Auf dem ersten Blick scheint die Sklaverei als Zustand unbedingter Knechtschaft, der einen Menschen zum Eigentum eines anderen macht, kaum noch ein Thema für den zeitgenössischen Roman zu sein. Die großen literarischen Texte über die Leibeigenschaft sind der Vergangenheit entnommen und längst geschrieben. Man denke etwa an den weltbekannten Roman, den Harriet Beecher-Stowe am Vorabend des nordamerikanischen Bürgerkriegs über das Schicksal des Negersklaven Tom schrieb, um ihre weißen Zeitgenossen vom moralischen Elend dieser Einrichtung zu überzeugen. Ein anderer Roman Die Sklavin Isaura entstand aus der Feder des brasilianischen Autors Bernardo Joaquim da Silva Guimarães, der im letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts auf die Auseinandersetzungen um die Leibeigenschaft in seinem Land reagierte. Als erste Telenovela im deutschen Fernsehen dürfte er vielleicht auch noch dem deutschen Publikum in Erinnerung geblieben sein. Hatte die klassische Form der Sklaverei noch in literarischen Fiktionen der Moderne eine Rolle zu spielen, dann vor allem als historischer Stoff in Romanen wie Alejo Carpentiers Das Reich von dieser Welt (1949) oder in Dramen wie Aimé Césaires Die Tragödie von König Christoph (1962), die beide die Sklavenbefreiung in der Karibik während der Französischen Revolution zum Gegenstand haben.![]()
Auch das vorliegende Erstlingswerk des portugiesischen Schriftstellers Miguel Sousa Tavares weist sich als ein historischer Roman aus, der jedoch wie so viele seines Genres gerade die unverminderte Aktualität des Themas geltend macht. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein geschichtliches Datum, mit dem sich die portugiesischen Kolonialherren zu Beginn des letzten Jahrhunderts gezwungen sehen, zumindest verbal auf Distanz zur Sklavenarbeit zu gehen und den damaligen Anforderungen des Weltmarktes nachzukommen. Dass sie die Sklaverei in der Praxis keineswegs aufzugeben gedachten, lässt Analogien zur gegenwärtigen historischen Situation zu, in der Sprache und Handeln nicht minder auseinanderfallen. Denn auch heute kommt diese krasse Form der Abhängigkeit nicht mehr in klassischen Mustern daher, die wohl den demokratischen Geflogenheiten unserer Zeit nicht entsprächen: Zwar werden Menschen zumeist nicht wie früher an Ketten gebunden. Heute werden sie mit Gewalt oder unter Androhung von Gewalt verschleppt. Auf Grund fehlender Dokumente und Schulden werden sie in Unfreiheit gehalten und an der Heimkehr gehindert.![]()
In seiner Studie über Die neue Sklaverei beschreibt Kevin Bales (München: A. Kunstmann, 2001) den zwiespältigen Status der neuen Leibeigenen, die weltweit auf siebenundzwanzig Millionen geschätzt werden. Bedeutete Sklavenhaltung in der Vergangenheit, dass eine Person eine andere rechtmäßig besaß, so steht ein legales Besitzverhältnis heute völlig außer Frage. Der Käufer eines Sklaven verzichtet nur allzu gerne auf Eigentumsurkunden. Er erwirbt die Verfügungsmacht über einen anderen und übt Gewalt aus, um seinen Anspruch aufrecht zu erhalten. Tatsächlich ist es um die Rechte jener modernen Heloten, die sich nicht selten illegal in Ländern wie Indien, Pakistan oder Brasilien, aber auch den USA, Frankreich oder Deutschland aufhalten, schlecht bestellt. Sie sind völlig der Kontrolle des Sklavenhalters unterworfen, der jedoch - anders als seine Vorgänger in anderen Jahrhunderten - in rechtlicher Hinsicht nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Um ihre Menschenrechte gebracht, haben diese Sklaven die Folgen der Leibeigenschaft zu erdulden, ohne dass ihr realer Status in die geltende Rechtssprechung eingegangen wäre.![]()
