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A Series of Unfortunate Events

Leseprobe aus

Band 7: Das düstere Dorf
von Lemony Snicket


Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann

 



Kapitel 1

Egal, wer du bist, egal, wo du dich aufhältst, egal, wie viele Leute hinter dir her sind - was du nicht liest, ist oft genauso wichtig wie das, was du liest. Wenn du zum Beispiel eine Bergwanderung machst und das Schild "Vorsicht Abgrund" nicht liest, weil du gerade in ein Buch mit Witzen vertieft bist, dann kann es passieren, dass du plötzlich über Luft läufst statt über einen soliden Felsengrund. Oder wenn du einen Kuchen für deine Freunde bäckst und dabei einen Artikel mit der Überschrift "Wie ich einen Stuhl baue" liest, dann wird dein Kuchen am Ende wahrscheinlich nach Holz und Nägeln schmecken und nicht nach Kuchenboden und Obstfüllung. Und wenn du darauf bestehst, dieses Buch zu lesen und nicht etwas Heitereres, dann wirst du ganz sicher vor Verzweiflung jammern statt vor Entzücken strahlen. Wenn dir also noch ein Restchen Vernunft geblieben ist, dann wirst du dieses Buch jetzt aus der Hand legen und dir stattdessen ein anderes vornehmen.
  Ich kenne beispielsweise ein Buch, das hat den Titel Das winzigste Elflein. Darin wird die Geschichte von einem klitzekleinen Männchen erzählt, das im Märchenland herumläuft und allerlei entzückende Abenteuer erlebt. Und du wirst sofort einsehen, dass du lieber Das winzigste Elflein lesen und wegen der herrlichen Abenteuer dieses Phantasiegeschöpfes an einem erfundenen Ort strahlen solltest, statt dieses Buch hier zu lesen und über die fürchterlichen Dinge zu jammern, die den Baudelaire-Waisen in dem Dorf zugestoßen sind, in dem ich gerade diese Worte tippe. Das Elend, der Kummer und die Gemeinheit, die die Seiten dieses Buches enthalten, sind so schrecklich, dass es ganz wichtig ist, dass du nicht noch mehr darüber liest, als du jetzt schon gelesen hast.
  Mit Sicherheit wünschten die Baudelaire-Waisen zu dem Zeitpunkt, an dem diese Geschichte einsetzt, sie würden nicht die Zeitung lesen, die sie vor Augen hielten. Wie du bestimmt weißt, ist eine Zeitung eine Zusammenstellung angeblich wahrer Geschichten, niedergeschrieben von Autoren, die entweder selbst erlebt haben, wie sie passiert sind, oder mit Leuten gesprochen haben, die das erlebt haben. Diese Autoren nennt man Journalisten, und wie Telefonisten, Metzger, Ballerinas und Leute, die Pferdeäpfel wegräumen, können auch Journalisten manchmal Fehler machen. Das war mit Sicherheit der Fall bei der Titelseite der Frühausgabe des Tagespedanten, die die Baudelaire-Kinder im Büro von Mr. Poe lasen. ZWILLINGE VON GRAF OMAR ENTFÜHRT lautete die Überschrift, und die drei Geschwister blickten sich erstaunt an wegen der Fehler, die die Journalisten des Tagespedanten da gemacht hatten.
  "Duncan und Isidora Quagmeir", las Violet laut vor, "Zwillinge und die einzigen bekannten Überlebenden der Quagmeir-Familie, sind von dem berüchtigten Graf Omar entführt worden. Omar wird von der Polizei für eine Vielzahl schrecklicher Verbrechen gesucht und ist leicht zu erkennen an seiner einzigen langen Augenbraue und der Tätowierung eines Auges auf dem linken Knöchel. Omar hat aus unbekannten Gründen auch Esmé Elend entführt, sechstwichtigste Finanzberaterin der Stadt. Uch!"
