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SPECIAL zu Kurt Andersen »Neuland«

Neuland
 

Gefährliche Glückssuche

Buchempfehlung von Sabine Schmitt

 

Es ist das Jahr 1848. Die Welt befindet sich im Wandel. In Frankreich gehen Arbeiter und Bürger gemeinsam gegen die reaktionäre Politik von König Louis-Philippe von Orléans auf die Barrikaden. Der revolutionäre Funke springt schon bald auf weitere Länder über: In vielen europäischen Staaten, wie in denen des Deutschen Bundes, in Italien, Österreich, Ungarn oder Polen kämpfen die Menschen für mehr Gerechtigkeit und Freiheit. Es ist eine Zeit des kollektiven Umbruchs. Die Zeit, in der Karl Marx und Friedrich Engels ihr Kommunistisches Manifest verfassen. Die demokratische Revolution scheint sich auszubreiten wie ein Flächenbrand.

Goldrausch und Technikfieber
Es ist außerdem das Jahrhundert der technischen Neuerungen: Die Fotografie, die Kunst, Abbildungen von Menschen, Gegenständen und Landschaften dauerhaft auf lichtempfindliche Platten zu bannen, wird erfunden. Die Eisenbahn tritt ihren Siegeszug an und versetzt dabei so manchen in einen Geschwindigkeitsrausch. Der Telegraf ermöglicht die Kommunikation und Nachrichtenübermittlung über große Distanzen hinweg, was zur Gründung vieler neuer Zeitungen führt. Für so manchen Bewohner des alten Kontinents erscheint das junge Amerika wie eine strahlende Vision von unbegrenzten Möglichkeiten – und jetzt, da in Kalifornien das Gold förmlich aus dem Boden zu quellen scheint – vom schnellen Reichtum.

Vulgär und fremdartig
Einer von denen, die den Sog der Neuen Welt besonders stark spüren, ist der junge Engländer Ben Knowles. Der Enge seines wohlhabenden Elternhauses überdrüssig, sehnt er sich nach Abenteuern, nach „Vulgarität“ und „Fremdartigkeit“. Auf einer Geschäftsreise im Auftrag seines Vaters, Sir Archibald Knowles – der ursprünglich aus bescheidenen Verhältnissen stammende Aufsteiger und mittlerweile schwerreiche Mitinhaber eines großen Handelsunternehmens – gerät er unversehens in die Turbulenzen der Pariser Februarrevolution. Dabei beabsichtigt er nichts weiter, als seinen guten alten Freund aus Studientagen, Lloyd Ashby, zu treffen - der sich jedoch verspätet ...

Stinktopf
Am verabredeten Treffpunkt am Montmartre spricht ihn stattdessen ein mysteriöses Mädchen an, das ihm eine seltsame Konstruktion aus einem Holzstecken und zwei an den Öffnungen zusammengeklebten Tontöpfen andreht, um sich dann eilig aus dem Staub zu machen. Sein Freund Ashby klärt ihn kurze Zeit später darüber auf, dass das Mädchen eine Revolutionärin und das seltsame Ding, das Ben so hartnäckig umklammert hält, kein Souvenir, sondern eine Bombe sei. Diesen sogenannten Stinktopf gelte es schleunigst loszuwerden, wolle man nicht in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.

Verdächtig
Gesagt, getan. Als die Freunde weiterlaufen, geraten sie in der Rue du Helder mitten unter die demonstrierenden Arbeiter und Studenten. Unglücklicherweise treffen sie auch die kleine Revolutionärin wieder, die sich mittlerweile im Gewahrsam von Soldaten der Regierungstruppen befindet und frech behauptet, Ben sei ihr Freund. Die Soldaten haben wenig Verständnis für Ashbys kurz zuvor aus einer Laune heraus erworbene rote Jakobinermütze und Bens fast einen Meter großen ausgestopften Pinguin, ein Mitbringsel für seinen Vater. Auch von dem Schießpulver an Bens Hand, das noch von der Bombe des Mädchens herrührt, sind sie wenig erbaut. Alle Indizien scheinen gegen die beiden Fremden zu sprechen.