An diesem Widerspruch zwischen formaler Freiheit und realer Rechtlosigkeit setzt auch die Handlung des Romans an, der sich in Portugal bisher mit der enormen Auflage von 180.000 Exemplaren verkauft und damit schon internationale Bestseller wie Harry Potter hinter sich gelassen hat. Bereits der Schauplatz, die kleinen portugiesischen Besitzungen São Tomé und Príncipe am Äquator, lässt die Hölle des Sklavendaseins erahnen. Der Ort ist seit der frühen Neuzeit ein historisches Symbol für den organisierten Menschenhandel. Seit dem Ende des XV. Jahrhunderts befinden sich diese afrikanischen Inseln im portugiesischen Besitz und werden ihre politische Unabhängigkeit erst 1975 mit der Nelkenrevolution erringen. Schon in der frühen Kolonialzeit dienen sie als Umschlagplatz für den Sklavenhandel zwischen Afrika, Portugal, Brasilien und den karibischen Inseln. In São Tomé soll es bereits 1512 eine Plantage mit sechzig Sklaven gegeben haben, auf der vermutlich Zuckerrohr angebaut wurde. Eine Plantagenwirtschaft mit wechselnden Monokulturen wird in der Folgezeit entstehen; nach dem Zuckerrohr, das ca. bis 1800 das wirtschaftliche Leben dominiert, wird es in der Folgezeit der Kaffee sein, der in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhundert vom Kakao abgelöst werden wird. Zum Zeitpunkt, an dem die Handlung unseres Romans im Dezember 1905 einsetzt, haben es die kleinen Inseln sogar zum größten Kakaoproduzenten der Welt gebracht.![]()
Auch hier geht es also um das große Geld, so dass Interessengegensätze nicht ausbleiben. Das wirtschaftliche Monopol provoziert die Briten, die gegen Portugal die wohl berechtigte Anklage erheben, ihre lukrativen Geschäfte ausschließlich zu Lasten der auf den Inseln unterhaltenen Sklaven zu machen. Diese Auseinandersetzung, in deren Mittelpunkt die Firma Cadbury steht, erscheint dann auch wie ein Vorgriff auf Konflikte, wie wir sie heute zwischen Industrie- und den Schwellenländern erleben. Weit verbreitete Kinderarbeit in Indien oder Brasilien verbilligt die dortigen Produktionskosten, mit denen die Unternehmen in den großen Metropolen längst nicht mehr mithalten können. Folglich geht es den Briten nicht so sehr um die Moral, auch wenn dieses humanitäre Argument schon damals vor der Weltöffentlichkeit seine Wirkung nicht verfehlt. Das Recht des Stärkeren definiert schließlich auch das moralische Recht. Vornehmlich stehen eher Wettbewerbsnachteile im Vordergrund, welche die Briten dazu veranlassen, den portugiesischen Siedlern mit einem Importverbot ihrer Kakaoprodukte zu drohen. Angesichts dieser Gefahr für das ohnehin geschwächte Kolonialimperium ernennt der letzte König Portugals Dom Carlos den Bonvivant Luís Bernardo zum Gouverneur der Inseln. Zunächst erscheint diese Wahl mehr als fraglich, da der ledige Mann in besten Jahren und aus bestem Hause auch als Frauenheld von sich reden macht. Besonders haben es ihm verheiratete Damen angetan, die seinen Verführungskünsten immer wieder erliegen. Und dennoch ist der Herzensbrecher, der zudem eine kleine Schiffsgesellschaft in Lissabon sein eigen nennt, auch ein politischer Mensch. Anders als seine bürgerlich-liberalen Zeitgenossen, die auf Grund ihrer nationalistischen Gesinnung nur allzu leicht dem Wahn vom transkontinentalen lusitanischen Weltreich von Angola bis Timor erliegen, hat Luís Bernardo einen klaren Blick für die Unterentwicklung der afrikanischen Kolonien. Nicht dass er den Besitz von Kolonien als unmoralisch verwerfen würde.![]()
Wie seine einflusreicheren Rivalen sollte sich schließlich auch Portugal eigene Rohstoff- und Absatzmärkte sichern. Als pragmatischen Technokraten geht es ihm vielmehr um "einen modernen, wirtschaftlich denkenden Kolonialismus, dessen Ziel die effiziente Nutzung derjenigen Ressourcen sein sollte, die Portugal tatsächlich gebrauchen konnte [...]" (S. 10). Immerhin büßt der ohnehin überschuldete Staatshaushalt Jahr für Jahr Millionen durch den Unterhalt der Kolonien ein. So tut sich dieser Zeitgenosse, der nicht nur in Lissabonner Regierungskreisen für seine kritischen Artikel zur Kolonialpolitik bekannt ist, weder als devoter Untertan seiner Majestät noch als leidenschaftlicher Republikaner hervor. Nutzlose Grafen und Markgrafen sind ihm ebenso zuwider wie die "flammenden republikanischen Demagogen", deren jeweiligen Regierungen das Land auch "weiterhin rückständigen Ideen und konservativen Kräften" ausliefere (S. 60). Nicht Regierungsformen oder Ideologien erscheinen dem Pragmatiker von Bedeutung, sondern vielmehr eine Veränderung nationaler Befindlichkeiten, die noch nicht in der Gegenwart angekommen seien. Aus seiner Sicht bedarf es Professionalität und ‚zivilisierter Geisteshaltung', um den Importhandel zwischen Mutterland und Kolonien tatsächlich auf ein ähnliches Niveau zu heben, wie es das Britische Commonwealth schon erreicht hat.![]()