  Das Wort "Uch!" stand natürlich nicht in der Zeitung, sondern war eine eigene Äußerung von Violet, die damit ausdrücken wollte, dass sie zu angewidert war, um weiterzulesen. "Wenn ich bei einer Erfindung so schlampig wäre wie diese Zeitung in ihrer Geschichte", sagte sie, "würde sie sofort auseinander fallen." Violet war mit vierzehn das älteste Baudelaire-Kind und eine hervorragende Erfinderin. Sie verbrachte einen großen Teil ihrer Zeit damit, über mechanische Apparaturen nachzudenken. Dafür band sie ihr Haar hoch, so dass es ihr nicht in die Augen fiel.
  "Und wenn ich so schlampig meine Bücher lesen würde", sagte Klaus, "würde ich nicht eine einzige Seite im Kopf behalten." Klaus war der mittlere Baudelaire und hatte mehr Bücher gelesen als sonst irgendjemand in seinem Alter, das fast dreizehn Jahre betrug. In manchen entscheidenden Augenblicken hatten sich seine Schwestern darauf verlassen können, dass er sich an eine hilfreiche Seite aus einem Buch erinnerte, das er Jahre zuvor gelesen hatte.
  "Kretschin!", sagte Sunny. Sie war die jüngste Baudelaire, ein Kleinkind und kaum größer als eine Wassermelone. So wie viele Kleinkinder sagte auch Sunny oft Wörter, die schwer zu verstehen waren, wie zum Beispiel "Kretschin!", was ungefähr bedeutete: "Und wenn ich meine vier großen Zähne beim Zubeißen so schlampig benutzen würde, bliebe nicht einmal ein Zahnabdruck zurück!"
  Violet hielt die Zeitung dichter an eine der Leselampen, die Mr. Poe in seinem Büro hatte, und machte sich daran, die Fehler zu zählen, die in den wenigen Sätzen vorkamen, die sie gelesen hatte. "Erstens", sagte sie, "sind die Quagmeirs keine Zwillinge. Sie sind Drillinge. Dass ihr Bruder in dem Feuer umgekommen ist, das auch ihre Eltern getötet hat, ändert nichts an ihrem Status bei der Geburt."
  "Natürlich nicht", stimmte Klaus zu. "Und sie sind von Graf Olaf, nicht Omar entfuhrt worden. Es ist schon schwierig genug, dass Olaf immer in Verkleidung erscheint, aber jetzt hat die Zeitung auch noch seinen Namen verkleidet."
  "Esmé!", fügte Sunny hinzu und ihre Geschwister nickten zustimmend. Die jüngste Baudelaire meinte den Teil des Artikels, der Esmé Elend erwähnte. Esmé und ihr Mann Jerome waren kürzlich die Vormünder der Baudelaires gewesen, und die Kinder hatten mit eigenen Augen gesehen, dass Esmé nicht von Olaf entführt worden war. Vielmehr hatte Esmé heimlich Graf Olaf bei seinen hinterhältigen Plänen unterstützt und war mit ihm in letzter Minute entkommen.
  "Und "aus unbekannten Gründen" ist der allergrößte Fehler", sagte Violet finster. "Die Gründe sind nicht unbekannt. Wir jedenfalls kennen sie. Wir kennen die Gründe, warum Esmé, Graf Olaf und alle seine Kumpane so viele schreckliche Dinge getan haben. Es liegt daran, dass sie so schreckliche Menschen sind."
  Violet legte den Tagespedanten hin, schaute sich in Mr. Poes Büro um und schloss sich mit einem tiefen Seufzer den Seufzern ihrer Geschwister an. Die Baudelaire-Waisen seufzten nicht nur wegen der Dinge, die sie gerade gelesen hatten, sondern auch wegen der Dinge, die sie nicht gelesen hatten. Der Artikel hatte nämlich nicht erwähnt, dass sowohl die Eltern der Quagmeirs wie auch die der Baudelaires in schrecklichen Feuersbrünsten umgekommen waren, dass beide Elternpaare enorme Vermögen hinterlassen hatten und dass Graf Olaf all seine üblen Pläne geschmiedet hatte, nur um diese Vermögen an sich zu reißen. Die Zeitung hatte auch nicht erwähnt, dass die Quagmeir-Drillinge entführt worden waren und dabei noch versucht hatten, die Baudelaires vor Graf Olafs Klauen zu schützen. Und dass es den Baudelaires beinahe gelungen wäre, die Quagmeirs zu retten, nur um mit ansehen zu müssen, wie sie erneut von Olaf weggeschnappt wurden.
