In den USA sitzen derzeit 1,2 Mio. Menschen in Gefängnissen, in Deutschland, im Vergleich dazu, nur 62.000. Damit kommen in den USA auf 100.000 Bürger 725 Strafgefangene, in Deutschland nur 98. Wer eine Ahnung davon bekommen will, was die Gründe dafür sein könnten, der sollte John Grishams neuestes Buch "Der Gefangene" lesen.![]()
Bei Grishams 19. Buch in nur siebzehn Jahren handelt es sich, anders als man das erwarten könnte, um keinen weiteren, vom Erfinder des Justizthrillers routiniert nach bekanntem Muster geschriebenen Roman. Zum ersten Mal nämlich hat Grisham ein Sachbuch geschrieben, also ein Buch, bei dem - und das macht die Lektüre so ungemein packend und mitreißend - jede Tatsache, jeder Dialog der kaum für möglich gehaltenen Realität entnommen ist.![]()
Sozialer Absturz
Im Mittelpunkt des engagierten Tatsachenberichts "Der Gefangene" steht Ron Williamson. Er war früher einmal ein hoffnungsvoller Baseballspieler aus dem kleinen Kaff Ada in Oklahoma. 1971 gelang ihm, wovon viele Jungs aus der Provinz träumen: Er bekam ein Angebot von einem Profiklub in der Großstadt Oakland. Von der Vertragsprämie von 50.000 Dollar kaufte er sich einen Sportwagen und seinen Eltern einen Farbfernseher. Den Rest verspielte er beim Poker.![]()
Leider wurde es nichts mit der Karriere, Alkoholprobleme, Frauengeschichten und Verletzungen machten alle Hoffnungen zunichte. Er wollte sein Versagen in Ada geheim halten und verdingte sich deshalb als Versicherungsvertreter im nahe gelegenen Tulsa. Auch dort hatte er zahlreiche Frauenabenteuer und nachfolgend zwei Vergewaltigungsprozesse, die beide aber mit einem Freispruch endeten. Ansonsten zehrte er vom stetig verblassenden Ruhm und entwickelte schließlich manisch-depressive Züge.![]()
Schließlich kehrte Williamson nach Ada zurück und unternahm keinen Versuch, ernsthaft Arbeit zu suchen. Seine Tage und Nächte verbrachte er, zunehmend von körperlichem und geistigem Verfall gezeichnet, dösend und fernsehend auf der Couch im Haus seiner Mutter. Nur gelegentlich durchbrach ein Barbesuch mit einem entfernten Bekannten, dem Lehrer Dennis Fritz, diesen Teufelskreis aus Lethargie und Hoffnungslosigkeit.![]()
Verdachtsmomente
1982 erschütterte ein Mordfall das 16.000 Seelen-Dorf Ada. Die attraktive und beliebte Debbie Carter, Bedienung in einem Lokal, wurde erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. Zimmer und Körper waren vom Täter mit Botschaften versehen worden, die auf einen Barbesitzer aus Ada hinweisen sollten. Dieser allerdings hatte ein Alibi für die Tatzeit und schied deshalb als Täter aus. Obwohl ein Mann namens Glen Gore der letzte war, mit dem Debbie Carter am Tatabend lebend gesehen wurde und sie ihren Freundinnen berichtet hatte, dass sie schon mehrmals von Gore bedroht worden sei, wurde dieser von der Polizei lange Jahre nicht ernsthaft der Tat verdächtigt. Wie sich später herausstellte auch deshalb, weil Gore zusammen mit ein paar Polizisten Drogen dealte.![]()
Stattdessen konzentrierte sich die Polizei schon früh auf Ron Williamson. Man hielt ihm - trotz erfolgter Freisprüche - die früheren Vergewaltigungen vor. Zu seinem Pech wohnte er auch noch ganz in der Nähe des Tatorts und war wegen seiner psychischen Beeinträchtigung kaum in der Lage, sich sachgerecht zu artikulieren, geschweige denn zu verteidigen. Überdies sagte ein Knastspitzel, der ihn während eines kurzen gemeinsamen Zellenaufenthalts kennen gelernt hatte, aus, Williamson habe ihm gegenüber mit seiner Tatbeteiligung am Carter-Mord geprahlt.![]()
Williamsons Mutter konnte nachweisen, dass sie in der Tatnacht zusammen mit ihrem Sohn bis zum Morgengrauen Videofilme angesehen hatte, Ron Williamson also die Tat nicht begangen haben konnte. Die Aussage der Mutter wurde zwar protokolliert, sie tauchte aber nie in den Akten auf.![]()