Von diesen Zielen ist die älteste Kolonialmacht der Welt weiter entfernt als jedes der anderen europäischen Imperien, die sich auf der Berliner Konferenz 1884 auf ein neues Hoheitsprinzip geeinigt hatten. An Stelle historisch angestammter Ansprüche, die sich wie im portugiesischen Fall allein auf kleine Stützpunkte an den Küsten berufen, tritt die Forderung an die Metropolen, die Gesamtheit eines Territoriums zu erschließen, um der Aufteilung der Welt in nationale Märkte und Einflusszonen Rechnung zu tragen. Die Zugehörigkeit der afrikanischen Territorien zu den europäischen Kolonialmächten sollte künftig von einer realen Kontrolle und Herrschaft abhängen, die diese auszuüben im Stande sind. Doch Portugal ist auch im XIX. Jahrhundert kaum in der Lage, ins Innere Afrikas vorzudringen. Expeditionen in das Europäern unzugängliche Binnenland Angolas und Mozambiques hatten zwar seit 1860 stattgefunden. Doch von einer flächendeckenden Herrschaft Portugals in diesen Regionen konnte seither aber noch keinesfalls die Rede sein. Der angolanische Autor José Eduardo Agualusa hat dieses Unvermögen des portugiesischen Kolonialismus in seinem Briefroman Ein Stein unter Wasser (EA: Nação crioula: A correspondência secreta de Fradique Mendes. Lissabon 1997, dtsch. Übersetzung 1999) mit einer geradezu sublimen Metapher beschrieben: Ein Reiter lasse sich von seinem Pferd dahintragen, mehr liegend als sitzend, den Hut tief im Gesicht. Dieser Reiter sei nichts anderes als das wirtschaftlich völlig überforderte Portugal, dessen Provinzen auf dem europäischen Festland seinerzeit selbst unter einer chronischen Unterwicklung leiden. Dessen Präsenz in Afrika leiste keinem Prinzip, keiner Idee Folge, Ziel und Zweck scheine einzig die Ausbeutung der Afrikaner zu sein. In Afrika hängen gelassen, versuchten die glücklosen Siedler sich vor allem im Sattel zu halten, und dies raubend und stehlend. Was dabei aus dem schwarzen Kontinent werde, kümmere sie jedoch herzlich wenig.![]()
Ungeachtet dieser realen Defizite ist Afrika ein großes Faszinosum geworden, in dem sich unerreichte Träume verdichten. Der schwarze Kontinent gerät zur Projektion einer Macht, über die Portugal angesichts seines Entwicklungsrückstands gegenüber Mitteleuropa überhaupt nicht mehr verfügt. Freilich sucht zu jener Zeit auch das junge Deutsche Reich einen Platz an der Sonne Afrikas. Aber anders als dies für Portugal gelten konnte, war in diesen Illusionen doch unschwer auch der Zugriff auf die Weltmacht abzusehen. Während sich das Land in der Mitte Europas dem Wunschbild einer imperialistischen Zukunft hingibt, gibt sich die Nation am Rande Europas immer noch einem Traum vergangener Größe hin. Die Weltumsegelungen eines Vasco da Gama, denen der Renaissancedichter Luís Vaz de Camões (1524-1580) in seinem Epos Die Lusiaden (EA 1572) auch zu literarischem Ruhm verholfen hatte, mögen liberalen Expansionisten, wie dem Außen- und Überseeminister João de Andrade Corvo (1871-1879) als Vorbild gedient haben. Doch Portugal ist weit von der Epoche Heinrich des Seefahrers (1394-1460) und Ferdinand Magellans (1480-1521) entfernt. Die anderen imperialistischen Mächte, vor allem die Briten, sind sich der Schwäche des Landes bewusst. So erwähnt Meyers Konversations-Lexikon (61905-1909), dass Portugal aus seinen Kolonien während des XIX. Jahrhunderts nur noch geringen Nutzen gezogen habe: "Territoriale Bedeutung besitzen nur noch die afrikanischen Besitzungen; ihre Ausbeutung wird aber vollkommen von England kontrolliert, das dort ebenso mächtig ist als die nominelle Vormacht." Der Protagonist unseres Romans kennt diese Schwächen nur allzu gut und schließt sich den Postulaten der Berliner Konferenz zumindest implizit an. Auch er tritt für "eine rationale, intelligente Nutzung der kolonialen Reichtümer" ein (S. 10). Es genüge nicht, vor der Welt zu verkünden, dass man ein Imperium besitze. Man müsse auch erklären, so sein Plädoyer, warum man verdient habe, es zu besitzen und zu behalten.![]()
