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SPECIAL zu Tim Winton

Der singende Baum
 

Das Rätsel Tim Winton

Er ist unsere ungewöhnlichste literarische Legende, ein untersetzter Surfer aus Perth mit einem Pferdeschwanz und einem Hang zum Christentum. Bis zu seinem 30. Lebensjahr konnte Tim Winton jedoch bereits 10 Buchveröffentlichungen, darunter ein paar Bestseller, und eine ganze Reihe Preise vorweisen. Demnächst erscheint sein erstes Buch nach einer Pause von sieben Jahren, und er spricht mit Maree Curtis über Liebe, Gott und warum er so gern unverstanden bleibt.

Alles in allem wäre Tim Winton wirklich lieber woanders. Beim Surfen vielleicht, oder beim Fischen oder mit seinen Kindern beim Fußballspielen oder unterwegs in den einsamen westaustralischen Landschaften, die er so wortmächtig beschreibt. Eigentlich fast überall, nur nicht hier in diesem großen, dunklen Restaurant eines Hotels in Fremantle, allein mit einer Journalistin. Nichts Persönliches, versichert er mir, er mag nur keine Interviews. "Alles, was ich zu sagen habe, steht in meinen Büchern. Hätte ich was anderes zu sagen, würde ich Sachbücher schreiben. Ich bin ein Geschichtenerzähler, verstehen Sie?"

Trotzdem ist es Tim Winton gelungen, einer der erfolgreichsten Autoren Australiens zu werden - und einer von nur einer Handvoll Schriftstellern, die literarischen Ruhm und Publikumserfolg zu verbinden wissen -, ohne den kommerziellen Imperativ zu begreifen: Um ein Buch verkaufen zu können, muss der Autor auf das Öffentlichkeitskarussell steigen, ob er will oder nicht. Der singende Baum, Wintons erster Roman seit Getrieben vor sieben Jahren, kommt heraus, und das hier ist das erste Interview in den vermutlich sehr hektischen nächsten paar Monaten, die das Buch nach oben befördern sollen.

Schon der Gedanke stimmt ihn offenbar depressiv. Winton ist ein berüchtigter Einzelgänger, der sich entschlossen hat, dem Ruhm, den ihm seine 20jährige Karriere beschert hat, auszuweichen. Anstatt mit den Literati in den östlichen Staaten zu parlieren, lebt er lieber quasi isoliert an der Westküste. Abgesehen von zwei Jahren in den späten Achtzigern, die er in Europa verbrachte, war Winton sein ganzes Leben lang in Perth oder in der Nähe der Stadt. Sogar Fremantle, die historische Hafenstadt, wo er jetzt mit seiner Familie wohnt, ist für seinen Geschmack etwas zu sehr überlaufen. "Ich würde lieber viel zurückgezogener leben. Aber ich sehe ein, dass ich einige Kompromisse machen muss, wenn ein neues Buch herauskommt." Dann, als ihm auffällt, dass das unter den gegebenen Umständen ein bisschen ruppig klingen könnte, fügt er schnell hinzu: "Nicht jeder davon ist ein faustischer Pakt mit dem Teufel oder so was."

Zuvor, als ich Winton beobachtete, wie er die Straße runter zum Pub schlurfte, die braunen Augen hinter einer dicken Sonnenbrille versteckt, die Schultern hochgezogen, die Hände in die Taschen seiner salzverwaschenen Jeans gestopft, das blau-weiße Hawaii-Hemd flatternd, musste ich feststellen, dass er in dieser Umgebung überhaupt nicht auffällt. Er ist jetzt 41, nicht besonders groß, sein Körper ist untersetzt, seine Haare, immer noch zum charakteristischen Pferdeschwanz gebunden, werden an den Schläfen grau, und sein Gesicht bekommt allmählich das leicht schwammige Aussehen des beginnenden mittleren Alters. Tim Winton, literarische Ikone, einer von Australiens 100 Living National Treasures, alternder Surfer, auf der Suche nach dem ruhigen Leben und einer guten Welle.

