Usch Luhn

© Isabelle Grubert /
Random House


USCH LUHN kommt aus der Steiermark und lebt abwechselnd in Berlin und am Wattenmeer in Ostfriesland. Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin, unterrichtet an einer Filmschule und schreibt eigene Filmdrehbücher sowie Kinder- und Jugendbücher.

Die Autorin antwortet gerne auf Kinderfragen: NeleundPlemplem@email.de.
Katharina Göring (cbj, Presse) sprach mit Usch Luhn über die Heldin ihrer Kinderbuchreihe »Nele«.
Nele ist eine Heldin, die Kinder beim Lesen sofort ins Herz schließen werden. Was ist das Besondere an Nele und was macht sie zu einer so guten Identifikationsfigur?Nele ist ein sehr natürliches Kind, das ausspricht, was es fühlt. Sie hat ein großes Herz, ist tierlieb und abenteuerlustig, neugierig und offen für neue Dinge, ist sehr instinktiv und reagiert heftig auf Ungerechtigkeiten, für die sie auch ein besonderes Gespür hat. Dabei ist sie das Gegenteil von einem Wunderkind. Denn eine ihrer sympathischsten Eigenschaften ist, dass sie so normal ist und jeder sofort das Gefühl hat, Nele zu kennen oder so ein Mädchen schon einmal getroffen zu haben. Darüberhinaus hat man es aber auch ganz schön schwer mit ihr. Denn genau diese aufgezählten Eigenschaften beinhalten einen riesigen Dickkopf, sie will ihre Träume verwirklichen und ist bereit, dafür zu kämpfen und auch so heftig zu verzichten, dass es weh tut. Sie ist eben auf dem Weg, und manchmal benimmt sie sich dabei ganz schön aufbrausend, ungeduldig und zickig. Zum Glück hält dieser Zustand nie lange an und deshalb ist es kein Wunder, dass Nele ein Mädchen ist, mit dem man wirklich gerne befreundet wäre.
Wie haben Sie den Charakter von Nele entwickelt? Gab es für Nele ein Vorbild?Ein wirkliches Vorbild gab es für Nele nicht. Aber die vielen Kinder, die ich auf meinen Lesereisen erlebe und mit denen ich ja sehr ausführlich spreche, spiegeln sich sicherlich in verschiedenen Eigenschaften, die Nele charakterisieren, wieder. Das ist mir auch deshalb so wichtig, weil sich Kinder ja verändern und ich sie gerne so treffend beschreiben möchte, wie sie heute sind. Ich selber freue mich über diese munteren Mädchen, weil ich selber als Kind viel ängstlicher und sehr schüchtern war.
Wie kommen Sie auf die vielen spannenden und lustigen Abenteuer, die Nele und ihre Freunde erleben? Schöpfen Sie dafür auch aus Ihrer eigenen Kindheit?Eine meiner liebsten Momente auf Lesereisen ist, wenn ich Kinder nach ihren Wünschen und Träumen frage. Manchmal ermuntere ich sie auch dazu, mir einfach mal zu schreiben, was sie gerne lesen würden und welche Geschichten ihnen noch fehlen. Ich schaue mir die Kinder sehr genau an und manchmal passiert es mir, dass ich nach einer Lesung ganz plötzlich eine neue Figur entwerfe. So ist es kein Geheimnis, dass es Neles Burg wirklich gibt. Ich habe sie auf einer Lesereise entdeckt, direkt in der Nachbarschaft stand die Grundschule, in der ich gelesen habe. Nachdem ich diese wunderbare Burg gesehen hatte, wollte ich unbedingt eine Geschichte schreiben, die in einer Burg spielt, und in der eine Familie wohnt.
Meine eigene Kindheit war übrigens nicht sehr abenteuerlich, aber mein Großvater war Seemann und der konnte sehr viele spannende Geschichten erzählen und noch schöner malen. Meine eigenen kindlichen Abenteuer habe ich mir nur fantasiert – aber das sehr ausführlich.
