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SPECIAL zu Robert Wilson

Die Maske des Bösen
 

"Das Ende der Unschuld"

Rezension von Bianca Reineke

 

Stolz ist er, aber gebrochen. Seine aufrechte Haltung, seine Eleganz, können kaum darüber hinwegtäuschen, dass er schwer an seiner Vergangenheit trägt. Javier Falcón, Inspektor Jefe bei der Mordkommission im schönen Sevilla, hangelt sich mühsam von Tag zu Tag und versucht verzweifelt, seine ureigenen Dämonen in den Griff zu bekommen.

Der integre und kompetente Polizist hat sich zwar redlich bemüht, die Schatten der Vergangenheit endlich abzuschütteln, aber noch ist es ihm nicht gelungen, Frieden mit den Menschen zu schließen, die ihn betrogen und verraten haben. Zu tief sind die Wunden, die man ihm zufügte - und nicht nur ihm allein …

Ein verletzlicher Held in einer wunderschönen Stadt
Der britische Autor Robert Wilson, Jahrgang 1957, der nach seinem Studium in Oxford in den verschiedensten Berufen arbeitete und in vielen Ländern lebte, hat mit dem Helden seiner Krimireihe eine außergewöhnliche Persönlichkeit geschaffen, die in ihrer Komplexität und anrührenden Verletzlichkeit ihresgleichen sucht. Dass ausgerechnet ein Engländer derart tief in das Seelenleben eines Spaniers einzutauchen imstande ist, die Atmosphäre des pulsierenden und vibrierenden Sevillas so überzeugend wiederzugeben weiß, überrascht den Leser immer wieder aufs Neue und zeugt vom ungeheuren Können dieses Schriftstellers. Stets auf den Punkt und mit leicht ironischem Blick porträtiert Wilson die liebenswerten Macken und Eigenarten der stolzen Bewohner Sevillas und setzt dieser großartigen und schönen Stadt damit ein literarisches Denkmal.

Javier Falcón, Wilsons gebrochener und dennoch aufrechter Held, bewegt sich im neuesten Buch der Bestsellerreihe nur mühsam durch die Hitze des Tages, denn immer noch leidet er unter der Last seiner Geschichte (Der Blinde von Sevilla). Trotz einer erfolgreichen Therapie und der dringend notwendigen posthumen Aussöhnung mit seinem Vater (Die Toten von Santa Clara), hat er mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit noch immer nicht abgeschlossen. Gerade als er wieder Boden unter den Füßen spürt und sich langsam und mühsam seinen Weg zurück in die Normalität bahnt, hält das Schicksal neue Tiefschläge für ihn bereit: Seine Ex-Geliebte Consuela kreuzt seinen Weg, und diese Begegnung lässt alte, längst verloren geglaubte Gefühle wieder aufbrechen. Falcóns fragile Existenz droht erneut aus der Balance zu geraten.

Ein Mord und die Rückkehr des Terrors
Doch eine grausam verstümmelte Leiche, die auf einer Müllhalde außerhalb der Stadt gefunden wird, zwingt den Inspektor Jefe zur völligen Konzentration auf seinen Job. Falcóns tiefe Betroffenheit angesichts der brutalen Tat an einem Unbekannten, führt dazu, dass er sich in die Arbeit stürzt. Seine hartnäckigen Ermittlungen unterbricht er selbst dann nicht, als ein weiteres, noch grausameres Verbrechen die Stadt, ganz Spanien und sogar die ganze Welt erschüttert.

Nach den verheerenden Terroranschlägen auf die Pendlerzüge in Madrid am 11. März 2004, die das Land in lähmender Angst vor den nächsten, unberechenbaren Taten skrupelloser Terroristen erstarren ließ, wird Spaniens schlimmster Alptraum wahr: In Sevilla wird durch eine riesige Bombenexplosion ein ganzer Wohnblock in Schutt und Asche gelegt. Den herbeigeeilten Rettungskräften bietet sich ein Bild des Grauens. Aus den rauchenden Trümmern können kaum noch Lebende geborgen werden.

