„Sie hatte ein wunderbar offenes, außergewöhnliches Gesicht; ihr Haar war zu einem Knoten zurückgekämmt. Ihre Kleider fielen weich, waren aber ganz schmucklos – sehr vornehm – und ihre Augen… waren verblüffend blaß, blaßblau. Als schwebten Teile des Himmels in ihrem Gesicht.“ Auf solch poetisch-liebevolle Weise beschrieb der junge Truman Capote die knapp siebzigjährige Willa Cather, nachdem er sie 1942 zufällig abends unter dem Vordach der New Yorker Public Library getroffen hatte. Ohne zu ahnen, dass ausgerechnet sie es war, jene Schriftstellerin, die er so sehr verehrte, kamen sie wegen der schwierigen Wetterverhältnisse – es tobte ein ziemliches Schneegestöber – ins Gespräch. Erst als sie sich gemeinsam in einem Café aufwärmten, gab sie sich zu erkennen. Truman Capote beschrieb das Erlebnis später als „eine der großen Erschütterungen“ in seinem Leben – und Willa Cathers Romane als „vollkommene Kunstwerke“.![]()
Leicht wie ein Blatt Papier
Tatsächlich gibt es nicht übermäßig viele Romane, die gerade aufgrund ihrer sprachlichen Verknappung das Vermögen und auch die Kraft besitzen, den Leser im Innersten zu berühren und gefangen zu nehmen. Lucy Gayheart gehört dazu. Dieses Buch schultert uns Leser, als wären wir keine Last, sondern leicht – leicht wie ein Blatt Papier. Die Sätze nehmen uns lächelnd und selbstbewußt an der Hand, ziehen uns tiefer und tiefer in die eigene Vergangenheit hinein, stellen uns am hellsten Punkt ab, dort, wo unser erinnertes Leben seinen Anfang genommen hat: Und plötzlich sehen wir uns selbst im mittäglichen Sommerlicht stehen, in kurzen Hosen, heruntergerutschten Strümpfen und mit blinzelnden Augen. Beinahe meinen wir, uns berühren zu können. […]![]()
Willa Cather hat auf hellsichtige, zeitlos gültige Art versucht, das menschliche Miteinander literarisch zu ergründen und in seinen wesentlichen Strukturen lesbar zu machen. Also erlaubt uns die Geschichte Lucy Gayhearts, sehnsüchtig zu unseren ganz persönlichen Wurzeln zurückzukehren, uns in einzelnen Episoden des Buches glücklich wiederzuerkennen, wobei manch beschriebener Augenblick schmerzhaft am Unterbewußten kratzt. Bei aller Tragik, ja Melodramatik ihres Ausgangs, der Handlungsverlauf gewährt letztlich die tröstliche Einsicht, daß wir die Wahl zwischen verschiedenen Lebenswegen haben, solange wir nicht aufgeben, allen Rückschlägen und Vergeblichkeiten zum Trotz weiterkämpfen und bestrebt sind, den Überblick zu bewahren. […]![]()
Lebensnahe Literatur
In einem journalistischen Beitrag schrieb die junge Willa Cather einmal: „Der Künstler, armer Tropf, der er ist, hat nur eine Sorge, eine Hoffnung, ein Ziel – sein Werk. Das ist alles, was Gott ihm gegeben hat; statt Liebe, Glück, Beliebtheit nur dies. Er ist nicht dazu gemacht, wie andere Menschen zu leben; seine Seele ist anders besaitet.“ Es hat eine geraume Weile gedauert, bis die Autorin ihren hohen literarischen Anspruch in die Tat umsetzen konnte. Bis zum Erscheinen ihres ersten Romans Alexander's Bridge sollten mehr als zwanzig Jahre vergehen, zwei lange Jahrzehnte, in denen sie als Journalistin und Kolumnistin in Nebraska, Pittsburgh und New York tätig war. Ihr Alltag als Kritikerin und Chefredakteurin der Zeitschrift McClure's war viel zu bewegt, als daß sie je die Ruhe gefunden hätte, um sich auf das zu konzentrieren, was sie tatsächlich anstrebte: sich an Vergangenes zu erinnern und daraus lebensnahe Literatur zu schaffen. So ist Willa Cathers Prosa deutlich anzumerken, daß es ihr vor allem darum ging, dem eigenen Dasein, dem Erlebten mittels ihrer Sprache eine Struktur zu geben, das Erinnerte zu sichern, aufzuschreiben, es zu neuem Leben zu erwecken. Sie wollte von Dingen erzählen, die ihr wirklich am Herzen lagen, die eng mit ihrer eigenen Geschichte verknüpft waren.![]()
