© Claudio Sforza
Axel Bussmer, Herausgeber der Alligatorpapiere, hatte anlässlich eines kurzen Deutschlandbesuchs von Jack Ketchum Gelegenheit zu einem Interview:
Axel Bussmer: Für viele bist du ein Horrorschriftsteller. Aber für mich sind „Blutrot“ und „Amoklauf“ gute Kriminalromane. Wie würdest du die verschiedenen Genres Horror, Krimi und Thriller voneinander abgrenzen?
Jack Ketchum: Alle meine Bücher haben ein Horrorelement, das mal stärker, mal weniger stark betont wird. Aber wie mein Freund (und selbst ein guter Autor) Douglas E. Winter sagt: „Horror ist eine Emotion, kein Genre.“ Das trifft sicher auf die Gefühle des alten Mannes in „Blutrot“ zu, wenn sein Hund vor seinen Augen erschossen wird. Oder wenn in „Amokjagd“ meine beiden zur Mitfahrt gezwungenen Passagiere die willkürlichen Morde von Wayne beobachten müssen. Ich habe kein Problem damit, als Horrorautor bezeichnet zu werden, aber ich glaube nicht, dass das Schubladendenken in Genres sehr hilfreich ist. Ich denke, das ist etwas, das uns Verleger und Händler vorgeben – sie versuchen damit, die Leserschaft einfacher bewerben zu können. Wenn ich gezwungen werde, dann sage ich, dass ich meistens Horror- und Spannungsliteratur schreibe. Aber auch schwarze Komödien. In meinem Werk ist alles Mögliche enthalten.
In diesen Büchern gibt es großartige Eröffnungen, einprägsame Charaktere und eine gute Geschichte mit einem befriedigenden Ende. Aber was ist zuerst da: die Geschichte, das Thema oder die Charaktere?
Ich denke, das Thema; also das, was ich sagen will. Dann auf jeden Fall die Charaktere. Ich würde nie anfangen zu schreiben, bevor ich meine Charaktere vor mir sehe, denn ich denke, dass jedes gute Buch vor allem von menschlichen Anliegen und Problemen handelt. Der Plot – also der Weg, auf dem meine Figuren ihr Ziel erreichen – ist für mich am unwichtigsten.
Wie schreibst du deine Geschichten?
Ich mache keine Outlines und Pläne mehr, ich finde sie einfach zu einschränkend. Ich arbeite mit drei Pinnwänden, auf denen ich Notizen über Setting, Geschichte, Charaktere und so weiter befestige. Wenn nötig arrangiere ich die Zettel um. Vor dem Schreiben habe ich eine grobe Idee von meinem Ziel, dem Thema und den Charakteren, aber wenn ich mit dem Schreiben beginne, versuche ich, die Charaktere an einer ziemlich langen Leine zu halten. Sie sollen ihre eigenen Entscheidungen fällen. Genau wie im richtigen Leben. Da improvisiere ich dann viel. Wenn ich neue Szenen schreibe, tendiere ich dazu, nach ungefähr vier Stunden todmüde zu sein. Bereits Geschriebenes überarbeiten kann ich dagegen bis zu sieben Stunden am Stück.
In deiner Bibliographie gibt es neben den Romanen auch viele Kurzgeschichten. Was ist für dich der Unterschied zwischen diesen Literaturformen?
Der Unterschied ist im Wesentlichen der zwischen der Ehe und einem One-Night-Stand. Das Schöne beim Schreiben eines Romans ist, dass du für mindestens mehrere Monate weißt, was du jeden Tag zu tun hast. Und es macht sehr viel Spaß, zu einer Gruppe alter Bekannter zurückzukehren und sie in neuen Situationen vorzufinden. Der Vorteil bei Kurzgeschichten ist, dass du in wenigen Tagen fertig bist. Ich denke, die beiden Formen schaffen untereinander einen schönen Ausgleich.
Du hast außerdem einige Drehbücher geschrieben. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?
Ich habe viel Lehrgeld bezahlt, bis ich herausgefunden habe, dass man bei einem Drehbuch mit viel mehr Ungenauigkeiten verzeiht als in einem Roman. Die Tatsache, dass ein Film normalerweise nur zwei Stunden dauert, bedeutet, dass dir einige Ungereimtheiten, Plotlöcher und sogar widersprüchliche Charaktereigenschaften beim Sehen überhaupt nicht auffallen. Ich rede jetzt nicht von „Plotlöchern, durch die ein Truck passt“. Aber auf die Kleinigkeiten kommt es an. „Old Flames“ zum Beispiel begann als Drehbuch – eines, das ich damals teilweise nicht mochte, weil es mir überflüssig erschien. Außerdem mochte es niemand sonst. Also legte ich es für einige Jahre zur Seite. Dann erhielt ich die Möglichkeit, eine Prosaversion zu schreiben. Ich entfernte das überflüssige Material und schrieb eine neue Fassung, die mir gefiel. Beim Schreiben fand ich dann einige störende Ungenauigkeiten und Unterlassungssünden und beseitigte sie. Danach schrieb ich das Drehbuch neu und fügte diese Änderungen ein. Es ist jetzt viel besser. Chris Siverston, der Regisseur von „The Lost“, hat es sich sofort geschnappt.
