Dieses Buch ist kein Lexikon und will auch keinen Kanon postulieren. Es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und noch weniger auf Objektivität. Es will nicht belehren und noch nicht einmal einordnen. Nur: Was ist es dann, dieses bibliophile Kleinod, in dem vier bekannte Literaturkritikerinnen 99 Autorinnen der Weltliteratur vorstellen? ![]()
„Lese-Leidenschaften“
„Wir haben gemeinsam ein Lesebuch verfasst, das aus Porträts besteht“ – so nüchtern und bescheiden gibt sich das Autorinnen-Quartett im Nachwort. Aber damit stapeln Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter deutlich zu tief. Sie sind selbst Schreibende, für Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung oder den Spiegel, und seit vielen Jahren feste Größen im Literaturbetrieb. Ihrem Werk haben sie nicht ohne Grund den Titel "Leidenschaften" gegeben. Er bezieht sich nicht nur auf die Antriebskraft der porträtierten Autorinnen, sondern auch auf ihre eigenen „Lese-Leidenschaften“. Und er ist mit dem Wunsch verbunden, dieses besondere Gefühl auch bei ihren Leserinnen und Lesern zu entfachen.![]()
Wer ist drin? Wer draußen?
„Wir stellen 99 Autorinnen vor, die uns viel bedeuten und deren Beitrag zur Kultur- oder Literaturgeschichte von eminenter Wirksamkeit ist, weil sie wichtige oder gute Bücher geschrieben haben“. Beim Blick ins Inhaltsverzeichnis nickt man zunächst viele Einträge ab, dann aber kommt man auch ins Stutzen. Anna Achmatowa, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Djuna Barnes, Emily Dickinson, Virginia Woolf – klar, keine Frage. Aber Hedwig Courths-Mahler, Arundhati Roy und Joanne K. Rowling? Müssen die denn auch hier rein? ![]()
Die Fließbandliteratin
Wer den Artikel von Ursula März über Hedwig Courths-Mahler gelesen hat, weiß, warum diese Autorin aufgenommen wurde. Wird doch die Königin der Trivialliteratur als Erfinderin des „industriellen“ Schreibens vorgestellt. März schildert sie als Fließbandarbeiterin im modernen Sinne, „weil sie es vermochte, Geschichten aus Fertigbauteilen zu fabrizieren und in Serie gehen zu lassen. Sie schrieb Romane, wie man Autos zusammenbaut. Eine Grafschaft als Karosserie, eine unstandesgemäße Liebe als Motor, eine böse Stiefmutter ... als Getriebe, ein verlorenes Testament als Zündung – schon ist der typische Courths-Mahler-Roman technisch auf den Beinen. Der Rest ist Ausstattung.“ Solch unterhaltsame Analysen zu lesen, macht Spaß, und eines wird schnell deutlich: Auch wenn die Groschenroman-Meisterin, die sagenhafte 208 Romane schrieb, literarisch belanglos sein mag, kulturgeschichtlich ist sie es nicht.![]()
Keine wie die andere, aber alle von Bedeutung
Jede der Autorinnen hat auf ihre Art gewirkt – bis heute. Da sind diejenigen, die wie Agatha Christie als Synonym für eine Gattung stehen. Da ist die erste literarische weibliche Stimme in Europa, die überhaupt gehört wurde: Sappho. Und da sind ihre berühmten Nachfolgerinnen im Mittelalter, Hildegard von Bingen und Christine de Pizan. Da ist aber auch Harriet Beecher Stowe, die mit „Onkel Toms Hütte“ ihren einzigen Roman verfasste. Und da sind zurückgezogene Autorinnen, die fast ihr ganzes Leben lang so gut wie unsichtbar blieben, etwa Friederike Mayröcker oder Emily Dickinson, die 20 Jahre lang ihr Haus nicht verließ. Schließlich finden sich auch jene, die wie Susan Sontag, Arundhati Roy oder Simone de Beauvoir politisch besonders engagiert waren oder sind.![]()
Fortsetzung folgt
Das Besondere an diesem von Leidenschaften handelnden Buch besteht jedoch nicht nur in der Auswahl der „Weltliteratinnen“, sondern auch in der Art und Weise, wie die vier Kritikerinnen ihre Autorinnen porträtieren. Mit Eleganz, Witz, Esprit und – selbstredend – beeindruckender Kenntnis. Sie zeigen Lebenswege auf und schildern, unter welchen Bedingungen ihre Autorinnen geschrieben und nicht selten auch ums Wort gekämpft haben. So beschreiben sie immer auch das „Dahinter“ der Werke.
Was die vier Autorinnen freilich nicht leisten können, ist, die Literatur der gesamten Welt zu würdigen. Afrika etwa oder die arabischen Länder bleiben weiße Flecken ihrer Literaturlandkarte. Daher ist das Buch auch als Auftakt gedacht, der Autorinnen in anderen Ländern dazu auffordern will, die Sammlung zu vervollständigen. „Auf nichts war Verlass. Nur auf Wunder“, schrieb einst Mascha Kaléko. Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter wünschen sich, dass „der Wunder mehr werden.“ Und damit letztlich: dass schreibende Frauen überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit werden.![]()
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