  Die Journalisten, die für die Geschichte verantwortlich waren, hatten auch nicht die Tatsache aufgenommen, dass Duncan Quagmeir, der selbst ein Journalist war, und Isidora Quagmeir, die eine Dichterin war, beide immer ein Notizbuch bei sich trugen, wo immer sie auch hingingen, und dass in diesen Notizbüchern ein schreckliches Geheimnis niedergeschrieben war. Die Quagmeirs hatten nämlich das Geheimnis von Graf Olaf entdeckt. Doch das Einzige, was die Baudelaire-Waisen von diesem Geheimnis wussten, waren die Initialen F. F. und dass Violet, Klaus und Sunny dauernd an diese beiden Buchstaben denken mussten und daran, für welch entsetzliche Sache sie wohl stünden.
  Aber vor allem anderen hatten die Baudelaire-Waisen in der Zeitung kein Wort darüber gelesen, dass die Quagmeir-Drillinge ihre guten Freunde waren und dass die drei Geschwister sich große Sorgen über die Quagmeirs machten. Und dass jeden Abend, wenn sie versuchten einzuschlafen, ihre Köpfe mit schrecklichen Bildern davon angefüllt waren, was ihren Freunden zustoßen könnte. Die Quagmeirs stellten praktisch das einzige glückliche Element im Leben der Baudelaires dar, seit sie die Nachricht von dem Feuer erhalten hatten, das ihre Eltern getötet und die Folge von schaurigen Ereignissen eingeleitet hatte, die ihnen anscheinend folgten, wo immer sie hinkamen. Wahrscheinlich erwähnte der Artikel im Tagespedanten diese Einzelheiten nicht, weil der Journalist, der ihn verfasst hatte, sie nicht kannte oder sie für unwichtig hielt; die Baudelaires aber kannten sie und die drei Geschwister saßen für ein paar Augenblicke beieinander und dachten still über diese äußerst wichtigen Einzelheiten nach.
  Ein Hustenanfall, der vom Eingang des Büros her ertönte, riss die Baudelaires aus ihren Gedanken. Sie drehten sich um und sahen Mr. Poe, der in ein weißes Taschentuch hustete. Mr. Poe war ein Bankangestellter, dem nach dem Feuer die Angelegenheiten der Waisen anvertraut worden waren, und ich muss leider sagen, dass er in höchstem Maße dazu neigte, Fehler zu machen, was hier bedeutet, dass er dauernd einen Husten und die Baudelaire-Kinder in vielerlei gefährliche Situationen gebracht hatte.
  Der erste Vormund, den Mr. Poe für die jungen Leute gefunden hatte, war Graf Olaf selber gewesen, und der letzte Vormund, den er für sie gefunden hatte, war Esmé Elend gewesen, und dazwischen hatte er die Kinder in eine Vielzahl von Umständen gebracht, die sich als genauso unangenehm herausstellten. An diesem Morgen sollten sie etwas über ihr neues Zuhause erfahren, aber alles, was Mr. Poe bislang getan hatte, war, mehrere Hustenanfälle zu bekommen und sie mit einer schlecht geschriebenen Zeitung allein zu lassen.
