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Senek Rosenblums Kindheitserinnerungen »Der Junge im Schrank«

Der Junge im Schrank
 

Senek Rosenblum auf Lesereise in Berlin

Durch die Tagebücher der Anne Frank erfuhr die Welt kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges erstmals, wie ein jüdisches Kind im Versteck den Naziterror erlebte. Den sehr viel jüngeren Senek Rosenblum traf ein ähnliches Schicksal, doch im Gegensatz zu Anne Frank überlebte er den Naziterror. Rosenblum gehört zu den wenigen Kindern, die tatsächlich aus dem Warschauer Ghetto fliehen konnten. Da der kleine Senek sich unter anderem monatelang zusammengekrümmt in einem Schrank verstecken musste, heißt seine Lebensgeschichte „Der Junge im Schrank“.

Der renommierte Antisemitismus-Forscher Prof. Dr. Wolfgang Benz hatte nach der Lektüre des Buches „Der Junge im Schrank“ den Autor und Zeitzeugen Senek Rosenblum dazu eingeladen, vor einem Publikum über seine Lebensgeschichte zu sprechen. Dafür reiste der Autor am 20. Januar 2011 nach Berlin. Seine überhaupt erste Lesereise führte ihn somit in das Brecht-Haus, wo Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung der Technischen Universität Berlin, regelmäßig Zeitzeugen bittet, ihre Lebenszeugnisse vorzustellen. Seit 2003 waren dies vor allem Menschen, die während der NS-Zeit Verfolgung, Widerstand und Exil durchlitten haben – darunter der Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész, der ehemalige polnische Außenminister Wladislaw Bartoszewski und die Sängerin Marianne Rosenberg.

„Mein Vater war für mein Überleben der entscheidende Faktor“
Noch bevor er sich mit Professor Benz unterhielt, stellte sich Senek Rosenblum zunächst den Fragen von Deutschlandradio-Kultur. Beispielsweise der, warum er seine Jugendbiographie erst mit siebzig Jahren aufschrieb. „Als ich Ende der 1950er Jahre erwachsen wurde, begann ich bereits, über das, was da passiert ist, nachzudenken“, berichtete Rosenblum. Am deutlichsten habe er sich an die „pure Gewalt“ erinnert, an die „Brachialszenen“, die er durchleiden musste. Doch dann sei es schwierig geworden: Sein Vater, der gewiefte Kaufmann, Schmuggler, Draufgänger und Frauenheld, sei in seiner Vielschichtigkeit im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich gewesen. „Er hatte seine guten und seine Schattenseiten. Aber alle Facetten seines Charakters waren für mein Überleben entscheidend. Er war ein rechter Lebensangeber!“

Rosenblum beschrieb die qualvollen Lebensumstände in der kleinen Wohnung, in der er versteckt wurde. Die Wohnung gehörte Irka, der Tochter seiner polnischen Geliebten. „Elf Monate saß ich den größten Teil des Tages in diesem Schrank und kam nur raus, wenn jemand in der Wohnung war. Irka war streng religiös, und ihr Mann war ein Säufer.“ Und wie kommt ein siebenjähriges Kind mit dieser Situation geistig zurecht? „Man baut sich seine eigene Welt auf.“ Dann schilderte der Autor, wie er sich allein in dem Zimmer beschäftigte und wie er fast von deutschen Nachbarn enttarnt wurde, weil er arglos mit einem Taschenspiegel spielte. Neben der Not – auch die Polen hungerten und froren – litt Irka zunehmend an der psychischen Doppelbelastung. Als sie 1944 nachts einen Nervenzusammenbruch erlitt und sich aus dem Fenster stürzen wollte, hielt Senek sie laut schreiend am Nachthemdzipfel fest. Instinktiv spürte er: „Wenn die da springt, bin ich auch erledigt!“ Leider wussten nun auch die Nachbarn, dass im Haus ein Kind versteckt war.

„Ich fange an zu betteln, ich fange an zu klauen“
Seneks Vater musste ein neues Versteck für seinen Sohn suchen und fand eine Bauernfamilie, die den Jungen gegen Bezahlung und Mitarbeit auf dem Hof aufnahm. Doch Seneks Beine waren durch das Hocken im Schrank so schwach und verkrüppelt, dass der Vater ihm das Gehen wieder beibringen musste. „Ich habe gehungert. Er saß er ein paar Meter von mir entfernt und lockte: ‚Wenn Du das Stück Brot haben willst, musst zu mir kommen‘. Er setze mich auch vor einen kläffenden Hund, der mich gebissen hätte, wenn ich nicht weggelaufen wäre. Das war die Brachialtherapie meines Vaters.“ Auf dem Hof lernte Senek auch reiten – damit konnte er kleinere Aufgaben übernehmen wie Kühe hüten oder Pferde tränken. Als er einmal vom Pferd aus rechtzeitig deutsche Soldaten auf der Chaussee erspähte, war er bei dem Bauern wohlgelitten. „Sonntags hieß es: ‚Senek, rauf aufs Pferd und schau nach den Deutschen!‘“ Ab Sommer 1944 konnte Senek nicht mehr bei dem Bauern bleiben, er siedelte um zu einer Frau, bei der er bis Kriegsende Unterschlupf fand, und überlebte die harte Zeit nur durch Betteln und Stehlen. „Ohne etwas in den Händen durfte ich nicht nach Hause kommen. Ich wurde zum kleinen Meisterdieb, denn mit acht Jahren versorgte ich die Frau und ihre vierjährige Tochter.“

Von allen Menschen, die Senek Rosenblum als Kind kannte, überlebten nur sein Vater und ein Onkel. Wie er heute damit umgeht, dass er das Warschauer Ghetto überlebt hat, während so viele andere Kinder sterben mussten? „Diese Frage ist tief in mir verankert, und ich frage mich immer wieder, warum all die besonderen, talentierten Kinder sterben mussten, während ich, der im Prinzip keine ordentliche Schulbildung genossen hat, überleben durfte.“



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