Tragischer Zwischenfall
Die Dinge überstürzen sich, als es zu einem Wortgefecht und wegen Bens kläglicher Französischkenntnisse zu Missverständnissen kommt. Ashby, der nun ernsthafte Probleme wittert, nimmt Reißaus und fordert Ben auf, ebenfalls um sein Leben zu laufen. Als einer der Sergeanten mit der Pistole auf den fliehenden Freund zielt, sieht Ben rot, zückt den Pinguin und schlägt damit so beherzt zu, dass sich dessen Schnabel tief in die Hand des Mannes bohrt. Ein Knall. Ein Schuss löst sich. Doch anstelle den vermeintlichen englischen Revolutionär erschießt Sergeant Gabriel Drumont versehentlich seinen Kollegen und jüngeren Bruder, den Gefreiten Michel Drumont. Ben kann zwar entwischen, entdeckt aber später unter den Opfern des Aufstands auf einem Pferdekarren den Leichnam seines Freundes.

Aufbruch
Ohne Pinguin und ohne Ashbys Leiche, die im Wirrwarr der Revolution verloren gegangen ist, kehrt Ben nicht gerade bester Stimmung in seine düstere und beengende Heimatstadt London zurück. Stärker als jemals zuvor brennt er darauf, nach Amerika auszuwandern. Obwohl seine Familie diesen Plan missbilligt, betritt Ben Knowles nach einer mehrtägigen Überfahrt mit dem Dampfer MS America Ende April 1848 zum ersten Mal amerikanischen Boden. In New York, der blendenden Stadt (Straßenbeleuchtung auch nachts!) der spektakulären Shows, noblen und weniger noblen Bordelle und feudalen Kaufhäuser – aber auch die der trostlosen Elendsviertel jenseits der Prachtstraßen, kommt Ben aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie frei, offen und selbstbewusst die Menschen ihm hier begegnen ...

Die phantastischen Vier
Am tiefsten aber beeindruckt ihn Polly Lucking, eine eigenwillige Schöne, die ihr Geld mit Schauspielerei und gelegentlich als Prostituierte verdient. Von diesem zweiten Beruf ahnt Ben nichts, und er muss nicht allzu lange schmachten, bis er ihre Aufmerksamkeit erregt. Pollys ständige Begleiter sind ihr Bruder Duff, ein passionierter Feuerwehrmann, den seit einem Kriegseinsatz in Mexiko ein finsteres Geheimnis quält, sowie ein Freund der Geschwister, der gewiefte Lebemann Timothy Skaggs. Wann immer er nach seinem Beruf gefragt wird, antwortet dieser: „Physiker ohne Abschluss, ehemaliger Bewohner des Westens, Journalist im Ruhestand, frühere Spezialgebiete: Verleumdung und Wortneubildung“ oder „unterbezahlter Auftragsschreiber von Sensationsschlagzeilen und zweitklassigen Sensationsromanen“. Hinzu kommt seine Leidenschaft für die Fotografie und seine Faszination für das Weltall und die Sterne, die ihm später zum Verhängnis werden soll.

Wilder Westen
Als Polly eines Tages von einer Theatertournee nicht zurückkehrt, sondern spurlos verschwindet, wird nicht lange gefackelt. Die drei Männer, Ben, Duff und Skaggs brechen nach Westen auf, um nach der schmerzlich Vermissten zu fahnden. Endlich erleben sie Abenteuer wie die Romanhelden von Bens Lieblingsschriftsteller James Fenimore Cooper. Bis über die Grenze des zivilisierten Teils der Neuen Welt führt sie ihre gefährliche Reise voller sonderbarer Ereignisse und Begegnungen. Was sie nicht wissen, ist, dass ihnen bereits jemand auf den Fersen ist, der nichts Gutes im Sinn hat: ein gewisser Sergeant Gabriel Drumont aus Paris. Ihn dürstet es danach, den Tod seines jüngeren Bruders Michel zu rächen.

Brillant recherchiert und spannend erzählt
Neuland ist eine brillant recherchierte und geschriebene Geschichte aus den ungestümen Anfängen Amerikas mit sowohl liebenswerten als auch verabscheuungswürdigen Charakteren, einer packenden Geschichte, einem überraschenden Ende und zahlreichen historischen Details, die das Amerika des 19. Jahrhunderts wie ein Panoramabild vor dem inneren Auge auferstehen lassen. Es ist die mitreißende Geschichte von vier Menschen, die auszogen, um in einem aufblühenden Land ihre Träume zu verwirklichen.

Sabine Schmitt
Mainz, Oktober 2010



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