  "Guten Morgen, Kinder", sagte Mr. Poe. "Es tut mir Leid, dass ich euch habe warten lassen, aber seit ich zum Vizepräsidenten mit dem Aufgabenbereich Waisen-Angelegenheiten befördert worden bin, habe ich immer sehr, sehr viel zu tun. Im Übrigen hat es sich als ein ziemlich mühevolles Unterfangen erwiesen, ein neues Zuhause für euch zu finden." Er ging zu seinem Schreibtisch, der mit Stößen von Papier bedeckt war, und setzte sich auf einen großen Stuhl. "Ich habe eine Reihe entfernter Verwandter angerufen, aber sie haben alle von den schrecklichen Dingen gehört, die sich regelmäßig überall dort ereignen, wo ihr hinkommt. Verständlicherweise sind sie zu zaudernd wegen Graf Olaf, um bereit zu sein, euch aufzunehmen. Zaudernd bedeutet übrigens nervös. Es gibt noch einen..."
  Eines der drei Telefone auf Mr. Poes Schreibtisch unterbrach ihn mit einem lauten, hässlichen Klingeln. "Entschuldigt mich", sagte der Bankangestellte zu den Kindern und begann, in den Hörer zu sprechen. "Poe. Okay. Okay. Okay. Dachte ich mir. Okay. Okay. Ich danke Ihnen, Mr. Fagin." Mr. Poe legte den Hörer auf und versah eines der Papiere auf seinem Schreibtisch mit einem Haken. "Das war ein Vetter neunzehnten Grades von euch", sagte Mr. Poe, "und meine letzte Hoffnung. Ich hatte gedacht, ich könnte ihn dazu überreden, euch aufzunehmen, nur für ein paar Monate, aber er hat das abgelehnt. Ich kann nicht sagen, dass ich ihm das übel nehme. Es macht mir Sorgen, dass euer Ruf als Störenfriede sogar den guten Ruf meiner Bank ruiniert."
  "Aber wir sind keine Störenfriede", sagte Klaus. "Graf Olaf ist der Störenfried."
  Mr. Poe nahm den Kindern die Zeitung aus der Hand und betrachtete sie gründlich. "Nun, ich bin sicher, der Artikel im Tagespedanten wird den Behörden helfen, Olaf endlich zu schnappen, und dann werden eure Verwandten weniger zaudernd sein."
  "Aber der Artikel ist voller Fehler", sagte Violet. "Die Behörden kennen nicht einmal seinen richtigen Namen. Die Zeitung nennt ihn Omar."
  "Auch ich war über den Artikel enttäuscht", sagte Mr. Poe. "Der Journalist hatte mir versprochen, die Zeitung würde ein Foto von mir neben dem Artikel abdrucken und in der Bildunterschrift über meine Beförderung berichten. Ich habe mir dafür extra die Haare schneiden lassen. Es hätte meine Frau und die Söhne sehr stolz gemacht, meinen Namen in der Zeitung zu sehen, daher verstehe ich, warum ihr enttäuscht seid, dass der Artikel von den Quagmeir-Zwillingen handelt statt von euch."
  "Wir sind nicht scharf darauf, dass unsere Namen in der Zeitung stehen", sagte Klaus. "Und außerdem sind die Quagmeirs Drillinge, nicht Zwillinge."
  "Der Tod ihres Bruders ändert ihren Status bei der Geburt", erklärte Mr. Poe streng, "aber ich habe keine Zeit, darüber zu diskutieren. Wir müssen herausfinden..."
  Ein anderes Telefon klingelte und Mr. Poe entschuldigte sich wieder. "Poe", sprach er in den Hörer. "Nein. Nein. Nein. Ja. Ja. Ja. Das ist mir egal. Auf Wiederhören." Er hängte auf und hustete in sein weißes Taschentuch, bevor er sich den Mund abwischte und sich wieder den Kindern zuwandte. "Nun, dieser Anruf hat alle eure Probleme gelöst", sagte er einfach. Die Baudelaires schauten sich an. War Graf Olaf verhaftet worden? Waren die Quagmeirs befreit worden? Hatte jemand eine Methode gefunden, die Zeit zurückzudrehen und ihre Eltern vor dem schrecklichen Feuer zu retten? Wie war es möglich, dass all ihre Probleme mit einem einzigen Anruf bei einem Bankangestellten gelöst worden waren?