Als sie 1933 sechzigjährig begann, ihren vorletzten Roman Lucy Gayheart zu verfassen, fühlte sich Willa Cather müde und kraftlos, doch in ihr wartete ein Mädchen – tollkühn und lebenshungrig – darauf, sich aus tiefsten Erinnerungsschichten hervorzuschrauben, um frisch und jung wieder in Erscheinung zu treten, als sei seit Willa Cathers Jugendtagen in ihrem Heimatstädtchen Red Cloud in Nebraska kein bißchen Zeit vergangen. Eine gewisse Sadie Becker war es laut Auskunft der Autorin gewesen, die beim Eislaufen auf dem zugefrorenen Platte River dereinst einen so nachhaltigen Eindruck auf sie gemacht hatte, dass sie diese über all die Jahrzehnte mit sich herumtrug, sie in ihrem Inneren kreiseln ließ – bis zu dem Tag, an dem sie begann, die Geschichte der Lucy Gayheart aufzuschreiben.![]()
Eine gewisse Sadie Becker
In einem Interview bekannte Willa Cather einmal: „Ein Schriftsteller macht sich sein wesentliches Material zu eigen, noch bevor er fünfzehn ist.“ So mochte es auch in diesem konkreten Fall gewesen sein. Gerade aus der langen zeitlichen Distanz heraus wurde ihr die sehnsüchtige Rückbesinnung möglich, tauchten längst vergangene Erlebnisse unverhofft vor ihrem inneren Auge auf und nahmen immer deutlicher Gestalt an. In einem Brief an eine Freundin schrieb sie: „Das Leben begann für mich, als ich aufhörte, zu bewundern, und anfing, mich zu erinnern.“![]()
Sadie mit ihrem fröhlich-kindlichen Naturell und dem warmen Lachen muß sich der Schriftstellerin jedenfalls tief eingeprägt haben. Dieses Lachen, so erzählte Willa Cather einmal, hatte sie noch vierzig Jahre danach ganz deutlich im Ohr, und ebenso präzise beschreibt sie es am Ende des Romans. Der gealterte Harry Gordon erinnert sich daran, um der längst unglücklich aus dem Dasein geschiedenen Jugendliebe ein letztes Mal Leben einzuhauchen. „Man hätte Lucy solche Abenteuer prophezeien können – bei solchen Augen und bei einem solchen Lachen, dem tiefen, vollen Lachen der schönen Altstimme, das weich in sich zusammenfiel. Es war kein Lachen nervöser Erregtheit; es quoll warm hervor, doch es hatte auch eine versteckte Note rücksichtslosen Leichtsinns.“![]()
Lucy ist ein kindliches Wesen, dem, so möchte man anfangs glauben, nichts Böses zustoßen kann. Unermüdlich läuft und springt sie Wege entlang und verzaubert das ganze Städtchen mit ihrer Leichtigkeit. Ihr Glaube an das Gute im Menschen, die unstillbare Neugier dem Dasein gegenüber, ihr Hunger nach der weiten Welt ist so übermäßig groß, daß sie im Kern unerschütterlich zu sein scheint. Doch bricht Willa Cather mit dieser unserer Wunschvorstellung. Die unerschrockene Lucy scheitert – sie wird für ihren Hunger nach Wahrhaftigkeit und Leidenschaft bestraft. Sie scheitert, weil sie sich weigert, zu akzeptieren, daß manche Dinge und Menschen für immer unerreichbar bleiben – egal, wie sehr man sich auch um sie bemühen mag.![]()
Parallelen zur eigenen Biographie