Auf diesen Pragmatismus ist das Land zu Beginn des neuen Jahrhunderts indes ebenso wenig vorbereitet wie Luís Bernardo auf die ihm gestellte schier unlösbare Aufgabe. Einerseits hegt er den Wunsch, seinen Reformeifer in die Praxis umzusetzen. Andererseits soll er die real praktizierte Sklaverei in der Kolonie mit dem bedenklichen Schein individuell garantierter Freiheitsrechte versehen. Nach dem Willen des Königs soll der zukünftige Gouverneur von São Tomé und Principe die portugiesische Version der Kolonialverhältnisse gegenüber den Engländern durchsetzen. Eine hämisch beobachtende Welt möge doch glauben, dass die in Angola rekrutierten schwarzen Arbeiter aus eigenem Antrieb und auf Grund von jeweils individuell geschlossenen Verträgen auf die Plantagen gebracht werden, dass sie dort unter besten Bedingungen Kakao anbauen und die wenigsten von ihnen in ihr altes Leben zurückkehren wollen. Diese Interpretation entspricht wohl den formalen Zugeständnissen, zu denen sich Portugal im Zuge internationaler Abkommen durchringen musste. Meyers Großes Konversations-Lexikon wusste wiederum rückblickend zu berichten, dass Spanien und Portugal 1814 im Frieden von Wien auf den Sklavenhandel nördlich vom Äquator verzichtet hatten. Zweiundzwanzig Jahre später, 1836, entschließen sich die Portugiesen dazu, ihn auch offiziell abzuschaffen.![]()
Weitaus schwieriger verhält es sich indes mit der Sklavenarbeit selbst, die der Jurisdiktion ungeachtet auch im letzten Drittel des XIX. Jahrhundert in weiten Teilen der Welt weiterhin betrieben wurde. Jener Zeitgeist bürgerlicher Humanität, welche das Sklavendasein im britischen Empire (1834), in den französischen Kolonien (1848) und schließlich in lateinamerikanischen Ländern, wie Peru (1854), Kuba (1870) und Brasilien (1888) einer unrühmlichen Vergangenheit überlässt, sollte dennoch auch in Portugal und auf den kleinen Inseln am Äquator nicht völlig unbeachtet bleiben. Immerhin erklärt das Gesetz vom 29. April 1875 das Ende der Leibeigenschaft im gesamten Herrschaftsgebiet der portugiesischen Krone, wie Luís Bernardo in einem Zwischenbericht an den Kolonialminister erinnert (S. 187). In diesen aneinandergereihten Jahreszahlen, die sich wie Meilensteine auf dem Weg zu einer humaneren Welt ausnehmen, liegt indes auch das eigentliche Problem. Denn mit der Bezeichnung Afrikas als schwarzen Kontinent meinten die Europäer wohl nicht allein die Farbe seiner Bewohner oder das bloße Faktum ihrer eigenen Ignoranz. Auch der Umstand, dass sich die praktischen Folgen der noblen Gesetzgebungen in jener Region der Welt seinerzeit nur schwer überprüfen lassen, mag wohl zur tieferen Bedeutung dieses Namens beigetragen haben. Noch 1889 hatte der deutsche Reichskanzler Bismarck die Beseitigung der Sklaverei in Afrika auf unabsehbare Zeit als unmöglich bezeichnet, womit er freilich nicht ganz Unrecht zu haben schien. Wenn selbst der geächtete "Handel mit Sklaven, gleichviel welcher Rasse", wie es in der Kongoakte von 1885 heißt, am Ende des Jahrhunderts noch immer praktiziert wird und den Sklavenhaltern stets neues Menschenmaterial zuführt, muss die Leibeigenschaft seinerzeit ein bedeutender Faktor im damaligen Wirtschaftsleben aller europäischen Kolonien gewesen sein. Allerdings wird dabei bereits auf recht moderne Weise verfahren, da der planmäßige Transfer von angolanischen ‚Leiharbeitern' nach São Tomé und Principe die formale Gleichberechtigung der Schwarzen auf gewisse Weise kompensiert.![]()
