 |

Leseprobe aus
Band 5: Die Schule des Schreckens
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann
Kapitel 1
Wollte man der abscheulichsten Person auf Erden eine Goldmedaille überreichen, so käme dafür nur Carmelita Späts in Frage. Gabe man sie ihr nicht, so wäre Carmelita Späts genau die Sorte Mensch, die einem die Medaille sowieso aus der Hand reißt. Carmelita Späts war bösartig, sie war unverschämt und sie war dreckig, und es ist wirklich außerordentlich bedauerlich, dass ich sie dir überhaupt beschreiben muss, denn es gibt so schon genügend abscheuliche und bedrückende Dinge in dieser Geschichte, ohne eine so widerwärtige Person auch nur erwähnen zu müssen.
Erfreulicherweise sind aber die Baudelaire-Waisen die Helden dieser Geschichte und nicht die grässliche Carmelita Späts, und wenn man Violet, Klaus und Sunny Baudelaire eine Goldmedaille geben wollte, dann dafür, dass sie im Angesicht von Debakeln überlebten. »Debakel" bedeutet hier »Unglück«, und es gibt auf dieser Welt nur sehr wenige Menschen, die die Art von fürchterlichen Debakeln erlebt haben, wie sie die drei Kinder überall ereilten.
Ihr Unglück fing an, als sie eines Tages am Strand spielten und die niederschmetternde Nachricht erhielten, dass ihre Eltern in einem furchtbaren Feuer ums Leben gekommen waren. Daraufhin wurden sie bei einem entfernten Verwandten namens Graf Olaf untergebracht.
Wollte man diesem Graf Olaf eine Goldmedaille überreichen, dann müsste man sie vor der Verleihung irgendwo sicher wegschließen. Graf Olaf war nämlich ein so habgieriger und böser Mensch, dass er versucht hätte, die Medaille schon vor der Übergabe zu stehlen. Die Baudelaire-Waisen besaßen zwar keine Goldmedaille, aber ein gewaltiges Vermögen, das ihre Eltern ihnen hinterlassen hatten, und dieses Vermögen war es, das Graf Olaf an sich zu reißen gedachte. Die drei Geschwister überlebten ihren Aufenthalt bei Graf Olaf - aber nur mit knapper Not; und seitdem war Graf Olaf ihnen auf den Fersen, gewöhnlich in Begleitung von einem oder mehreren seiner finsteren und hässlichen Kumpane. Egal wer für die Baudelaires gerade sorgte, Graf Olaf war immer unmittelbar hinter ihnen und beging so üble Verbrechen, dass ich sie kaum alle aufzählen kann: Entführung, Mord, scheußliche Telefonanrufe, Verkleidungen, Gift, Hypnose und grauenhaftes Essen sind nur einige der Widerwärtigkeiten, die die Baudelaire-Waisen von seiner Hand zu erdulden hatten. Was noch schlimmer ist: Graf Olaf hatte die schlechte Angewohnheit, sich der Gefangennahme zu entziehen, so dass man sicher sein konnte, dass er immer wieder auftauchen würde. Es ist wirklich schrecklich, dass das fortwährend passierte, aber so war es nun einmal.
Ich sage dir, dass es so war, weil du gleich die Bekanntschaft der unverschämten, bösartigen und dreckigen Carmelita Späts machen wirst. Und wenn du es schon nicht aushalten kannst, etwas über sie zu erfahren, dann solltest du dieses Buch lieber beiseite legen und etwas anderes lesen, denn es wird von hier an nur noch schlimmer. In Kürze werden Violet, Klaus und Sunny Baudelaire so viele Debakel erleben, dass von Carmelita Späts angerempelt zu werden dagegen wie ein Besuch in einer Eisdiele wirkt.
