Segeln und Boote spielen eine tragende Rolle in diesem Roman. Segeln Sie?
Bis ich dieses Buch schrieb, war ich noch nie auf einem Segelboot gewesen. Allerdings habe ich schon immer Segelboote und Segler aus der Ferne bewundert, wenn ich sie draußen auf dem Wasser gesehen habe. Bei den Recherchen für „Meerschwestern“ musste ich viel lesen, und irgendwann war es so weit, dass ich ein paar Stunden Segelunterricht auf einem See in meiner Nähe nahm. Je mehr ich für meine Recherchen lernte, desto mehr wurde mir klar, was ich alles nicht wusste! Segeln ist mit Sicherheit eine Kunstform, und um sich profunde Kenntnisse anzueignen, würde es Jahre dauern. Vielleicht bis zu meiner Rente!![]()
Die Beziehung zwischen Marnie und Diana ist sehr komplex. Wie würden Sie die Besonderheiten der Beziehung zwischen Schwestern beschreiben? Haben Sie selbst Schwestern?
Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen und habe mir immer eine Schwester gewünscht. Vermutlich ist das der Grund, weshalb mich das Thema der Beziehung zwischen Schwestern von Anfang an fasziniert hat und weshalb ich immer wieder über sie schreibe.![]()
Nun, da ich selbst Kinder habe (eine Tochter und einen Sohn), bin ich von beidem gleichermaßen fasziniert: Von der Beziehung zwischen Geschwistern und von der Kraft der Geschwisterrivalität. Obwohl mir die Vorstellung von einem „Lieblingskind“ fremd ist, wollte ich dieses Konzept in einem Buch erforschen, es bis zum Äußersten ausreizen (eine Mutter, die die Schwestern scheinbar gegeneinander ausspielt) und dessen Folgen anhand der Reaktionen meiner Figuren beobachten – in diesem Fall zweier Schwestern, die einander als Verbündete in einer ansonsten dysfunktionalen Familie sehen.![]()
Gil ist ein faszinierender Junge. Wer oder was hat Sie zu dieser Figur inspiriert?
Ich liebe kleine Kinder. Sie entwaffnen und bezaubern mich immer wieder mit ihrer Offenheit und Aufrichtigkeit, weshalb sie für mich die idealen Figuren in einem Buch sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Kinder die Dinge normalerweise so sagen, wie sie nun mal sind, und dass sie die Erwachsenen in ihrer Umgebung mit einer Klarheit sehen, die frei von gesellschaftlichen Normen oder Vorurteilen ist. Das macht sie in meinen Büchern zu Figuren, die wie Mikroskope funktionieren: Durch deren Augen sehen die Leser die anderen Figuren so, wie sie wirklich sind.![]()
In diesem Roman leidet die Figur der Diana an einer Geisteskrankheit. Was hat Sie an dieser Krankheit besonders interessiert? Wie haben Sie darüber recherchiert?
Bevor ich dieses Buch schrieb, las ich in einem Magazin einen Artikel über zwei Schwestern, die mit einer Mutter aufwuchsen, die an einer bipolaren Störung litt. Es war eine herzzerreißende aber auch inspirierende Geschichte, als ich las, dass die Schwestern quasi als Schutz gegen die Misshandlungen und die Vernachlässigung durch ihre Mutter wie Kletten aneinander hingen. Als ich beschloss, die „Meerschwestern“ zu schreiben, konnte ich den Artikel nicht mehr finden, aber die Krux der Geschichte war mir noch so präsent, dass ich die Emotionen, die ich beim Lesen dieses Artikels hatte, nachvollziehen und in meinem Buch verwerten konnte.![]()
Glücklicherweise gibt es eine Unzahl von Artikeln und Büchern über die Thematik der bipolaren Störung – darunter auch ein Lehrbuch mit Fallstudien aus einem Kurs über Psychopathologie, den ich am College besucht habe. Ich hatte ja schon bei meiner Segel-Recherche festgestellt, dass es Jahre dauert, um ein fundiertes Wissen über mein Thema zu erlangen. Ebenso offensichtlich war, dass die Komplexitäten dieser Krankheit in einem einzigen Roman unmöglich vollständig ausgearbeitet werden können. Trotzdem hoffe ich, dass ich wenigstens in Ansätzen vermitteln konnte, welchen emotionalen Aufwand es bedeutet, mit einem geliebten Menschen aus der eigenen Familie zu leben, der an dieser Krankheit leidet.![]()
Dieses Buch weicht insoweit von Ihren früheren Romanen ab, als die Perspektive zwischen den Figuren ständig wechselt. Weshalb haben Sie sich für diese Art des Schreibens entschieden? Fanden Sie es schwierig, die Übersicht über deren individuelle Stimmen zu behalten?
