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SPECIAL zu Nina Blazon »Laqua - Der Fluch der schwarzen Gondel«

Laqua - Der Fluch der schwarzen Gondel
 

Interview mit Nina Blazon zu

»Laqua - Der Fluch der schwarzen Gondel«

 

Nina Blazon, geboren 1969 in Koper bei Triest, aufgewachsen in Neu-Ulm, las schon als Jugendliche mit Begeisterung Fantasy-Literatur. Selbst zu schreiben begann sie während ihres Germanistik-Studiums – Theaterstücke und Kurzgeschichten – bevor sie den Fantasy-Jugendroman »Im Bann des Fluchträgers« schrieb, der 2003 mit dem Wolfgang-Hohlbein-Preis und 2004 mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet wurde. Seither haben Nina Blazons Bücher zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Die erfolgreiche Jugendbuchautorin lebt in Stuttgart.
Katharina Göring (cbj-Presse) befragte die Autorin zu ihrem neuen Kinderbuch »Laqua - Der Fluch der schwarzen Gondel«, das im August 2012 erscheint.

Man kennt Sie eigentlich als Autorin von fantastischen Jugendbüchern. Jetzt haben Sie mit „Laqua“ ein großes Fantasy-Abenteuer für Kinder entworfen. Wie erging es Ihnen beim Schreiben? Hatten Sie ein anderes Schreibkonzept als üblich?
Nach einigen All-Age-Titeln war es tatsächlich eine Umstellung. Ein grundlegend anderes Schreibkonzept hatte ich dafür zwar nicht, aber natürlich eine andere Gewichtung: nicht ganz so viele komplexe Wendungen, dafür mehr Tempo und Action. Es hat sehr viel Spaß gemacht, und die kleinen Helden aus »Laqua« haben mich mit ihrem kindlich-ungestümen Tempo schon nach kurzer Zeit mitgerissen.

Was haben Sie als Kind gelesen?
Alles vom Pferde- und Internatsroman bis hin zu Fantasy und Science-Fiction. Mein Lieblingsbuch war »Die Stadt der verlorenen Träume« von Michel Grimaud. Aber ich liebte auch Otfried Preußlers »Krabat« und Michael Endes fantastische Welten. Darin konnte ich mich ganz verlieren.

Kanal mit Gondeln

Warum haben Sie gerade Venedig als Schauplatz für ihr Buch gewählt? Was verbindet Sie mit Venedig?
Venedig ist meine Herzensstadt, seit Jahren mogle ich sie immer wieder in meine Romane (am deutlichsten wohl in »Faunblut«). Vielleicht, weil ich eine ganz persönliche Verbindung zu ihr habe: Ich stamme aus dem »kleinen Venedig«, dem Städtchen Piran in Slowenien.

Grünes Wasser

Hier habe ich meine ersten Lebensjahre zwischen Renaissance-Häusern mit gotischen Triforen-Fenstern verbracht und in schmalen Gässchen gespielt.
Piran gehörte seit dem 13. Jahrhundert zu Venedig, man sieht es auch deutlich: Am Marktplatz steht ein roter Palazzo, überall finden sich geflügelte Steinlöwen und der Campanile von 1609 ist die exakte Kopie des Glockenturms von San Marco. Als Kind war ich natürlich auch unzählige Male »schräg gegenüber« im »großen« Venedig und auch heute reise ich gerne dorthin – am liebsten im November oder zur Weihnachtszeit.

Was fasziniert Sie besonders an dieser Stadt?
Immer wieder: ihre vielen Gesichter und ihre Zeitlosigkeit. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen auf unnachahmliche Weise – so, als hätte der letzte Doge erst gestern den Palazzo Ducale verlassen und könnte jederzeit zurückkehren.

Lichtspiele beim Palazzo Ducale

Venedig gilt vielen vor allem als Stadt der Liebe, Romantik und Hochzeitsreisen. In » Laqua« zeigen Sie die schaurig-schöne Seite der Lagunenstadt: mysteriöse Sagen und Legenden, dunkle Schatten und faszinierende Spiegelwesen. Das klingt alles zu fantastisch um wahr zu sein – oder?
Ich musste, um ehrlich zu sein, gar nicht viel erfinden – so reich ist Venedig an Kuriositäten! Jede Gasse, jede Brücke, jedes Haus hat seine Gespenstergeschichte oder Anekdote aus vergangenen Jahrhunderten. Der Doge Faliero, der im 14. Jahrhundert wegen Hochverrats geköpft wurde (sein Porträt im Dogenpalast wurde schwarz übermalt), irrt auch heute noch nachts als kopfloses Gespenst hinter der Kirche San Zanipolo herum.

Auf der Laguneninsel Burano

Wasserfrauen betörten einst die Fischer von Burano – noch heute hört man in stürmischen Nächten ihren Gesang, und die Bronzepferde aus Konstantinopel wiehern nachts, weil ihnen ihre kostbaren Rubinaugen gestohlen wurden. Ganz zu schweigen vom Ungeheuer, das am Grunde der Lagune lauert. Wenn dieser „Makaro“ wütend ist, schnaubt er und die Stadt versinkt in seinem nebligen Atem. Zum Glück kommt er nicht an die Oberfläche, denn nicht umsonst ist Venedig die Stadt des heiligen Georg: Die Gondoliere stehen ganz in der Tradition des Drachentöters. Mit ihren Rudern halten sie den Makaro wie mit Lanzen unter der Wasseroberfläche. Solange es noch Gondeln gibt, ist die Stadt also vor dem Ungeheuer sicher.

