1. Liebe Moya Simons, Sie sind eine international erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin. Könnten Sie sich Ihren deutschen Lesern kurz vorstellen?
Ich wurde 1942 in Moree, einer winzigen Kleinstadt im Norden des australischen Bundestaats New South Wales, geboren. Meine Eltern wanderten 1937 nach Australien aus. Später verließ meine Familie Moree, zog nach Sydney und ließ sich in Bondi, in Strandnähe, nieder.
Als Kind war ich lesehungrig, aber auch sehr abenteuerlustig: Ich kletterte auf Bäume und sprang vom obersten Ast, um herauszufinden, ob ich fliegen könnte. Ich liebte es zu lesen und spielte mit meinen Freunden Bücher, die wir aus der Bücherei ausgeliehen hatten, nach – selbstverständlich nach unseren ganz eigenen Drehbüchern. Wir sorgten mit diesen Vorstellungen bei unseren Familien stets für Unterhaltung.
Ich war also in gewissem Sinne schon als Kind eine kleine Autorin: Die Art und Weise, wie ich dachte und versuchte, gewöhnliche Ereignisse in ungewöhnliche zu verwandeln, hatte stets etwas von einer Schriftstellerin.![]()
2. Warum haben Sie sich als Autorin für das Kinder- und Jugendbuchgenre entschieden?
Das ist eine knifflige Frage. Ich fühle mich Kindern schon immer besonders verbunden, auch weil ich – ungeachtet meines eigentlichen Alters – manchmal glaube, dass ich im Geiste 12 Jahre alt geblieben bin. An Kindern schätze ich es sehr, dass sie oft so ehrlich ihre Meinung sagen, neugierig sind und die Fähigkeit besitzen, die komische Seite des Lebens zu sehen. All dies sind Eigenschaften, die wir als Erwachsene oft verloren haben.
Für mich fühlt es sich also einfach natürlicher an, für ein jüngeres Publikum zu schreiben.![]()
3. "Ein Flüstern in der Nacht" wird im Oktober 2012 in Deutschland erscheinen. In gewisser Weise ist Ihr erster historischer Roman ein sehr "deutsches" Buch. Was hat Sie dazu veranlasst, über das Dritte Reich und die Shoah zu schreiben?
Als ich noch zur Schule ging, waren mindestens sechs Kinder aus meiner Klasse Holocaust-Überlebende. Sie waren entweder mit ihren Eltern nach Australien gekommen oder sind – aufgrund des Schicksals ihrer Familien – adoptiert worden.
Ein Großteil von ihnen hatte das Dritte Reich überlebt, indem sie sich vor den Nazis versteckten. Oft saßen wir beisammen und sie erzählten mir ihre Geschichten, während ich versuchte, auch nur ansatzweise zu verstehen, was sie durchgemacht haben mussten. Für mich – die nur ihre eigene, friedliche Kindheit kannte – war es sehr schwierig, sich diese furchtbare Zeit auch nur vorzustellen.
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass diese frühen Erfahrungen, diese Gespräche mit meinen traumatisierten Klassenkameraden, zum Entstehen dieses Romans beitrugen. Denn auch als Erwachsene habe ich diese Kinder nie vergessen und bis zum heutigen Tage habe ich Freunde, die Überlebende des Holocaust sind und sich vor den Nazis verstecken oder sogar die Erfahrung der Konzentrationslager (vor allem Bergen-Belsen) machen mussten.![]()
4. Sie selbst leben in Australien, Schauplatz von "Ein Flüstern in der Nacht" ist aber hauptsächlich Europa. Wie verfuhren Sie bei der Recherche für Ihr – in historischer Hinsicht – erstaunlich akkurates und aufschlussreiches Kinderbuch?
Mein Forschungsaufwand war gewaltig. Natürlich benutzt man das Internet und greift auf die einschlägige Fachliteratur zurück. Ich gehöre aber außerdem einer jüdischen Organisation mit dem Namen B’nai B’rith an, die Überlebende dazu ermutigt, in australische Schulen zu gehen und davon zu erzählen, wie sie während des Zweiten Weltkriegs von mutigen Menschen gerettet wurden. Erklärtes Ziel dieser Organisation ist es, Kindern durch diese Überlebensberichte Zivilcourage zu vermitteln.
Ich denke, dass mir die auf Band aufgenommenen Gespräche mit den Überlebenden selbst mehr geholfen haben, als die "klassischen" Forschungsmethoden bzw. der Rückgriff auf die Historiografie.
Vor der Publikation meines Romans ließ ich „Ein Flüstern in der Nacht“ allerdings noch einmal durch Dr. Michael Abrahams-Sprod vom Hebräischen Lehrstuhl für Biblische und Jüdische Studien in Sydney überprüfen. Dieser namhafte Experte im Bereich der Deutsch-Jüdischen Geschichte und der Holocaust-Studien trug maßgeblich zur historischen Faktentreue meines Romans bei. Ich bin ihm für seine Unterstützung unendlich dankbar.![]()
5. "Ein Flüstern in der Nacht" wird aus der Perspektive eines jüdischen Mädchens, Rachel Schwarz, erzählt. Warum haben Sie diese Perspektive bzw. diese Hauptfigur gewählt?