Ich glaube nicht, dass ich es bewusst darauf angelegt habe, das Buch auf eine bestimmte Art zu schreiben. Als ich mich mit meinen Figuren zum ersten Mal auseinandersetzte, hatte ich vier sehr unterschiedliche Stimmen im Kopf, und jede Stimme sprach in der Ich-Form zu mir, als wetteiferten sie darum, gehört zu werden. Ich begriff, dass jede von ihnen eine wichtige Rolle im Buch zu spielen hatte; dann musste ich mich hinsetzen und herausfinden, wie ich ihnen allen am besten gerecht werden konnte.![]()
Dadurch dass ich die unterschiedlichen Gesichtspunkte alle in der Ich-Form darstellte, gelang es mir besser, mich in die Köpfe meiner Figuren hineinzuversetzen – insbesondere in den Kopf von Gil, der fast das ganze Buch über stumm ist. Indem ich diese Ich-Erzähler ständig rotieren ließ, konnte ich buchstäblich bei jeder Figur das Kostüm wechseln – vermutlich ist das bei Schauspielern so ähnlich – und so in jedem Kapitel in eine andere Haut schlüpfen. Die Schriftstellerei an sich ist ja nie einfach, aber ich stellte fest, dass dies ein nützliches Hilfsmittel war, um die Figuren in meinem Kopf voneinander abzugrenzen.![]()
Auch Dianas Bilder spielen eine zentrale Rolle in diesem Roman. Sind Sie persönlich an Malerei interessiert?
Nicht anders als beim Segeln ist die Gabe, malen zu können, etwas, was ich schon immer aus der Ferne bewundert habe. Allerdings bin ich hoffnungslos überfordert, wenn ich selbst etwas Erkennbares auf eine Leinwand bringen soll.![]()
Als Künstlerin auf einem anderen Gebiet identifiziere ich mich aber durchaus – mit Sängern, Musikern, Malern, sogar Seglern – und verstehe, was es bedeutet, dasjenige in seinem Inneren zu finden, das man unbedingt zum Ausdruck bringen möchte, und dann begabt genug zu sein, um es auf irgendeine für die Öffentlichkeit verständliche Art tatsächlich auszudrücken. In dem Buch nimmt Quinn darauf Bezug. Er sagt, wenn er Marnie beim Segeln zusieht, weiß er, dass sie das gefunden hat, was ihre Seele zum Singen bringt. Ich glaube, es ist genau das, wonach alle Künstler suchen, und es ist das, was uns alle verbindet.![]()
Welche Botschaft sollen die Leser Ihrer Meinung nach von dieser Geschichte mitnehmen?
Meine Bücher handeln immer von Familien, die sich durch schwierige Lebensphasen manövrieren und ihren Weg finden – fast wie im wirklichen Leben, denke ich.![]()
Ich hoffe, dass meine Leser, wenn sie die „Meerschwestern“ zu Ende gelesen haben und das Buch zuklappen, optimistisch in die Zukunft blicken und darauf vertrauen, dass auch die schwierigsten Hindernisse durch die Fähigkeit zu verzeihen und die bedingungslose Liebe einer Familie überwunden werden können.![]()
Wasser ist ein wiederkehrendes Thema in vielen Ihrer Romane. Was bedeutet Wasser für Sie? Wie wichtig ist es in Ihrem Leben?
Zu meiner großen Enttäuschung habe ich (bis jetzt!) noch nie an einem großen Gewässer gelebt. Noch nicht einmal ein Bach hat jemals meinen Garten geschmückt. Aber seit ich als kleines Kind zum ersten Mal den Golf von Mexiko gesehen habe – damals war ich zu Besuch bei meiner Großmutter am Florida Panhandle –, spüre ich eine Affinität zum Wasser. Das Meer und andere große Gewässer haben etwas Beruhigendes, Schönes und Erhabenes an sich – und auch etwas Beklemmendes angesichts der unerforschten Tiefen. Was es auch sein mag, es zieht mich an. Die Küste des Lowcountry von South Carolina (→ Fotogalerie) fasziniert mich ganz besonders; vielleicht ist es der Geruch des Pluff Mud oder die ätherische Schönheit der alten Zedern und der immergrünen Eichen. Manchmal glaube ich, es liegt daran, dass die Küstenlandschaft sich über die Jahrhunderte kaum verändert hat. Vielleicht ist es für mich als jemand, der die Geschichte liebt, ein wenig wie eine Zeitreise, wenn ich aufs Meer schaue und genau das Gleiche sehe wie jemand, der vor Hunderten von Jahren an eben dieser Stelle gestanden hat, als die Erde noch eine andere war und wo noch so viele Geschichten darauf warten, erzählt zu werden.
"Ein bezauberndes Buch über die tiefe Verbindung zweier einander entfremdeter Schwestern." Publishers Weekly
© Verlagsgruppe Random House GmbH
Kontakt Presse Buchhandel Download Literatur Blog Newsletter