Originaltitel: In der Stille ein Klang (AT)
Originalausgabe
Taschenbuch, Klappenbroschur,
240 Seiten,
11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-630-62077-0
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empfohlener Verkaufspreis
Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Erscheinungstermin:
5. Oktober 2005
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In der Stille ein Klang
Wie das klingt. Wenn einer dir gegenübersteht, der dir sagt, du sollst gehen. Ganz still wird es dann. Du lauschst auf den Nachhall, der nicht kommt. Der ausbleibt im nachschwingenden Schweigen. Ein Schweigen, das dröhnt, möchte man meinen. Das die Töne freisetzt, die in dir sind. Sind vielleicht Worte, die Töne. Die gesagt werden müssten. Die du anbieten solltest, wie du weißt, zur Erwiderung. Du aber drehst sie nur in dir, die Worte, und legst sie beiseite, während du starr stehend horchst. Dich wunderst. Über das Getöse der Stille.
Dass er dort steht. Immer noch steht er schweigend anderswo, obwohl er längst in seiner Wohnung sitzt. In seiner Küche, an dem Tisch, vor der Tasse, die leer ist. Sitzend steht er da und denkt an Reisen. Über die man sagt: die Seele kommt nach. Denn Seelen, heißt es, laufen zu Fuß. Kann aber sein, dass die Seele feststeckt, denkt er. Dass sie eingefroren ist im Moment danach. Dass eine Stille von solcher Heftigkeit Seelen verschreckt. Weswegen sie starr bleiben, still stehen, nicht loslaufen, wie sie sollten.
Lächerlich findet er sich. Sich so denken zu hören. Und doch ist er froh, dass er denkt, immerhin. Dass wieder Sätze lautstark seine Gedanken durchkreuzen. Denn Stille, begreift er, gänzliche Stille ist erst dann möglich, wenn man aufhört zu denken. Eine Stille, die auffrisst, ist das, so denkt er. Ein Lärm. Lautlos wollten sie sein. Die Tür, sagten sie, müsse schweigen. Die Tür. Über den Klang des Motors war man sich vorher einig geworden. Noch in Deutschland hatten sie festgelegt, dass er grollen sollte. Ein aufbrausendes Donnern zu sommerlicher Nacht. »Markig«, hatte der Oberste von allen es genannt und dabei seine Arme in die Luft gestoßen. Und: »Männlich«, immer wieder. Der Sound sollte im Sub-Bereich liegen. »Sound« war ein Wort, das sie gerne benutzten. Er verwendete es nie. Basslastige Klänge wollten sie haben, so tief, dass sie aus der Erdkruste zu brechen schienen. Die Hosenbeine sollten den Konsumenten später flattern. Ein sinnliches, ein erotisches Erlebnis. »Da muss einem einer abgehen«, hatte der Oberste gerufen.
Er verstand, was sie wollten. Und wusste schon, welche Kämpfe ihm blühten. Mit den Ingenieuren, die stolz waren auf das leise Surren, das sie in feinfühliger Arbeit erreicht hatten. Ein lautloser Motor, sacht wie das Vorüberschwirren eines Kolibris. Er würde ihre Arbeit zerstören. Hier ging es um einen Geländewagen. Einen Bezwinger. Der konnte nicht leise daherrollen. Röhren würde er müssen, mit der ungezügelten Kraft eines brünftigen Hirsches. »Brünftig!«, hatte der Oberste gedröhnt und ihm auf die Schulterblätter geschlagen, »brünftig! Wir verstehen uns, mein Sohn.«
Auch die Innenausstattung hatten sie besprochen. Das leichte Klacken beim Aktivieren der Lenkradsperre. Das pulsierende Pochen des Blinkers. Das beruhigend nachstreifende Ticken der Scheibenwischer, von innen vernommen. Das vollmundige Vibrato zurückschnalzender Metallfedern. Ein nahezu unmerkliches Rauschen, das anschwillt zur Senkung des Fußes auf dem Gaspedal. Ein leises Interieur, das Raum lässt für das Herzstück: den Motor, der von innen geheimnisvoller zu klingen hatte als von außen. Niemals durfte er aufheulen. Lust musste hörbar werden, in gezügelter, verschleierter Form. Das Fauchen im Käfig kurz vor dem Ausbruch. Der Oberste formulierte es anders: »Keine blanken Titten.« Er verstand. Und legte dem Obersten dessen Worte in den Mund. Er suche den durchsichtigen Stoff, der nichts zeige, aber alles erahnen ließe. Der Oberste nickte begeistert: »Ich will die Fahrer sabbern sehen.«
Über die Handbremse gerieten sie in einen Wortwechsel. Sie hatten sich anderes vorgestellt als er, wollten ein feines Ratschen, im Einklang mit den gedämpften Lauten des Wageninneren. Er empfahl ein Aufbocken, harsch, fast schon ein Krachen. Die Handbremse markiere einen Schlusspunkt, setzte er ihnen auseinander. Sie zeige Entschlussfreudigkeit und verkünde das Erreichen des Ziels, da sie zumeist nur zum Parken genutzt werde, wie neuere Statistiken bewiesen. Sie ließen sich überzeugen. Sie wussten um seinen Wert. Kannten die Summe, mit der sie ihn abgeworben hatten vom Konkurrenten.