Mit der Nele-Reihe sind Sie ganz nah an der Lebenswelt der 7- bis 10-Jährigen. Woher kommt Ihr Gespür dafür, was Kinder gern lesen und in Büchern erleben möchten?Auf meinen Lesungen löchere ich die Kinder immer mit 1000 Fragen. Das Besondere dabei ist, dass mir die Kinder sehr schnell vertrauen und ihre Herzen öffnen. Manchmal sind sie ganz überrascht, dass sie selber so viel zu Wort kommen dürfen und nicht die ganze Zeit stillsitzen müssen und einem Vortrag zuhören. Sie sind dann ungeheuer aufgeschlossen und erzählen mir viele Dinge, die sie bewegen oder die sie ängstigen. Natürlich auch, was sie erfreut.
Ich höre ihnen einfach zu, es gibt keine Tabus. Jeder spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und es gibt einen wirklichen Austausch, auch zwischen den Kindern. Ich bremse sie selten und frage zwischendurch nach. Ich denke, sie merken schnell, dass ich mich wirklich dafür interessiere, was sie mir erzählen und dass es sich nicht nur um ein Scheingespräch handelt.
Besonders spannend wird es, wenn ich die Kinder meine eigenen Figuren weiterentwickeln lasse und wir darüber diskutieren, ob sie genauso gehandelt hätten, wie meine Protagonisten. In unseren Gesprächen gibt es keine Tabus. Ich urteile nie und belehre nicht. Das kann ich im Gegenteil überhaupt nicht leiden.
Auf was legen Sie beim Schreiben Ihrer Bücher besonderen Wert?Beim Schreiben der Bücher achte ich sehr darauf, dass ich die Geschichte in meiner eigenen Sprache erzähle, aber natürlich so, dass die Kinder meine Texte verstehen können. Ich biedere mich nicht an und gaukle keine Jugendsprache vor, die ich selber nicht spreche. Ich ringe sehr um eine gute Sprache und hoffe einfach, dass manche Kinder durch meine Bücher ihren Wortschatz erweitern, ohne dass sie die Lust verlieren, zu lesen.
Ich bin eine sehr große Gegnern davon, Sprache in Büchern immer mehr herunterzuschrauben, um sie dem angeblich sinkenden Sprachvermögen der Kinder anzupassen. Ich glaube einfach nicht, dass das stimmt. Meine vielen Lesungen und der Austausch mit den Kindern zeigen mir etwas ganz anderes. Gleichzeitig tue ich alles dafür, dass sich die Kinder mit meiner Sprache nicht quälen, sondern sie flüssig und gerne lesen mögen. Das ist sehr harte Arbeit, aber ich liebe diese Herausforderung.
Wie stark ist als Vollblut-Kinderbuchautorin eigentlich Ihr „inneres Kind“ ausgeprägt?Ich bin als Autorin überhaupt nicht ‚kindisch', sondern schreibe als erwachsener Mensch. Ich werde gerne älter und finde den Generationsgedanken einfach sehr spannend. Ehrlich gesagt, fände ich es eher befremdlich, wenn ich mich als erwachsene Frau in Gesellschaft von Kindern wie ein weiteres Kind verhalten würde, und deshalb schlüpfe ich beim Schreiben auch nicht in eine Kinderrolle. Schließlich möchte ich beim Erzählen ja einen Schritt voraus sein. Da ich selber ein Kind groß gezogen habe, mag ich es sehr, Verantwortung zu übernehmen und vorzuleben.
Was ist für Sie das Schönste am Beruf der Kinderbuchautorin?Der Beruf der Kinderbuchautorin beinhaltet für mich ein Dutzend Berufe gleichzeitig. Er gibt mir die Möglichkeit, mich ständig zu verwandeln und in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Zum einen in die Rolle meiner Figuren, aber eben auch in unterschiedliche Berufe. Privatdetektivin bei der Recherche, Archäologin, damit die einzelnen Mosaiksteinchen, die eine Geschichte ergeben, richtig zusammengesetzt werden, Sprachforscherin, um nach der passenden Sprache zu buddeln, Dirigentin, damit mir die Fäden nicht aus der Hand gleiten und alle Figuren nach meiner Pfeife tanzen ... und so weiter.
Kinderbuchautorin ist mein absoluter Traumberuf, den ich niemals aufgeben werde. Die Möglichkeiten, die man in diesem Beruf hat, sind grenzenlos. Man kann ihn überall ausüben, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und das mache ich auch. Ich schreibe und fantasiere immer.