»Weg da, Kuchenschnüffler!«, sagte ein unverschämtes, bösartiges, dreckiges kleines Mädchen und schubste die Baudelaire-Waisen beiseite, während sie vorbeirannte. Violet, Klaus und Sunny waren zu überrascht, um zu antworten. Sie standen auf einem mit Ziegelsteinen gepflasterten Gehweg, der sehr alt sein musste, denn zwischen den Steinen quoll eine Menge dunkles Moos hervor. Auf beiden Seiten des Gehwegs befand sich eine riesige braune Rasenfläche, die so aussah, als wäre sie noch nie gewässert worden. Auf dem Rasen rannten Hunderte von Kindern in verschiedenen Richtungen hin und her. Ab und zu rutschte eines aus und fiel hin, nur um gleich wieder aufzustehen und weiterzulaufen. Das sah wie eine anstrengende und sinnlose Tätigkeit aus, wie man sie um jeden Preis vermeiden sollte, aber die Baudelaire-Waisen schauten kaum zu den anderen Kindern hin, sondern hielten den Blick auf die bemoosten Steine zu ihren Füßen gerichtet. Mit der Schüchternheit verhält es sich eigentümlich, denn genauso wie Treibsand kann sie Menschen zu jeder Zeit überfallen, und ähnlich wie Treibsand veranlasst sie ihre Opfer gewöhnlich dazu, nach unten zu schauen. Für die Baudelaire-Geschwister war dies der erste Tag auf der Prufrock Privatschule und alle drei fanden, dass sie lieber das hervorquellende Moos betrachten sollten als sonst etwas.
»Habt ihr etwas fallen gelassen?«, fragte Mr. Poe und hustete in ein weißes Taschentuch. Ein Anblick, den sich die Baudelaires mit Sicherheit ersparen wollten, war Mr. Poe, der direkt hinter ihnen ging. Mr. Poe war ein Bankangestellter, dem nach der fürchterlichen Feuersbrunst die Verantwortung für die Angelegenheiten der Baudelaires übertragen worden war, und das hatte sich als eine ganz lausige Idee erwiesen. Mr. Poe war sicher gutwillig, aber ein Topf Senf ist wahrscheinlich auch gutwillig, und der hätte wohl mehr Erfolg dabei gehabt, die Baudelaires vor Gefahren zu schützen, als Mr. Poe. Violet, Klaus und Sunny hatten längst die Erfahrung gemacht, dass das Einzige, worauf sie sich bei ihm verlassen konnten, sein andauernder Husten war.
»Nein«, antwortete Violet, »wir haben nichts fallen gelassen.« Violet war die älteste Baudelaire und normalerweise überhaupt nicht schüchtern. Sie machte gerne Erfindungen, und oft konnte man sie antreffen, wie sie angestrengt über ihre letzte Erfindung nachdachte und dabei ihr Haar mit einem Band zusammengebunden hatte, damit es ihr nicht ins Gesicht fiel. Wenn sie ihre Erfindungen fertig hatte, zeigte sie sie gern ihren Freunden, und die waren gewöhnlich von ihrer Geschicklichkeit sehr beeindruckt. In diesem Augenblick, als sie die bemoosten Ziegelsteine betrachtete, dachte sie darüber nach, wie sie eine Maschine bauen könnte, die Moos daran hindert, auf Gehwegen zu wachsen; aber sie war zu angespannt, um darüber zu reden. Was wäre, wenn sich niemand von den Lehrern, den Kindern oder den Angestellten der Verwaltung für ihre Erfindungen interessierte?
Als könne er ihre Gedanken lesen, legte Klaus Violet eine Hand auf die Schulter, und sie lächelte ihn an. Klaus hatte in den ganzen zwölf Jahren seines Lebens gewusst, dass seine ältere Schwester eine Hand auf der Schulter als tröstlich empfand - natürlich nur, solange sich die Hand an einem Arm befand. Normalerweise hätte Klaus dazu auch noch etwas Tröstliches gesagt, aber er war im Augenblick genauso verschüchtert wie seine Schwester. Die meiste Zeit konnte man Klaus sonst bei seiner Lieblingsbeschäftigung antreffen, nämlich beim Lesen. Manchmal fand man ihn am Morgen mit der Brille auf der Nase im Bett, weil er noch so spät gelesen hatte, dass er zu müde gewesen war, sie abzunehmen. Jetzt blickte Klaus auf den Gehweg hinab und erinnerte sich an ein Buch, das er einmal gelesen hatte, mit dem Titel Geheimnisse des Mooses. Aber er war im Augenblick zu eingeschüchtert, um das zu erwähnen. Was wäre, wenn die Prufrock Privatschule nichts Gutes zu lesen hatte?