Über die Tür hatten sie nicht gesprochen. Wie ihm das unterlaufen hatte können, ist ihm jetzt ein Rätsel.
Die Tasse hat er mit heißem Wasser gefüllt, das ausgekühlt ist unter seinen Gedankengängen. Noch immer sieht er sich dem Obersten gegenüberstehen. Mit der linken Hand wischt er über die Tischplatte, tastet abwesend nach Brotkrümeln, die dort nicht sind. Zu lange war er nicht mehr in dieser deutschen Wohnung. Er hatte sie nur behalten, weil Hannah es wollte.
Im Rücken fühlt er die Kälte. Sie breitet sich aus hinter Fensterglas. Der kalte Dezemberwind im Innenhof. Die Bäume trostlos abgenagt. Die Schaukel haben sie heruntergenommen, das abgestorbene Blumenbeet mit dicken Tannenzweigen belegt. Wer, fragt er sich flüchtig, macht so was.
Er trat aus dem Flugzeug in die Hitze hinaus. Stand oben auf der Treppe, die sie herangerollt hatten, und musste lachen. Mit den Händen griff er nach dem warmen metallenen Geländer. Hinter ihm schob sich die Stewardess näher, die ihm während des Flugs die Getränke gereicht hatte, das Tablett über seinen Schoß gezogen, ihm das Kissen zurechtgezupft hatte unter dem Kopf. Er drehte sich nicht zu ihr um und ließ mit dem rechten Ringfinger den Ehering auf dem Geländer aufschlagen. Fast glaubte er hören zu können, wie sie zusammenzuckte bei dem Geräusch. Wie sie ihr Kinn in die Höhe reckte und sich zurückzog in die Nische vor dem Cockpit.
Der erste Schritt in die arabische Welt. Sehr spät erst hatten sie es ihm gesagt. Der Prototyp sollte in Dubai gebaut werden. Das Werk dort war, so glaubten sie, besser abgeschirmt. Die Spezialisten alle vor Ort. Die Umgebung für Testfahrten ideal: die Wüste, die Berge. Die mit spitzem Splitt besäten, ausgetrockneten Flussbetten, Wadis genannt. Die Felsschluchten, die das Wasser speichern, the pools. Seit Monaten arbeiteten sie dort bereits, in höchste Geheimhaltung verkapselt. Von Wüstensmog hatte er gelesen, als er begonnen hatte, sich über das Land zu informieren. Heiße, trockene Winde wirbeln über die faltige Sandebene, tragen Böen aus feinsten Körnern mit sich, mikroskopische Spuren von Sand, submikroskopische, die sich verdichten zu einem alles verschwemmenden Nebel. Als Dunst legt er sich über die Stadt, beißt sich in die Atemwege der Einwohner, in die Nase, den Mund, die Augenwinkel, sperrt ihr Leben in die waghalsigen Glasbauten, die hier aus dem Boden schießen wie nirgendwo sonst. Diese Gebäude, die er noch nicht sehen konnte, hier, auf der Flugzeugtreppe stehend. Die er glaubte erahnen zu können, hinter dem weiten Flughafenfeld, das sich unter ihm ausbreitete, hin zu den flachgestreckten Terminals am Rand der unzähligen Parkpositionen. Er wollte nicht absteigen, wollte diesen Moment noch hinauszögern, einen winzigen, kostbaren Augenblick lang. Er betrachtete den Himmel, der blau war und klar, und stellte sich vor, wie es sein würde: Erstmals die Gebäude sehen. Die verspiegelten Fassaden, die wilden architektonischen Bauten, Traumgeburten der Konstrukteure. Das Sieben-Sterne-Hotel, Burj al-Arab, viel beschrien, das ihm entgegengeflimmert war aus jedem Reisejournal, das er und Hannah sich angesehen hatten in den letzten Tagen. Die Wüste. Die Weite, die er sich dort versprach. Die Stille. Der Wüstensmog, auf den er neugierig war, weil er ihm Sinnbild zu sein schien für die Arbeitsbedingungen, denen er sich unterzuordnen hatte in den nächsten Monaten. Dem Steward, der ihn ansprach, der wissen wollte, ob alles in Ordnung sei, Sir, lächelte er zu. Nickte und stieg abwärts.