Gibt es etwas, das Sie den Kindern mit Ihren Geschichten auf den Weg geben wollen? Etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt?Ich habe als Kind selbst viel gelesen und mir haben die Bücher sehr geholfen – ich war nämlich ein ziemlich ängstliches Kind und mithilfe der Geschichten habe ich mich aus meiner Angst sozusagen weggebeamt – und genau diese Möglichkeit will ich den Kindern mit meinen Geschichten geben; sie sollen nicht allein sein.
Außerdem ist für mich ganz wichtig, dass den Kindern meine Bücher Spaß machen und es mir bei dem einen oder anderen gelingt, das Feuer fürs Lesen zu entfachen! Meine Art zu Schreiben hat das Ziel, von Belehrung wegzukommen: Die Meinung, dass ein Buch nur dann anspruchsvoll ist, wenn man sich durch die Geschichte hindurchquälen muss, finde ich falsch. Bücher sollen Lust machen auf noch mehr Geschichten. Ich bin sicher, dass man trotzdem das Niveau halten kann, inhaltlich und sprachlich. Natürlich ist das eine sehr große Herausforderung an den Autor und erfordert sehr viel Arbeit und Konzentration. Und die feste Überzeugung, dass Kinder gute Geschichten verdient haben.
Hat es Sie nie gereizt, auch Bücher für Erwachsenen zu schreiben?Ich lese sehr gerne, immer noch, eigentlich alles, was mir in die Finger kommt. Im Augenblick habe ich einfach kein Thema im Kopf, das ich Erwachsenen unbedingt mitteilen wollte. Ich bin da eher selber die Lesende. Das kann sich auch irgendwann ändern, aber es wäre keine Weiterentwicklung, sondern etwas ganz anderes. Ich finde es sehr wichtig zu akzeptieren, dass beide Gebiete unabhängig nebeneinander existieren, und das Kinderbuch nicht die ‚kleine Schwester' des Romans ist.
Neben dem Bücherschreiben beschäftigen Sie sich mit dem Thema „Film“. Sie unterrichten an einer Filmhochschule und schreiben Drehbücher. Würden Sie uns von dieser Seite ihrer Tätigkeit ein bisschen mehr erzählen?Schon lange bevor ich angefangen habe, Bücher zu schreiben, habe ich beim Radio und TV gearbeitet und eine Ausbildung zur Drehbuchautorin gemacht. So hat es sich ergeben, dass ich seit vielen Jahren an einer Filmschule Drehbuch unterrichte. Das ist eine tolle Arbeit, weil ich ganz freie Hand habe und meinen Unterricht komplett selbständig gestalte. Um diese Arbeit mit den Lesungen zu koordinieren, unterrichte ich in Blöcken und behandele die Studenten ähnlich wie die Kinder in Lesungen: mit Respekt und Ernsthaftigkeit. Es macht sehr viel Spaß, ihnen einerseits Handwerk beizubringen und gleichzeitig Mut zu machen, dass sie ihrer Fantasie vertrauen.
„Find out what you love“, sagte Steve Jobs (Apple) in einem Vortrag an der Stanford University. „Stamina“ (Durchhaltevermögen) gibt der Regisseur David Lynch seinen Studenten als Motto auf. Ich sehe das genauso und möchte meinen Studenten genau das mit auf den Weg geben.
Wenn Sie einen Tag lang mit Nele tauschen könnten, was würden Sie am liebsten tun?Nele wohnt an einem wunderschönen Ort, der ihr sehr viel räumlichen Platz bietet und darüber hinaus ihre Fantasie anregt. Gleichzeitig ist sie im guten Sinne wohl-behütet und wird von ihren Eltern Ernst genommen. Das finde ich sehr schön. Ich würde mich bestimmt wohlfühlen in ihrer Familie.
Weil ich wegen meiner vielen Reisen keinen eigenen Hund halten kann, würde ich mir einfach einen Tag lang ihren Hund Sammy ausleihen und mit ihm im Waldsee herumtoben. Nachts würde ich mir Neles Zelt ausleihen und eine Nacht im Freien schlafen, natürlich zusammen mit Sammy. Denn mit Sammy habe ich mir ein wenig meinen eigenen virtuellen Traumhund gedichtet.