Tanja Busses Sachbuch „Die Ernährungsdiktatur“ erklärt, warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt.![]()
Buchempfehlung von Sabine Schmitt![]()
Gut geht's uns. Discounter wie Aldi, Lidl und Metro bieten Lebensmittel in Hülle und Fülle. Das Angebot scheint unerschöpflich. Wann jemals war es möglich, zwischen so vielen verschie- denen Frühstücksflocken zu wählen, sich für unterschiedliche Formen und Farben, mit oder ohne Rosinen, zu Loops oder Kissen gepresst, mit Erdbeer-, Kokos- oder Schokoladen- geschmack zu entscheiden. Egal, ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – frisches Obst und Gemüse aller Art füllt das ganze Jahr hindurch die Auslagen. Äpfel, Weintrauben und Tomaten kommen dann nicht von regionalen Erzeugern, sondern aus Israel, Südafrika oder Spanien.![]()
Möglichst schnell und billig
Wem der Alltag zu wenig Zeit zum Kochen lässt, findet in den Regalen der Lebensmittelmärkte eine bunte Palette an Fast Food, Power Snacks und Convenience Food vor, einfach und bequem zuzubereitende Mahlzeiten für Eilige. Auf diejenigen, die täglich ein Stück Fleisch auf dem Teller wünschen, warten jederzeit Schweineschnitzel, Rindergulasch, Puten- oder Hühnerbrustfilets, appetitlich zerlegt und keimfrei verschweißt. Und dies alles gibt es für erfreulich wenig Geld. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war Ernährung so einfach – und doch zugleich so schwierig. ![]()
Wenn Essen krank macht
Dass der Überfluss im Billig-Paradies auch Schattenseiten hat, mag dem einen oder anderen bereits dämmern. Doch wer möchte sich schon den Appetit verderben lassen? Es ließe sich allerdings angenehmer und leichter genießen, wenn unsere Ernährung sich nicht so fatal auf unsere Gesundheit auswirken würde – von weiteren Folgen einmal abgesehen.
„Noch nie wurde so viel produziert, noch nie waren so viele Menschen so dick, und noch nie haben so viele gehungert“, schreibt Tanja Busse in der Einleitung ihres Buches. Weltweit setzen 1,6 Milliarden Menschen durch Übergewicht ihre Gesundheit aufs Spiel. Zu fett, zu salzig, zu einseitig. Sie riskieren frühzeitig zu sterben, denn zu viel Fett strapaziert Herz und Kreislauf, begünstigt Krankheiten wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Diabetes, Gicht und jüngeren medizinischen Studien zufolge auch die Entstehung von Krebs.![]()
Leben auf Kosten anderer
Während sich immer mehr Menschen mit ihrem Übergewicht herumschlagen, hungern zur gleichen Zeit mehr als eine Milliarde Menschen, das heißt jeder Siebte. Ihr Leiden und Sterben ist Teil des Systems, von dem wir profitieren. Schuld daran, dass so viele Menschen zu wenig zu essen haben, ist die einseitig auf Export und große Strukturen ausgerichtete Agrarpolitik, schreibt Tanja Busse. „Diese Politik beschert uns übervolle Tische und marginalisiert die Kleinbauern.“ Letztere - und nicht die großen Betriebe – seien jedoch das Rückgrat der Welt- ernährung. Diese Kleinbauern produzierten den größten Teil aller Lebensmittel.![]()
Strukturelle Verantwortungslosigkeit
Ungesund dicke Menschen auf der einen, ausgemergelte und vom Hunger gezeichnete auf der anderen Seite der Welt. – Dies allein ist schon Grund genug, sich jede Mahlzeit genau anzu- sehen. Aber es geht noch weiter: „In unserem Essen steckt eine unerträglich große Menge an struktureller Verantwortungslosigkeit, die sich auch in unseren Seelen absetzt“, schreibt Tanja Busse und zählt auf, was alles in unseren Lebensmitteln mit verarbeitet ist: die Ölvorräte der arabischen und nigerianischen Erde, die abgeholzten Riesenbäume des indonesischen und brasilianischen Regenwaldes, das Kohlendioxid von Tausenden und Abertausenden Transport- kilometern, das Gift aus 43 420 Tonnen Pestiziden allein auf deutschen Feldern, das Leid von eingepferchten Turbomasttieren und ausgemolkenen Hochleistungskühe und vieles andere mehr.