Immer hört er etwas. Die Wohnung müsste still sein, denkt er. Ohne Hannah. Die Kinder. Ist sie aber nicht. Gerade hat sich der Kühlschrank abgeschaltet. Das hohe Surren ist verstummt, der Ton, der immer da ist. Stattdessen hört er die Schritte der Bewohner über ihm. Sie müssen Gäste zu Besuch haben, denn sonst waren sie nie so lautstark, liefen nicht hin und her mit diesem schweren Tritt. Manchmal machten sie mitten in der Nacht die Waschmaschine an. Mit Hannah hatte er oft darüber gestritten. Er wollte nach oben gehen, sich die nächtliche Ruhestörung verbitten. Sie aber war froh um das Geratter, konnte sie doch im Gegenzug die Wäsche der Kinder waschen, wann immer sie wollte. Oft hatte sie es nach Mitternacht getan und war dann zu müde gewesen, um auf den letzten Schleudergang zu warten. Die Wäsche blieb feucht verknäult in der Trommel liegen, meist bis zum nächsten Abend. Manchmal nahm er sich vor, früher aufzustehen als sie und sie mit der aufgehängten Wäsche zu überraschen. Er vergaß es jedes Mal.
Wie lange er schon hier sitzt, weiß er nicht. Hunger müsste er haben, glaubt er. Aber es fällt ihm nichts ein, das er essen möchte. Auf dem Regal in der Ecke des schmalen Raums stapeln sich Dosen. Sie hatten sie zurückgelassen, damals, als Gruß an die Zukunft. Wir werden hungrig sein, wenn wir nach Hause kommen werden. Mitten in der Nacht werden wir dann über das dunkle Rollfeld fahren, werden unsere reisemüden Körper in ein Taxi stopfen, Behmstraße bitte, werden wir sagen, und das Gesagte buchstabieren müssen, wie immer, und hinzufügen: Ostteil, jenseits der Brücke. Was werden wir essen wollen, dann. Worauf werden die Kinder Appetit haben. Gezuckerte Pfirsiche. Linsensuppe mit Speck. Ravioli in Tomatensoße.
Mit allem hatten sie gerechnet, nicht aber damit, dass sie nie gemeinsam eintreffen würden, monatelang nicht. Und dass er zurückkehren würde, allein.
Ein Apartment in Jumeirah hatten sie ihm besorgt. Ein freundlicher Stadtteil. Der Jumeirah Beach Park in der Nähe, mit Grünanlagen am bewachten Strand. Eine Shopping Mall um die Ecke. Eine Residenz von Sheikh Ahmed in der Nachbarschaft. Die Wohnung groß, leer, unpersönlich noch. Ein wenig teuer sei sie, so sagten sie ihm, aber, da lächelten sie, von seinem Gehalt werde er sich das schon leisten können. Zwang gäbe es keinen, er könne wohnen, wo er wolle. Sicher werde er sich aber zunächst auf seine Arbeit konzentrieren wollen.
Das Werk befand sich am Stadtrand. Der ihn hinfuhr, hieß Faisal. Brite sei er, betonte der, wenn auch einer mit indischen Gesichtszügen. I grew up in Oxford. Er nickte und blieb stumm. Palmen zogen unter seinem Schweigen vor dem Fensterglas vorüber, mit weit aufgefächerten, angetrockneten Kronen und schlank verschuppten Stämmen. Straßenarbeiter schwitzten in grünfarbenen Overalls. Ein Mann mit weißem T-Shirt und schwarzweiß kariertem Rock bewässerte die Einfahrt einer Moschee. Hellbraun war die Farbe der Häuser. Ocker, beige, sandfarben. Bleich hätte das alles auf ihn gewirkt, wäre der Himmel nicht gewesen. Und die Autos. In allen Farben schillerten sie, vor ihm, hinter ihm, neben ihm auf den vielspurigen staubigen Straßenzügen. Neueste Modelle, die er eben noch auf der Messe bestaunt hatte, im jetzt schon fernen Deutschland. Geländewagen aller führenden Marken. Der Cayenne. Der Tuareg. Toyota, immer wieder. Faisal betrachtete ihn von der Seite. »This is where the oil is«, sagte er.