Sunny, die Jüngste der Baudelaires, blickte zu ihren Geschwistern hoch. Violet lächelte und nahm sie auf den Arm. Das war nicht schwer, denn Sunny war noch ein Kleinkind und nur wenig größer als ein Laib Brot. Auch Sunny war zu angespannt, um zu sprechen. Aber selbst wenn sie sprach, war oft schwer zu verstehen, was sie sagen wollte. Hätte sich Sunny nicht so eingeschüchtert gefühlt, dann hätte sie den Mund öffnen, ihre vier scharfen Zähne entblößen und zum Beispiel »Marimo!« sagen können, was vielleicht bedeutet hätte: »Ich hoffe, es gibt viele Sachen in dieser Schule, in die ich beißen kann, denn in Sachen zu beißen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen!«
»Ich weiß, warum ihr so still seid&lraquo;, sagte Mr. Poe. »Es liegt daran, dass ihr so aufgeregt seid, und ich kann euch das nicht verdenken. Als ich jünger war, wollte ich auch immer auf ein Internat gehen, aber ich hatte nie die Gelegenheit dazu. Ich bin etwas neidisch auf euch, wenn ich ehrlich sein soll.«
Die Baudelaires blickten einander an. Dass die Prufrock Privatschule ein Internat war, ängstigte sie am meisten. Wenn sich niemand für Erfindungen interessierte oder es nichts zu lesen gab oder Beißen verboten war, dann saßen sie hier fest, und zwar nicht nur den ganzen Tag, sondern auch noch die ganze Nacht. Die Geschwister wünschten sich, dass Mr. Poe, wenn er wirklich neidisch auf sie war, die Prufrock Privatschule selbst besuchte und sie dafür in der Bank arbeiten könnten.
»Ihr habt großes Glück, hier zu sein«, fuhr Mr. Poe fort. »Ich musste mehr als vier Schulen anrufen, bevor ich eine gefunden habe, die euch alle drei so kurzfristig aufnehmen konnte. Die Prufrock - so nennt man sie mit einer Art Spitznamen - ist ein sehr gutes Internat. Sämtliche Lehrer sind hoch qualifiziert. Die Schlafräume sind alle schön eingerichtet. Und das Allerwichtigste: Es gibt ein hoch entwickeltes Computersystem, das Graf Olaf von euch fernhalten wird. Der stellvertretende Direktor Nero hat mir versichert, dass eine vollständige Beschreibung von Graf Olaf in den Computer eingegeben worden ist - angefangen von seiner einzigen langen Augenbraue bis zu dem tätowierten Auge auf dem linken Knöchel. Also werdet ihr drei in den nächsten Jahren vor ihm sicher sein.«
»Aber wie kann ein Computer Graf Olaf fern halten?«, fragte Violet verwirrt.
»Es ist ein hoch entwickelter Computer«, sagte Mr. Poe, als ob »hoch entwickelt« eine richtige Erklärung wäre und nicht nur ein anderer Ausdruck für »auf einer höheren Entwicklungsstufe stehend«. - »Zerbrecht euch nicht den Kopf wegen Graf Olaf. Der stellvertretende Direktor Nero hat mir versprochen, dass er ein wachsames Auge auf euch haben wird. Schließlich würde eine so fortschrittliche Schule wie die Prufrock nicht zulassen, dass jemand einfach unbeaufsichtigt herumläuft.«
»Los, los, Kuchenschnüffler!«, rief das unverschämte, bösartige und dreckige kleine Mädchen, als es wieder an ihnen vorbeiraste.
»Was bedeutet >Kuchenschnüffler«, murmelte Violet und blickte Klaus an, der aus seiner Lektüre einen gewaltigen Wortschatz hatte. »Ich weiß es nicht«, gab Klaus zu, »aber es klingt nicht sehr freundlich.«
»Was für ein reizendes Wort«, sagte Mr. Poe. »Kuchenschnüffler. Ich weiß zwar nicht, was es bedeutet, aber es erinnert mich an Gebäck. Aha, da sind wir ja.» Sie waren an das Ende des vermoosten Weges gelangt und standen vor dem Schulgebäude. Die Baudelaires blickten zu ihrem neuen Zuhause auf und schnappten überrascht nach Luft. Hätten sie nicht die ganze Zeit während der Überquerung des Rasens auf den Gehweg gestarrt, hätten sie schon vorher gesehen, wie das Internat aussah. Aber vielleicht war es das Beste, diesen Anblick so lange wie möglich hinauszuschieben.
Die Schule bestand aus mehreren Gebäuden, alle aus glattem grauen Stein. Sie bildeten eine unordentliche Reihe. Um zu ihnen zu gelangen, mussten die Baudelaires unter einem riesigen Steinbogen hindurchgehen, der einen rundlichen Schatten auf den Rasen warf wie ein Regenbogen, in dem die einzigen Farben Grau oder Schwarz waren. Auf dem Bogen standen in riesigen schwarzen Lettern die Worte »PRUFROCK PRIVATSCHULE« und etwas kleiner darunter das Motto der Schule: »Memento mori«. Es waren jedoch nicht die Gebäude oder der Bogen, die die Kinder nach Luft schnappen ließen. Es war die Form der Gebäude: rechteckig und oben rund. Ein Rechteck mit einer Rundung oben ist eine merkwürdige Form und die Waisen konnten nur an einen einzigen Gegenstand mit dieser Form denken: Für die Baudelaires sah jedes Gebäude genau wie ein Grabstein aus.
