Joseph Boyden – ein Porträt
Als Joseph Boyden in den 70er Jahren in Willowdale, Ontario, aufwuchs, machte er, was kleine Jungs eben so machen. Er war gerne draußen, spielte mit seinen Geschwistern Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer auf dem Schulhof gleich nebenan. Daneben aber entwickelte er sich – wohl eher ungewöhnlich – schon früh zu einer echten Leseratte. Mit sechs Jahren arbeitete er sich Band für Band durch die Encyclopaedia Brittanica, die in seinem Elternhaus stand, und verschlang die Artikel über Themen, die ihn besonders interessierten, geradezu. Einige Jahre später entdeckte er dann die Welt der Romane für sich und begann darüber nachzudenken, ob er nicht Schriftsteller werden sollte.
Linktipp: Audio-Interview mit Joseph Boyden zu "Der lange Weg" [engl.]
Aber die Geschichten, die er am liebsten mochte, waren nicht erfunden: Es waren die Geschichten über seinen Vater Raymond Wilfried Boyen – als Sanitätsoffizier im Zweiten Weltkrieg hoch dekoriert für seinen mutigen Einsatz. „Mein Vater hat uns ein großes Vermächtnis hinterlassen. Er war als Sanitätsoffizier an vorderster Front in Holland und Italien im Einsatz und riskierte täglich sein Leben. Als er starb, war ich erst acht Jahre alt. Das war das größte Trauma meines Lebens“, so Boyden. „Ich weiß, dass ich ihn mein ganzes Leben lang gesucht habe und mich immer gefragt habe, wo er wohl sein mag.“

Und Raymond Boyden war nicht der einzige Soldat in der Familie. Josephs Großvater mütterlicherseits sowie ein Onkel der Familie seines Vaters hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Aus dem Humus der Familiengeschichten dieser Zeit erwuchs Joseph Boydens Roman „Der lange Weg“. Mit seinem hochgelobten Roman fügt sich Boyden ein in eine Reihe großer Bücher zu diesem Thema, einige Rezensenten vergleichen sein Debüt von der Eindringlichkeit und Sogkraft her mit Erich Maria Remarques Klassiker „Im Westen nichts Neues“.

Boyden setzt sich jedoch auf ganz besondere Weise mit dem „Great War“ auseinander, der für seine Heimat prägend war. Denn die Helden seines Romans sind Cree-Indianer. „Das Schicksal und der Einsatz der vielen Indianer, die sowohl am Ersten als auch am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben, wird in der offiziellen Geschichtsschreibung Kanadas ausgeblendet“, sagt Boyden, „ und die Zeit des Beginns des ,Great War' markiert einen Tiefpunkt für die kanadischen Indianer. Man hatte sie erst kurz zuvor endgültig in Reservate gezwungen, sie hatten alles verloren – auch ihre Wurzeln, die kriegerische Traditionen beinhalten.“ Und auch hier hat Boyden einen ganz persönlichen Bezug: er hat selbst indianische Vorfahren. „Ich fühle mich diesem Erbe besonders verpflichtet, auch wenn es nur einen Teil meiner Genealogie ausmacht.“
Nach seinem Bachelor-Studium an der York University unterrichtete Boyden an einem College in Moosone, Ontario. Auf zum Teil abenteuerliche Weise – per Buschflugzeug, Helikopter, Skijet oder Kanu – gelangte er in dieser abgelegenen Region Kanadas zu seinen Studenten. „Sie waren alle indianischer Abstammung, das war eine sehr prägende Erfahrung, es hat mein Leben verändert.“

Neben seiner kanadischen Heimat fasziniert Boyden der amerikanische Süden. „Hier atmet alles Geschichte.“ So ist es nur konsequent, dass er sich entschied, an der University of New Orleans Creative Writing zu studieren, wo er heute selbst dieses Fach unterrichtet. „Die psychische und geographische Entfernung hat es mir ermöglicht, Abstand zu nehmen und mit distanziertem Blick auf mein Heimatland zu schauen. Als eine Art ‚Exilant', obwohl ich Kanada liebe und es keine negativen Gründe gibt, warum ich dieses Land verlassen habe.“
Auch wenn New Orleans heute sein Lebensmittelpunkt ist – seine Frau Amanda ist hier geboren – verbringt Boyden einen Teil seiner Zeit nach wie vor in Kanada. Hier leben seine Mutter und seine Geschwister sowie sein Sohn Jacob.

Sein Debütroman katapultierte Boyden ins Rampenlicht und machte ihn zum Shootingstar der kanadischen Literaturszene. 25 Wochen stand sein Buch dort auf der Bestsellerliste, es wurde in 15 Länder verkauft – für einen Erstling ein außergewöhnlicher Erfolg. „Der lange Weg“ wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem stand er auf der Auswahlliste für Kanadas renommiertesten Literaturpreis, den Governor General's Award for Fiction. Eine Ehrung freut den Autor allerdings ganz besonders: „Der lange Weg“ wurde zum „Aboriginal“-Buch des Jahres gewählt und in die Sprache der Cree übersetzt. Als erster Roman überhaupt.