Eine mir nahestehende Freundin aus Australien, Eve Thassum, verlor ihre Mutter – und beinahe ihr eigenes Leben – im Konzentrationslager in Belsen. Sie war zu Kriegsende so jung, dass sie heute nur wenige Erinnerungen aus dieser Zeit hat. Eve überlebte in Belsen, weil ein Wächter dort die kleinen Waisenkinder täglich heimlich mit frischer Milch versorgte.
Mein Roman ist ihrer Mutter gewidmet und gibt dieser in gewisser Weise das Begräbnis, das ihr im KZ verweigert wurde. Daher habe ich auch Eves Nachnamen, Schwarz, für meine Familie verwendet und die Stadt, in der sie damals lebte, Leipzig, als Wohnort gewählt.
Natürlich kamen auch die Erzählungen anderer Überlebender ins Spiel.
Ich musste also die Rachel des Romans erfinden, aber sie basiert größtenteils auf den individuellen Einzelschicksalen der Überlebenden, die ich angehört habe. Fälle, in denen Kinder aufgrund der schrecklichen Bedingungen ihrer „Verstecke“ nicht mehr sprechen oder hören konnten, sind mir persönlich bekannt. Solche Erlebnisse beeinflussen die seelische und psychische Verfassung enorm. Rachels Geschichte ist auch diesen jüdischen Kindern gewidmet, die keine eigene Stimme mehr haben.![]()
6. Die junge Rachel Schwarz erinnert mich stellenweise an Anne Frank, eine der bekanntesten Opfer des Holocaust. Hat Sie "Das Tagebuch der Anne Frank" beeinflusst?
Ich denke, dass das Schicksal von jedem Kind, das sich vor den Nazis verstecken musste, unweigerlich mit dem Anne Franks verglichen werden wird. Es gab jedoch so viele andere Kinder, die während des Dritten Reiches im Verborgenen leben mussten. Ich hielt es für wichtig, dass auch ihre Geschichten erzählt werden und die Zivilcourage derer anerkannt wird, die sie durch ihr mutiges Handeln retteten.![]()
7. Anne Frank stirbt im Konzentrationslager, Rachel Schwarz, ihr Vater und ihre Schwester überleben dagegen. Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Roman mit so vielen Überlebenden anzufüllen?
Dass es in "Ein Flüstern in der Nacht" sehr viele verfolgte Juden gibt, die die Nazi-Zeit überleben, ist korrekt. Aber das war eine bewusste Entscheidung meinerseits.
Ich wollte zeigen, dass es – trotz Nazi-Propaganda und Antisemitismus – auch solche Menschen gab, die unheimlich viel aufs Spiel setzten, um jüdischen Familien zu helfen. Ich glaube, dass dies für Kinder eine wichtige Lektion ist: Zu lernen, dass es wert ist, ein hohes Risiko einzugehen, wenn es darum geht für Gerechtigkeit und moralische Werte einzustehen. Für mich ist es auch wichtig, dass diese wenigen, aber bewundernswerten Menschen, die Juden halfen, Anerkennung finden.
Dennoch möchte ich daran erinnern, dass ein Großteil der entfernteren Verwandten Rachels sowie ihre geliebte Mutter sterben. Beim Schreiben eines Kinderbuchs trägt man ja auch eine gewisse moralische Verantwortung: Ich denke, nur wenn man bei Erzählungen über diese schreckliche Zeit immer wieder kleine „glückliche“ Momente aufflackern lässt, gibt man den Kindern Hoffnung.![]()
8. "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch" … so lautet ein berühmtes Zitat des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno.
Diese Aussage wird seit den 1960ern in Deutschland immer wieder debattiert – meist im Zusammenhang mit der Frage, wie man den Holocaust darstellen kann, ohne den Völkermord zu verharmlosen. Was ist Ihre Antwort auf Adorno?
Um die Bedeutung des Holocausts zu verstehen, muss man sich – metaphorisch gesprochen – an einen sehr düsteren Ort begeben. Es handelt sich um eine hoffnungslose Gegend und man darf diese Schreckenslandschaft nicht trivialisieren oder schönreden. Es ist öde dort, freudlos und ohne Licht.
Ein Kinderbuchautor, der über diese Zeit zu schreiben versucht, muss die jungen Leser auf eine Reise in die Dunkelheit mitnehmen. Aber in dieser Dunkelheit gab es auch immer wieder kleine Lichtblicke. Das Licht derjenigen, die Widerstand leisteten, muss anerkannt werden. Es ist dabei illusorisch, davon auszugehen, dass diese Menschen eine leuchtende Fackel darstellten – dazu war die Dunkelheit zu schwarz und düster.
Aber wenn man eine ausreichende Menge dieser Lichtblicke zusammensetzt, werden sie einen Heiligenschein bilden, in dem man Göttliches erkennen kann. Daran glaube ich von ganzem Herzen. Und darum hat "Ein Flüstern in der Nacht" auch ein hoffnungsvolles Ende, das das Leben und die Erneuerung zelebriert.![]()
Interview und Übersetzung: Carola Bauer / cbj-Presse
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