»Ziemlich eigenartige Architektur«, bemerkte Mr. Poe. »Die Gebäude sehen wie Daumen aus. Auf jeden Fall müsst ihr euch sofort im Büro des stellvertretenden Direktors Nero melden. Es befindet sich im neunten Stock des Hauptgebäudes.«
»Kommen Sie nicht mit uns, Mr. Poe?«, fragte Violet. Sie war vierzehn Jahre alt und wusste, dass man mit vierzehn alt genug war, um allein in das Büro von irgendjemandem zu gehen, aber sie hatte Angst davor, ohne einen Erwachsenen in der Nähe ein so finster wirkendes Gebäude zu betreten.
Mr. Poe hustete in sein Taschentuch und blickte gleichzeitig auf seine Armbanduhr. »Ich fürchte, nein«, sagte er, als sein Hustenanfall vorüber war. »In der Bank hat die Arbeit bereits begonnen. Aber ich habe alles mit dem stellvertretenden Direktor Nero besprochen, und wenn es irgendein Problem gibt, denkt daran, dass ihr jederzeit mich oder einen meiner Partner in der Vereinigten Vermögensverwaltung kontaktieren könnt. Jetzt aber los! Ich wünsche euch eine ganz wundervolle Zeit in der Prufrock.«
»Die werden wir sicherlich haben«, sagte Violet und klang dabei viel tapferer, als sie sich fühlte. »Vielen Dank für alles, Mr. Poe.«
»Ja, vielen Dank«, sagte Klaus und schüttelte dem Bankangestellten die Hand.
»Terfunt«, sagte Sunny. Das war ihre Art und Weise, «danke« zu sagen.
»Gern geschehen, ihr drei«, sagte Mr. Poe. »Bis dann.« Er nickte den Baudelaires zum Abschied zu. Violet und Sunny sahen ihm nach, wie er den bemoosten Gehweg zurückging und dabei sorgfältig den umherrennenden Kindern auswich. Klaus jedoch sah ihm nicht nach. Er betrachtete den gewaltigen Torbogen am Eingang zum Internat. »Vielleicht weiß ich nicht, was >Kuchenschnüffler< bedeutet«, sagte Klaus, »aber ich denke, ich kann das Motto unserer neuen Schule übersetzen.«
»Es sieht nicht einmal so aus, als wäre es Englisch«, sagte Violet und blinzelte nach oben.
»Ratscho«, stimmte Sunny ihr zu.
»Ist es auch nicht«, sagte Klaus. »Es ist Latein. Aus irgendeinem Grund sind viele Mottos auf Latein. Ich kann nicht sehr viel Latein, aber ich erinnere mich daran, dass ich diesen Ausdruck in einem Buch über das Mittelalter gelesen habe. Wenn es das bedeutet, was ich annehme, ist es wirklich ein merkwürdiges Motto für eine Schule.«
»Was glaubst du denn, dass es bedeutet?«, fragte Violet.
»Wenn ich mich nicht irre«, sagte Klaus, der sich selten irrte, »bedeutet >Memento mori<: > Gedenke, dass du sterben wirst.<«
»Gedenke, dass du sterben wirst«, wiederholte Violet leise. Die drei Geschwister rückten näher zusammen, als ob sie fröstelten. Natürlich wird jeder Mensch früher oder später sterben. Zirkusakrobaten werden sterben und Klarinettenvirtuosen werden sterben und du und ich werden sterben und möglicherweise lebt jemand in deiner Straße, der versäumt, nach beiden Seiten zu schauen, bevor er die Fahrbahn überquert, und der in ein paar Sekunden sterben wird, nur wegen einem Bus. Jeder wird sterben, aber sehr wenige Leute wollen dauernd an diese Tatsache erinnert werden. Mit Sicherheit wollten sich die Kinder nicht daran erinnern, dass sie sterben würden, schon gar nicht, als sie unter dem Bogen zur Prufrock hindurchgingen. Die Baudelaire-Waisen brauchten daran nicht erinnert zu werden, als ihr erster Tag auf dem riesigen Friedhof begann, der nun ihr Zuhause war.
ZURÜCK
|
 |