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SPECIAL zu Marcel Rosenbach und Holger Stark »Staatsfeind Wikileaks«

Staatsfeind WikiLeaks
 

BUCHPRÄSENTATION

im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin

 

Wenn ein neues Buch der Öffentlichkeit vorgestellt wird, besprechen es die Feuilletons der Tageszeitungen oder die Branchenmedien in der Regel wohlwollend oder eben gerade nicht, eventuell führen sie noch ein Interview mit dem Autor. Dass – wie am Dienstag geschehen – ein Buch im Rahmen einer Pressekonferenz und dann auch noch im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin vor zahlreichen Fernseh-, Radio- und Printjournalisten präsentiert wird, ist dann eher selten. Und das war sicher gerechtfertigt: Denn ziemlich genau zehn Jahre nach Beginn der Partnerschaft zwischen dem „Spiegel“-Verlag und der zu Random House gehörenden Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) ist Anfang der Woche mit „Staatsfeind Wikileaks – Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert“ ein „Spiegel“-Buch bei der DVA erschienen, das, wie jetzt schon abzusehen ist, für große Aufmerksamkeit sorgen wird.

Militärische Details über die Kriegsführung der USA im Irak und in Afghanistan, wichtige Depeschen der US-amerikanischen Botschaften an ihre Regierung in Washington: „Wikileaks“-Gründer Julian Assange hat Hunderttausende hochvertraulicher Dokumente offen zugänglich ins Internet gestellt – ein in der neueren Geschichte bislang einmaliger Vorgang mit einem gigantischen Medienecho, der den gebürtigen Australier zum „Staatsfeind“ der USA werden ließ. Nur drei Printmedien der Welt waren von Assange im Vorfeld in die Veröffentlichungen der Daten, die seiner Plattform mutmaßlich von einem US-Soldaten zugespielt worden waren, einbezogen worden: die „New York Times“, der britische „Guardian“ – und eben der „Spiegel“. In zahlreichen umfangreichen Stücken berichteten diese Medien über die brisantesten Inhalte der Geheimdokumente, andere Medien rund um den Globus griffen die Themen auf. Doch wer ist eigentlich Julian Assange? Welche Ziele verfolgt er? Wie arbeitet Wikileaks? Wie weit darf radikale Transparenz gehen? Gibt es nicht auch legitime Staatsgeheimnisse? Ist „Wikileaks“ die Zukunft des investigativen Journalismus – oder eher die gefährlichste Seite im Internet? Mit diesen Fragen, die in der bisherigen Berichterstattung in den Hintergrund getreten waren, beschäftigen sich die „Spiegel“-Autoren Marcel Rosenbach und Holger Stark nun in ihrem neuen Buch.

Sie waren dabei, als Julian Assange den Knopf drückte

Denn diese beiden sind es gewesen, die für den „Spiegel“ die Entwicklung der Enthüllungsplattform verfolgt haben, und dies nicht erst seit dem vergangenen Herbst, als „Wikileaks“ seinen ersten spektakulären Coup landete. Schon seit 2008, als ein schweizerisches Bankhaus, sowie seit 2009, als der Bundesnachrichtendienst geheime Dokumente von sich plötzlich im Internet wiederfanden, standen sie im engen Kontakt mit Assange und seinen Vertrauten, erläuterte „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo, der eigens für die Buchpräsentation nach Berlin gekommen war. Er lobte die Journalisten als ausgewiesene Fachleute: Rosenbach kennt sich aus bei Sicherheits- und Computerthemen und gilt als Kenner der Diskussionen um Privatheit im Internet. Stark leitet das Ressort Deutschland im Berliner Büro des „Spiegel“ und berichtet seit mehr als zehn Jahren über Themen aus der Welt der Sicherheitspolitik und der Geheimdienste. Sie kennen „Wikileaks“ inzwischen wie kaum jemand anderer, sie waren dabei, als Julian Assange den Knopf am Rechner drückte, um hochgeheime Dokumente ins Internet zu stellen, sie können darum nun in ihrem Buch exklusive Einblicke in die Arbeit der Organisation geben und ihren Aufstieg schildern – bis zur Jagd auf Julian Assange Ende 2010.

