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SPECIAL zu Vasugi Ganeshananthan »Die Liebesheirat«

 

Ein verlorener Garten Eden

Vasugi Ganeshananthan über ihre Familie und die politischen Hintergründe des Romans »Die Liebesheirat«

 

Auszug aus einem Gespräch mit dem Schriftsteller Suketu Mehta

Dies ist Ihr erstes Buch, und ganz offensichtlich ist es zutiefst persönlich, denn es zeichnet den Weg Ihrer eigenen Familie deutlich nach. Romanciers beschreiben imaginäre Welten, deswegen sollte man einen Roman nicht als Biographie oder persönliche Memoiren lesen …
Das hoffe ich. (Lacht)

Wo steckt Ihr persönlicher Anteil in diesem Buch? Ihre Leidenschaft und Ihr Interesse an den Figuren kann man deutlich spüren. Wie wichtig war es Ihnen, dieses Buch zu schreiben?

© Preston Merchant

Meiner Meinung nach muss immer eine gewisse Notwendigkeit dahinterstecken, wenn ein Buch gut werden soll. Für mich war es sehr wichtig. Ursprünglich hatte ich den Text als Abschlussarbeit am College angefangen, aber dann hat er sich ziemlich verändert. Es begann eigentlich als die Geschichte einer Familie, doch dann wurde daraus die Geschichte einer Familie, die entschieden hat, sich politisch zu engagieren, im Gegensatz zu einer Familie, der das Politische einfach so zustößt. Beide Elemente sind im Buch noch sehr präsent. Ich persönlich kann das Dilemma, in dem die Hauptfigur steckt, sehr gut nachvollziehen, denn ich wurde zwar in den USA geboren und bin dort aufgewachsen, fühle aber eine gewisse Verantwortung für das Land, aus dem meine Eltern stammen. Es ist wichtig, sich zu engagieren, selbst wenn die Situation äußerst kompliziert ist. Oder wenn es unbequem ist. Oder politisch heikel. Je mehr ich über den Krieg erfuhr, desto stärker fühlte ich mich verpflichtet, mich dazu zu äußern – nicht mit der Stimme der Aktivistin, sondern mit der Stimme der Autorin.

Wann hat Ihre Familie Sri Lanka verlassen, und aus welchem Landesteil stammt sie?
Meine Eltern sind ceylonesische Tamilen, meine Mutter wie auch mein Vater stammen aus Jaffna. Meine Eltern kamen in den 1970ern in die Vereinigten Staaten, damals gab es eine große Einwanderungswelle. Das ist jetzt sehr anekdotenhaft, aber mein Vater und viele seiner Kommilitonen vom Medizinstudium emigrierten zu jener Zeit.

Wie schaffen es die tamilischen Gemeinschaften in der Diaspora – viele Tamilen leben ja in Europa und Amerika –, die Erinnerung an das wachzuhalten, was sie verloren haben? Mein Steuerberater ist ein Tamile aus Jaffna, und immer wieder beschreibt er mir einen verlorenen Garten Eden …
Mir geht es ähnlich, dabei wurde ich nicht einmal dort geboren. Es ist schon interessant – in Toronto, wo ein Großteil des Romans spielt, versammeln sich die Leute tatsächlich jedes Jahr, um an den »Schwarzen Juli« (die anti-tamilischen Ausschreitungen im Jahr 1983) zu erinnern. In Kanada wurden die Tamil Tigers relativ spät zu Terroristen erklärt, aber seither ist es natürlich schwieriger geworden, wenn man darüber reden will, welche ihrer Ziele man unterstützt, auch wenn man ihre Mittel nicht gutheißen kann. Für die Menschen in der Diaspora wird das Politische immer komplizierter.

Hatte der Krieg zwischen den Volksgruppen der Tamilen und der Singhalesen Folgen für Ihre Familie?
Ich kann mir nicht viele sri-lankische Familien vorstellen, für die der Krieg keine Folgen hatte. Mein Vater stammt aus Jaffna, und die Stadt wurde während der Konflikte sehr in Mitleidenschaft gezogen. Er hat Sri Lanka verlassen, weil er die Welle der Gewalt vorausgeahnt hat. Aber am schlimmsten hat es natürlich jene getroffen, die geblieben sind.