Die Fledermäuse in der Toskana. Wie alt er damals gewesen sein mag. Zehn, elf Jahre vielleicht. Die Eltern hatten ein Haus in den Hügeln gemietet. Es lag an einem Abhang und grenzte an den Kirschgarten des Nachbargrundstücks. In der Dämmerung war er mit dem Freund, den er in den Urlaub hatte mitnehmen dürfen, über den Zaun geklettert. Sie hatten die verknorpelten Bäume erklommen, die so viel zierlicher waren als die, die er von zu Hause her kannte. Hatten sich die dunklen, prallen Früchte in die Münder gesteckt und den herunterrinnenden Saft am Kinn des anderen bekichert. Als die Hunde kamen, sprangen sie und rannten. Sie stürzten den Abhang hinauf, hin zu der warmen, aufgeheizten Hausmauer, wo sie sich erschöpft ins Gras fallen ließen und begannen, die aufglimmenden Glühwürmchen in der Dunkelheit zu zählen. Später aßen sie mit den Eltern am groben Holztisch auf der Veranda zu Abend. Es gab Mozzarella mit duftenden Strauchtomaten, eine Seltenheit damals noch, frisch gepflückten Basilikum, zerrupften Salbei auf Nudeln mit hauchdünn abgeschälten Parmesanscheiben. Er weiß noch, dass er gerade verlangend seine Hand nach dem Rotweinglas des Vaters ausstreckte, als das Geräusch kam. Er kann es nicht benennen, noch heute findet er kein Wort für den Klang. Damals dachte er an eine Mineralwasserflasche. Überdruck unter undicht verschraubtem Verschluss. Also suchte er die Flasche, aber da war keine, unter dem Tisch nicht, nicht auf dem niedrigen Sims der Mauer, nicht auf dem Fensterbrett. Auf der Tischplatte standen Wasser und Wein in tönerne Krüge gefüllt. Gespenster höre er wohl, lachten die Eltern, der Freund. Dann kamen die Fledermäuse. Das Geräusch schwoll an, es schrillte ihm in den Ohren, während die flattrigen schwarzen Schatten im eckigen Flug durch die Luft stachen. Der Vater verscheuchte die Insektenfresser mit wirbelnder Serviette, zündete sich dann eine Zigarette an, genüsslich, zur Abschreckung, wie er sagte.
Durch den aufsteigenden Qualm sahen sie ihn an und erklärten ihm seine Einbildung. Die Fledermäuse sendeten Ultraschall, der sich an im Weg befindlichen Gegenständen breche. Absolut ausgeschlossen sei es, dass er davon etwas vernommen habe. Die Töne seien zu hoch, nicht wahrnehmbar für das menschliche Ohr. Es sei denn, da lachten sie wieder, ihm schwimme Vampirblut in den Adern und er selbst sei das Nachttier.
Hannah und die Kinder kamen spät. Zwei Wochen waren vereinbart gewesen, sie aber brauchte zwei Monate. Das Packen hätte so viel Zeit in Anspruch genommen, sagte sie, die Verschiffung der Möbel, der Abschied. Sie stand an der Schiebetür des Flughafens, blinzelte unschlüssig hinaus in das Sonnenlicht. Die Kleine hatte sie auf dem Arm, den Größeren an der Hand. Alle drei trugen sie Winterkleidung. Wie ist es hier, wollte sie wissen.