Winton glaubt, dass die Einsamkeit keineswegs seine Karriere behindert hat, sondern ganz im Gegenteil gewisse Vorteile mit sich brachte. Sein großer Ausstoß in frühen Jahren - er schrieb 10 Bücher noch unter 30 - wäre vielleicht nicht möglich gewesen, hätte er sich von den glitzernden Lichtern einer großen Stadt verführen lassen. "Ich bin sicher, dass ich nur deswegen so viele Bücher geschrieben habe, weil ich sonst nichts zu tun hatte. Wenn ich in Sydney gelebt hätte, dann hätten mich die Attraktionen des Milieus bestimmt etwas gebremst." Er lacht über sich selber, wenn er Worte wie Milieu gebraucht; er klingt nicht gern prätentiös.

Aber der Grund, der Winton nahe bei seinen Wurzeln hält, ist mehr als nur ein Bedürfnis nach Privatsphäre. Er gehört hierher, das ist der Ort und das sind die Menschen, über die er schreibt. Er glaubt an das Diktum der alten Schriftsteller - schreib über das, was du kennst. "Ich glaube, ich muss mich bei dem Ort, an dem ich aufwuchs, bedanken. Ich habe mich der Landschaft auf eine Art verbunden gefühlt, die ich zu erklären versuche, die ich mit den Büchern und Geschichten zu enträtseln versuche. Ich kann es nicht recht erklären, aber es ist ziemlich wichtig für mich. Es war nicht schlimm, in Übersee zu leben: Paris habe ich genossen, Irland habe ich geliebt, und es war sehr schwer, Griechenland wieder zu verlassen. Aber nach zwei Jahren im Ausland hatte ich das Gefühl, ich würde eingehen wie eine Primel, dass ich gar nichts mehr wäre, nicht das wäre, was ich bin, wenn ich nicht hierher zurückkäme. Wenn ich weggeblieben wäre, hätte ich den Zugriff auf die Welt verloren."

Obwohl er "an der falschen Küste, im falschen Land, auf der falschen Seite der Welt" lebt, kann man sich kaum vorstellen, dass Winton in seiner beruflichen Laufbahn mehr hätte erreichen können. Er ist eine Rarität im Verlagswesen. Er hat Erfolg bei den Kritikern und verkauft Bücher in Mengen, von denen andere "literarische Schriftsteller" nicht einmal träumen. Mit gut 250.000 Exemplaren von Das Haus an der Cloudstreet und mehr als 200.000 von Getrieben gehört Winton zu den meistverkauften Autoren Australiens. Kein einziges seiner 18 Bücher für Erwachsene und Kinder war vergriffen, seit sein erster Roman, An Open Swimmer, veröffentlicht wurde; damals war Winton 21 und gewann damit 1981 den Australian/Vogel Award. Zweimal hat er bisher den Miles Franklin Award erhalten - für seinen zweiten Roman Shallows 1984 und für sein bahnbrechendes Werk Cloudstreet 1991. Getrieben kam 1995 auf die Shortlist des Booker Prize. Seine Bücher werden in zwölf Sprachen publiziert und wurden für Bühne und Film adaptiert.

Bittet man Winton jedoch, seinen außergewöhnlichen Erfolg zu erklären, wird dieser ungeheuer talentierte Schriftsteller, der sich durch seine grandiose Sprache einen Namen gemacht hat, fast sprachlos. "Ach, wissen Sie, ich weiß nicht. Ich schätze", er holt tief Luft, "ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, das wäre ja nervenaufreibend. Ich hatte das beste von beiden Welten, da gibt's gar keine Frage, und ich weiß nicht, warum. Ich habe das gar nicht vorgehabt. Ich wollte Schriftsteller werden. Es war einfach Instinkt, dass ich so gut schreiben wollte, wie ich konnte. Meine Ausbildung war natürlich eher literarisch als am Massengeschmack orientiert, aber mein Lesestoff hat eine ziemliche Bandbreite. Ich mag gute Literatur, aber ich mag auch Spaß am Lesen haben, und beides schließt sich nicht notwendigerweise gegenseitig aus. Ich schätze, dass ich irgendwo dazwischen liege."