Willa Cather ist Sadie bei ihren späteren Heimataufenthalten nie wieder begegnet, und auch sonst wußte niemand aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis irgendetwas über ihren Verbleib. Man erzählte sich lediglich, daß sie – genau wie Willas Romanheldin – einmal einen Sänger am Klavier begleitet hatte, eines Tages von zu Hause fortgegangen war, um eine Musikausbildung zu beginnen, und in der Fremde eine unglückliche Liebschaft gehabt hatte. Die ferne Existenz dieses lichten Mädchens, dem unerwartet etwas Schmerzvolles widerfahren war, ließ Willa Cather nicht mehr los und brachte sie Jahrzehnte später dazu, der unbekannten Wirklichkeit ein fiktionales Ende zu bescheren. ![]()
Auch wenn die Autorin beim Ausgestalten ihrer Protagonistin Sadie Becker vor sich gesehen haben mag, so sind doch unzählige Parallelen zu ihrer eigenen Biografie unverkennbar. Genau wie ihre zunächst kindliche Protagonistin wird Willa – einst auf den Namen Wilella getauft – auf einer kleinen Farm in der amerikanischen Prärie geboren. Wie Lucy wird es Willa dank der Großzügigkeit ihrer Eltern ermöglicht, in der Fremde zu studieren. Gleich ihrer Romanheldin trägt sie ein großes schöpferisches Potential in sich, das gefördert werden soll. Den Menschen in ihrem Heimatort wird sehr schnell bewußt, dass Lucy aufgrund ihrer musischen Begabung etwas ganz Besonderes und folglich zu Höherem bestimmt ist. Das macht die Autorin, die selbst eine Ausnahmebegabung war und eine Ausnahmebehandlung erfahren hat, gleich zu Beginn der Geschichte deutlich.![]()
Lucys Flucht aus der Kleinstadt-Idylle
Willa Cather hat einmal bemerkt, „escape“ sei das zentrale Motiv all ihrer Romane: die Flucht aus der Enge der Kleinstadt. Der Weg zu sich selbst führt stets ins Offene, Ungewisse, heraus aus dem Wohlbehütet- und Beheimatetsein. Lucy hält Einzug in die Welt – und die Welt hält Einzug in Lucy. Wir werden nicht nur Zeuge dieser wechselseitigen Diffusion, sondern vor allem der stetigen Herzenserziehung der Heldin, die allmählich vom Kind zur Frau heranreift. Ihr Bestreben, sich trotz der aufkommenden großen Gefühle – Schwärmerei, Liebeskummer, Verlustangst – ihre Leichtigkeit zu erhalten, ist im sprechenden Namen wie in ihrem Naturell beschlossen. Der Wunsch nach Wahrhaftigkeit, Lebendigkeit und Autonomie treibt sie an, und nicht so sehr der Ehrgeiz nach künstlerischer Vervollkommnung.![]()
In der Großstadt Chicago setzt sie darum ihr bescheidenes, unauffälliges Jungmädchendasein fort. Als sie sich in den wesentlich älteren Mentor Clement Sebastian verliebt, bekommt sie zwar eine vage Ahnung von der Größe und Ungebundenheit echten Künstlertums, an ihren kleinen Nöten und Freuden ändert das allerdings nur wenig. Erst durch den Verlust Sebastians wird sie schlagartig erwachsen. Mit einem Mal empfindet sie die Enge, wenn auch weniger die äußere des beschaulichen Heimatstädtchens am Rande der Prärie, wohin sie sich in ihrer Trauer zurückzieht, sondern vielmehr die ihrer inneren Vorstellungs- und Empfindungswelt. Die ganze existentielle Wucht des Tragischen bricht über sie herein, und die Frage drängt sich ihr auf, wieviel ein Mensch an Enttäuschungen und unerfüllten Sehnsüchten tragen kann.![]()
Ein „besonders unfemininer Verstand“
Lucy gelingt eben gerade nicht, was der Autorin gelungen ist: ein ungebundenes, unkonventionelles Leben zu führen, zu einer Zeit, da die Selbstbestimmung der Frau noch die Ausnahme von einer eisernen Regel war. Früh schon bekannt für einen „besonders unfemininen Verstand, der nicht umhin konnte, logische Folgerungen zu ziehen“, legte Willa sich, als sie an der University of Nebraska-Lincoln zu studieren begann, umgehend eine neue Identität zu, ließ sich „William“ rufen, trug einen kurzen Pagenschnitt statt der üblichen Langhaarfrisur und sorgte durch maskulines Auftreten und gleichgeschlechtliche Beziehungen für Aufsehen.![]()