Da man aufgrund der Brutalität des Mordes zwei Täter vermutete, kam man auf Williamsons Zechkumpan Dennis Fritz als weiteren Verdächtigen. Zwar passte auch auf ihn wie auf Williamson keine der DNA Spuren am Tatort, aber er hatte kein Alibi für die Tatnacht. Außerdem war er der einzige Kumpel des Hauptverdächtigen Williamson, der nach Überzeugung der Polizei die Tat nicht alleine verübt hatte.![]()
Kurzer Prozess
Schließlich wurde beiden 1988 vor einem Geschworenengericht in Ada in getrennten Verhandlungen der Prozess gemacht - trotz der haarsträubend unzureichenden Beweislage. Die Angeklagten konnten sich keinen eigenen Anwalt leisten. Ihnen wurden deshalb Pflichtverteidiger bestellt, die wegen der geringen Bezahlung aus der Staatskasse keinen übermäßigen Ehrgeiz an den Tag legten, die ihnen Anvertrauten sachgerecht zu verteidigen. Erfahrungen mit Mordprozessen hatten beide nicht. Der Anwalt von Williamson war überdies blind.![]()
So kam es wie es kommen musste: Beide Angeklagten wurden trotz erheblicher Verfahrensmängel und unzureichender Beweislage verurteilt: Fritz zu lebenslanger Haft. Williamson erhielt die Todesstrafe - vielleicht weil er irgendwie unsympathischer und gefährlicher wirkte, vielleicht auch nur, weil sein blinder Anwalt bei den Geschworenen einen inkompetenten Eindruck hinterließ. Die Kleinstadt Ada konnte endlich wieder zur Ruhe kommen, die Tat war endlich gesühnt, die Polizei hatte ihren Job getan.![]()
Am 27. September 1994 sollte die Todesstrafe an Ron Williamson vollstreckt werden, nachdem zahllose Widersprüche gegen das Urteil erfolglos geblieben waren. Seine Anwälte legten ohne große Hoffnungen noch ein letztes Rechtsmittel beim Bezirksgericht ein. Und dort hatte Williamson dann zum ersten Mal Glück. Die damit befassten Richter interessierten sich sehr für die Unregelmäßigkeiten bei der Verhandlung und setzten den Hinrichtungstermin bis zu einer eingehenden Prüfung aus. Schließlich ordneten die Richter die Wiederaufnahme des Verfahrens an.![]()
Glück im Unglück?
Nun kam den Angeklagten die Entwicklung der Gerichtsmedizin zu Hilfe: Anders als beim ersten Prozess konnte man mittlerweile sehr präzise DNA-Tests durchführen. Damit konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass die am Tatort aufgefundenen DNA-Spuren von einer dritten Person stammen mussten. Williamson und Fritz wurden 1999 freigesprochen. Die Spuren stammten zweifelsfrei von Glen Gore, der 2001 zum Tode verurteilt wurde. Gegen das Urteil wurde Revision eingelegt, die Strafe daraufhin zu lebenslanger Haft abgemildert.![]()
Fritz und Williamson verklagten die Behörden daraufhin wegen unrechtmäßiger Ermittlungen auf Schadensersatz und erhielten 5 Millionen Dollar zugesprochen. Williamson hatte allerdings nicht mehr allzu viel davon. Er verstarb - nicht zuletzt aufgrund der während der Haft erlittenen Gesundheitsschäden kurze Zeit später.![]()
Grisham gelingt es überzeugend aufzuzeigen, wie gering die Chancen nicht wohlhabender Angeklagter in den USA sind, einen fairen Prozess zu bekommen, sollten sie zufällig in die Mühlen der Justiz geraten. Wenn sich erst Polizisten, Staatsanwälte und Richter darin einig sind, dass ein Fall erfolgreich abgeschlossen und die Tat gesühnt werden muss, ist man auch gerne bereit, einen unschuldig Verdächtigen zum Sündenbock zu machen, auch wenn die Beweislage andere Schlüsse nahe legt. Geschworene, so das Fazit, können erschreckend leicht manipuliert werden. Ob einem als Angeklagter Gerechtigkeit widerfährt und ob man überlebt, ist dann nur noch eine Frage des Glücks.![]()
Ein spannendes Buch, das einem den Atem verschlägt. Dafür sorgt nicht nur Grishams brillanter Erzählstil, sondern auch die Tatsache, dass man bei dieser Story mit dem wahren Leben konfrontiert wird. Und das kann härter sein als jede Fiktion.![]()
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