Diese historischen Bedingungen dürften dem neuen Gouverneur schon vor dem Antritt seiner Reise bekannt gewesen sein. Das Motiv, das ihn zur Annahme eines solch unmöglichen Postens bewogen haben mag, lässt sich nicht ohne weiteres beurteilen. Unter Umständen mag es eine Flucht vor den schönen Damen in der Metropole gewesen sein, vielleicht aber auch der Wunsch, die von ihm vertretenen Prinzipien in seiner so schwierigen Mission in der kleinsten afrikanischen Kolonie Portugals umzusetzen und sich als Patriot auszuzeichnen. Vor allem gilt es, deren weiße Herren, die Plantagenbesitzer und Nutznießer dieser billigen Handarbeit, von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihre Güter auf eine fortschrittlichere Weise zu bewirtschaften. Mit seinen 38.000 Einwohnern besteht die Bevölkerung São Tomés, die sich laut Meyers Konversationslexikon zwischen 1878 und 1900 verdoppelt hatte, vornehmlich aus jenen zwangsangesiedelten Kontraktarbeitern und zu Beginn des Jahrhunderts lediglich aus tausend Weißen. Die Insel mit ihren tropischen Wäldern und langen Regenperioden verlangt von diesen Europäern zähe Gesundheit und Beharrungsvermögen. Deren Mehrzahl ist freilich nicht in jenen reichen Plantagenbesitzern zu suchen, die es vorziehen, selbst im fernen Lissabon zu residieren und sich auf ihren Besitzungen durch Verwalter vertreten zu lassen. Waren es seit dem XVI. Jahrhundert vor allem ausgewiesene portugiesische und spanische Juden oder Strafgefangene gewesen, die häufig genug an dem feuchten Klima zugrunde gingen, sind inzwischen auch kleine Leute aus dem portugiesischen Mutterland bereit, einer ihnen feindlichen Natur zu trotzen und sich in das Wagnis eines anderen Lebens zu stürzen.![]()
Der Gouverneur von Angola hatte Luís Bernardo schon mit dieser neuen Kolonialstrategie der Portugiesen vertraut gemacht, die auch die spätere Politik des italienischen Faschismus im Mezzogiorno, wie sie von Carlo Levi (1902-1975) eingehend in seinem Roman Christus kam nur bis Eboli (EA 1946) beschrieben wurde, in mancher Hinsicht vorwegnehmen sollte. Mit all den armen Schluckern aus dem Minho oder dem ökonomisch zurückgebliebenen Alentejo, mit den zerlumpten Gesellen aus Trás-os-Montes wolle man die Kolonien in Besitz nehmen. In der Heimat hätten diese Habenichtse nicht einmal einen Platz zum Sterben. In den Kolonien könnten sie nicht nur urbar gemachtes Land, sondern auch mehrere Negerinnen in Besitz nehmen (S. 104-105). Wer einstmals beinahe selbst Leibeigener eines Latifundisten gewesen war und als Analphabet zu Hause keine soziale Anerkennung zu erwarten hatte, kann nun wie ein kleiner König über seine eigene Farm herrschen. In wenn auch bescheidenerem Maße vermag er in die Rolle seines einstigen Herrn zu schlüpfen, von dem er einst geprügelt und in Unwissenheit gehalten worden war. Und eben diese Kleinbürger und Kolonialisten sind es auch, die ihre Besitzrechte, ihre Lebensweise und vor allem ihren Anspruch, Land und Leute nach Belieben auszubeuten, erbittert verteidigen. Alles, was sie besitzen, haben sie in ihre kleinen Plantagen gesteckt. Sekundiert werden die Portugiesen dabei von einer halbgebildeten Schar von Ko-lonialbeamten, Militärs, Kuratoren und Verwaltungsangestellten, deren willfäh-riges Auftreten nur die bestehenden Hierarchien und damit auch die Interessen der Besitzenden bestätigt. Schon bald nachdem der neue Gouverneur in sein Amt eingeführt ist, sieht er seine schlimmsten Vorahnungen bestätigt. Treten die weißen Siedler ihm, den Intellektuellen und ledigen Bohemien anfangs noch mit Neugier entgegen, stellen sich bei ihnen alsbald Hass und Verachtung ein, zumal man in den unverhohlenen Neuerungsabsichten des Neuankömmlings, einen Verräter des Vaterlandes und einen Freund der Engländer zu erkennen glaubt.![]()
An dieser Stelle fügt sich Dichtung zu historischer Wahrheit, die große Geschichte zu den Geschichten der Individuen; das Geschichtsbuch nackt und unverrückbar erscheinender Fakten erweitert sich zum Reich der Fiktion, in dem die psychische Dimension menschlicher Beziehungen ihren eben nicht selten ausgeblendeten Stellenwert wieder erlangt. Ist die Autonomie des Einzelnen ohnehin von den Umständen ihrer Zeit beschränkt, so gilt dies in noch stärkerem Maß für Vertreter des öffentlichen Lebens, als der der Statthalter Lissabons in der ihm anvertrauten Kolonie vornehmlich wahrgenommen wird. Obschon Luís Bernardo mit seinem süßen Dasein in der Metropole abgeschlossen hat und eine baldige Wiederkehr in die Heimat