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SPECIAL zu Sue Monk Kidd

Die Meerfrau
 

Von der Herausforderung, eine Nachfolgerin für "Die Bienenhüterin"
zu schreiben

Sue Monk Kidd erzählt aus ihrer Schreibwerkstatt

 

Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass "Die Bienenhüterin" ein solcher Erfolg werden würde, und es hat lange gedauert, bis ich das Ausmaß dieses Erfolgs wirklich begriffen habe. Aber eines Abends saß ich während einer Lesereise in meinem Hotelzimmer, hatte mir etwas zu essen bringen lassen und sah mir im Fernsehen Jeopardy an. Einer der Kandidaten sagte: "Ich nehme Schriftsteller für 600 Dollar." Und auf der Ratewand leuchtete auf: "Sue Monk Kidds Debütroman handelte von diesem Insekt." Dann kam die Antwort: "Was sind Bienen?" Ich saß reglos da, hielt die Gabel in der Luft und traute meinen Augen kaum. Ich glaube, in dem Moment habe ich es wirklich begriffen. Und ich bin unendlich dankbar. Es gibt wohl kaum eine schönere Anerkennung für eine Autorin, als wenn die eigene Leidenschaft von den Lesern geteilt wird. Es gibt da nur ein ganz kleines Problem – man muss mit dem nächsten Buch an den Erfolg anschließen.

Wie "Die Meerfrau" entstand

Eine Freundin erzählte von ihrem Urlaub in Cornwall, und sie erwähnte nebenbei, dass sie in einer kleinen Kirche einen "Meerjungfrauenstuhl" gesehen hätte. Sofort wusste ich, ich würde einen neuen Roman schreiben, und dieser Roman würde "The Mermaid Chair" [Titel im Original, d.U.] heißen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Vorstellung davon, worum es in dem Buch gehen würde. Aber ich habe umgehend damit begonnen, über den Stuhl zu recherchieren. Er befindet sich in der Kirche St. Senara in Zennor, einem winzigen Dorf in Cornwall, und er ist etwa 600 Jahre alt. In eine der Seitenlehnen ist eine Meerjungfrau eingeschnitzt. Sie wird mit der sagenhaften Meerjungfrau von Zennor in Verbindung gebracht, die sich der Legende nach in eines der Mitglieder des Kirchenchors verliebte und den Mann schließlich in die See lockte. Meerjungfrauen sind seit jeher Gleichnis für Verführung und die ungezügelte Sinnlichkeit, die in uns Menschen unter der Oberfläche brodelt. Bei meinen Reisen nach Europa ist mir in den großartigen, mittelalterlichen Kathedralen auf Kapitellen immer wieder die eine oder andere Meerjungfrau begegnet. Es wird angenommen, dass sie den Gläubigen an die Gefahren der Versuchung gemahnen sollten.

Über Erotik und Spiritualität

Die Kombination des Bildnisses einer Meerjungfrau und einer christlichen Kirche birgt in sich ja schon ein ganzes Spektrum gegensätzlicher und durchaus provozierender Begriffe – das Sinnliche und das Spirituelle, das Niedere und das Erhabene, der Widerstreit zwischen göttlicher und irdischer Liebe. Die grundlegenden Motive waren also von Anfang an da.

Für mich stand bereits zu Beginn meiner Arbeit an dem Roman fest, dass ich den Meerjungfrauenstuhl in einer Abtei sehen wollte. Es erschien mir aufgrund meiner vielen Besuche und Besichtigungen von Klöstern und meiner weitreichenden Erforschung klösterlicher Spiritualität nur folgerichtig. Was mir dann half, die Geschichte in Gang zu setzen und eine Handlung zu entspinnen, war ein Verweis, auf den ich bei meinen Recherchen klösterlichen Lebens gestoßen war – ich hatte von einem Mönch gelesen, der sich in eine Frau verliebt hatte, was eine große seelische Erschütterung bei ihm ausgelöst hatte. Diese Erfahrung führte ihn zu einer Erkundung seiner eigenen Seele, deren Höhen und Tiefen er ausloten musste, um schließlich zu einer vollständigen Persönlichkeit zu werden, sich selbst als Ganzes annehmen zu können. Der Topos des Mannes, den eine Liebe dazu führt, sein Inneres zu erkunden, existiert in der Literatur schon seit langem. Man denke nur an den Roman "Doktor Schiwago", dessen verheirateter Titelheld sich in Lara verliebt, die seine eigene Vorstellung idealer Weiblichkeit repräsentiert. Seine Sehnsucht nach Lara entspringt gewissermaßen seiner Sehnsucht nach einer spirituellen Erfahrung.