Makaro

Für »Laqua« sind Sie nach Venedig gereist und haben sich vor Ort inspirieren lassen. Erzählen Sie uns ein bisschen davon.
Ich hatte das Glück, bei einem ganz besonderen Venedig-Besuch hinter die Reiseführer-Fassaden blicken zu dürfen. Irene, meine Gastgeberin, ist gebürtige Venezianerin, ich durfte eine Weile in ihrer Wohnung leben und mich ganz in den Alltag der Stadt fallen lassen. So habe ich viel über die Mentalität und Lebensart gelernt (das fängt schon beim typischen venezianischen Frühstück an). Mir hat sich dadurch ein ganz neuer Blick auf die Stadt eröffnet. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Venedig auch die Stadt der Alchimisten war. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man nicht nur geflügelte Löwen, sondern auch den Hippogreif, das Symbol der Alchimie, an den Fassaden. Und noch heute finden sich Spuren der »Theriak«-Herstellung in der Stadt (direkt an der Rialto-Brücke zum Beispiel: ein goldener Kopf!). Diese »Himmelsarznei«, die sogar gegen die Pest helfen sollte, hat zum Reichtum Venedigs beigetragen. Eine der Hauptzutaten war Vipernfleisch – aber auch das » Horn des Einhorns« kam zum Einsatz. Hergestellt wurde der Theriak nach einem strengen Zeremoniell in der Öffentlichkeit, zum Beispiel auf dem Campo Santo Stefano. Drei Tage lang wurden die Zutaten auf dem Platz ausgestellt – auch die Käfige mit lebenden Vipern. Bei solchen Bildern schlägt ein Autorenherz natürlich sofort höher.

Die 'blaue Stunde' in Venedig

Gab es eigentlich reale Vorbilder für die Figuren?
Normalerweise schicke ich keine realen Personen auf Bücherreise, diesmal konnte ich allerdings nicht widerstehen: Sara (die junge Tante der Kinder) ist im echten Leben meine Freundin und Kollegin – eine gebürtige Neapolitanerin mit dunklen Locken. Auch sie stand mir für »Laqua« mit Rat und Tat zur Seite. Einen echten Fedele gibt es in ihrem Leben übrigens auch, allerdings ist er nicht Polizist wie sein Namensvetter in »Laqua«.

Haben Sie das Buch in Venedig geschrieben? In welcher Umgebung schreiben Sie am liebsten? Haben Sie einen festen Schreibort und ein festes Schreibritual?
In Venedig habe ich gefilmt, fotografiert, notiert, gefragt und gelesen und vor allem bin ich unendlich viel gelaufen. Vor Ort habe ich nur einige Szenen mit Stift und Notizzettel skizziert, denn am besten und am liebsten schreibe ich in meinem Büro. Dort ist auch mein fester Schreibort, an dem ich ganz ohne Rituale arbeite. Zugegeben, das ist sehr bürokratisch und nüchtern, aber nur so entsteht der Raum im Kopf für die bunten fantastischen Welten.

Ospedale. Hier spielen einige Szenen des Buches.

Einige Ihrer Bücher – wie auch »Laqua« – haben eine reale Basis, andere spielen in einer ganz und gar fantastischen Welt. Und dann gibt es noch Ihre historischen Romane. Was ist Ihnen lieber: Fantastik oder Realität?
Das lässt sich schwer vergleichen, Historie und Fantasy sind zwei unterschiedliche Weisen, eine Geschichte zu schreiben. An den historischen Titeln reizen mich die Recherche und die Herausforderung, fiktive Figuren in eine vorgegebene, geschichtliche Rahmenhandlung einzupassen. Die Fantasy dagegen muss aus dem Nichts geschaffen werden – hier ist der Weltenbau der große Reiz. Allerdings spielt die Realität auch bei den Fantasy-Titeln immer in verfremdeter Form mit hinein.

Venedig bei Sonnenuntergang

Könnten Sie sich vorstellen, auch eine Geschichte zu schreiben, die ohne Fantasy-Elemente vollkommen in unserer gegenwärtigen Wirklichkeit spielt?
Aber ja – einen Krimi vielleicht, oder sogar einen Thriller?

In Ihren Jugendbüchern spielt die Liebe eine große Rolle. Auch in »Laqua« gibt es eine wunderbare Liebesgeschichte, die leise im Hintergrund der Handlung spielt. Nämlich die zwischen Sara, der Tante des Geschwisterpaares, und dem Polizisten Fedele. Warum darf in Ihren Geschichten die Liebe nicht fehlen?
Weil jede Liebesgeschichte auch immer eine Liebeserklärung an das Leben ist! Und darum geht es doch auch beim Lesen – das Leben und die magischen Anfänge zu feiern und Neues, Schönes zu finden.

Interview: Katharina Göring / cbj-Presse
Alle Fotos © Nina Blazon



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