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SPECIAL zu Wulf Dorn

Trigger
 

»VERSPRICH, MICH ZU BESCHÜTZEN, WENN ER MICH HOLEN KOMMT!«

Wulf Dorn im Interview

 

© Frank Riederle

Was bedeutet der Titel Ihres Romans? Trigger ist ja eigentlich der Abzug einer Waffe oder der Auslöser bei einer Kamera. Wird in Ihrem Psychothriller häufig geschossen oder fotografiert?

Wenn dieser Titel bei Ihnen die Bilder einer Waffe oder einer Kamera hervorruft, dann handelt es sich um die Art von Trigger, die ich meine. In der Psychologie bezeichnet man damit einen Schlüsselreiz für Reaktionen, Assoziationen oder Verhaltensweisen.
Ein höchst spannendes Phänomen. Jede unserer Entscheidungen und Handlungen – ganz gleich, ob bewusst oder unbewusst – hat ihren Auslöser. Im Grunde genommen beruht alles, was Menschen je auf dieser Welt getan haben, auf einer Abfolge von Triggern. Eines führt zum anderen und löst dadurch weitere Handlungen aus. Wie ein unendlicher Dominoeffekt.
Darum geht es auch in meinem Roman. Eine Psychiaterin begegnet einer gänzlich verstörten Frau. Nun liegt es an der Ärztin, herauszufinden, was dieser Frau zugestoßen ist, welcher Trigger sie in diesen Zustand versetzt hat. Um Antworten zu erhalten, muss sie erneut einen Trigger einsetzen, der die psychische Barriere dieser Frau durchbrechen soll. Was wiederum weitere Ereignisse auslöst …

Sie sagen, das Musikvideo »Strangers when we meet« von David Bowie habe Sie zu diesem Thriller inspiriert. Wir sehen den Musiker in einem bizarren Pas-de-deux mit einem weiblichen Wesen, »I'm with you, so I can't go on…« Was war es genau?

Dieser Bowie-Titel gehört schon seit vielen Jahren zu meinen All-Time-Favorites. Ich mag seine atmosphärische Ausdruckskraft und mir gefällt das bildsymbolische Spiel, mit dem Regisseur Sam Beyer das Stück interpretiert. Eine bizarr maskierte Frau, eine Klappe im Boden, bedrohliche Gestalten, Zerstörung und Aggression, und durch die gesamte Szenerie zieht sich eine Geschichte über Liebe, Geheimnisse und Sehnsucht. Wie ein Puzzle aus Text, Melodie und Bildern. In »Trigger« habe ich all diese Teile zusammengefügt. Ich wollte sehen, was für mich dabei herauskommt.



Sie schreiben seit Ihrem zwölften Lebensjahr und haben aus Faszination für das Unheimliche im Horror-Genre begonnen, jetzt aber den Psychothriller für sich entdeckt. Was ist so reizvoll an den Abgründen der Psyche?

Jeder von uns hat Abgründe. Der eine mehr, der andere weniger, aber wir haben sie. Sie sind ein fester Teil unserer Persönlichkeit. Nur lernen wir schon früh, sie so gut wie möglich zu verbergen. Aus Furcht um unser soziales Ansehen oder auch, weil wir uns oder anderen schaden könnten. Deshalb können wir auch nie mit Sicherheit wissen, was tatsächlich in unserem Gegenüber vor sich geht. Das ist einerseits beängstigend, aber auch äußerst interessant. Wenn man das menschliche Wesen in seiner Gesamtheit begreifen möchte, ist es wichtig, sich auch mit dessen dunklen Seiten zu beschäftigen. Also nehme ich hin und wieder meine Laterne, steige in dunkle Keller hinab, und sehe nach, was dort so alles in den staubigen Ecken lauert.
In meinen Geschichten lade ich die Leser ein, mir dort hinunter zu folgen. Gemeinsam erkunden wir die Dunkelheit und beleuchten all die unbekannten Dinge, die uns ängstigen. Denn wenn Ängste erst einmal Gesichter haben, ist es sehr viel einfacher, mit ihnen umzugehen. Wie bei einer Konfrontationstherapie.

© Frank Riederle

Sie arbeiten mit Patienten einer psychiatrischen Klinik und unterstützen sie bei der beruflichen Rehabilitation. Liefern Ihnen diese Begegnungen Stoff für Ihre Geschichten?

Vor allem habe ich durch diese Arbeit gelernt, wie komplex der menschliche Geist ist. Und wie fragil. Schon eine geringe Störung des Hirnstoffwechsels kann uns zu einer völlig anderen Persönlichkeit werden lassen. Man sagt oder tut Dinge, die man sich im gesunden Zustand niemals hätte vorstellen können.
Nur wegen eines Kommunikationsproblems der Synapsen kann sich unsere Wahrnehmung grundlegend verändern. Etwa wenn wir Stimmen hören, die es nur in unserem Kopf gibt. Noch immer hat die Medizin keine ausreichende Erklärung für dieses Phänomen. Warum sind es Stimmen, warum in nur seltenen Fällen Geräusche oder Musik? Und warum ist das, was diese Stimmen sagen, in erster Linie destruktiv? Lange Zeit glaubte man, diese Menschen seien von einer bösen Macht besessen.
Doch trotz aller Faszination für dieses Thema liegt mir viel daran, den Lesern kein Panoptikum aus Verrücktheiten vorzuführen oder gegen meine berufliche Schweigepflicht zu verstoßen. Mich interessiert viel mehr, was unsere Persönlichkeit ausmacht und welche Faktoren dazu beitragen können, sie zu verändern oder gar zu zerstören. Denn es kann jeden von uns treffen. Stress, Drogen, ein Unfall, ein schwerer Schicksalsschlag – das alles können Auslöser sein, um unsere Wahrnehmung der alltäglichen Welt plötzlich aus dem Ruder laufen zu lassen.

