„Natürlich kann geschossen werden“ von Michael Sontheimer![]()
Es „ist allerhand geschrieben worden“ bemerkt Michael Sontheimer, Spiegel-Redakteur und Buch-Autor, im Vorwort zu seiner jüngsten Publikation „Natürlich kann geschossen werden“. Drei Jahre, nachdem die Republik mit dem Abstand von 30 Jahren auf den sogenannten Deutschen Herbst zurückgeblickt hat, möchte man ergänzen: Es ist aus gegebenem Anlass allerhand geschrieben worden.
Sontheimers mit einem Meinhof-Zitat betiteltes Buch wirkt ein wenig wie ein Nachzügler. Man kann es nicht lesen, ohne die Einschätzungen und Bilder vorangegangener Veröffentlichungen und Auseinandersetzungen mit dem Thema auszublenden. Das gilt erst recht, nachdem das Opus Magnum zum deutschen Terrorismus der 1970er Jahre, Stefan Austs „Der Baader Meinhof Komplex“, 2008 für die Kinoleinwand in Szene gesetzt wurde. Sontheimers Beschreibungen einiger Schlüsselereignisse rufen immer wieder Filmszenen vors innere Auge. Auch deshalb drängt sich bei der Lektüre schnell die Frage auf: Warum ein weiteres Buch über die Rote Armee Fraktion?![]()
Zwangsläufiger Dissens![]()
Sontheimer liefert zwei unabhängige Antworten auf diese Frage. Die eine ist aus der Sicht des Historikers formuliert, die andere aus didaktischer Perspektive. Für den Historiker Sontheimer gilt: „Es gibt nach wie vor keinen Konsens darüber, warum 25 Jahre nach dem Untergang Nazideutschlands eine Gruppe gebildeter, junger Menschen den demokratischen Staat zum faschistischen Monstrum erklärte und ihn mit Gewalt zu beseitigen versuchte.“
Diese Einschätzung muss angesichts der Fülle an Publikationen, Diskussionen und Auseinandersetzungen mit dem Phänomen RAF überraschen - allerdings nur vordergründig. Denn am Beispiel der historischen Einordnung des Phänomens RAF zeigt sich, dass der fehlende Konsens politischen Debatten oft mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu eigen ist. Seine Ursache liegt in diesem wie in vielen anderen Fällen eben nicht in einem derart komplexen Untersuchungsgegenstand, dass selbst 30 Jahre kritischer Auseinandersetzung dem Sachverhalt nicht gerecht werden konnten. ![]()
Fakten statt Wertung![]()
Vielmehr prägen die jeweils unterschiedlichen politischen Orientierungen die Argumente der Debattenführer und sorgt für den Dissens. Ob „Andreas Baader und die Gründer der Gruppe ... als glamouröse, coole Rebellen gegen den globalen Kapitalismus“ auftreten oder „als psychophatische Schwerverbrecher“ bringt nicht nur die unterschiedliche Interpretation von Daten und Tatsachen zum Ausdruck, sondern vor allem auch eine politische Positionsbestimmung.
Sontheimer reagiert auf dieses Phänomen mit dem Versuch, „vor allem die Fakten zu ermitteln und zu überprüfen“ und mit dem weitgehenden Verzicht auf Wertung. „Bemüht habe ich mich um eine akkurate Darstellung der Ereignisse und um eine sachliche Wortwahl. Das moralische Scheitern und die Verworfenheit der Terrorgruppe ist so offensichtlich, dass sie nicht mehr betont werden müssen.“![]()
Didaktischer Ansatz![]()
Die angesprochene didaktische Perspektive schlägt sich im Untertitel zu Sontheimers Buch nieder. Mit Stefan Aust, Butz Peters und Willi Winkler benennt er im Vorwort die Autoren, die in der Aufarbeitung der RAF-Geschichte am prominentesten in Erscheinung getreten sind. Prominent heißt in diesen drei Fällen auch umfangreich. Mit bis zu annähernd 900 Druckseiten empfehlen sich ihre Werke vor allem denjenigen Lesern, die neben dem Interesse am Thema auch die nötige Zeit für die Lektüre mitbringen.
Sontheimer hat dagegen bewusst „eine kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion“ geschrieben, die „Einführung und Zusammenfassung“ und keine „lückenlose Chronik“ sein will. Sein Buch sei zwar „für Experten und Neulinge des Themas gleichermaßen geschrieben“, so der Autor. Doch die vergleichsweise knapp gehaltene Darstellung der drei RAF-Generationen und ihrer Taten dürfte vor allem diejenigen ansprechen und zufriedenstellen, die einen ersten Zugang zum Thema suchen und einen Überblick über Personen und Ereignisse. ![]()
Zentrale Wegmarken![]()
Vor diesem Hintergrund kann man ohne kritischen Unterton feststellen, dass Sontheimers Ansatz in der Darstellung der RAF und ihrer Entwicklung keine Überraschungen bereithält. Auch sein Buch präsentiert die Ermordung Benno Ohnesorgs im Verlauf der Anti-Shah-Demonstrationen am 2. Juni 1967 als den Tabubruch, der der Radikalisierung studentischer Proteste hin zum bewaffneten Kampf Vorschub leistete. Er verweist auf den 14. Mai 1970 als dem Tag, an dem sich die Gruppierung formiert, die sich später Rote Armee Fraktion nennen sollte, nicht durch Erklärungen, sondern durch die Tat, die Befreiung Andreas Baaders, der zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen menschengefährdender Brandstiftung verurteilt worden war. Und natürlich rüttelt auch Sontheimer nicht am historischen Konsens, der besagt, dass der RAF-Terror im Herbst 1977 in einer strategischen Sackgasse und moralischen Katastrophe implodiert, auch wenn er danach noch mehr als 20 Jahre lang fortgesetzt wurde.
Über die zentralen Wegmarken von der Gründung der RAF bis zu ihrer Auflösung 1998 herrscht eben doch Einigkeit, und auch über ihre politische und moralische Bewertung. Sontheimers Verdienst besteht darin, dem Leser die wichtigsten Ereignisse mit einer Fülle an akribisch recherchierten Details besonders plastisch vor Augen zu führen. Damit steuert er gegen ein Phänomen, auf das er im Vorwort aufmerksam macht: „Dabei erscheinen die Jahre, in denen junge Linksradikale an eine weltweite Revolution für Gerechtigkeit und Freiheit glaubten und dem westdeutschen Staat den Krieg erklärten, heute fast so fern und fremd wie der Zweite Weltkrieg.“ Mit Sontheimers Buch kehrt diese vermeintlich fremde Zeit noch einmal lebendig ins Bewusstsein des Lesers zurück.![]()
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