Währenddessen laufen die Ermittlungen der Polizei, der spanischen und internationalen Geheimdienste bereits auf Hochtouren. Als bekannt wird, dass sich im Keller des Gebäudes eine Moschee befand, deren Imam und Gemeindemitglieder ebenfalls getötet wurden, scheint das Motiv der Bombenleger klar zu sein. Die Stimmung im Land heizt sich auf; politischen Parteien jedweder Couleur beginnen, das Attentat zu ihren Gunsten auszuschlachten.

Angewidert von der Gewissenlosigkeit dieser Menschen und mit dem unguten Gefühl, dass man zu vorschnell Schlüsse zieht, dringt Javier Falcón immer tiefer in die Materie ein und gerät schnell zwischen alle Stühle. Als sich der spanische Geheimdienst an Falcón wendet und ihn um Mithilfe bei der Anwerbung von Spionen bittet, gerät der Inspektor in einen tiefen Konflikt. Nach alldem, was er in der Vergangenheit erlitten hat, muss er sich nun entscheiden, ob er seine privaten, noch zerbrechlichen Beziehungen über das Wohl seines Landes stellen will …

Die tödliche Schlinge um den Hals Spaniens
Eine Reise nach Marokko, die verstörende Begegnung mit seiner Ex-Frau Inès und der Wunsch nach Aussöhnung und Neuanfang mit seiner ehemaligen Geliebten, reißen Javier Falcón in einen Strudel von Verwirrung und Furcht vor dem, was kommen mag.

Trotzdem arbeitet Inspektor Jefe angestrengt an der Lösung des ungeklärten Mordfalls - der Leiche auf dem Müllplatz -, fahndet gleichzeitig nach den Tätern und Motiven des Terroranschlags - und muss die erschreckende Erkenntnis, dass beide Taten zusammenhängen, erst einmal verarbeiten. Je tiefer er in die Materie eindringt, desto mehr wird Falcón bewusst, wie eng die tödliche Schlinge aus Terror, politischen Machenschaften und religiösem Fanatismus sich um den Hals Spaniens zu legen droht. Am Ende steht die Erkenntnis, dass zahlreiche unschuldige Menschenleben geopfert wurden, um ein vermeintlich hohes und edles Ziel zu verfolgen, ohne dabei zu bedenken, dass Mord und Vernichtung niemals Rechtfertigung erfahren können.

Neben den hoch spannenden Ermittlungen im Fall des unbekannten Toten und des Terroranschlags, die Einblick in die Hierarchien und die Arbeitsweise der Polizei von Sevilla bieten, lässt Robert Wilson den Leser auch wieder einen tiefen Blick in die verwundete Seele seines Helden werfen. Der Autor kennt kein Erbarmen mit seinem Protagonisten: Kaum hat Falcón es geschafft, seine verpfuschte Ehe mit Inès und den Schock, dass sie den verhassten, arroganten Staatsanwalt Calderón geheiratet hat, zu verarbeiten, lässt Wilson den Leser Zeuge davon werden, wie übel dieser Falcóns Ex-Gattin behandelt. Am Ende wird der Inspektor wieder einmal vor einem Grab stehen, mit der ewigen "Warum"-Frage im Herzen. Doch ein Hoffnungsschimmer bleibt, denn Wilson gönnt seinem Helden den Ausblick auf eine positive Entwicklung seines Privatlebens.

Mehr von Javier Falcón!
"Die Maske des Bösen" ist ein Buch voller alarmierender Aktualität, erschreckender Realität und ungeheurer Glaubwürdigkeit. Wie Wilson seine fiktiven Geschöpfe in das reale Geschehen der Welt einpasst, die komplexen Charaktere in einen faszinierenden, hoch spannenden, zum Nachdenken anregenden Plot stellt, ist eine wahre Meisterleistung in der Kriminalliteratur. Hoffentlich bleibt Javier Falcón den begeisterten Lesern noch lange erhalten!

Bianca Reineke
Cuxhaven, August 2007



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