  "Plinn?", fragte Sunny.
  Mr. Poe lächelte. "Habt ihr jemals", fragte er, "den Aphorismus gehört: Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen?"
  Die Kinder schauten sich wieder an, dieses Mal schon etwas weniger hoffnungsvoll. Wenn ein Aphorismus zitiert wird, dann deutet das selten darauf hin, dass gleich etwas Hilfreiches passieren wird, genauso wenig, wie es das wütende Bellen eines Hundes oder der Geruch von zerkochten Brokkoli tut. Ein Aphorismus ist lediglich eine kleine Gruppe von Wörtern, die in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet sind, weil sie auf diese Weise gut klingen, aber oft benutzt man sie, als ob man damit etwas sehr Geheimnisvolles und Kluges sagt.
  "Ich weiß, der Aphorismus kommt euch wahrscheinlich geheimnisvoll vor", fuhr Mr. Poe fort, "aber er ist in Wirklichkeit sehr klug. Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen bedeutet, dass jeder in einer Gemeinschaft dafür verantwortlich ist, sich um Kinder zu kümmern."
  "Ich glaube, ich habe schon einmal etwas über diesen Aphorismus in einem Buch über die Mbuti-Pygmäen gelesen", sagte Klaus. "Wollen Sie uns nach Afrika schicken?"
  "Rede doch keinen Unsinn", sagte Mr. Poe, als ob die Millionen von Menschen, die in Afrika leben, alle lächerlich wären. "Das war die Stadtverwaltung am Telefon. Eine Reihe von Dörfern knapp außerhalb der Stadtgrenzen hat sich für ein Programm gemeldet, das auf dem Aphorismus Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen aufbaut. In diese Dörfer werden Waisenkinder geschickt, und alle, die dort wohnen, ziehen die Waisen gemeinsam groß. Normalerweise bin ich für traditionellere Familienstrukturen, aber hier ist das ganz angemessen, und das Testament eurer Eltern schreibt vor, dass ihr auf eine möglichst angemessene Art und Weise großgezogen werdet."
  "Wollen Sie sagen, dass das ganze Dorf für uns verantwortlich sein wird?", fragte Violet. "Ein Haufen Leute?"
  "Nun, ich denke, sie würden sich abwechseln", sagte Mr. Poe und strich sich über das Kinn. "Es heißt nicht, dass ihr von dreitausend Leuten auf einmal ins Bett gebracht werdet."
  "Snoita!", kreischte Sunny. Sie meinte damit so etwas wie: "Ich möchte lieber von meinen Geschwistern ins Bett gebracht werden, nicht von Fremden!" Mr. Poe jedoch war damit beschäftigt, die Papiere auf seinem Schreibtisch durchzusehen, und antwortete ihr nicht.
  "Anscheinend hat man mir vor ein paar Wochen eine Broschüre über dieses Programm zugeschickt", sagte er, "aber ich fürchte, sie ist irgendwo auf meinem Schreibtisch verschwunden. Oh, da ist sie ja. Schaut sie euch selber an."
  Mr. Poe streckte seinen Arm über den Schreibtisch, um ihnen eine bunte Broschüre zu reichen, und die Baudelaire-Waisen schauten gleich selber rein. Auf der Vorderseite stand in blumigen Buchstaben der Aphorismus Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen und im Inneren waren Fotos von Kindern mit so breitem Grinsen, dass den Baudelaires schon allein vom Anschauen der Mund wehtat. In ein paar Abschnitten wurde erklärt, dass 99 Prozent der Waisen, die an dem Programm teilnahmen, höchst entzückt darüber waren, dass ganze Dörfer sich um sie kümmerten, und dass alle auf der Rückseite aufgeführten Orte begierig waren, als Vormünder aller daran interessierten Kinder zu dienen, die ihre Eltern verloren hatten.