Es gibt noch weitere Unterschiede, die, obwohl ich gerne Drehbücher schreibe, für mich das Schreiben von Prosa befriedigender machen. In einem Film arbeitest du wirklich nur mit zwei Sinnen: Sehen und Hören - obwohl du die anderen andeuten kannst. In Prosa kannst du sie direkt ansprechen. In Filmen kannst du nur die Oberfläche der Gefühle eines Charakters zeigen. Du kannst nicht wirklich so tief in das Bewusstsein von jemandem einsteigen wie in einem Roman. Der Vorteil ist, dass ein Drehbuch viel schneller als ein Roman oder eine Novelle geschrieben ist.
Vor allem “Blutrot” hat eindeutig eine moralische Botschaft. Wie behandelst du moralische Fragen und Themen in deinen Büchern?
Ich interessiere mich dafür, wie wir miteinander umgehen – im Fall von „Blutrot“ und einigen anderen Geschichten habe ich auch Tiere einbezogen. Als Schriftsteller hast du im Rahmen von guten, unterhaltsamen Geschichten die einzigartige Möglichkeit, vor einem ziemlich großen Publikum deine Sorgen zu thematisieren und deinen Interessen nachzugehen, ohne dabei zu predigen.
Ich beginne oft mit etwas, das mich wütend macht. Kindesmissbrauch, Missbrauch von Tieren, Vergewaltigung, Soziopathie im Allgemeinen. All diese und noch einige andere Sachen stinken mir. Also schreibe ich darüber. Nicht nur um meinen Ärger und meine Wut zu zeigen, sondern um diese Sachen hoffentlich auch ein wenig zu erforschen; sie ein wenig zu verstehen; und um einige unserer Reaktionen, wenn wir mit ihnen konfrontiert werden, zu begreifen.
Ein Jack-Ketchum-Interview kann unmöglich beendet werden, ohne eine Frage nach der Gewalt in deinen Büchern zu stellen. Inwiefern reflektiert sie die amerikanische Kultur? Oder: Welchen Bezug haben deine Figuren zur Gewalt?
Es gibt Gewalt. So einfach ist das. Und offensichtlich nicht nur in der amerikanischen Kultur, sondern überall. Sollen wir über Josef Fritzl reden? Selbstverständlich kenne ich die Gewalt vor meiner Haustür, in den guten alten USA, am besten. Deshalb schreibe ich vor allem darüber. Aber in „Cover“ schreibe ich über einen Überlebenden des Vietnamkrieges und die Gewalt dort. In „Closing Time“ ist der weltweite Terrorismus der Hintergrund.
Ich hatte nie ein Problem mit Gewalt in Büchern, Filmen oder dem Fernsehen. Im Gegenteil; ich denke, es ist vielleicht heilsam, da die Medien ein sicherer Ort sind, an dem du dich auf die schlimmsten Dinge, die dir vielleicht zustoßen, vorbereiten kannst. In meiner eigenen Arbeit lehne ich grundlose Gewalt ab. Du sollst an sie glauben und Angst um die Menschen in Gefahr haben. Pappkameraden und Cartoongewalt langweilen mich zu Tode. Aus dem gleichen Grund langweilen mich Silikonbrüste. Ich tendiere dann zum Vorspulen.
Bist du in Minute 01:28 der Gerichtsmediziner in dem Trailer zur neuesten Jack-Ketchum-Verfilmung “Offspring”?
Ja. Du kannst mich außerdem hier sehen.
Würdest du fünf Bücher für den nächsten Urlaub empfehlen?
Gerne!
Charlie Huston, Killing Game
Duane Louis, Blondes Gift
James Lee Burke, Pegasus Descending
Jim Harrison, The English Major
Stewart O’Nan, Das Glück der anderen
Ted Kerasote, Merle’s Door.
Jetzt habe ich dir sogar ein Sixpack gegeben.
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten!
Alex Bussmers Alligatorpapiere sind DIE Informationsquelle zur Kriminalliteratur im Internet. Freunde spannender Unterhaltung werden außerdem auf seinem Blog Kriminalakte voll auf ihre Kosten kommen.
Verfilmungen von Jack Ketchums Romanen:
Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005, Regie/Drehbuch: Chris Sivertson)
Jack Ketchum’s Evil (The Girl Next Door, USA 2007, Regie: Gregory Wilson, Drehbuch: Daniel Farrands, Philip Nutman) – basiert auf Evil
Red (Red, USA 2008, Regie: Trygve Allister Diesen, Lucky McKee, Drehbuch: Stephen Susco) – basiert auf Blutrot
Offspring (USA 2010, Regie: Andrew van den Houten, Drehbuch: Jack Ketchum – derzeit Postproduktion) – basiert auf Beutegier