Man kann sich zwar nie ganz sicher sein, aber wahrscheinlich wird der lang erwartete Singende Baum wieder ein Bestseller. Das Setting ist erneut die zerklüftete westaustralische Küste, und im Grunde ist es eine Liebesgeschichte. Ein perfektes Strandbuch, unterhaltsam und erbaulich. Als ich mich bei Winton dafür bedanke, dass er diese Geschichte tatsächlich zu Ende geschrieben hat, lacht er, weil er weiß, dass einige Leute seinen Hang, Fragen offen zu lassen, leicht frustrierend finden. "Ich fliege gern davon, wissen Sie. Bücher sind langweilig, wenn sie landen, wenn man alles herausfindet, wenn alles erklärt wird. Das würde auch bedeuten, dass das Leben aus lauter Antworten besteht, und nicht aus lauter Fragen."

Jetzt zu etwas völlig anderem: Winton hat, zusammen mit dem Musiker und Moderator bei Radio National, Lucky Oceans, der auch in Fremantle lebt, eine Doppel-CD mit unterschiedlicher Musik produziert - Roots, Blues, Bluegrass, Klassik -, die im Buch vorkommt; auf der CD tauchen Künstler wie Matt Taylor und Renee Geyer auf. "Es hat Spaß gemacht. Eine nette Art der Zusammenarbeit, wenn man normalerweise nur für sich allein arbeitet."

Der singende Baum, das Buch, ist schon nach Übersee verkauft worden, und die amerikanischen, englischen und französischen Ausgaben sollen Anfang nächsten Jahres herauskommen. Winton ist ehrlich überrascht, dass die Reaktionen bisher "sehr positiv" waren. Warum sollte ihn das überraschen? Wieder fängt er an, auf dem Stuhl herumzurutschen. "Ich weiß nicht, ob das Buch gut ist oder nicht. Jahrelang weiß ich das nicht. Ich weiß, dass es eine Art Logik hat und eine Form, aber in dem Moment, wo ich mich aufraffe und das Ding lese, werde ich sofort erkennen, was ich übersehen habe."

Bescheidenheit ist bei einer berühmten Persönlichkeit zwar ein erfrischender Zug, aber Winton scheint versessen darauf zu sein, seinen Status als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Australiens nicht akzeptieren zu wollen. "Es ist eine Art Selbstschutz, um ehrlich zu sein. Vermutlich ist es zum Teil auch meine Herkunft. Ich stamme aus der protestantischen Arbeiterklasse. Das wichtigste war immer, sich keine großen Hoffnungen zu machen - nur wenn du das Schlimmste erwartest, kannst du eine Überraschung erleben. Ich schätze, das heißt auch, dass man sich selber nicht so hoch ansiedelt, wissen Sie. Man muss dem ganzen Tamtam gegenüber skeptisch bleiben und sich selbst gegenüber auch."

Tim Winton wurde 1960 in Karrinyup, einem Vorort von Perth, als ältestes von vier Kindern geboren; sein Vater war Polizist. Seine weit verzweigte Familie hat schon lange gutes Material für seine Bücher geliefert. Ein Großvater war Dockarbeiter und Schlachthofarbeiter, der andere ein Farmer, der "von der Farm verjagt" wurde. Eine Großmutter lebte in einem Zelt im Garten des Hauses, in dem sie 30 Jahre lang mit ihrem Ehemann gewohnt hatte, und gab später das Vorbild ab für Oriel Lamb in Cloudstreet. Winton besteht darauf, dass das kein merkwürdiges Arrangement war.