kaum mehr erwartet, ist er doch der alte Lebemann geblieben, der passende Gelegenheiten nicht ausschließt und immer wieder erotische Begegnungen mit der Damenwelt sucht. Als die englische Krone einen Konsul nebst Gattin nach São Tomé und Principe schickt, bieten sich diese alsbald an, höchst passend für das erstrebte Liebesleben, aber völlig unpassend für das prekäre Amt, das Luís Bernardo bekleidet. Der Engländer, den eine betrügerische Affäre um ein prestigereiches Amt als Kolonialbeamter in Indien gebracht hat, wird zum Freund seines portugiesischen Rivalen. Seine überaus intelligente und dazu noch reizende Gattin, die ihm aus Loyalität, verständlicherweise aber aus wenig Überzeugung auf diese gottverlassenen Eilande gefolgt ist, wird seine heimliche, schließlich auch unheimliche Geliebte.![]()
Dass die notwendige Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre mit der intimen Begegnung von Gouverneur und Konsulgattin Ann (S. 296ff.) damit aufgehoben ist, lässt bereits den tragischen Ausgang unserer Geschichte erahnen. Zwar spielt der Ehemann David den Ahnungslosen, wenn es um das ehebrecherische Liebesverhältnis seiner Frau mit seinem vermeintlichen Freund geht. Aber in der Privatperson setzt sich letztlich der Repräsentant der britischen Krone Lloyd Jameson durch, dem die Aufgabe obliegt, über die bestehenden Verhältnisse auf den Plantagen Protokoll zu führen und am Ende seiner Untersuchungen einen alles entscheidenden Bericht nach London weiterzuleiten. Dass damit über Wohl und Wehe von Luís Bernardos Mission entschieden wird, ist diesem von Anfang an bewusst, auch dass er die so gegensätzlichen, ja unversöhnlichen Interessen zwischen weißen Siedlern, portugiesischem König und englischen Industriemagnaten mit äußerster Geschicklichkeit zu moderieren hat. Nicht in Vergessenheit geraten darf dabei jedoch die verletzte Ehre der portugiesischen Nation, was uns abermals zwingt den Blick auf die historischen Hintergründe zu lenken.![]()
Denn die pikante, von allen Seiten nicht gerade ungeteilt freiwillige ‚ménage à trois' zwischen Ann, David und Luís Bernardo liest sich wie eine Metapher jener schwierigen Beziehungen zwischen Portugal und Großbritannien. . Seit den zurückliegenden Jahrzehnten, genauer gesagt, seit 1890, befinden sich diese auf dem Tiefpunkt ihrer Geschichte. Wiederum hatte die Kolonialpolitik den Anstoß zu einer schweren nationalen Krise gegeben, deren Nachbeben für das Land noch bis in das folgende Jahrhundert spürbar sein sollten. Seit längerem sind die Portugiesen bemüht, Angola und Mozambique zu einer geschlossenen Landmasse miteinander zu verbinden, um ihr wankendes Kolonialreich gegenüber den anderen Mächten in Afrika zu stärken. So tritt Portugal 1887 mit dem so genannten Plan der rosa Landkarte an die Öffentlichkeit, der die realen Machtverhältnisse freilich in keiner Weise berücksichtigt. Entsprechend den Prinzipien, die sich die Berliner Konferenz gegeben hatte, beginnen portugiesische Soldaten, Gebiete außerhalb der bislang von Portugal beanspruchten Territorien im Inneren Afrikas, etwa das heutige Malawi, zu besetzen. Auf diese Weise gedenkt man die faktische Kontrolle über diese Gebiete demonstrieren zu können.![]()
Diese Intentionen müssen unweigerlich auf den entschiedenen Widerstand des Empire stoßen, das von ähnlichen Erwägungen geleitet wird und seine Territorien von Kairo bis Kapstadt zu einem einzigen Hoheitsgebiet zu vereinigen gedenkt. In einem Ultimatum fordert der britische Premier Lord Salisbury die Portugiesen auf, ihre zwischen den beiden Kolonien stationierten Soldaten zurückzuziehen. Andernfalls droht das britische Empire mit einer militärischen Intervention, was den umgehenden Verzicht Portugals auf territoriale Ansprüche zur Folge hatte. Doch damit hatte die Geschichte freilich nicht ihr Bewenden. Was sich in Taten nicht ausleben kann, drückt sich fortan in einem umso aggressiveren Nationalismus aus, der die Demütigung des zutiefst verstörten Landes vor allem auf der verbalen Ebene zu kompensieren sucht. Auch im Roman macht der Erzähler den Leser ausdrücklich