Was sollte er sagen. Er hätte erzählen können von den Souks. Nächtliche Märkte, auf denen man um Weihrauch und Myrrhe feilschen konnte, um Gold, um Elektrogeräte. Vom Meeresarm hätte er reden können, dem Dubai Creek Al-Khor, der ins Landesinnere griff, um die Stadt in zwei Hälften zu spalten. Abends konnte man dort sitzen, umringt von ausgehungerten Katzen, einem Kabinett entstellter, humpelnder Kreaturen, die mit leer geschabten Augenhöhlen nach jeder abgenagten Gräte fauchten, die man unter den Restauranttisch fallen ließ. Die unzähligen Einkaufscenter hätte er erwähnen können, deren glitzernder Überschwang ihn gelähmt hatte in den ersten Wochen. Die Dhau-Werft, die er an seinem ersten freien Tag besucht hatte. Aus massigen Teakholzstämmen fertigten sie dort die arabischen Lastkähne, die sich von Wind und Salzluft zerbissen in den Buchten des Creek aneinander drängten. Der Shindagha-Tunnel, der den wenigen Fußgängern einen verkachelten Schlauchweg unter das Flussbett grub. Das Gedränge auf den abendlichen Straßen, im Windschatten der verspiegelten Glasbauten. Der Gestank. Die Paläste. Die elfenbeinweißen Moschee-Kuppeln mit den aufgespießten Mondsicheln. Der allgegenwärtige Ruf des Muezzin. Davon aber, das wusste er, würde Hannah nichts hören wollen. Nach Reiseführer würde es ihr klingen. Sie wollte anderes wissen. Wie geht es dir. Was tust du. Wie sind sie. Zu dir. Die immergleichen Fragen, schon am Telefon. Er hätte also über sich reden müssen. Über sein Erstaunen beim morgendlichen Aufwachen. Über das Gefühl von Freiheit. Über die Neugier, mit der er den Tag begann. Er sah sie an, während er lächelte, sich sagen hörte: »Wart nur ab!« Sah sie an, während er sie zum Auto führte. Sah sie nicht an, als ihm beim Einräumen der Koffer einfiel, dass er ihr die Kinder nicht abgenommen hatte, dass er sie, er wusste es nicht mehr, vielleicht nicht einmal in den Arm genommen hatte zur Begrüßung.
Wie es hier ist. Wäre er ehrlich gewesen, er hätte ihr antworten müssen: es ist so, dass ich mir nicht vorstellen kann, mit euch hier zu sein. Wie ich euch in dieses Leben einfügen soll, jetzt noch, dich, die Kinder, das weiß ich nicht. Und kann es mir nicht vorstellen. Beim besten Willen.
Ein Ritterschlag war die erste Party gewesen, ein Initiationsritus. Fünf Wochen hatten sie ihn zappeln lassen. Tagsüber hatten sie ihn beäugt. Geprüft. Wenn er morgens die Büroräume betrat, wurden sie still. Förmlich streckten sie ihm Hände entgegen, Kaffeetassen, erkundigten sich höflich nach dem Stand seiner Arbeit. Ob er mit den Ingenieuren zurechtkäme. Verstünden die, was er wollte. Akzeptierten sie ihn. Ja, antwortete er. Jaja.
Jung waren sie. Eine jung-dynamisch durchwirkte Führungsebene. Sieben Jahre, so wusste er, war es her, dass den Obersten der Gedanke an den Mittleren Osten nicht losgelassen hatte. Eine Zweigstelle in Middle East. Ein Werk dort. Wir sind überall. Das Öl-Geld der Sheikhs muss fließen. In unsere Taschen, unsere Häuser, unsere Firma. United Arabic Emirates, U.A.E., und wir mittendrin. Orientalische Lockrufe umschwirrten den Obersten, der daraufhin nicht mehr hatte schlafen können. Abu Dhabi. Sharjah. Das Öl. Das Geld. Die Sheikhs. Das Ölgold. Dubai. Vielleicht war es ein Experiment gewesen. Vielleicht hatte er geglaubt, nichts verlieren zu können. Anfang dreißig müssen die drei gewesen sein, als sie die Chance erhielten. Sie setzten auf an dem ausfransenden Stadtrand Dubais. Blickten sich um. Schüttelten sich Reiseluft und Wüstenstaub von der Kleidung. Ließen den vermitteln, der, muttermilchig sozusagen, die Sprache beherrschte. Und schufen binnen kürzester Zeit ihr eigenes kleines Wirtschaftswunder. Eine wahr gewordene Fata Morgana, wie der glückstrunkene Oberste nicht müde wurde, auf Betriebsfesten zu beteuern, eine Oase. Die Zweigstelle so erfolgreich wie die Mutterfirma. Ein unabhängiges Werk. Eine scheinbar krisenfeste Dependance. Die drei auf den Spitzensprossen der Karriereleiter. Als Dubai-Directors wurden sie bezeichnet, bewundernd, und, hinter vorgehaltener Hand, als Rat-Pack.
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