"Es ist zwar nicht merkwürdig, aber sehr interessant. Mein Großvater war ein frustrierter Musiker, und ich glaube, meine Großmutter war ein frustrierter General. In meiner Familie waren immer die Frauen die Wilden. Sie waren Matriarchinnen, und wenn die Frauen nicht jemand in den Hintern traten, passierte nichts. Sämtliche Pläne haben sie gemacht, und das intellektuelle Zeug kam alles von den Frauen. Die ganzen Gefühle, das künstlerische Zeug kam von den Männern. Mein Vater war ein Polizist, ein sehr sanfter Mensch, der immer gebügelt und das Geschirr gespült und die Windeln gewechselt hat."

Winton beschreibt seine Kindheit als eine sichere und glückliche, jedoch nicht ohne ein Trauma. Die Verkehrsunfälle, die in seinen Büchern so häufig vorkommen, haben ihre Genese in seiner Kindheit. Ein grauenhafter Unfall, den er als sehr kleines Kind mit seinem Vater gesehen hat, war der Auslöser der Short Story A Blow, A Kiss. Dann, als Winton fünf war, wurde sein Vater schwer verletzt, als ein betrunkener Autofahrer sein Polizeimotorrad von der Straße drängte, und Winton selbst wurde mit 18 schlimm zugerichtet, als der Wagen, in dem er saß, frontal in die Fassade einer exklusiven Mädchenschule in Perth krachte. Seitdem hat er Rückenprobleme.

Wintons lebenslange Bindung ans Christentum, ein subtiles Grundthema vieler seiner Bücher, kann auch auf den Motorradunfall seines Vaters zurückgeführt werden. Als John Winton vom Krankenhaus zurückkam, nicht selbst für sich sorgen konnte und noch viele Monate der Rehabilitation vor sich hatte, übernahm ein Mann der nahen Kirche die Pflege, kam jeden Tag, um ihn zu baden, wieder herauszuheben und mit ihm zu sprechen. Die Familie gehörte der Gemeinde dieser Kirche damals gar nicht an und hatte nicht um Hilfe gebeten, nahm sie aber dankbar an. "Er hatte nichts davon. Wir waren ein Haufen Trauerklöße. Diese Leute halfen einfach, sie lebten diese Liebe, und es ging einfach um Nachbarschaftshilfe und Nächstenliebe, und wenn es beim Glauben nicht genau darum geht, dann muss ich mich schon sehr täuschen."

Obwohl er einer anglikanischen Pfarrei angehört, weigert sich Winton, sein Christentum zu definieren. "Ich mag keine Clubs, und ich interessiere mich immer weniger für Unterscheidungen, die damit zu tun haben, dass man sich von anderen abgrenzt. Historisch gesehen ist die Religion darin ja sehr gut, so wie alle anderen Formen von Politik und die Kunstwelt auch." Glaubt er an Gott? "Ja, aber inzwischen bin ich, glaube ich, nicht mehr so rigoros, wenn's darum geht, wie sie aussieht. Mit dem Alter seh ich das wahrscheinlich ähnlich wie Fox (in Der singende Baum), dass ich den Geist der Liebe und des Lebens auf der Welt mit Gott assoziiere. Ich stelle mir keinen alten Mann mit Bart im Himmel vor, wie ich es mit zehn getan habe. Wenn ich eine gute Tat miterlebe, dann glaube ich, dass es einen Gott gibt."

Winton war 10, als er beschloss, Schriftsteller zu werden. "Für einen 10-Jährigen war das ein ziemlich alberner Wunsch. Jeder sagte mir, recht nett und recht vernünftig, dass das eine Sackgasse sei, vom Schreiben könne man nicht leben. Heute würde jeder dasselbe sagen, und nicht ohne Grund. Mum und Dad hätten mich gern als Lehrer gesehen. Dort, wo wir herkamen, galt das als der Höhepunkt ehrbaren Erfolgs."