  Die drei Baudelaires betrachteten die grinsenden Fotos und lasen den blumigen Aphorismus und spürten ein leises Kribbeln in der Magengegend. Sie spürten mehr als nur leise Bedenken dagegen, ein ganzes Dorf zum Vormund zu haben. Es war schon merkwürdig genug, sich in der Obhut verschiedener Verwandter zu befinden. Wie merkwürdig würde es erst sein, wenn hunderte von Menschen als Ersatz-Baudelaires dienten?
  "Glauben Sie, wir wären sicher vor Graf Olaf", fragte Violet zögernd, "wenn wir mit einem ganzen Dorf zusammen lebten?"
  "Das würde ich meinen", sagte Mr. Poe und hustete in sein Taschentuch. "Wenn sich ein ganzes Dorf um euch kümmert, werdet ihr wahrscheinlich sicherer sein, als ihr es je gewesen seid. Außerdem: Dank der Geschichte im Tagespedanten wird Omar bald geschnappt werden."
  "Olaf", korrigierte Klaus.
  "Ja, ja", sagte Mr. Poe. "Ich wollte ja Omar sagen. Nun, was für Orte sind in der Broschüre aufgeführt? Ihr Kinder könnt euch euren neuen Heimatort selber wählen, wenn ihr wollt."
  Klaus drehte die Broschüre um und las aus der Liste der Städte vor. "Jammerau", sagte er. "Das ist der Ort, wo sich die Sägemühle Glück & Partner befindet. Da ist es uns schrecklich ergangen."
  "Kalten!", schrie Sunny, was wohl heißen sollte: "Da würde ich um alles in der Welt nicht wieder hingehen!"
  "Das nächste Dorf auf der Liste ist Ödlang", sagte Klaus. "Auch der Name ist mir vertraut."
  "Das ist in der Nähe von dem Ort, wo Onkel Monty gelebt hat", sagte Violet. "Da sollten wir nicht wohnen - sonst werden wir Onkel Monty noch mehr vermissen, als wir das sowieso schon tun."
  Klaus nickte zustimmend. "Außerdem", fuhr er fort, "ist der Ort nahe bei der Schaurigen Chaussee, daher wird es wahrscheinlich nach Meerrettich stinken. Hier ist ein Dorf, dessen Namen ich noch nie gehört habe: Ophelia."
  "Nein, nein", sagte Mr. Poe. "Ich werde nicht zulassen, dass ihr in der gleichen Stadt lebt, in der sich die Ophelia-Bank befindet. Das ist eine der Banken, die mir am unsympathischsten sind, und ich will nicht an ihr vorbeilaufen müssen, wenn ich euch besuche."
  "Zauns!", sagte Sunny. Das bedeutete: "Das ist ja lächerlich!", aber Klaus stieß sie mit dem Ellbogen an und zeigte auf das Dorf, das als nächstes in der Broschüre aufgeführt war, und Sunny schlug sofort einen anderen Ton an, eine Wendung, die hier bedeutet: Sie sagte sofort "Gauns!" statt "Zauns!", was so etwas wie "Da wollen wir leben!" hieß.
  "Natürlich Gauns", stimmte Klaus zu und zeigte Violet, worüber er und Sunny sprachen. Violet schnappte nach Luft, und die drei Geschwister schauten sich wieder an und spürten erneut ein leises Kribbeln in der Magengegend. Aber dies war weniger ein bedenkliches als vielmehr ein hoffnungsvolles Kribbeln - voller Hoffnung, dass vielleicht Mr. Poes letztes Telefongespräch tatsächlich all ihre Probleme gelöst hatte und dass sich vielleicht das, was sie genau an dieser Stelle in der Broschüre lasen, als wichtiger erweisen könnte als das, was sie in der Zeitung nicht gelesen hatten. Denn am Fuß der Liste von Dörfern, unterhalb von Jammerau und Ödlang und Ophelia, stand das Wichtigste, was sie an diesem ganzen Vormittag gelesen hatten. In der blumigen Schrift standen nämlich auf der Rückseite der Broschüre, die ihnen Mr. Poe gegeben hatte, die Buchstaben F. F.

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