John Niven

© Matthew Donaldson

John Niven - Interview

Q: In Ihrem ersten Roman Kill Your Friends, einer grandiosen und bitterbösen Satire auf das Musikbusiness, haben Sie Ihre eigenen Erlebnisse als A&R-Manager bei einer Plattenfirma verarbeitet. In Coma scheint es nur um das ganz normale Leben in einer schottischen Kleinstadt zu gehen: Sind Sie jetzt ins Familienfach gewechselt?

A: Nach Kill Your Friends habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, etwas Leichteres zu schreiben. Ich habe mir dieses Buch immer als ein Stück von einem Garnknäuel vorgestellt, eine Familiengeschichte, die sich entrollt. Komisch, ich hatte die Idee zu Coma, bevor ich Kill Your Friends schrieb, aber ich wusste von vornherein, dass Coma vom Plot und den vielfältigen Charakteren her ein viel komplizierterer Roman war als Kill Your Friends, deshalb wollte ich diesem Projekt ein wenig Zeit geben, bevor ich es in Angriff nahm. Was meinen Sie eigentlich mit „nur um das normale Leben“ und „Familienfach“ – wollen Sie damit sagen, das Thema sei banal? Oder einfach nicht vom Richtigen behandelt? John Updikes Romane beispielsweise haben weitestgehend „nur“ mit diesem Thema zu tun. Nicht, dass ich mich vergleichen wollte...


Q: Sie leben als Schriftsteller in Buckinghamshire in England und haben der Musikindustrie längst den Rücken gekehrt, sogar schon bevor Sie Kill Your Friends geschrieben haben. Fehlt Ihnen eigentlich der Druck, die Energie und der Wahnsinn aus Ihrem alten Leben? Und welche Vorteile hat das neue?

A: Die Vorteile sind enorm! Ich habe sehr früh, als ich mit meinen ersten Schreibversuchen begann, festgestellt, dass ich mit einem Kater nicht arbeiten kann. Mein Lebensstil aus der Zeit von Kill Your Friends bedeutete aber, dass ich sehr oft einen Kater hatte. Wordsworth hat einmal gesagt, Poesie sei „Gefühl, das man in der Stille sammelt“. Und man braucht die Stille, wirklich. Ich hatte genug Gefühle durchlebt, als ich das Musikbusiness verließ, deshalb: nein, ich vermisse den Druck und den Wahnsinn überhaupt nicht. I ch hoffe, dass sich jetzt die „Energie“ direkt auf die Seiten überträgt, die ich schreibe. Nabokov sagte so etwas wie, „bevor der Schriftsteller sich in seinen Elfenbeinturm zurückzieht, muss er sich der unvermeidlichen Herausforderung stellen, ein paar Elefanten zu töten“. Ich glaube, ich habe sozusagen genug Elefanten umgebracht, um mich für eine Weile bei der Arbeit zu halten.


Q: Mit der Hauptfigur von Kill Your Friends, dem geldgierigen und gewissenlosen Musikmanager Steven Stelfox, haben Sie einen absolut verabscheuungswürdigen Charakter gezeichnet – und mussten hinterher klarstellen, dass dieser keine autobiographischen Züge trägt. Haben Sie deshalb in Ihrem neuen Roman mit Gary einen untalentierten, anständigen und naiven Idioten zum Helden gemacht? Empfinden Sie Sympathie für ihn?

A: Gary ist – so hoffe ich zumindest – eher ein Naiver, als ein Idiot! In der zeitgenössischen Literatur gibt es nichts Schwierigeres, als einen sympathischen modernen Mann weißer Hautfarbe zu beschreiben. Es ist sehr leicht, die Stelfoxes zu schreiben, die widerlichen Ekelpakete. Die Bad Guys sind immer einfacher und machen mehr Spaß, alle Schriftsteller haben diese Erfahrung gemacht – seit Paradise Lost, als Milton viel mehr Spaß daran hatte, Satan zu beschreiben als Gott. Es ist wirklich schwierig, den anständigen, ehrlichen Mann zu beschreiben, für mich war das die erfrischende Herausforderung des Buches.


Q: Wie kommt es, dass es in Ihren Romanen, egal welch vertrackte und im Grunde todtraurige Lebenssituation Sie beschreiben, so komisch zugeht?

A: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Uns allen wird die Brille, durch die wir die Welt sehen, sehr früh in die Wiege gelegt, meine Brille tendierte immer schon in Richtung Komödie, jedoch eine dunkle Art der Komödie. Wobei ich sagen muss, dass das Buch, an dem ich gerade arbeite (eine Sammlung von Short Stories, die alle durch das Thema sexuelle Gewalt verbunden sind), so weit weg ist von der Komödie, wie man es sich nur denken kann...


Q: Golf spielt eine große Rolle in Coma. Gary ist schier besessen von dem Spiel – und es ist ein Golfball, der seinem Leben und der ganzen Story die entscheidende Wendung gibt, mit sehr komischen Nebeneffekten. Haben Sie recherchiert und sich eingelesen oder spielen Sie selbst Golf?

A: Ich bin tatsächlich – und in diesem Punkt habe ich wirklich eine Gemeinsamkeit mit John Updike – ein ebenso leidenschaftlicher wie hoffnungsloser Amateurgolfer. Ich habe Golf, wie auch Gary im Buch, von meinem Vater gelernt, als ich noch sehr jung war. Dann habe ich, als ich ungefähr zwanzig war, den Bezug dazu verloren, wie viele meiner Alterskollegen – und den Sport erst in meinen dreißiger Jahren wiederentdeckt. Neben der Liebe war es das Golfspielen, das mir in meinem Erwachsenenleben das größte Vergnügen und den größten Ärger verschafft hat.


Q: Golf hat bei uns, im deutschsprachigen Raum, aber auch in anderen europäischen Ländern, den Ruf, ein teurer und elitärer Sport zu sein. Wer Golf spielt, signalisiert damit auch seinen sozialen Status, bzw. setzt sich dem Verdacht aus, das zu tun. Ist das im angloamerikanischen Raum anders, lockerer?

A: Noch heute hat Golf im Süden Englands, wo ich lebe, den Ruf, ein elitärer, sehr bürgerlicher Sport zu sein. In Schottland dagegen, wo ich aufwuchs und Golf lernte, spielte einfach jeder Golf. Da gab es – und gibt es noch heute – viele große, öffentliche Plätze, wo man hingehen und für 15 Euro eine Runde Golf spielen kann. In vielen Ländern kostet es zwischen 50 und 100 Euro, auf einem guten Platz zu spielen – das heißt, in Schottland ist Golf viel eher eine Sache der Arbeiterklasse als anderswo. Dort, wo ich aufwuchs, war der Golfplatz direkt neben der Schule und im Sommer gingen wir einfach hin und spielten.

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