Als Teenager schrieb Winton Gedichte, das erste war "eine kleine Buschballade mit einem netten Rhythmus", und er machte einen Abschluss in Creative Writing am West Australian Institute of Technology, jetzt Curtin University. Schon an der Uni fing er mit der Arbeit an An Open Swimmer an, das sich großteils auf die drei Jahre bezog, die seine Familie in Albany an der Südwestküste gelebt hatte. Das Buch wurde 1982 veröffentlicht, als er 21 war; gleichzeitig heiratete Winton seine Jugendliebe Denise. Das Paar hat inzwischen drei Kinder, deren Privatsphäre er besonders schützt.

Winton hat Der singende Baum seiner Frau gewidmet, mit der er fast 20 Jahre zusammenlebt: "Denise, Denise, Denise". Plötzlich sieht er schüchtern aus. "Ach, na ja, ich weiß nicht." Genau so gut könnte er sagen: "Mann, ist das blöd." "Sie macht einfach alles, außer mir den Füller zu halten, wissen Sie. Die Leute feiern immer das Große und Sichtbare, aber die ganzen kleinen, stillen Sachen, von denen niemand weiß, darum geht's irgendwie bei uns. Sie gehört zu den Menschen, die etwas möglich machen, und ich schätze, sie verkörpert all die Werte, wie sie Leute hatten, die es nicht mehr gibt, wo man sich manchmal fragt, wohin sind sie bloß alle verschwunden? Ich bin einfach bei einem dieser Menschen gelandet. Sie ist sehr stark und praktisch, und alle ihre Instinkte sind zutiefst menschlich. Ich bin ein richtiger Glückspilz."

Trotz seines frühen Erfolgs kam Winton erst mit Cloudstreet 1991 in den Genuß dessen, was er als "sehr angenehmes Leben" beschreibt. In den Anfängen arbeitete Denise als Krankenschwester, während er zu Hause blieb und sich um die Kinder kümmerte und nachts schrieb. Das Haushaltsgeld wurde durch Stipendien aufgestockt. "Wir waren daran gewohnt, vom Vermieter in eine andere Wohnung verwiesen zu werden oder nächtelang wach zu liegen und uns zu fragen, wo wir die Miete herkriegen. Jedesmal, wenn eine Wohnungsinspektion anstand, bekam ich Fieber. Man hat sich wie Abschaum gefühlt. Ein bisschen was davon ist sicher gut für einen, aber wenn's mal vorbei ist, tja."

Als die Wintons in den späten Achtzigern nach Westaustralien zurückkehrten, nach zwei Jahren Europa, kauften sie ihr erstes Haus: eine Wellplastikhütte in einer kleinen Küstensiedlung ein paar Stunden nördlich von Perth. 1997 schrieb Winton, "es war die behelfsmäßige, grenzwertige Natur dieses Wellplastikcharmes, die mich überzeugt hat. Das und die Tatsache, dass das Ding so billig war, dass sogar ich es mir leisten konnte." Er erinnert sich gut an das Gefühl.

"Erst mit 30 hatte ich genug gespart, um eine Anzahlung auf ein 60.000 $-Asbesthaus in einem 60köpfigen Küstendorf machen zu können", sagt er jetzt. "Mein ganzes Leben lang ging es immer nur um Sparsamkeit und Vorsicht und finanzielle Zurückhaltung, und ein Haus zu kaufen war ein Alptraum, es machte mir Angst. Das wichtigste war mir immer, mich nicht zu verschulden. Nichts zu kaufen, was man nicht am selben Tag bar bezahlen kann."

Die Familie lebte in dem Haus, und Winton schrieb in der Garage, fünf Jahre lang, bis er widerwillig beschloss, nach Fremantle zurückzuziehen, als der älteste Sohn, Jesse, in die High School kam. Das Wochenende und die Sommerferien verbringen sie immer noch in der Hütte, wo es weder Fernsehen noch Computer, noch Video gibt. "Wir hatten Glück: Kurz bevor wir umzogen, kam Cloudstreet heraus, und plötzlich hatten wir genug Geld und konnten die Hütte behalten und ein Haus in der Stadt kaufen." Zehn Jahre danach kann er sein großes Glück offenbar immer noch kaum glauben.