Als Journalistin ging sie schließlich nach Pittsburgh, später nach New York, und als sie es dank ihrer schriftstellerischen Arbeit auch zu künstlerischem Ansehen gebracht hatte, mußte sie sich weder um ihre geistig-moralische noch um ihre ökonomische Unabhängigkeit sorgen. Sie führte ein höchst kultiviertes, privilegiertes Dasein. Allein der Musik soll sie so viel Zeit gewidmet haben wie manch andere ihrem Beruf. Es verging kaum eine Woche, in der sie nicht ein Konzert besuchte. Sie freundete sich mit Musikern an, etwa mit der britischen Pianistin Myra Hess, besonders eng aber mit der Familie Menuhin, die ihre Wintermonate regelmäßig in New York verbrachte. Man traf sich zu gemeinsamen Leseabenden, zu Stadtspaziergängen, Museumsbesuchen oder Schlittenfahrten im Central Park. Yehudi Menuhin, das musikalische Wunderkind, hatte bereits als Zwölfjähriger in der Berliner Philharmonie seinen Durchbruch gefeiert (mit Bach, Brahms und Beethoven), war also längst eine internationale Berühmtheit, als Willa Cather ihn im Jahr darauf kennenlernte. Sie brachte ihm und seinen Geschwister die Dramen Shakespeares nahe, während er im engsten Freundeskreis Kostproben seiner Virtuosität gab und nicht vergaß, ihr regelmäßig die eigenen Schallplattenaufnahmen zu schicken.![]()
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus“
Die klassische Musik steht im Zentrum von Lucy Gayheart, ohne daß es sich hierbei um einen Musiker- und Künstlerroman im eigentlichen Sinn handeln würde. Denn bei allem handwerklichen Geschick hat Lucy ganz offenkundig nicht das Zeug zur Konzertpianistin. Übersteigerte artistische Ambitionen sind ihr fremd, ja es scheint fast, als bewundere sie lieber, als sich selbst bewundern zu lassen, und so bleibt sie bis zum Ende Clement Sebastians bevorzugte Liedbegleiterin ausschließlich für Übungszwecke, fernab des Podiums. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh' ich wieder aus“ – die Romantiker aus der alten Welt, allen voran Schubert, geben die Tonart für die spätromantische Seelenreise unserer Protagonistin vor. Einzelne Liedzeilen liefern den passenden Motivfundus für Lucys diffuses und letztlich vergebliches Sehnen nach Glück und Erfüllung.![]()
Der Roman scheint die Zerstörungskraft der romantischen Liebe belegen zu wollen. So wird mit Lucys Worten die Leidenschaft als etwas beschrieben, „in dem man ertrinken muß wie in einem schwarzen Gewässer“. Und eben darin finden die Liebenden nacheinander den Tod: Sebastian ertrinkt bei einem Bootsunglück, von seinem Kompagnon in die Tiefe gezogen, und nur wenige Monate später bricht Lucy im Eis ein, das sich hauchdünn über den breiten Fluß ihres Heimatorts erstreckt. Einzig ihr roter Schal bleibt als Warnsignal auf der klirrenden Fläche zurück, sie selbst versinkt im dunklen, morastigen Nichts. Ihr Hinabtauchen ins eisige Gewässer kommt dem Kältetod der eigenen jugendlichen Lebendigkeit gleich, dem so bezaubernden „rücksichtslosen Leichtsinn“. […]![]()