Doch was konkret an Enthüllungen folgen würde, sei damals nicht abzusehen gewesen. „Heute können wir sagen, dass es sich bei der Zusammenarbeit von ‚Wikileaks‘ mit dem ‚Spiegel‘, der ‚New York Times‘ und dem „Guardian‘ um die ungewöhnlichste Medienkooperation aller Zeiten handelte“, so Georg Mascolo weiter. Täglich hätten die Redaktionen miteinander konferiert und zwar keine Texte, so doch aber Erfahrungen und Einschätzungen ausgetauscht – die wiederum auch Auswirkungen auf die Veröffentlichungsvorhaben von „Wikileaks“ gehabt hätten. „Wir alle haben uns zum Beispiel dafür eingesetzt, bestimmte Informationen nicht zu veröffentlichen, weil damit ansonsten Menschen in Afghanistan – wie etwa die mit den US-Truppen kooperierenden Dorfältesten – gefährdet worden wären“, erklärte der „Spiegel“-Chefredakteur. „Und mit dieser Haltung konnten wir dann auch Julian Assange überzeugen, der eigentlich grundsätzlich alles ins Netz stellen wollte.“ „Wikileaks“ habe solche Daten dann nicht veröffentlicht. „An den Geschichten zu ‚Wikileaks‘ waren viele Personen beteiligt, doch Marcel Rosenbach und Holger Stark haben Julian Assange und seine Wegbegleiter ein halbes Jahr lang begleitet und immer wieder persönlich gesprochen, sie sind am besten mit dem Thema vertraut – und haben dennoch die nötige professionelle Distanz gewahrt“, lobte Mascolo die Buchautoren.

„Julian Assange ist kein Psychopath“

Diese machten denn auch weder auf der Pressekonferenz noch in ihrem Buch einen Hehl daraus, dass sie „Wikileaks“ für eine außergewöhnliche Idee und letztlich für eine logische Folge der digitalen Revolution halten. Und den zum „Popstar der Politik“ aufgestiegenen Assange bezeichneten sie als einen Visionär, der über eine gehörige Portion Charisma verfüge und Menschen für sich einnehmen könne. Gleichwohl habe er Probleme damit, Menschen an sich zu binden, er wirke schnell provozierend oder verletzend, wie sich unter anderem am Beispiel des inzwischen ausgestiegenen „Wikileaks“-Deutschland-Sprecher Daniel Domscheit-Berg gezeigt habe, mit dem die Journalisten oftmals ausführlich gesprochen hätten. „Julian Assange ist kein Psychopath“, bekräftigte Holger Stark, „er denkt nur anders als die meisten von uns und definiert die Grenzen anders, auch und gerade im Umgang miteinander.“ Eigenschaften, die nach Ansicht der Journalisten nicht zuletzt in seiner Kindheit begründet zu sein scheinen: Der spätere Wikileaks“-Gründer wuchs „antiautoritär“ auf und zog sich infolge familiärer Umstände früh an den Computer zurück, lernte bereits als Teenager mit einem C64 und einem Telefonmodem, wie sich Informationen am Rechner besorgen lassen, wurde Teil eines „Hackermilieus“. „Wikileaks“ sei darum auch eine Geschichte von Freundschaft, Enttäuschung und Verrat.

Doch Rosenbach und Stark versuchen in ihrem Buch auch, wie sie es Berlin verdeutlichten, das Gedankengebäude von Assange nachzuzeichnen, den sie zuletzt vor zwei Wochen besucht hätten. „Assange war schon immer eine hochpolitische Figur“, so Holger Stark. „Für ihn sind Politik und Wirtschaft Verschwörungen Einzelner, die mithilfe von „Wikileaks“ als Werkzeug durchbrochen werden müssten. Er sieht ‚Wikileaks‘ als eine Art ‚Geheimdienst des Volkes‘ und will damit die Welt verändern.“ Diesen verschwörungstheoretischen Ansatz teile niemand in der „Spiegel“-Redaktion. Im Gegenteil: Angesichts einer solchen Form von Hybris forderte Georg Mascolo den „Wikileaks“-Gründer selbst zu mehr Kritikfähigkeit sowie zu mehr Transparenz bei den Entscheidungsfindungen in seiner eigenen Organisation auf. Die Autoren waren sich angesichts des Drucks, unter dem Julian Assange nicht zuletzt aufgrund einer Anklage in Schweden stehe, letztlich sicher: „Wir haben noch nicht den Gipfel der Eskalation erreicht.“ Assange habe noch reichlich Material in petto.

Markus Laß
27.01.2011
Mit freundlicher Genehmigung © BeNet Gütersloh, 2010



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