auf diese Zeitstimmung aufmerksam, die wohl auch den verunsicherten Monarchen dazu veranlasst haben mag, Luís Bernardo die heikle Rolle eines Vermittlers und engagierten Verfechter portugiesischer Interessen anzutragen. Eingedenk der nationalen Schmach verfallen Regierung und Presse von Tag zu Tag in eine zunehmend chauvinistische Sprache: "Man warf Dom Carlos vor, nicht das patriotische Gefühl zu teilen, das unversehens die Herzen aller Portugiesen erfasste, als ‚das perfide England' sich weigerte, ein paar Tausend Quadratmeilen afrikanischen Bodens abzutreten" (S. 78). Eine ganze Literatur aus der Feder emphatischer Republikaner und glühender Nationalisten sollte in der Folgezeit den Abgesang auf die portugiesische Monarchie der Bragança intonieren, der man abspricht, eine zur Stärke berufene Nation zu repräsentieren und deren Willen umzusetzen. Auch die spätere Nationalhymne der portugiesischen Republik ist unter diesem Vorzeichen zunächst als Kampflied entstanden. Es ruft das Bild jenes alten Seefahrervolkes "aus den Nebeln des Erinnerns", das den Glanz der tapferen, unsterblichen Nation wiederaufzurichten und, wenn nötig, gegen Kanonen zu marschieren habe: "Lass die unbesiegte Flagge im strahlenden Licht Deines Himmels flattern! Europa soll es der ganzen Welt zurufen: Portugal ist nicht untergegangen! Es küsst Deinen heiteren Boden, Tosend von Liebe, der Ozean; Und Dein siegreicher Arm Hat neue Welten der Welt geschenkt! Zu den Waffen, zu den Waffen! Zu Land und zur See."![]()
Erst unter diesen historischen Prämissen werden die Risiken verständlich, die aus Luís Bernardos' Affäre mit der schönen Engländerin erwachsen. Desto mehr er in Opposition zu seinen größten Kontrahenten auf den Inseln, dem ausgeprägten Kolonialmilitär Hauptmann Mário Maltez und dem nicht minder skrupellosen Generalkurator Germano Valente, gerät, desto offener legt sich um ihn ein Netz aus Intrigen und bösartigen Verdächtigungen. In beiden Vertretern dieses peinlichen Personals verdichtet sich die mentale Stagnation der Siedler, die sich nach einem jener typischen Gouverneure zurücksehnen, launenhaft und cholerisch vielleicht, ungebildet und roh womöglich auch, aber in jedem Fall gleichgültig dem Los der Afrikaner gegenüber und in jedem Fall willfährig gegenüber deren Lebensbedingungen. Ein ‚Weiter so' um jeden Preis, das den üblichen Gang des gerade für die kleinen Siedler nicht eben leichten Kolonialalltags in den Tropen nicht weiter stört oder gar hemmt. Und diese Erwartungen erfüllt Luís Bernardo eben nicht, zumal er anders als seine Vorgänger monatelang durch die undurchdringlichen Wälder zu den entlegensten Plantagen reitet, um sich ein eigenes Bild von den dortigen Arbeitsbedingungen zu machen. Seine schlimmsten Vermutungen sieht er in den meisten Fällen bestätigt. Selbst die Arbeiter auf jenen Gütern, die mit fortschrittlichen Mitteln und Techniken verwaltet werden, können nicht in ihre Heimat zurückkehren und sind trotz des unlängst verabschiedeten Repatriierungsgesetzes an die Scholle ihrer Herren gebunden, so als ob dies die natürlichste Sache von der Welt wäre. Gerade angesichts seiner Einsichten, die über den Charakter theoretischer Erörterungen hinausgehen, ist der Gouverneur angreifbar und damit bestechlich geworden, umso mehr als die äußerliche Ruhe durch eine Reihe von unvorhergesehenen Ereignissen erschüttert wird. Als zwei Arbeiter einer Plantage flüchten und Tage später halb verhungert und vollkommen erschöpft von der Polizei aufgegriffen werden (S. 322), kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, bei der es den Angeklagten an einem Rechtsbeistand fehlt. Zum widerwilligen Erstaunen der Kolonialgesellschaft erklärt sich Luís Bernardo unter diesen Umständen sogar bereit, die beiden anwaltlich zu vertreten und damit völlig aus seiner Rolle zu fallen. Seine Rede wird zu einem Plädoyer für das gleichberechtigte Zusammenleben aller portugiesischen Staatsbürger, unbeschadet der Tatsache, dass sie schwarz sind und nicht einmal Portugiesisch sprechen (S. 341). Aus dem nonchalanten Junggesellen, der den Kolonialismus