Was aber, so habe ich mich gefragt, wenn die Rollen einmal vertauscht würden? Wenn es eine verheiratete Frau wäre, die sich anderweitig verliebt, und noch dazu in einen Mönch, der für sie dann das Idealbild von Männlichkeit repräsentiert? Mich reizte die Vorstellung, über diese Erfahrung aus weiblicher Sicht zu schreiben, immer mehr.

"Ein betörender Geruch hing in der Luft, wie gebrannte Mandeln. Später wurde mir klar, dass es der Geruch von Glyzinien war, der über der Insel schwebte. Als er sich auf mir bewegte, hörte ich den spitzen Schrei eines Fischadlers in den Höhen der Wolken. Ich hörte, wie kleine Krebse im Gebüsch mit ihren Scheren knackten."


Was WILL eine Frau eigentlich?

Während ich an dem Roman schrieb, ging mir das Problem im Kopf herum, mit dem auch Freud sich herumgeplagt hatte. "Die große Frage", so schreibt Freud, "die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: Was will eine Frau eigentlich?" Mir wurde klar, dass "Die Meerfrau" wohl in gewisser Weise meinen Versuch darstellt, auf diese bisher nicht beantwortete Frage eine Antwort zu geben: Eine Frau will Liebe, und sie will Freiheit - und sie möchte beides gleichzeitig. Jessie durchlebt in "Die Meerfrau" etwas, das man getrost als ein zweites Erwachsenwerden beschreiben könnte. Jessies Problem, so glaube ich, stammt daher, dass ihre Verbindung zu sich selbst abgerissen ist, zu dem Ort in ihr, aus dem sie ihre Stärke beziehen könnte, um wahrhaft sie selbst und unabhängig zu sein. Viele Frauen gelangen während ganz unterschiedlicher Phasen ihres Lebens an diesen Punkt, und dies stellt in vieler Hinsicht einen Übergangsritus dar. Wenn sie sich dieser Erfahrung stellen – und häufig bedeutet es, sich in die tiefsten Tiefen der eigenen Seele zu begeben – können sie in sich eine grundlegende Freiheit finden, die sie innerlich unabhängig macht, ihnen kreative Ausdruckskraft verleiht und es ihnen ermöglicht, an sich selbst zu wachsen. Als ich über den Kampf, den Jessie mit sich selbst austragen muss, geschrieben habe, habe ich mich von meiner eigenen Erfahrung und Überzeugung, wie wichtig es ist, sich als Frau selbst anzunehmen, leiten lassen.

Jessies Reise zu ihrem eigenen Ich ist vermutlich recht ungewöhnlich. Lange Zeit ist sie sich gar nicht im Klaren darüber, was sie eigentlich treibt, dass ihr Verlangen nach Whit von einem Verlangen nach einer tiefen, seelischen Erfahrung genährt wird. Als es ihr dann klar wird, hat sie bereits "eine schöne Katastrophe angerichtet" – so sagt sie selbst.

Die ganz gewöhnliche, eheliche Liebe

Nachdem meine Agentin "Die Meerfrau" gelesen hatte, sagte sie etwas zu mir, das mir sehr viel bedeutet: "Sie haben ein Plädoyer für die ganz gewöhnliche, eheliche Liebe geschrieben." Ich hoffe, dem ist wirklich so.

