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SPECIAL zu Randy Susan Meyers »Heute und in Ewigkeit«

Heute und in Ewigkeit
 

Interview mit Randy Susan Meyers

über ihren Roman „Heute und in Ewigkeit“

 

Sie sind 57 Jahre alt und „Heute und in Ewigkeit“ ist Ihr Romandebüt. Warum haben Sie sich zu diesem Zeitpunkt Ihres Lebens entschlossen, ein Buch zu schreiben? Wollten Sie schon immer Autorin werden?
An Büchern und am Schreiben hing mein Herz schon immer. Nachdem ich jahrelang in zwei Jobs (darunter nachts als Bedienung in einer Bar) gearbeitet habe, um meine beiden Töchter unterstützen und sie durchs College bringen zu können, hat sich mein Leben mittlerweile so geändert, dass ich weniger arbeiten und mich auf meinen wahren Herzenswunsch konzentrieren kann – das Schreiben.

„Heute und in Ewigkeit“ erzählt die Geschichte zweier Schwestern, Lulu und Merry Zachariah, deren Lebensweg dadurch geprägt wird, dass sie mitansehen müssen, wie ihr Vater ihre Mutter tötet. Ist es wahr, dass diese Handlung durch einen Vorfall aus Ihrer eigenen Kindheit inspiriert ist?
Als meine Schwester acht Jahre alt war, warnte meine Mutter sie, meinen Vater nicht in unser Brooklyner Apartment zu lassen. Vielleicht warnte sie mich ebenfalls, aber ich war erst knapp fünf Jahre alt und kann mich nicht daran erinnern. Jahre später, als Erwachsene, als meine Schwester und ich in Kindheitserinnerungen schwelgten, wie man das unter Geschwistern so macht – man vergleicht Erinnerungsfetzen, bauscht die Ungerechtigkeiten auf und hebt die komischen Momente besonders hervor –, sagte meine Schwester: „Erinnerst du dich noch, wie ich unseren Vater in die Wohnung ließ und er versucht hat, Mom zu töten?“

Sie schwört, dass ich dabei war, aber ich kann mich an nichts davon erinnern. Als die Jahre vergingen, und meine Schwester mich mit immer mehr Einzelheiten versorgte, grub sich die Szene in meinem Gedächtnis ein und wurde auch ein Teil meines Erinnerungsschatzes. Ich hörte meinen Vater, wie er sich seinen Weg hinein erschmeichelte. Meine Mutter, deren Schreie widerhallten. Und ich fragte mich immer wieder: Was wäre gewesen, wenn? Was wäre gewesen, wenn meine Schwester nicht den Mut gehabt hätte, die Nachbarn zu holen, wie es ihr meine Mutter zugerufen hatte? Was, wenn die Nachbarn von oben nicht gegen die Decke gehämmert hätten? Was, wenn die Polizei nicht rechtzeitig gekommen und was, wenn meine Mutter gestorben wäre?

Genau das ist Schreiben für mich: ein „Was wäre, wenn?“ nach dem anderen. Als meine Schwester und ich noch klein waren, taten wir, wenn wir das Licht ausmachen mussten, so, als nähmen wir imaginäre Bücher von imaginären Bücherregalen und fragten einander: Was wirst du heute Nacht träumen? Irgendwie waren meine Wachträume immer teilweise auch Alpträume, die Wahrheit bekam immer jenen Dreh ins Makabre, den wir alle fürchten. „Heute und in Ewigkeit“ ist eine Geschichte aus diesem Bücherregal meiner Kindheit.

Sie haben viele Jahre in einem Interventionsprogramm für gewalttätige Männer in Boston gearbeitet. Was war die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus dieser Arbeit gezogen haben?
Ich habe viele Jahre mit gewalttätigen Männern gearbeitet, die vom Gericht zur Teilnahme am Bostoner Batterer Intervention Program verurteilt worden waren. Ich leitete dort Gruppen, deren Teilnehmer alle Stufen auf der Skala der Gewalt gegen Frauen abdeckten. Es waren Männer, die Frauen drangsaliert, ihnen eine geklebt, sie zusammengeschlagen und ihnen Knochen gebrochen hatten, einige von ihnen waren Mörder. Wenn man sie fragte, wo ihre Kinder während dieser Vorfälle gewesen waren, antworteten fast alle dasselbe: Sie haben geschlafen.

Kinder schlafen nicht in solch traumatischen Momenten. Einige von ihnen erstarren. Einige vergraben den Horror so tief in ihrem Innersten, dass es keinen Zugang mehr dazu gibt. Einige von ihnen bleiben als Erwachsene auf dieser Stufe stehen und wiederholen die Tat in ihrem eigenen Leben (wie so viele der Männer in dem Programm). Manche gewinnen durch diese inneren Verletzungen an Stärke und werden als Erwachsene Lehrer, Krankenschwestern, arbeiten in der Strafverfolgung – sie sind in vielen karikativen Berufszweigen zu finden.

Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner Arbeit dort gezogen habe, ist folgende: Menschen haben eine Wahl. Eltern können entscheiden, ob sie schreien und ihre Kinder schlagen oder ob sie ruhig bleiben. Selbst die gewalttätigsten Straftäter, mit denen ich zu tun hatte, entschieden sich in vielen Situationen dafür, sich unter Kontrolle zu halten. Sie gingen nicht auf ihre Chefs los, sondern wählten stattdessen ihre Frauen oder Freundinnen. Sie wählten Menschen aus, die sie kontrollieren und terrorisieren konnten. Und so wie es meistens in dieser Welt ist, wählten sie Menschen aus, die in der Hierarchie der Macht unter ihnen standen.

In Ihrem Roman folgen Sie Lulu und Merry auf ihrem Weg von der Unterbringung bei Verwandten durch die harte Zeit im Waisenhaus zu ihrer Aufnahme durch eine Pflegefamilie, die denkbar schlecht gerüstet ist, um sie aufzuziehen. Was würden Sie vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen und Recherchen sagen: Ist dies ein häufiger Lebensweg von Kindern, die nach einer familiären Auseinandersetzung zurückbleiben? Welche Schritte sollten Ihrer Meinung nach unternommen werden, um die Versorgung solcher Kinder zu verbessern?
Unsere Gesellschaft ist sehr schlecht dafür gerüstet, mit Kindern umzugehen, die als „Kollateralschaden“ aus häuslichen Problemen hervorgehen. Wir wollen uns nicht vorstellen, dass diese Kinder leiden, daher tun wir so, als schliefen sie.

Mein Roman beginnt in den 1970er Jahren, und ich hoffe, seither hat es Verbesserungen gegeben. Aber es gibt nicht genug sichere, liebevolle Einrichtungen für gefährdete Kinder. Wohngemeinschaften sind oft überfüllt, die Betreuer haben die besten Absichten, sind aber unterbezahlt und oftmals schlecht ausgebildet.

Soziale Dienste für Kinder sind finanziell schlecht ausgestattet und nehmen einen niedrigen Rang in der Prioritätenliste ein. Doch Geld, das in diesem Bereich ausgegeben wird, spart letztendlich Geld in der Strafverfolgung – aber unser Land macht dies nicht zu einem vorrangigen Anliegen. Kinder müssen als weitere Opfer häuslicher Gewalt gesehen werden. Wenn ein Mann seine Frau oder Freundin verletzt, verletzt er auch ihre Kinder.

Der Roman ist abwechselnd aus der Perspektive der beiden Schwestern erzählt und erstreckt sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren. Was war beim Schreiben aus zwei Perspektiven die größte Herausforderung? War Ihnen eine der beiden Figuren sympathischer als die andere und wenn ja, warum?
Oh, ich hatte keine Favoritin! Ich liebe beide Figuren. Ob ich nun aus Lulus oder Merrys Perspektive schrieb, ich wurde sie. Und zwar vollständig. Ich mag es, Geschichten aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen. Wir sind der Mittelpunkt unserer eigenen Show – aber das heißt nicht, dass unsere jeweilige Geschichte der Wahrheit entspricht. Familie ist wie ein Prisma. Die Wahrheit verändert sich jedes Mal, wenn man das Glas dreht.

Was sollen Ihre Leser aus der Lektüre Ihres Buches mitnehmen?
Ich hoffe, ich habe Ihnen eine gute Lektüre geliefert! Es gibt für mich selbst nichts Schöneres, als mich ganz in dem Buch zu verlieren, das ich gerade lese. Wenn ich schreibe, hoffe ich, dass meine Leser es kaum abwarten werden können, weiterzulesen. Damit das gelingt, muss man meiner Überzeugung nach, wirklich in die Tiefe gehen und ein Buch schreiben, das einem selbst fast das Herz bricht. Nach der Lektüre werden sich – so hoffe ich zumindest – einige Leser weniger allein fühlen. Denn das „Genau wie bei mir“-Gefühl kann heilsam wirken. Anderen Lesern habe ich vielleicht vor Augen geführt, wie das Leben der verborgenen Opfer häuslicher Gewalt aussieht.

Woran arbeiten Sie zurzeit?
Ich habe gerade mein nächstes Buch beendet. Es erzählt die Geschichte dreier Mütter, die alle durch ein Kind miteinander verbunden sind: Tia, die ihr Kind zur Adoption freigibt, nachdem ihr verheirateter Liebhaber sie zurückweist, Juliette, die nicht wusste, dass ihr Ehemann dieses Kind gezeugt hat, und Caroline, die fürchtet, die Falsche zu sein, um sich um das Kind zu kümmern.

Das Interview führte Andrea Müller
Januar 2010



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