hätten Sie als Teenager gemacht, wenn Sie – wie Josh und Emma – die Möglichkeit gehabt hätten, in Ihre Zukunft zu blicken? Welcher Teil Ihrer Zukunft hätte Sie am meisten interessiert? Und vor allem: Hätten Sie versucht, etwas an Ihrem zukünftigen Leben, so wie es jetzt aussieht, zu verändern?
Ich hätte mich wahrscheinlich sehr ähnlich verhalten wie Emma, indem ich versucht hätte, meine Zukunft mithilfe der Anhaltspunkte im Internet in eine positive Richtung zu lenken. Und ich bin mir sicher, dass auch bei mir etwas Ähnliches dabei herausgekommen wäre! Ich wäre als Jugendlicher wahrscheinlich am meisten daran interessiert gewesen, ob ich in der Zukunft glücklich bin oder nicht, aber auch daran, was ich später beruflich machen werde. Damals wollte ich entweder mit einer Rockband um die Welt reisen oder Drehbuchautor werden. Aber ich denke, ich wäre auch mit meinem jetzigen Leben zufrieden gewesen.

Was ist Ihre Meinung zu unserer modernen Welt der sozialen Netzwerke? Hat die digitale Parallelgesellschaft junge Leute und die Art und Weise, wie sie aufwachsen, verändert?
Die modernen sozialen Netzwerke haben zwangsweise Einfluss darauf, wie Menschen ihr Leben wahrnehmen und führen – ganz egal, ob es sich dabei um Jugendliche oder Erwachsene handelt. Sie erleichtern es uns, mit entfernter lebenden Menschen in Kontakt zu bleiben – etwas, wofür ich sehr dankbar bin. Gleichzeitig fehlen uns die wenigen Minuten, in denen wir uns mit anderen Menschen online austauschen (und viele verbringen weitaus mehr Zeit als nur einige Minuten damit), an anderer Stelle. Denn diese Minuten sind immer auch Zeit, die wir nicht in diejenigen investieren, die in unserem unmittelbaren Umfeld leben und unseren Alltag am meisten beeinflussen. Selbst wenn wir in sozialen Netzwerken auch mit Menschen Kontakt haben, die wir täglich in der Schule oder auf der Arbeit sehen, distanziert uns das Internet doch immer auch von dem Ort, an dem wir uns gerade befinden. Jugendliche wachsen heutzutage mit ganz anderen Vorstellungen über Kommunikation, Zeit und Distanz auf. Ich weiß nicht, ob man schon sagen kann, ob das eine gute oder schlechte Entwicklung ist. Und eigentlich könnte man sicher Ähnliches über die erste Generation sagen, die mit dem Telefon oder der Post aufgewachsen ist. Dennoch ist es – denke ich – wichtig sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Denken Sie, den heutigen Jugendlichen ist bewusst, dass Facebook erst seit kurzem Teil unseres Alltags ist?
Ja, wenn sie unser Buch gelesen haben, dann auf jeden Fall! Ich denke, dass Teenager auf jeden Fall wissen, dass es Facebook noch nicht so lange gibt. Aber sicher gibt es nur wenige, die sich überlegen, wie anders ihr Leben ohne soziale Netzwerke sein würde.

Im September 2012 werden Sie auf Ihrer Lesereise Deutschland besuchen. Waren Sie schon einmal hier zu Besuch und gibt es etwas, auf das Sie sich besonders freuen?
Ich war selbst noch nie in Deutschland, aber ein Großteil meiner Vorfahren kommt von dort, daher bin ich natürlich sehr gespannt auf meinen Besuch. Und ich kann es kaum erwarten, meine deutschen Leser persönlich zu treffen. Das wird sicher großartig!

Interview: Katharina Göring / cbj-Presse
Übersetzung: Carola Bauer / cbj-Presse



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