Die Protagonistin in Ihrem ersten Roman ist Psychotherapeutin. Haben Sie sich Fachwissen anlesen müssen, um deren Arbeit beschreiben zu können?

Wann immer möglich versuche ich, zuerst Informationen aus erster Hand zu bekommen, indem ich mit Experten spreche, die lange Zeit in ihrem Berufsfeld tätig sind. Dadurch erhalte ich noch viele persönliche Eindrücke, die man nicht in Fachbüchern findet und die zusätzlich zur Authentizität der Geschichte beitragen. Alles Übrige lese ich nach. Bei »Trigger« konnte ich zudem eigene berufliche Erfahrungen einflechten.
Eine größere Herausforderung war es, die Geschichte aus der Sicht einer Frau zu erzählen. Frauen sind deutlich offener im Umgang mit ihren Emotionen als wir Männer. Und genau das wollte ich mir für die Geschichte zunutze machen. Nur so konnte sie funktionieren. Auch hier hatte ich meine Beraterinnen, die mir eine große Hilfe gewesen sind, meine Hauptfigur »echt« wirken zu lassen.

© Frank Riederle

Für wen oder für welche Ängste steht der Schwarze Mann, von dem die Patientin und dann die sie behandelnde Therapeutin verfolgt werden?

Der Schwarze Mann steht für alles, was uns erschreckt und Angst macht. In unserer Kindheit war es vielleicht das Ding unter dem Bett, eine halb geöffnete Schranktür, ein Schatten an der Decke oder ein Geräusch im Dunkeln. Je älter wir werden, desto komplexer wird diese Schreckgestalt. Sie wird zum Symbol unserer Ängste vor Hilflosigkeit, Gewalt, Schmerz und Tod. Über das, was der Schwarze Mann für diese beiden Frauen verkörpert, will ich im Voraus nur so viel verraten: Für die Antwort brauchen Sie ein gutes Nervenkostüm.

Sie sind ausgebildeter Fremdsprachenkorrespondent, d.h. Sie übersetzen Geschäftsvorgänge von einer Sprache in eine andere. Gibt es Parallelen zur Interpretation psychischer Phänomene, funktioniert das auch wie eine Übersetzung?

Ja, das ist ein guter Vergleich. Um ein psychisches Phänomen interpretieren zu können, muss ich die Vorgeschichte meines Gegenübers mit meinen Beobachtungen kombinieren. Gestik, Mimik, und vor allem natürlich das, was mir diese Person im Gespräch mitteilt. Erst dann erhalte ich einen Eindruck, der komplex genug ist, um daraus Schlüsse ableiten zu können. Ähnlich ist es bei einer Übersetzung, bei der man nicht einfach nur Wort an Wort reiht, sondern auch zwischen den Zeilen liest und den Kontext aus Worten und Inhalt bildet.

Welche Rolle spielen Tiere in Ihren Texten und in Ihrem Leben?

Ich bin in einer ländlichen Gegend aufgewachsen. Dort gehört der Umgang mit Natur und Tieren zum Alltag. Für mich ist das eine wichtige persönliche Bereicherung. Seit einigen Jahren leben meine Frau und ich mit einer Katze zusammen, und wir staunen immer wieder, wie viel man von ihr lernen kann. Vor allem, was Gelassenheit und das Auskosten jedes noch so kleinen Moments betrifft. Ebenso wie den ehrlichen Umgang mit Gefühlen. Im Gegensatz zu uns Menschen sehen Tiere keine Notwendigkeit, sich zu verstellen.
Auch in meinen Texten tauchen häufig Tiere auf. Allen voran ein schwarzer Hund, der immer wieder mal durch eine meiner Geschichten geistert. Er hat jedoch eher symbolischen Charakter. Wen oder was er tatsächlich verkörpert, sollte jeder Leser für sich entscheiden.

© Frank Riederle

Sie sind Mitglied im Club der »fetten Dichter« . Heißt das, dass Ihr nächstes Buchprojekt ein Kochbuch sein wird – oder eher ein Diät-Ratgeber?

Oh nein! (lacht) Obwohl ich leidenschaftlich gern koche und manche Szenen meiner Bücher durchaus einer Diät förderlich sein könnten, bleibe ich doch lieber bei Thrillern. Und auch unser Club hat nur sehr entfernt mit Kulinarischem zu tun. Vielmehr sind wir eine Gemeinschaft von Autoren, zu denen u. a. Andreas Eschbach, Thomas Thiemeyer, Rainer Wekwerth und Nina Blazon gehören. »Fett« sind bei uns nur die riesigen Steaks, die wir während unserer Treffen verputzen. Die beste Grundlage, um sich anschließend Manuskripte um die Ohren zu hauen.

Was wünschen Sie den Lesern von »Trigger« ?

Vor allem spannende Unterhaltung. Und das Gefühl, auf diesen 400 Seiten ein Geheimnis gelüftet zu haben, über das sich noch ein wenig nachzudenken lohnt.


Wulf Dorn, Jahrgang 1969, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr. Seine Kurzgeschichten erschienen in Anthologien und Zeitschriften und wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 1994 ist er in einer psychiatrischen Klinik tätig, wo er in der beruflichen Rehabilitation psychisch kranke Menschen beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben unterstützt. Mit seiner Frau und einer Glückskatze lebt er in der Nähe von Ulm.



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