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SPECIAL zu Stefan Brijs »Der Engelmacher«

Der Engelmacher
 

Wahn und Wissenschaft

Rezension von Tina Full

 

"Er spricht nicht." "Er lacht nicht." "Er ist einfältig." - Das Kind, das im Jahr 1945 in Wolfheim, einem kleinen belgischen Dorf nahe dem Dreiländereck, zur Welt kommt, hat eine Hasenscharte, genau wie sein Vater. "Es war das erste, wonach seine Frau ihn gefragt hatte. Nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, sondern ob das Kind …"

Für die streng gläubige Mutter ist die Hasenscharte ein Zeichen, dass das Kind vom Teufel gebissen wurde, der Vater ist sich sicher, dass er mit der Hasenscharte das Böse weitergegeben hat. Die Mutter verstößt das Kind, und so kommt der kleine Victor Hoppe bereits am Tag nach seiner Geburt ins Kloster der Klarissen von La Chapelle, eine Anstalt für geistig und körperlich behinderte Kinder, ein paar Kilometer von Wolfheim entfernt.

In Victors Untersuchungsbericht steht, er leide an "Anzeichen von Schwachsinn". Weil der Junge die ersten drei Jahre seines Lebens stumm bleibt, sehen die Schwestern diese Annahme alsbald bestätigt. Sie halten ihn für "debil". "Heutzutage würde man aller Wahrscheinlichkeit nach das Asperger-Syndrom bei Victor Hoppe diagnostizieren. (…) Die Klarissen von La Chapelle kannten kein Asperger-Syndrom. Auch der Begriff Autismus war ihnen fremd."

Im Irrenhaus
Dann beginnt Victor doch zu sprechen. In der Nacht, als ein Patient einen anderen umbringt, fängt Victor an, nachts in monotonem Singsang Litaneien herunterzubeten. Tagsüber schläft er. "Es steckt wahrlich das Böse in ihm", sagte die Äbtissin nun mit Bestimmtheit und beschloss, dass von nun an unablässig eine Schwester an seinem Bett sitzen und ihm aus der Bibel vorlesen solle.

Die junge Schwester Marthe, die eigentlich Lehrerin werden möchte, liest dem Jungen vor. Sie bietet ihm auch ein Stückchen Schokolade an, streichelt ihm übers rote Haar, was andere aus Aberglaube meiden, und singt ihm Lieder vor. Sie erkennt, dass Victor zwar anders, aber durchaus intelligent ist und bringt ihm nachts heimlich das Lesen bei, um es den anderen Schwestern zu beweisen. Der Beweis jedoch misslingt:

"Lies mal vor, was da steht", hatte die Äbtissin gesagt. Das ist deine Chance, Victor, hatte Schwester Marthe noch gedacht. Sie hatte gewusst, dass er es konnte. Und wäre es nur ein einziger Satz. Aber Victor hatte geschwiegen. ‚Und der König sprach: Holet mir ein Schwert her! Und da das Schwert vor den König gebracht ward, sprach der König: Teilet das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte.' Das hatte dort gestanden. Schwarz auf Weiß. Auf diese Passage war sein Blick gefallen, und es hatte ihm derart die Kehle zugeschnürt, dass er kein Wort herausgebracht hatte.

Der Schöpfer und sein Werk
Dieses Ereignis und ähnliche prägen Victor. Er lebt in der ständigen Angst, dass die Menschen ihm nicht glauben. Trotzdem geht er seinen Weg, besucht später das Internat der Brüder der Christlichen Schulen in Eupen. Die strenge Erziehung jedoch hinterlässt ebenfalls Spuren: "Angst wurde durch Züchtigungen erzeugt, aber auch dadurch, dass man Gott als allmächtige Strafinstanz darstellte, der mit Sündern auf das Strengste verfuhr."

Gott wird für Victor zum Inbegriff des Bösen, während Jesus, sein im Stich gelassener Sohn, das Gute repräsentiert. Für Victor gibt es nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, für die Zwischentöne hat er keine Antennen. Auch Victor will Gutes tun, will Menschen heilen und wie sein Vater Arzt werden.
Aus Victor wird ein hervorragender Embryologe und als solcher fordert er Gott heraus. Er will selbst Schöpfer sein. "Gott gibt und Gott nimmt, Victor. Aber nicht immer. Manchmal müssen wir es selbst tun!", hatte Schwester Marthe gesagt.

Nach fast 20 Jahren kehrt Victor Hoppe mit Drillingen - Michael, Gabriel und Raphael - nach Wolfheim in sein Elternhaus zurück und lässt sich dort als Arzt nieder. Eine Mutter wird nie erwähnt. Die Gerüchteküche im Dorf brodelt, der Aberglauben lebt auf. Haben nicht alle drei Säuglinge eine Hasenscharte, haargenau wie Hoppe? Sehen die Kinder einander nicht zu ähnlich? Das Unheil nimmt seinen Lauf und kulminiert in einem tödlichen Finale, bei dem Hoppe Hauptdarsteller und Regisseur in einem ist: "Es ist vollbracht!"

Beunruhigend und packend
In "Der Engelmacher" ist nichts wie es scheint. Grenzen verschwimmen. Leben und Tod, Gut und Böse, Genialität und Dummheit, Wissenschaft und Wahn, Schuld und Unschuld, Erzengel und Racheengel, Glaube und Aberglaube - die Begriffe changieren je nach Perspektive, die Brijs immer wieder wechselt. Geschickt arbeitet der Autor mit Vor- und Rückblenden. So entsteht eine intelligente und spannende Geschichte auf mehreren Ebenen, die sowohl Ironie als auch Mitleid zulässt, denn Hoppe ist eine sowohl komische als auch tragische Figur.

Mit "Der Engelmacher" ist dem Belgier Stefan Brijs ein ebenso beunruhigender wie packender Thriller gelungen. Schon kurz nach der Veröffentlichung von "De engelenmaker" im Oktober 2004 wurde der Roman in Belgien und den Niederlanden als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet sowie mit dem Preis der Königlichen Akademie für Literatur der Niederlande.

Tina Full
Frankfurt, Februar 2007



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