nur effizienter machen wollte, ist ein leidenschaftlicher Kritiker der Sklaverei geworden. Sein Status als Gouverneur ist fortan gänzlich in Frage gestellt. Als sich der Kronprinz auf dem Weg zur Kolonie befindet, bricht ausgerechnet ein Sklavenaufstand auf einer Pflanzung aus. Wider Erwarten und zum Ärger der angriffslustigen Militärs gelingt es Luís Bernardo indes ohne Blutvergießen, eine friedliche Lösung der Revolte zu erreichen. Doch selbst diese Erfolge, die noch von der pompösen Inszenierung des Staatsbesuchs gekrönt werden, können seinen tiefen Fall nicht aufhalten. Die Liaison des gut aussehenden Junggesellen mit der Engländerin hat sich nicht nur unter den Siedlern herumgesprochen. Sein vermeintlicher Freund David, dem er selbst auch kein besserer hatte sein können, verrät diesen Fehlantritt dem portugiesischen Kolonialminister, so dass seine Mission, "im Dienste einer Sache, die sich nicht verteidigen lässt" (S. 259), nunmehr komplett desavouiert ist. Ohne Rücksprache mit dem Gouverneur reicht der Engländer zudem einen für Portugal kompromittierenden Bericht an die Regierung seiner Majestät weiter. Schließlich sprechen die Engländer das lang erwartete Einfuhrverbot für portugiesischen Kakao aus.![]()
In der Originalausgabe wird auf den Titel des Romans angespielt, der die Tragik unseres Protagonisten illustriert. Neben der üblichen Lesart, wie sie auch in der deutschen Alltagssprache überwiegt - Äquator als eine Linie, welche die Erde in eine nördliche und südliche Hemisphäre aufteilt - wird eine Kontraktion des altportugiesischen Ausdrucks "é-cum-ador" (es ist mit dem Schmerz) für möglich gehalten. In diesem Sinn ist der Protagonist ein Scheiternder, der schließlich an dieser Grenzerfahrung und an seiner Geliebten Ann zerbricht, kurz bevor der portugiesische König und der Kronprinz Dom Luís Filipe am 1. Februar 1908 selbst einem Attentat zum Opfer fallen. Aber wie immer, wenn es sich um gute Literatur handelt - und davon darf in diesem Fall sicher gesprochen werden - macht dieses Scheitern uns, dem Leser, doch auch die anfangs erläuterte Aktualität des Themas deutlich. Was im Roman offenbar wird, nämlich dass Gesetze nichts ändern, wenn sich nicht auch Mentalitäten wandeln und Interessen andere Ziele erobern, trifft heute gerade in Hinblick auf die Menschenrechtsfrage zu. "Das Gesetz mag die Sklaverei abschaffen, aber nur Gott kann ihre Spuren verwischen", schreibt Alexis de Tocqueville in der Einsicht, dass unsere europäischen Kulturen, und nicht nur die portugiesische, von dieser schrecklichen Hinterlassenschaft geprägt ist. Mit seinem politischen und zugleich erotisch-abenteuerlichen Roman trägt Sousa Tavares dazu bei, dass wir diese Spuren in unserer Zeit besser erkennen und danach handeln können.![]()
In der portugiesischen Ausgabe hat der Autor zudem eine Reihe von Forschungstexten und Quellen angegeben, deren Einsichten in seine Erzählung eingegangen sind. Die Mehrzahl dieser Texte ist im Portugiesischen verfasst und liegt nicht in deutscher Übersetzung vor. Dem interessierten Leser seien aber einige Bücher empfohlen, die sein Verständnis für die historischen Hintergründe vertiefen. Wir weisen auf das immer noch lesenswerte Buch von Erhard Klöss hin (Die Herren der Welt. Die Entstehung des Kolonialismus in Europa. Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1985). Einen kurzen Überblick über die portugiesische Geschichte vermitteln Walther Bernecker und Horst Pietschmann (Geschichte Portugals. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. München, C. H. Beck, 2001). Des Weiteren bietet Christian Delacampagne dem Leser eine historische Bestandsaufnahme über das Erbe der Sklaverei (Die Geschichte der Sklaverei. Düsseldorf, Winkler, 2004). Einen vertieften Zugang zum komplexen Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den Kolonien Portugals gibt der bedeutende britische Lusitanist Charles Ralph Boxer in einer seiner zahlreichen Studien (Race Relations in the Portuguese Empire 1415-1825. Oxford, Clarendon, 1963).![]()
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