Beziehungen können ermüden, so wie alles andere auch. Sie müssen ständig neu entdeckt und neu erdacht werden. Mein Mann und ich haben unserer Tochter und unserem Schwiegersohn ein besonderes Geschenk zur Hochzeit gemacht: ein Stück von einer Kette aus dem Baumarkt, drei Glieder. Ich habe sie ihnen in einer schönen Schachtel überreicht und Folgendes dazu geschrieben: "Vor vielen Jahren haben wir dieses Stück Kette als Symbol für unsere Ehe gewählt. Für uns repräsentieren die beiden äußeren Glieder unser beider Leben, während das Mittelstück unsere Ehe darstellt. Diese Kette hat uns immer daran erinnert, dass wir Individuen sind, mit unserem eigenen, unabhängigen Leben, mit unseren eigenen Träumen und Vorstellungen, aber gleichzeitig sind wir auch in einem einzigen, intakten Mittelstück vereint, wo unsere Leben zu einem verschmelzen. Möge euch das an das Paradoxon erinnern, dass ihr zwei unabhängige Menschen seid, und doch Eins, und daran, dass ihr alle drei dieser Glieder gleichermaßen in Ehren haltet." Im Grunde genommen war dieses Geschenk eine Veranschaulichung der Worte, die Rainer Maria Rilke über die Liebe gefunden hat: Für ihn besteht Liebe darin, "dass zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen." Damit beschreibt er wohl das empfindlichste und auch schwierigste Gleichgewicht, das man in einer Ehe verstehen und sich auch hart erarbeiten muss, Zusammensein und Getrenntsein, Einheit und Individualität, Symbiose und Unabhängigkeit.

Die Allerfrauen-Picknicks und die Rolle der Inselfrauen

Als in meinem neuen Roman die kleine, verschworene Gemeinschaft der Frauen allmählich Gestalt annahm, war mein erster Gedanke: Oh nein, nicht schon wieder. Das alles erinnerte mich doch zu sehr an den "Bienenstock", an den engen Zusammenhalt der Schwestern in "Die Bienenhüterin", und ich wollte eigentlich nicht zu diesem Thema zurückkehren. Ich habe daraufhin sogar versucht, den Roman in eine andere Richtung zu führen, aber die Frauen wollten einfach nicht weichen. Als ich schließlich begriffen habe, dass sie auf ihrem Platz in diesem Buch beharrten, habe ich sie gewähren lassen. Wenn ich gezwungen wäre, eine Lieblingsszene zu benennen, dann wäre es wohl das Allerfrauen-Picknick, an das sich Jessie aus ihrer Kindheit erinnert. Vermutlich, weil diese Szene einen Zusammenhalt und eine Solidarität unter Frauen beschreibt, die ich für wichtig und wertvoll halte. Vielleicht habe ich diese Szene ja auch geschrieben, weil ich so einem Ereignis selber furchtbar gerne beigewohnt hätte – mit deftigem Essen aus meiner Heimat, Geschenken, einem Lagerfeuer, Hepzibahs Gullah-Trommel und Kats Tamburin. Sie haben am Strand getanzt, sie haben laut und herzhaft gelacht, sie haben einen Schildkrötenschädel gefunden, aber vor allem - und diese Stelle finde ich am wunderbarsten - gehen die drei Frauen zusammen ein Stück ins Meer, verknüpfen dort ihre Bänder miteinander und damit auf bildhafte Weise ihr Leben, und werfen sie in die Fluten.

In beiden meiner Romanen finden die Protagonistinnen – sowohl Jessie als auch Lily – zu einer Klärung und einer seelischen Heilung, und sie werden dabei von einer Gemeinschaft von Frauen getragen und unterstützt. Dieses Thema scheint den Kern meiner Arbeit auszumachen. Eines Tages erhielt ich einen Brief von einer Psychoanalytikerin, in dem sie die Gemeinschaft der Frauen aus dem rosa Haus in "Die Bienenhüterin" symbolisch als Mutter interpretierte, durch die Lily neu geboren wurde. Sie beschrieb diese Gemeinschaft als "eine Art Gebärmutter". In "Die Meerfrau" sind es die Inselfrauen, die zu einem Art mütterlichen Gefäß werden und Jessies Wiedergeburt nährend begleiten. Diese Stärkung durch andere Frauen beginnt für Jessie bereits, als sie als kleines Mädchen am Strand den Allerfrauen-Picknicks beiwohnt. Es ist zwar einerseits ein Widerspruch, andererseits für mich keinesfalls überraschend, dass Jessie zu ihrem "mit sich selbst Sein" durch die Hilfe einer Gemeinschaft findet.

"'Seht, was das Meer geschickt hat', hatte sie gesagt und den Schädel aus dem Wasser gehoben. Der elfenbeinfarbene Knochen hatte sich sanft und tropfnass, makellos rein gegen den schwarzen Nachthimmel abgezeichnet. Ich glaube, sie alle hatten es für eine Art Zeichen gehalten. Sie hatten dort draußen im Meer ihr Schicksal miteinander verwoben, und dann war ihnen auf wundersame Weise der Schädel einer Schildkröte vor die Füße gespült worden."



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