Haben Sie Verwandte, die noch in Sri Lanka leben?
Ja. Oft höre ich jedoch nichts von ihnen. Ich kann mich erinnern, wie ich einmal einer Cousine zum Geburtstag schrieb und sie den Brief erst fünf Monate später erhielt. Und das ist nur eins der harmloseren Beispiele.

Wie sieht das Leben Ihrer Verwandten eigentlich aus, wenn tagtäglich Bomben explodieren und Leute verschleppt werden? Wie gehen sie zur Schule, wo kaufen sie ein? Wie bewältigen sie den Alltag in der Stadt?
Für sie ist es schon lange so. Ich glaube nicht, dass sie es deswegen leichter nehmen, aber vielleicht lassen sie sich von nichts mehr überraschen. Ich bin 2005 das letzte Mal in Sri Lanka gewesen, und kurz darauf wurde das Dorf, das ich besuchte, evakuiert. Meine ganzen Verwandten waren weg. Sie packen ihre Sachen zusammen und flüchten, wenn sie müssen. Ich weiß noch, dass in der Schule meiner Cousine Flüchtlinge untergebracht waren. Die Stromversorgung ist in Jaffna sehr unzuverlässig, und einer meiner Cousins war sechs Jahre alt, als er zum ersten Mal elektrisches Licht sah. Es gibt sehr viele Unannehmlichkeiten, und ich glaube, dass sie einfach aufgehört haben, darüber nachzudenken. Wozu sollte das auch gut sein? Gleichzeitig haben sie nie etwas anderes kennengelernt.

In »Die Liebesheirat« gehört der Onkel von Yalini den Tamil Tigers an. Inzwischen wird diese Rebellengruppe von den USA und von Europa als terroristische Vereinigung eingestuft. In den tamilischen Landesteilen von Sri Lanka und innerhalb der tamilischen Diaspora gelten sie hingegen als Freiheitskämpfer. Was für einen Eindruck haben Sie von den Tamil Tigers?
Das ist eins der Anliegen meines Romans. Ich versuche zu zeigen, dass man sich sehr wohl für eine moderate Position entscheiden kann. Die Situation ist sehr unglücklich. Seit ihrer Gründung und bis heute hegen die Tigers einen Groll gegen eine Regierung, die die Menschenrechte verletzt. Gleichzeitig haben die Tigers selbst schreckliche Verbrechen verübt. Sie haben gnadenlos gesagt: Wenn du Tamile bist und uns deine Unterstützung verweigerst, werden wir das nicht dulden. Es ist wirklich traurig, dass der politische Groll die Menschen auf beiden Seiten dazu gebracht hat, moralisch verwerfliche Dinge zu tun. Wenn man den Dialog will, muss man eingestehen, dass beide Parteien entsetzliche Dinge getan haben.

Wie haben Sie dieses politische Durcheinander in Literatur verwandelt? Wie haben Sie es geschafft, über Politik zu schreiben und über politische Menschen, ohne dabei didaktisch zu werden? Denn Ihr Buch ist alles andere als das.
Es war wirklich nicht einfach, und sicher gibt es da Dinge, die ich hineinnehmen wollte, die aber nicht gepasst hätten. Wenn etwas nicht von grundlegender Bedeutung für die Erzählung war, musste es nicht unbedingt erwähnt werden. In meinem Roman geht es um eine tamilische Familie aus Jaffna, deswegen fehlt zum Beispiel die Stimme der srilankischen Muslime komplett.
Ich wollte in erster Linie ein gutes Buch schreiben und keine politische Agenda verfolgen; umso besser, wenn sich daraus auch eine moralische Aussage ergibt. Ich wollte eine Geschichte erzählen, hinter der eine Aussage steht, die Raum zum Nachdenken lässt.

© des Interviews 2008 by Random House, Inc., USA. All rights reserved
Übersetzt von Eva Bonné
© der Übersetzung 2008 by btb Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

 
 

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