"Ich kann's wirklich nicht erklären, wissen Sie. Eine Menge Leute arbeiten hart und sind talentiert und leidenschaftlich und schreiben gut, aber nicht jeder schafft es, vom Schreiben zu leben, einigermaßen gut zu verdienen oder, wie es bei mir der Fall ist, sehr gut zu verdienen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich hab mich deswegen immer schuldig gefühlt, ehrlich wahr. Wie erkläre ich mich mir selber oder irgend jemand anders? Irgendwas ist passiert. Ich wollte nie überall bekannt oder berühmt sein, ich wollte einfach vom Schreiben leben."

Der kommerzielle Erfolg von Cloudstreet verschaffte Winton eine Atempause. Er hat zwar, was seine Ideale als Schriftsteller betrifft, nie Kompromisse geschlossen, aber wirtschaftliche Notwendigkeit war immer ein Faktor seiner frühen Vielschreiberei. "Ich musste soviel schreiben, wie ich konnte, aber zu meinem Glück war ich auch fähig, soviel zu schreiben, und wollte es. Ich hab mich nie wie in der Tretmühle gefühlt, und ich habe nie etwas geschrieben, was ich nicht schreiben wollte." Trotzdem gibt er zu, dass er glücklich ist, weil er nicht mehr diesen Druck hat, jedes Jahr ein Buch hervorzubringen.

Wintons ungewöhnlicher Erfolg noch in seinen Zwanzigern war in der australischen Verlagsgeschichte ein Novum. Er war unser literarisches Wunderkind, aber er sagt, der Übergang zu einem erfolgreichen Autor mittleren Alters sei nicht besonders schmerzhaft gewesen. Er sagt, er habe nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben. "Wenn ich die Dreißiger hinter mich gebracht und alles sich verflüchtigt hätte, könnte ich nicht mal behaupten, ich hätte was versäumt. Ich glaube, insgeheim habe ich sogar erwartet, dass alles sich verflüchtigt."

Und er ist überglücklich, dass er das Etikett "junger Schriftsteller" verloren hat. "Anfangs habe ich, glaube ich, die Verblüffung oder auch den Neid der Leute gar nicht wahrgenommen. Es ist mir erst später aufgefallen, und ehrlich gesagt bin ich froh darüber, denn ich hätte mich bestimmt viel unsicherer gefühlt. Nach einer Weile wurde mir klar, dass ich irgendwie nicht ganz normal bin. Aber ich will hier nicht den Eindruck erwecken, dass ich unter dem schrecklichen Joch der Jugend und der Neuartigkeit gelitten hätte. Es hat mich immer ein bisschen genervt, aber auch amüsiert."

Trotz aller Offenheit bleibt Winton im Grunde ein Rätsel, und man spürt, dass ihm diese Beschreibung gefallen würde. Er hat die Gewohnheit der Uneindeutigkeit (seine Worte): einerseits dies, aber andererseits das. "Ich weiß nicht, woher das kommt. Vielleicht weil ich mich wie ein Australier fühle, aber einer von den Australiern bin, der kein richtiger Australier ist, weil wir ein bisschen kirchenlastig waren. Du gehörst dazu, aber du gehörst nicht dazu. Du hast das Gefühl, du gehörst zu deiner Gemeinde, aber dein Vater ist ein Bulle, also passt du nicht so recht rein. Du hast einen Fuß hier und einen da. Es ist interessant, du bist drin und du bist draußen. Ich sehe mich nicht als einen Außenseiter, das ist viel zu romantisch und tragisch und auch ein bisschen langweilig. So wie wenn keiner mich versteht. Aber ganz ehrlich, je weniger Leute mich verstehen, desto lieber ist es mir."

© Herald Sun Sunday Magazine (Melbourne City, Australien)
Aus dem Englischen von Christine Popp



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