Klar ist: Unsere Ernährung geht entschieden auf Kosten der Umwelt. Lohnt es sich, diese für die scheinbare Vielfalt in unseren Supermärkten aufs Spiel zu setzen?![]()
Wer ist schuld?
Wenige, immer größer und mächtiger werdende Lebensmittelkonzerne bestimmen, was auf unseren Teller kommt. Sie zerstören die traditionelle Landwirtschaft mit ihren herkömmlichen Sorten und Anbauarten, indem sie auf wenige ertragreiche Pflanzen, so genannte Cash Crops, setzen, die sie im großen Stil auf riesigen Feldern anbauen. Weizen, Mais, Reis und Soja sind die Rohstoffe, die die Lebensmittelindustrie nach ihren Methoden veredelt und sie mit Aromen und Färbemitteln, Zusatz- und Konservierungsstoffen zu Markenprodukten aufgepeppt. „Prinzip Schokoladenriegel“ nennt Tanja Busse das: billige Zutaten, teuer vermarktet. So machen die einen Gewinne, die anderen bekommen Übergewicht. Allein bei Frühstücksflocken unterscheiden sich die Zutaten weniger als die Farben und Formen. Die Verpackungen schön bunt und vielversprechend, der Inhalt hingegen weniger spektakulär: „Mais, Zucker, Glukose- sirup ... Oder Reis, Zucker, Glukosesirup ... (selten Hafer, Roggen und Gerste), dazu – je nach Geschmack und Erscheinungsbild – Aromen, Farbstoffe, die übliche Palette der Zusatzstoffe (Emulgatoren, Antioxidationsmittel, Säuerungsmittel etc.), außerdem künstlich hinzugefügt Vitamine und Eisen.“ Vielfalt sieht anders aus, meint Tanja Busse. Von Limonade über Frühstücksbrötchen bis zu Rote Grütze deckt sie die Schummeleien der Lebensmittelindustrie auf. Dumm nur, dass viele dieser mit viel Geschäftssinn und Chemie zusammengemixten Produkte unseren Geschmackssinn von Kind auf prägen und wir uns dann wundern, warum Erdbeeren nicht so erdbeerig schmecken wie wir es vom gleichnamigen Joghurt gewöhnt sind.![]()
Jeder kann etwas tun
Tanja Busse entlarvt in ihrem gut recherchierten und anschaulich geschriebenen Sachbuch Tricks und Strukturen der Lebensmittelindustrie und stellt die Frage, wer schuld daran ist, dass bei allem Überfluss an Nahrung auch heute noch Menschen verhungern müssen. Sie klärt auf, welche Rollen industrielle Großbetriebe, Wirtschaftspolitik und Agrarsubventionen dabei spie- len, ohne den Verbraucher aus seiner Verantwortung zu entlassen. Eine andere, gerechtere Welt ist möglich und jeder kann dazu beitragen, lautet ihr Fazit.
„Je mehr Menschen sich als politische Konsumenten verstehen und Unternehmen boykottieren oder mit Vorwürfen konfrontieren, desto mehr stärken sie damit denjenigen in den Unter- nehmen den Rücken, die ihre Unternehmenspolitik verbessern wollen. Und auch den Politikern, die bereit sind notfalls gegen die Interessen der Lobbyisten oder Wähler Entscheidungen zu treffen. Je mehr Leute klimafreundlich konsumieren, desto leichter kann eine Regierung Klimapolitik machen, weil sie weiß, dass ihre Bürger selbst zu Einschränkungen bereit sind. Das gleiche gilt für den Hunger.“
Was der Einzelne für sich, seine Umwelt und mehr Gerechtigkeit tun kann, beschreibt sie in einem eigenen Kapitel zum Schluss des Buches. Unter anderem: Ökologisch, saisonal und regional kaufen und essen, aber nichts, was die Urgroßmutter nicht als Lebensmittel erkannt hätte.
Absolut lesenswert!![]()
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