Kann ein Roman, der auf dichtes Geschehen, dramatische Wendungen und spannende Höhepunkte verzichtet, faszinierend sein? Er kann. Michael Kleebergs „Karlmann" beweist es. In seinem Roman berichtet Kleeberg über nichts anderes als den normalen Alltag eines normalen Mannes. Das Banale wird dabei jedoch zur Faszination. Denn in „Karlmann" lüftet Michael Kleeberg meisterhaft die Geheimnisse des Alltags. ![]()
„Karlmann" ist nicht nur der Titel, sondern gleichzeitig auch die Hauptfigur in Kleebergs aktuellem Roman. Weil dieser den altdeutschen Namen, den ihm seine Eltern verpasst haben, nur peinlich findet, lässt er sich von allen lieber „Charley" nennen. Im Grunde ist Charley jedoch ein Jedermann. Michael Kleebergs Momentaufnahmen von seinem Alltag, seiner Gedanken- und Gefühlswelt, beginnen am Tag seiner Hochzeit. ![]()
Alles scheint möglich
Das ist zufällig auch der Tag, an dem Boris Becker unerwartet das Wimbledon-Turnier gewinnt. Charley sitzt vor dem Fernseher und fiebert mit. Und so wie Boris Becker das Unmögliche möglich macht – ein deutscher Wimbledon-Sieger – so scheint auch Charley in diesen Momenten alles möglich zu sein. Klar, schließlich hat auch er es geschafft: In wenigen Stunden wird er seine Traumfrau zum Altar führen, ein rauschendes Hochzeitsfest steht ihm bevor und auch die berufliche Karriere, so ist sich Charley sicher, liegt greifbar nah vor ihm. ![]()
Schon ein Jahr später stellt sich dieser euphorische Höhenflug jedoch als Trugschluss heraus. Unzufrieden und demotiviert sitzt Charley als Geschäftsführer im Autohaus seines Vaters. Er würde sich am liebsten sofort von den auferlegten beruflichen Verpflichtungen lösen, zumal auch seine Frau Christine von Anfang an wenig Begeisterung darüber zeigte. Schließlich, wieder einige Zeit später, ist Christine plötzlich weg. Charley, wie vor den Kopf gestoßen, kann kaum begreifen, dass sein Leben von einem auf den anderen Moment aus den Fugen geraten ist.![]()
Ein ganz normales Leben
Eigentlich jedoch, so merkt der Leser schnell, passiert in Charley Leben nichts wirklich Außergewöhnliches. Michael Kleeberg beleuchtet einzelne Momente im Leben seines Protagonisten hingegen mit außergewöhnlichem Scharfblick. Kein Gefühl Charleys, kein Gedanke, keine Beobachtung entgeht dem Leser und lässt diesen damit so tief in das Seelenleben einer fiktiven Figur blicken, wie es in Romanen selten der Fall ist. ![]()
Und selbst in jenem Moment, in dem Charleys Alltag jäh durchbrochen wird, als ihn seine Frau verlässt, bleibt Michael Kleeberg in dieser nur scheinbar unspektakulären Erzählperspektive. Wenige Stunden, intensive Stunden, in denen sich in Charleys Kopf Zweifel, Unsicherheit, Ungläubigkeit und Wut abwechseln, beschreibt der Autor so detailliert, dass man fast meint, die Situation selbst in realer Zeit mitzuerleben.
"Kleeberg ist ein Ethnologe des Inlands, er schildert bis in die feinsten Verästelungen Sitten, Bräuche, soziale Codes und Kommunikationsweisen. Karlmann ist ein einzigartiges Buch, ein grandioser Roman." (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
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