Auf frappierende Weise ist es Willa Cather gelungen, den Augenblick des satten, prallen Lebens, den Höhepunkt allen menschlichen Seins in Szene zu setzen, so daß der darauf folgende Absturz ins Bodenlose, in die Melancholie und Verdüsterung um so erschütternder und ernüchternder ausfällt. Die eigentliche Tragik dieses Buches liegt allerdings weniger im dramatischen Geschehen denn in den Figuren selbst. Clement Sebastian, Harry Gordon und, allen voran, Lucy Gayheart fechten innere Kämpfe aus, die am Ende nur einer überlebt: der Konventionellste unter den drei Hauptcharakteren. Um den Preis der Vereinsamung findet Harry als gealterter Mann zu innerer Ausgeglichenheit und schließt Frieden mit sich.![]()
Eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts
Willa Cather wurde in ihrer Heimat schon früh als eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts gewürdigt. So bemerkte der Schriftsteller Sinclair Lewis, als man ihm 1930 den Nobelpreis für Literatur verlieh, die angesehene Kollegin hätte ihn weit eher verdient als er. Der Pulitzerpreisträger von 1963, Leon Edel, prophezeite sogar: „Die Zeit wird kommen, da man sie über Hemingway stellen wird.“ Solch hohe Wertschätzung in den Vereinigten Staaten mag damit zusammenhängen, daß Willa Cather wenigstens in einem Teil ihrer Werke eine uramerikanische Erfahrung verarbeitet hat. Das spezifische Lebensgefühl der Pioniere, der Reiz und die Schönheit des Prärielebens wurde eines ihrer literarischen Grundthemen. Auch in Lucy Gayheart ist die Provinz mehr als bloße Kulisse für den komplexen emotionalen Gehalt des Buchs. Das am Platte River gelegene Städtchen mit seinen kleinen Holzhäusern, seinen idyllischen Hecken, Fliederbüschen und Lauben steht für eine paradigmatische Geisteshaltung, für ein Stückchen Idylle und heile Welt. „Wir Haverforder“, heißt es im Plural dörflicher Geborgenheit gleich am Beginn des ersten Kapitels.![]()
Willa Cather war eine durch und durch diskrete Persönlichkeit, keine, die ihre Empfindungen je ungehemmt gezeigt hätte. Als angesehene Schriftstellerin achtete sie peinlich genau darauf, daß keine privaten Eintragungen oder Korrespondenzen an die Öffentlichkeit gelangten. Vielmehr erbat sie von ihr verfasste Briefe wieder von den Empfängern zurück, um diese vorsichtshalber zu vernichten. Scheu vor der eigenen Bekanntheit? Arbeit am Mythos? Wenn sie in Interviews Auskunft gab, dann fast ausschließlich über ihre Arbeit als Autorin. Nur mittels ihrer Romane, Erzählungen und Essays entsteht ein Bild von dem, was diese große Autorin zeitlebens anstrebte: ein selbstbestimmtes, intellektuell grundiertes Leben. […]![]()
Als sie 1947 an einer Gehirnblutung stirbt, ist der Umfang und die Bedeutung ihrer künstlerischen Arbeit beeindruckend. Im Sammelband Berühmte Frauen heißt es voller Anerkennung: „Sie hat in achtzehn Jahren ein Werk geschaffen – zehn Romane, Essays, bedeutende Short Storys und Literaturkritiken –, das nach Meinung vieler unerreichbar war.“![]()
Lucy Gayheart kennenzulernen, lesend Anteil am Schicksal dieser mutigen und eigensinnigen Protagonistin zu nehmen, mit ihr aus der Kindheit in die Adoleszenz und ins Erwachsenenalter hinüber zu schreiten bedeutet, eine Ahnung davon zu bekommen, daß der Moment der tatsächlichen Reife unerreichbar bleibt – bis zum Augenblick des Todes. Denn erst mit dem Ende alles Irdischen offenbart sich unser Dasein vollständig, in seiner zwingenden Abfolge von schönen wie schmerzhaften Ereignissen und mit allen Verknüpfungen zu benachbarten Schicksalen. Und vielleicht ahnen wir dank Lucy, wozu das, was uns auf unserem Lebensweg widerfahren ist, gut war: einzig und allein, um zu dem kindlichen Selbstverständnis der eigenen Vollkommenheit zurückzufinden, mit dem wir einst geboren worden sind.![]()
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